„Wenn ich nur überhaupt wüsste, wie Deine Sache steht!“, schreibt Otto Leichter in sein Brieftagebuch im Exil. Seine Frau Käthe, Frauenaktivistin und Widerstandskämpferin, ist da schon seit Monaten in Wien inhaftiert, verhaftet von der Gestapo, getrennt von ihm und den beiden Söhnen. Otto sucht den Kontakt über das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). Die Antwort, die das Deutsche Rote Kreuz (DRK) im März 1940 übermittelt, klingt beruhigend: „in gutem Allgemeinzustand.“ Zwei Jahre später ist sie tot. Ermordet im Rahmen der „Aktion 14f13“ in der Tötungsanstalt Bernburg.
Käthe Leichter wird als Marianne Katharina Pick am 20. August 1895 in Wien geboren. Sie wächst in einer bürgerlich-jüdischen Familie auf und interessiert sich früh für soziale Fragen. Als 1914 viele Arbeiter in den Krieg ziehen, greift die 19-Jährige kurzerhand den nun auf sich gestellten Frauen unter die Arme. Sie müssen weiterhin arbeiten, ihre Kinder aber bleiben allein zu Hause. Käthe organisiert Spenden, kümmert sich um die Kinderbetreuung, lernt die prekären Verhältnisse des Proletariats kennen. Genau dies wird später ihr Forschungsinteresse und Lebensaufgabe werden.
Im gleichen Jahr erkämpft sie sich einen Studienplatz für Staatswissenschaften an der Universität Wien. Der Abschluss bleibt ihr in Österreich verwehrt, deshalb zieht sie nach Heidelberg und promoviert dort 1918. 1919 kehrt sie zurück, tritt der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) bei und wird wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Staatskommission für Sozialisierung. Die SDAP ist damals noch an der Regierung beteiligt.
Engagement für Frauenrechte
Etwa zur gleichen Zeit lernt sie den Jura-Studenten Otto Leichter kennen, ebenfalls aufgewachsen in einer gutbürgerlichen, jüdischen Familie und sozialdemokratisch engagiert. Sie verlieben sich und heiraten 1921, bekommen zwei Söhne: Heinz (1924) und Franz (1930). Käthe bleibt auch als Mutter politisch aktiv, setzt sich für Frauenrechte und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Arbeiterinnen ein.

Ab 1925 baut sie das Referat für Frauenarbeit in der österreichischen Arbeiterkammer auf. Eine gesetzliche Interessenvertretung für Arbeiterinnen und Angestellte. Dem jüdischen Glauben erteilt sie eine Absage und tritt aus der Religionsgemeinschaft aus, genauso wie ihr Mann Otto, der mittlerweile als Journalist für Arbeiterzeitungen arbeitet.
Jahre der Verfolgung
Im Februar 1934 wird die Sozialdemokratische Arbeiterpartei nach einem Arbeiteraufstand verboten, die Arbeitskammer gleichgeschaltet, ein autoritärer Einparteienstaat unter der Christlichsozialen Partei errichtet. Käthe und Otto verlieren ihre Arbeit, gehen in den Untergrund und flüchten mit ihren Söhnen ins Schweizer Exil. Schon im Herbst des gleichen Jahres wagen sie sich zurück und planen Aktionen des Widerstands gegen den austrofaschistischen Ständestaat.

1938 erfolgt der Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich. Otto flieht sofort, diesmal nach Paris. Käthe bleibt zurück, will ihre Übersiedlung mit den Kindern besser organisieren und wird am 30. Mai 1938 von der Gestapo verhaftet. Drei Monate muss sie im Landgericht Wien in Isolationshaft verbringen. In dieser Zeit schafft es Otto, seine Söhne zu ihm nach Paris zu holen. „Vor meiner Abreise erhielt ich die Genehmigung, meine Mutter besuchen zu dürfen, und fand sie guten Mutes und voll von Zuversicht. Dass dieser Besuch der letzte persönliche Abschied meiner Mutter von ihrer Familie sein sollte, hat damals niemand geahnt“, erinnert sich Sohn Heinz später.
Erste Anfragen für Käthe Leichter



Verurteilung und Haft
Schon im Oktober 1938 bemüht sich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) um Auskunft über ihren Verbleib und wendet sich an das Deutsche Rote Kreuz (DRK) in Berlin, das sich wiederum um Informationen bei den Zuständigen in Wien bemüht. Vermutlich ist es Otto, der über Bekannte die Anfragen stellt. Er selbst wagt nicht direkt in Kontakt zu treten, da er befürchtet, seine Frau zusätzlich zu belasten. Stattdessen schreibt er täglich Briefe an seine Frau, die er nie abschicken wird.
„Seitdem du im Landgericht bist – oder angeblich dort bist – keine Nachricht von Dir und überhaupt keine Mitteilung über Deine Lage“, schreibt er am 7. Oktober 1938 in sein Brieftagebuch. Im Januar 1939 bekommt das IKRK schließlich Antwort. Damit erfahren die Angehörigen endlich, dass sie wegen Hochverrat angeklagt ist – und auch, dass sie Post, Pakete und Besuch empfangen darf. Ab jetzt schicken ihre Söhne und die Frau, die sich um sie kümmert, Briefe. In den Briefen lässt Otto seiner Frau verschlüsselte Nachrichten zukommen.

Im Oktober 1939 wird sie zu sieben Monaten Zuchthaus verurteilt. Dann verliert sich ihre Spur erneut. Obwohl sie die Strafe bereits durch ihre lange Untersuchungshaft verbüßt haben müsste, kommt sie nicht frei. Erneut bemüht sich das IKRK um Auskunft. Erst im Januar 1940 erfahren die Angehörigen, dass Käthe direkt nach der Urteilssprechung in die sogenannte „Schutzhaft“, eine willkürliche Inhaftierung ohne Gerichtsverfahren, genommen und ins Polizeigefangenenhaus der Gestapo überstellt wird. Ihre Deportation ins KZ Ravensbrück erfolgt im Dezember 1939.
Weitere Anfragen für Käthe Leichter







„Schwere Steine brechen, Baumaterial ausladen bis spät in die Nacht und dann meist ohne Essen und noch Strafe stehen, auf zwei, drei Stunden ins Bett“, so sieht Käthes Leben ab jetzt aus, wie Rosa Jochmann später zu Protokoll geben wird. Wie Olga Benario Prestes versucht sie aber das Leben der anderen inhaftierten Frauen erträglicher zu gestalten. Sie basteln Unterhaltungsspiele, stecken den Frauen Gedichte oder ein Stückchen Brot zu. Sonntags veranstaltet Käthe Literaturnachmittage, studiert Theaterstücke mit den Frauen ein. „Nur ein paar Worte mit Käthe sprechen zu dürfen, verleiht vielen Kraft“, berichtet Rosa später.
Sorge um Gesundheitszustand



Im Januar 1942 kommt eine Delegation von Ärzten ins Lager und wählt vor allem unter den Jüdinnen Frauen für ein „neues Lager“ aus. Im tiefen Winter sollen sie abtransportiert werden, doch die Lastwägen kommen wegen der schlechten Witterungsverhältnisse nicht durch. Käthe kontert mit trockenem Humor. „Ich schäme mich schon; ich komme mir vor wie einer, der immer angibt zu verreisen, und dann ist er doch wieder da“, erinnert sich ihre Freundin Rosa später. Doch irgendwann ist es doch so weit: „Heute noch sehe ich Käthe auf dem Lastwagen sitzen, in der bittersten Kälte, die blauen Augen auf uns gerichtet: Winkend verschwand sie für immer“, berichtet Rosa später.
Ermordung in Bernburg
Käthe Leichter wird wie Olga Benario Prestes und Hedwig Feinkuchen in der Tötungsanstalt Bernburg zusammen mit über 1.000 anderen Frauen umgebracht. Ihr Todesdatum wird von der SS mit dem 17. März angegeben. „Am 1. Mai 1942 (ausgerechnet am 1. Mai!) erhielten wir die Nachricht vom Tod meiner Mutter durch ‚Kreislaufstörung‘, wie die offizielle Mitteilung durch die Nazibehörden lautete‘“, schreibt Sohn Heinz im Nachwort zur späteren Veröffentlichung des Brieftagebuchs seines Vaters.
Er, sein Bruder Franz und Vater Otto überleben das NS-Regime in den USA, wo alle drei bis an ihr Lebensende bleiben. Die Brieftagebücher von Otto Leichter gelten über Jahrzehnte als verschollen. Erst mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs in den 1990er Jahren werden sie in einem Moskauer Archiv entdeckt und veröffentlicht.

Weitere Infos und Lesetipps
Käthe Leichter. Und die Vermessung der Frauen
Ausstellung im „Roten Wien im Waschsalon“ anlässlich von 100 Jahren Frauenreferat in der Arbeiterkammer Wien. Noch bis März 2026
Otto Leichter. Briefe ohne Antwort. Aufzeichnungen aus dem Pariser Exil für Käthe Leichter
Kommentierte Veröffentlichung der nie abgeschickten Briefe, erschienen 2003
