Beistand aus Mexiko für Olga Benario Prestes

„Briefe darf Frau Prestes empfangen“, schreibt das DRK 1937. Leocádia nutzt die Möglichkeit, in der Hoffnung, ihre Schwiegertochter Olga zu retten.

Collage: Olga Benario Prestes und Schreiben des DRK ans IKRK
Collage: Olga Benario Prestes und Schreiben des DRK ans IKRK, Quelle: Bundesarchiv, Bildnr. 83-P0220-303 und Arolsen Archives DocID: 3770985.

„Unausdenkbar, Dich, mein kleines Mädchen, nicht wiederzusehen“, schreibt Olga Benario Prestes 1942 an ihre Tochter Anita. Da ist das Mädchen schon fünf Jahre alt, kennt nur Bilder ihrer Mama. Ihre Großmutter Leocádia in Mexiko wird ihr die Zeilen vorlesen. Die 68-Jährige hat das Kind aus den Fängen der Nationalsozialisten gerettet und hält Kontakt zur Schwiegertochter im KZ Ravensbrück, versucht ihr Pakete mit Kleidung und Lebensmitteln zu schicken. Das Internationale Rote Kreuz (IKRK) vermittelt.

Olga Benario kommt 1908 in München zur Welt. Ihr Vater ist Rechtsanwalt, die Mutter eine wohlhabende Kaufmannstochter. Beide sind jüdisch. Schon als Jugendliche sucht Olga die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten. Mit fünfzehn tritt sie dem Kommunistischen Jugendverband bei, lernt Otto Braun kennen. Gerade 16 Jahre alt, geht sie mit ihm im nach Berlin.

Olga als Mitglied der kommunistischen Jugendgruppe Schwabing.
Olga als Mitglied der kommunistischen Jugendgruppe Schwabing. Quelle: privat, Wikimedia.

Sie tritt aus der jüdischen Gemeinde aus, bekennt sich als „gottlos“, schließt sich der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD) an und arbeitet wie ihr Freund Otto für den sowjetischen Geheimdienst. 1926 wird Otto wegen Hochverrats verhaftet. 1928 beteiligt sie sich an seiner Befreiung aus dem Gefängnis. Der Ausbruch gelingt. Olga flieht mit ihm und weiteren Genoss*innen nach Moskau.

Olga mit einer Gruppe des Kommunistischen Jugendverband in Berlin-Neukölln 1926/27.
Olga mit einer Gruppe des Kommunistischen Jugendverband in Berlin-Neukölln 1926/27. Quelle: Bundesarchiv, Bildnr. 183-P0220-309.

Politische und militärische Ausbildung

In Moskau erhält sie an der Internationalen Lenin-Schule eine militärische und politische Ausbildung und lernt 1934 den brasilianischen Kommunisten Luís Carlos Prestes kennen. Die beiden werden ein Paar. Als „Kommandantin“ seiner Sicherheit begleitet die mittlerweile 26-Jährige Luís im Auftrag der Kommunistischen Internationale nach Brasilien. Prestes bereitet dort einen Aufstand gegen die Militärdiktatur vor. Der Aufstand scheitert, das Paar wird verhaftet. Für Olga, die schwanger ist, beginnt nun eine Odyssee.

Luís Carlos Prestes vor Gericht in Brasilien, 1937.
Luís Carlos Prestes vor Gericht in Brasilien, 1937. Quelle: Brazilian Digital Library, Biblioteca Nacional.

Auslieferung aus Brasilien, trotz Schwangerschaft

1936 liefert sie die brasilianische Regierung hochschwanger an das NS-Regime aus, vermutlich ein politisches Faustpfand für das neue Bündnis mit Hitlerdeutschland. Im August kommt sie in Berlin ins Gefängnis Barnimstraße. Dort bringt sie im November 1936 ihre Tochter Anita zur Welt. Vierzehn Monate später, am 21. Januar 1938, wird ihr das Kind weggenommen.

Nach Tagen erst erfährt Olga, dass ihre kleine Anita in Sicherheit ist. Ihre Schwiegermutter Leocádia Prestes und die Schwester ihres Mannes Lygia haben sie aus dem Gefängnis gerettet. Die beiden Frauen sind durch Europa gereist, um alle Hebel in Bewegung zu setzen, auch um Olga aus dem Gefängnis zu retten. Als klar ist, dass dies nicht gelingen wird, entziehen sich Leocádia und Lygia dem langen Arm der Nazis und leben ab da mit Anita in Mexiko im Exil.

Olga und ihr Mann Luís Carlos Prestes 1935, auf dem Weg zu einer Befragung.
Olga und ihr Mann Luís Carlos Prestes 1935, auf dem Weg zu einer Befragung. Quelle: Polizei Acervo O Globo/ O Globo Collection.

Schwiegermutter kämpft um Olgas Leben

Leocádia Prestes gibt dennoch nicht auf. Immer wieder verlangt sie über das IKRK Auskunft über Verbleib und Zustand ihrer Schwiegertochter. Spätestens seit 1937 ist sie in Kontakt zur Organisation, bietet immer wieder an, Pakete mit Kleidung und Lebensmitteln zu senden. Ihre Anfragen, die die Arolsen Archives verwahren, zeichnen nach, wie groß die Sorge um ihre Schwiegertochter ist. Doch mehr als kurze Hinweise auf den Gesundheitszustand von Olga erhält sie nicht.

Leocádia Prestes mit ihrer Enkelin Anita 1938 in Paris.
Leocádia Prestes mit ihrer Enkelin Anita 1938 in Paris. Leocádia stirbt 1943 in Mexiko im Exil. Ihre Tochter Lygia kümmert sich ab dann um Anita. Quelle: privat, veröffentlicht im Buch Olga Benario Prestes, eine biografische Annäherung.

Im Juli 1938 fragt sie erneut nach. Mittlerweile ist Olga im KZ Lichtenburg interniert. Pakete darf sie nun auch offiziell nicht mehr empfangen, wie das Deutsche Rote Kreuz (DRK) mitteilen lässt. Im Herbst 1939 wird Olga ins KZ Ravenbrück deportiert. 1942 geht eine letzte Anfrage des IKRK an das DKR: Suzanne Ferrière, die Nichte des Mitgründers des IKRK Frédéric Ferrière, erkundigt sich nach Olgas Befinden und fragt erneut nach, ob Pakete oder wenigstens formale Kurznachrichten geschickt werden dürfen. Die Antwort des DRK ist knapp: Auskünfte über „Politische“ werden nicht mehr erteilt. Da ist Olga längst tot.

Im KZ Ravensbrück ist Olga zunächst im Bereich für „Politische“ inhaftiert. Später wird sie als Jüdin in den Block 11 verlegt. Jüdinnen rangieren in der menschenverachtenden Denke der Nazis noch hinter Kommunistinnen. Als unbeugsam, solidarisch und voller Kraft, wird sie später von Überlebenden beschrieben: Sie ermutigt die Frauen durchzuhalten. Gibt Kurse, schult, zeichnet, lehrt ihnen die Welt. Sie schneidet aus dem Völkischer Beobachter – der einzigen erlaubten Zeitung im KZ – kleine Landkarten aus und bastelt daraus einen mehrseitigen winzigen Atlas. Er ist heute in der Gedenkstätte in Ravensbrück zu besichtigen.

Bescheinigung über Olga Benarios Prestes Transportfähigkeit.
Bescheinigung über Olga Benarios Prestes Transportfähigkeit. Im Juli 1939 wird sie wegen einer Vernehmung kurzfristig wieder nach Berlin überführt. Bei ihrer Rückkehr kommt sie nicht mehr in den Bereich für politische Verfolgte, sondern in die Baracken für Jüdinnen. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 12106621.

Ermordung in Bernburg

„Ich werde stark bleiben und bin entschlossen, bis zum letzten Moment zu leben. Jetzt muß ich schlafen, damit ich morgen kräftig bin. Ich küsse Euch beide zum letzten Mal.”, schreibt sie in einem der letzten von ihr erhaltenen Briefe an ihren Mann. Olga Benario Prestes wird vermutlich im April 1942 mit einem der letzten Transporte von Ravensbrück in die Tötungsanstalt Bernburg gebracht. Ihr Todesdatum wird mit dem 23. April angegeben.

Karteikarte von Otto Benario, Bruder von Olga, eine nach dem Krieg erfolgte Erfassung von verfolgten Personen im Ghetto Theresienstadt.
Karteikarte von Otto Benario, Bruder von Olga, eine nach dem Krieg erfolgte Erfassung von verfolgten Personen im Ghetto Theresienstadt. Quelle Arolsen Archives, DocID 5016672.

Etwa 150 km südwestlich von Berlin werden innerhalb von zwei Monaten über 1.000 Frauen in der Gaskammer der Landes-Heil- und Pflegeanstalt in der so genannten Aktion 14f13 ermordet darunter auch Käthe Leichter und Hedwig (Jocheweth) Feinkuchen. Ihre Mutter Eugenie Benario geb. Gutmann, wird 1943 in Theresienstadt ermordet, der Bruder Otto 1944 in Auschwitz. Von ihrem Tod erfahren die Angehörigen erst nach dem Krieg. Tochter Anita wächst in Mexiko und Brasilien auf. Als Historikerin bewahrt sie das Andenken an ihre Mutter und ihren Vater, den sie schließlich 1945 nach seiner Entlassung endlich kennenlernt.

Anita Prestes mit ihrer Tante Lygia, beim ersten Zusammentreffen mit ihrem 1945 entlassenen Vater.
Anita Prestes mit ihrer Tante Lygia, beim ersten Zusammentreffen mit ihrem 1945 entlassenen Vater. Quelle: Arquivo Nacional Collection, BR_RJANRIO_PH_0_FOT_39355_002.

Erinnerungen an eine unbeugsame Frau

Olga Benario Prestes gilt als Symbol für internationale Solidarität und Widerstand gegen den Faschismus. Kunstschaffende setzen sich immer wieder mit dem Wirken und Sterben der mutigen Frau auseinander. Ihr Name findet sich auf Gedenktafeln, Straßen und Schulen in Deutschland und Brasilien.

Stolperstein in der Haydnstraße 12 in München.
Stolperstein in der Haydnstraße 12 in München. Quelle: Christian Michelides.

Weitere Infos und Lesetipps

Olga. Das Leben einer tapferen Frau

Von Ruth Werner, in Form einer sozialistischer Erbauungsliteratur beschriebene Biografie, 1961 in der DDR erschienen

Olga – Das Leben einer mutigen Frau

Von Fernando Morais, erschienen 1989.

Exil der frechen Frauen

Von Robert Cohen – Roman basierend auf Olgas Leben, erschienen 2009.

Die Unbeugsame

Von Robert Cohen – Detaillierte Dokumentation des Briefwechsels zwischen Olga und Luís Carlos, erschienen 2013.

Der Vorgang Benario

Die Gestapo-Akte 1936-1942 – veröffentlicht von Robert Cohen 2016

Projekt: Die Unbeugsame

Website, Theaterprojekt, Hörbuch, Lesungen, Archivmaterialien zu Olga Benário Prestes, Start im Jahr 2017

„Ich heb’ dir die Welt aus den Angeln“

Dokumentarisches Musiktheater der Neuköllner Oper. Uraufführung Dezember 2022

Spielfilm: Olga (2004)

Von Jayme Monjardim, basierend auf der Biografie von Fernando Morais. Kinopremiere 2004

Dokumentarfilm: Olga Benario

Ein Leben für die Revolution, Dokumentarfilm mit inszenierten Passagen von Galip İyitanır, Kinopremiere 2004

Stolperstein Innstraße 24, Berlin

Gedenkstein am letzten Wohnort von Olga Benario in Berlin-Neukölln. Verlegt 2007

Galerie Olga Benario

Museum in Berlin-Neukölln mit wechselnden Ausstellungen, gegründet 1984 von Antifaschist*innen