Per App jüdische Kinder zur NS-Zeit kennenlernen 

Ein Archiv kann aufregend sein. Das muss es auch, um sein Wissen für die Zukunft zu sichern und relevant zu bleiben. Die Arolsen Archives sehen Open Data als wichtigen Schritt hin zu jungen Zielgruppen, die heute immer weniger Bezug zur NS-Zeit haben.

Die Arolsen Archives geben ihre Daten für innovative Projekte frei. Denn Apps, Webpräsenzen und Social Media sind der direkte Weg zu jungen Menschen. Für sie ist das enorme Wissen aus dem Archiv oft abstrakt und weit weg. Deshalb nutzt die Institution den Kontakt zu Kreativen aus dem IT- und Medienbereich, die ihre Dokumente aufbereiten und die Geschichten dahinter zeigen. Sie nahm zum Beispiel an einem Kultur-Hackathon in Berlin teil. Mehr und mehr Museen, Archive und Bibliotheken profitieren von solchen Wettbewerben, auf denen Teams aus Informatiker*innen, Designer*innen und anderen Spezialist*innen ihre Datensätze für neuartige Anwendungen aufwerten. Eins der Projekte mit Daten der Arolsen Archives gewann den Jury-Preis für kulturell besonders wertvolle Leistungen: „Marbles of Remembrance / Murmeln der Erinnerung“. Basis ist die Kartei der Reichsvereinigung der Juden, mit der die Gestapo alle deutschen Jüd*innen registrieren ließ. Aus den sogenannten Schülerkarten daraus gestaltete das Team auf dem Programmier-Wettbewerb einen Stadtrundgang durch Berlin aus dem Blickwinkel jüdischer Kinder zur NS-Zeit.

Das Berlin der jüdischen Schüler*innen erleben

Die mehr als 10.000 Karten der „Berliner Schülerkartei“ erzählen mit Hilfe der App anschaulich vom Leben jüdischer Kinder unter der NS-Verfolgung. Das internationale Team bestehend aus Leonardo de Araújo, Nina Hentschel, Adrienn Kovács und Nicole Mayorga hat die Angaben daraus mit dem Stadtplan von Berlin verknüpft. So bekommen die Orte und Schicksale der jüngsten NS-Opfer eine reale Präsenz im heutigen Alltag. Nutzer*innen können bei einem Gang durch die Straßen Berlins etwa die Namen auf Stolpersteinen ins Handy eingeben. Die interaktive Plattform durchsucht dann die Daten der Arolsen Archives und zeigt die Karteikarte mit Informationen zu dem Kind. Schaltet man GPS ein, meldet sich die App, sobald man sich an einer ehemaligen jüdischen Schule befindet. Das Programm markiert auch Wohnungen, in denen jüdische Familien lebten, bevor die Nationalsozialisten ab Herbst 1941 mit den systematischen Deportationen begannen.

»Besonders die jüngeren Generationen sind mit Smartphones und dem Internet aufgewachsen und beziehen darüber einen Großteil ihrer Informationen. Deshalb ist der Chatbot hier besonders geeignet. Der Nutzer wandert auf den Spuren der Kinder und kann sich mit ihnen identifizieren. So versteht er Geschichte auf einer näheren, emotionaleren Ebene, als er es über Zahlen und Fakten aus Geschichtsbüchern erfahren könnte.«

Nina Hentschel, Mitglied der Entwicklergruppe

„Chat“ mit zwei jüdischen Kindern

Das Team hat zusätzlich zu Such- und Kartenfunktion auch zwei Stadtrundgänge entworfen, auf denen zwei jüdische Kinder die Nutzer virtuell begleiten. Man muss sich bei Telegram mit dem fiktiven Kontakt „Marbles“ befreunden. Wie in einem Chat stellen die Schüler Maayan Freier und Isaak Behar dann ihre Stadt und ihr Leben vor. Maayan wurde 1929 als Tochter eines Rabbiners geboren und zeigt mit Isaak Familienfotos, Tonaufnahmen oder andere Dokumente aus ihrem Leben oder dem anderer jüdischer Kinder, die die Arolsen Archives verwahren. Die App soll sich in Zukunft, zum Beispiel über crowdsourcing-Projekte, noch weiterentwickeln.