Einleitung
Schicksale von NS-Opfern aufzudecken, gleicht oft einem Puzzle. Einzelne Spuren, die Stück für Stück ans Licht kommen, ergeben erst zusammen einen ganzen Verfolgungsweg. Das Niederländische Netzwerk der Kriegssammlungen macht mit dem neuen Online-Portal „Warlives.org“ genau das: Es setzt Spuren aus verschiedenen Quellen zu Biografien von NS-Verfolgten zusammen. Eine dieser Quellen sind die Dokumente in den Arolsen Archives.

Dazu gehören auch Hinweise zum Verfolgungsweg von Selma Simon-Katz aus Arolsen – eine der auf dem Portal vorgestellten Biografien. Nachdem der Versuch der jüdischen Familie Simon scheiterte, mit dem Passagierschiff St. Louis nach Kuba zu emigrieren, wurden die Simons von den Nationalsozialisten erst ins Konzentrationslager Westerbork, dann nach Sobibor verschleppt. Drei ihrer Töchter haben überlebt: Sie konnten vor der Deportation nach England ausreisen.

Verfolgungsweg
Die Verfolgung beginnt 1938

Selma Simon-Katz, geboren 1894 in Arolsen, lebte mit ihrem Mann Karl, einem Viehhändler, und ihren vier Töchtern in Cloppenburg als das NS-Regime den staatlichen Terror gegen Juden immer weiter verschärfte.

Der Terror beginnt

Nach der Reichspogromnacht im November 1938 verhafteten die Nationalsozialisten etwa 30 000 jüdische Männer, darunter auch Karl Simon. Die offizielle Begründung lautete „Schutzhaft“ und eine „Wiederherstellung der Ordnung“ nach den Verwüstungen, den Plünderungen, der Gewalt und den Morden. Der eigentliche Hintergrund: Die meist wohlhabenden inhaftierten Juden sollten zur Auswanderung gezwungen und ihr Eigentum dem Staat übereignet werden.

Karl Simon kam ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Wie viele andere fasste auch die Familie Simon den Entschluss, Deutschland zu verlassen, um der NS-Verfolgung zu entkommen. Selma schickte noch während der Haftzeit ihres Mannes zwei ihrer Töchter mit einem Kindertransport nach England. Nach der Entlassung Karls ging der Rest der Familie im Mai 1939 in Hamburg an Bord des Passagierschiffes St. Louis. Das Ziel: ein neues Leben auf Kuba, vielleicht von dort eine Ausreise in die USA. Doch ihre Reise nahm einen unerwarteten Verlauf. In Kuba angekommen wurde ihnen die Einreise verweigert.  

Alle Passagiere der St. Louis befanden sich auf der Flucht. Eine Rückkehr in ihre deutsche Heimat war für die Menschen keine Option. Sie hatten die Radikalisierung erlebt und mussten eine erneute KZ-Haft fürchten. Nach tagelanger Irrfahrt durften sie in Antwerpen von Bord gehen und wurden von den Regierungen der Niederlande, Frankreichs, Belgiens und Englands aufgenommen. Die Simons gingen in die Niederlande und lebten in den nächsten drei Jahren in Arnhem.

In Sicherheit vor dem NS-Regime waren sie auch hier nicht. 1942 begannen Deportationen von Juden aus den Niederlanden in die deutschen Vernichtungslager. Als zentrale Sammelstelle diente das ehemalige Flüchtlingslager Westerbork, das nun unter deutscher Verwaltung stand. Juden, die zuvor aus Deutschland oder Österreich geflohen waren, wurden in dem Durchgangslager interniert. Auch Selma Simon, die laut Unterlagen des Informationsbüros des Niederländischen Roten Kreuzes „aus rassischen Gründen“ zusammen mit ihrer 14-jährigen Tochter Ilse im Dezember 1942 in dem Lager inhaftiert wurde. Wenige Monate später folgte ihr Mann Karl. Ihre älteste Tochter, Edith, konnte zuvor noch nach England ausreisen. Am 18. Mai 1943 deportierten die Nationalsozialisten die Familie Simon ins Vernichtungslager Sobibor im Osten Polens. Dort wurden sie drei Tage später direkt nach ihrer Ankunft ermordet.

Verfolgungsweg
Vernichtungslager Sobibor
Vernichtungslager Sobibor

Das deutsche Vernichtungslager Sobibor im Osten Polens war eines von drei Lagern, das die Nationalsozialisten im Rahmen der so genannten Aktion Reinhardt zur systematischen Ermordung von Juden nutzten. Zwischen 1942 und 1943 töteten sie hier zwischen 150 000 - 250 000 Menschen.

Nur wenige haben überlebt

Als im Juni 1942 die Deportationen von Juden aus den Niederlanden begannen, war das Vernichtungslager Sobibor in Ostpolen eines der Ziele. Rund 33 000 Menschen allein aus den Niederlanden verschleppten die Nationalsozialisten hierher, darunter Familie Simon. Die meisten von ihnen wurden von der SS direkt nach ihrer Ankunft in die Gaskammern getrieben und ermordet, nur wenige für die Arbeit im Lager eingesetzt.  

Im Oktober 1943 organisierte eine Widerstandsgruppe von Häftlingen, vor allem unter der Führung jüdischer sowjetischer Kriegsgefangener, einen Aufstand: Es gelang ihnen, einige SS-Männer zu töten, darunter auch den stellvertretenden Lagerkommandanten Johann Niemann, und die Telefonverbindungen zu kappen. Auf der Flucht vor den restlichen Wachmännern starben viele im Minenfeld, das die SS rund um das Lager angelegt hatte, oder wurden erschossen. Nur etwa 200 Häftlinge retteten sich in den angrenzenden Wald. Die im Lager zurückgebliebenen Häftlinge wurden ermordet.

Nach dem Aufstand wurde das Lager Sobibor von den Nationalsozialisten zerstört, Unterlagen über die Geschehnisse vor Ort wurden vernichtet. Genaue Zahlen über die Opfer lassen sich nicht mehr feststellen. Erst seit Januar 2020 sind Bilder aus einem privaten Fotoalbum von Johann Niemann für die Öffentlichkeit zugänglich, sie kamen nach der Auflösung des Lagers in den Privatbesitz seiner Familie. Zu den wichtigsten Zeugnissen über das Lager gehören Aussagen der wenigen Überlebenden. Einer von ihnen war Jules Schelvis, der 2004 die Arolsen Archives besuchte und hier sein Buch vorstellte, in dem er seine Erlebnisse in Sobibor verarbeitet hatte. Er war einer von 81 männlichen Arbeitshäftlingen in seinem Transport, die nicht direkt am Tag der Ankunft in den Gaskammern von Sobibor ermordet wurden.