Geschichte vor der Haustür

Aleida Assmann über die Graphic Novel als innovative Form des historischen Zeitzeugenberichts

Gesucht wird - Graphic Novel "Wo ist Lotte?"
Graphic Novel „Wo ist Lotte?“

Das Geschichtsbewusstsein der Deutschen ist aktuell eng mit drei Ereignissen verbunden: der Befreiung von Auschwitz am 27.1.1945, dem Kriegsende am 8.5.1945 und der Gründung der Bundesrepublik mit ihrem neuen Grundgesetz am 24.5.1949. Da es in der Gesellschaft unweigerlich immer weniger Menschen gibt, die eine lebendige Erinnerung an diese historischen Daten haben, stellt sich heute immer öfter die Frage: Was kommt nach dem Ende der Zeitzeugen?

Die Antwort auf diese Frage ist klar: Dann wird es keine Menschen mehr geben, die man noch fragen kann, denn dann hat man es nur noch mit Quellen zu tun. Mit anderen Worten: Die erlebte und erzählte Geschichte wird sich unweigerlich in eine abgeschlossene Historie verwandeln, die nur noch in Büchern aufgehoben ist und von Spezialisten bearbeitet wird.

Tatsächlich verändert sich nach 80 bis 100 Jahren das ‚kommunikative Gedächtnis‘ einer Gesellschaft auf eine irreversible Weise, und damit gehen auch die Ereignisse des Holocaust von der erlebten Erinnerung in die abstrakte Geschichte über. Antworten auf unsere Fragen werden wir dann nur noch in Büchern, Archiven und Filmen finden – oder in Graphic Novels, möchte ich mit Blick auf diese Veröffentlichung ergänzen. Dieses noch sehr junge Genre erweist sich auf dem Gebiet der historischen Zeitzeugenberichte als ausgesprochen innovativ und anpassungsfähig. Generell befinden wir uns gerade an einer historischen Schwelle, wo kreative Geschichtsprojekte in neuen Konstellationen und Formaten entstehen.

In diesem konkreten Projekt geht es darum, Zeitzeugenschaft gewissermaßen zu verlängern, indem einerseits jüngere Generationen in das Erinnern an diese Geschichte einbezogen werden und andererseits diese Geschichte auf eine neue Art und Weise vermittelt wird.

Der Comicband „Wo ist Lotte?“ ist aus einer sehr besonderen Zusammenarbeit entstanden. Die Lokalhistorikerin Christine Raedler hatte die Geschichte Lotte Sondheimers recherchiert, was 2019 zu einer Stolpersteinverlegung in Gelnhausen geführt hat. Ausgehend davon haben die Schüler*innen des Grimmelshausen-Gymnasiums in Gelnhausen zusammen mit der Lehrerin Christine Bischoff und den Arolsen Archives den Lebensweg von Lotte Sondheimer weiterrecherchiert. Diese Stadt hatte sich in der NS-Zeit gerühmt, eine der ersten Städte in Hessen zu sein, die „judenfrei“ gemacht wurde. Das zeigt, dass in der Generation der Großeltern die Verfolgung und Vernichtung der Juden in Deutschland nicht nur passiv geduldet, sondern auch aktiv von Seiten der Bevölkerung betrieben wurde.

Vor diesem Hintergrund ist es beeindruckend, dass nun die Enkelgeneration in ein solches Projekt über die eigene Stadtgeschichte einbezogen ist und sich engagiert an der Recherche beteiligt. Nicht nur konnten die Schüler*innen lernen, wie man historische Aufklärung betreibt, indem man Anfragen an öffentliche Archive stellt und mit den bereitgestellten Daten umgeht, sie waren damit auch in einen Prozess der aktuellen emotionalen Auseinandersetzung mit dieser Geschichte einbezogen.

Denn diese Vergangenheit ist eine, die zeitlich zwar in einen immer größeren Abstand zur Gegenwart rückt, die aber alle angeht, weil sie räumlich vor der Haustür präsent bleibt und zum Greifen nahe ist.

Die besondere Zusammenarbeit des Schüler*innenprojekts betraf nicht nur die Recherche selbst, sondern schlug sich auch in der Gestaltung der Graphic Novel nieder. Die Künstlerin Hannah Brinkmann hat zusammen mit der Schüler*innen-AG ein Format entwickelt, das auf diese Entstehungsform ausgezeichnet zugeschnitten ist: Die Graphic Novel erzählt anschaulich in Bild und Text eine historische Begebenheit, in der verschiedene Zeitebenen verflochten werden und unterschiedliche Perspektiven einander ergänzen. Überblicksdarstellungen und Detailaufnahmen wechseln einander ab und, ganz wichtig, symbolisch eingesetzte Farben und Muster erzeugen Emotionen, Atmosphäre und Stimmungen.

Diese Geschichte führt, wie Millionen andere auch, nach Auschwitz. Aber das Wissen über die Vorgeschichte und den Weg dorthin geht weit über die Basisinformation eines Stolpersteins hinaus. Die Einzelheiten, die wir über das Leben von Lotte Sondheimer erfahren, werfen nicht nur ein Licht auf dieses Einzelschicksal, sondern vermitteln auch Hintergrundwissen über die Geschichte der Vernichtung des europäischen Judentums. Jedes einzelne Leben war von Idealen und Unsicherheiten, von Ängsten und Hoffnungen, von Nähe-Beziehungen und der Erfahrung äußerster Einsamkeit geprägt. All diese allgemein menschlichen Stimmungslagen kommen in der Graphic Novel – zusammen mit historischen Detailinformationen – anschaulich zum Ausdruck.

Es ist eine ergreifende Erzählung, die diese Schülerinnen und Schüler für ihre Generation mitgeschaffen haben. Hier verbindet sich Erinnerung mit Anschauung und Wissen und bleibt auf diese Weise lebendig.

Aleida Assmann ist Literatur- und Kulturwissenschaftlerin. In ihren Arbeiten hat sie das kulturelle Gedächtnis und die Rolle von Erinnerung in Gesellschaften prägend erforscht. Sie hat zahlreiche Publikationen zu Gedächtnisgeschichte, Erinnerung und Vergessen veröffentlicht. Von 1993 bis 2014 war sie Professorin für Anglistik und Allgemeine Literaturwissenschaft an der Universität Konstanz.