„Es war faszinierend, wie sehr die Schüler*innen involviert waren

Interview mit der Künstlerin Hannah Brinkmann

Künstlerin Hannah Brinkmann
Hannah Brinkmann – Foto: Heike Steinweg

Die Graphic Novel „Wo ist Lotte?“ basiert auf den Recherchen der Schüler*innen des Grimmelshausen-Gymnasiums in Gelnhausen. Dramaturgisch und künstlerisch begeleitet wurde das Projekt durch die renommierte Comic-Künstlerin Hannah Brinkmann. Im Interview spricht sie über die spannende Zusammenarbeit mit den Jugendlichen – und darüber, wie sie aus dem gemeinsam erarbeiteten Storyboard die Zeichnungen entwickelt hat.

Wie hat sich der kreative Prozess von Ihrem üblichen Vorgehen unterschieden?

Normalerweise recherchiere ich die Biografien, die ich zeichne, selbst und schreibe auch die Texte dazu. Ich spreche mit Zeitzeugen. Mit dem Holocaust-Überlebenden Ernst Grube habe ich sogar über Jahre hinweg sehr viel Zeit verbracht. Da komme ich den Menschen sehr nah. Bei der Biografie von Lotte Sondheimer war das anders. Die Aufgabe wurde von außen an mich herangetragen, recherchiert haben die Schülerinnen und Schüler. Das war für mich persönlich erst einmal nicht ganz so intim. Andererseits fand ich es faszinierend zu sehen, wie sehr die Schüler*innen involviert waren. Sie haben akribisch nachgeforscht: Was hat Lotte studiert? Welche Wege hat sie in ihrer Heimatstadt Gelnhausen zurückgelegt, in der auch viele Schüler*innen zu Hause sind? Wann war sie an der Grafikschule? Dieser Detailreichtum hat mir geholfen, die Geschichte grafisch auszuarbeiten.

Wie sind Sie dabei vorgegangen?

Die Schüler*innen hatten sich in Teams aufgeteilt und selbstständig mehrere Monate lang recherchiert. In unseren Workshops haben wir das Material gemeinsam gesichtet, und die Schüler*innen haben Vorschläge gemacht, welche Stränge aus der Biografie sie erzählen möchten.

Im Fall von Lotte Sondheimer ist nach wie vor vieles im Dunkeln. Obwohl die Jugendlichen vieles herausgefunden haben, bleibt ihre Geschichte lückenhaft. Im Laufe des Prozesses stellte sich heraus, dass die Suche selbst ein ganz zentrales Motiv ist. Sie wurde zum roten Faden der Erzählung. Daraus haben wir die Rohform der Geschichte entwickelt und an die Wand gepinnt. Und so ist auch der Titel der Graphic Novel entstanden: „Wo ist Lotte?“

Was war Ihnen bei der Zusammenarbeit wichtig?

Mir war wichtig, dass die Schüler*innen ihre persönlichen Erfahrungen und Überlegungen einbringen. Deshalb haben wir mit spielerischen Zeichenübungen begonnen. Ich habe den Jugendlichen Fragen gestellt, zum Beispiel: Was haben Lotte und du gemeinsam? Was macht dich an ihrer Geschichte nachdenklich? Was nimmst du daraus für dich mit? Sie haben ihre Gedanken zu diesen Fragen aufgeschrieben und ihre Emotionen und Assoziationen spontan gezeichnet. Eine Aufgabe bestand auch darin, blind zu zeichnen. Diese Zeichnungen wirken auf den ersten Blick beinahe kindlich, aber in Kombination mit den Zitaten bringen sie kraftvoll zum Ausdruck, was die Jugendlichen in diesem Moment gedacht und gefühlt haben. Deshalb habe ich sie als Kapitelbilder in die Graphic Novel integriert.

Wie haben Sie Ihre eigenen Zeichnungen entwickelt, wenn es kaum Fotos gab?

Das Storyboard habe ich relativ frei interpretiert. Einige Elemente haben sich schon in der Zusammenarbeit herauskristallisiert, zum Beispiel das Bühnenmotiv. Quellen belegen, dass Lotte im Internierungslager Gurs unter anderem den „Sommernachtstraum“ gespielt hat. Das habe ich in meinen Zeichnungen aufgegriffen.

Von Lotte gab es anfangs nur ein Foto, von dem wir vermuteten, dass sie darauf zu sehen ist. Daran habe ich mich orientiert. Während der Arbeit an dem Comic ist dann noch ein Foto von ihr und eines von ihrem Verlobten Hamid El Dawahkly aufgetaucht. Von den anderen Familienmitgliedern gab es Passbilder aus der NS-Zeit, die ich als Vorlage nutzen konnte.

Wie haben Sie die Schüler*innen erlebt und was haben Sie selbst mitgenommen?

Mich hat die Ernsthaftigkeit beeindruckt, mit der die Schüler*innen an die Recherche herangegangen sind. Sie waren unglaublich interessiert und motiviert. Es herrschte teilweise eine richtige Detektivstimmung. Die Jugendlichen wollten so viel wie möglich herausfinden. Ich denke, das hängt damit zusammen, dass sie selbst aktiv werden konnten. Für mich persönlich war es eine neue Erfahrung, mit so vielen Personen zusammenzuarbeiten, mit den Schüler*innen, der Lehrerin und den Arolsen Archives. Das war ein enges Zusammenspiel.

Hannah Brinkmann

Hannah Brinkmann ist eine deutsche Grafikerin, Autorin und Comic-Zeichnerin. Sie wurde 1990 in Hamburg geboren und hat Grafische Erzählung an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg, an der Shenkar School of Engineering and Design in Tel Aviv und der EESI in Angoulême studiert und als Stipendiatin des DAAD am Royal College of Arts in London einen Master of Research in Fine Arts & Humanities absolviert.