Maike Janssen (16), Max Rümmele (18) und Felix Ortmann (16) sind drei von insgesamt 24 Schüler*innen des Grimmelshausen-Gymnasiums in Gelnhausen, die die Lebensgeschichte von Lotte Sondheimer recherchiert und eine Graphic Novel erarbeitet haben. Im Interview sprechen sie darüber, was sie ihrer Biografie beeindruckt, was sie über die NS-Zeit gelernt haben und wie sich ihr Blick auf die Gegenwart dadurch verändert hat.
Wie seid ihr an die Recherche zu Lotte Sondheimers Geschichte herangegangen?
Maike
Am Anfang haben wir uns verschiedene Stolpersteine aus Gelnhausen angesehen. Erst im Laufe des Projekts haben wir uns geeinigt, die Geschichte von Lotte Sondheimer tiefer zu recherchieren. Die meisten Informationen haben wir in Selbstrecherche zusammengetragen, auch bei den Arolsen Archives.
Felix
Eine Teilnehmerin hat sogar an der Sorbonne in Paris recherchiert, wo Lotte am Institut Phonétique studiert hat. Über Lottes Zeit in Paris haben wir die meisten Informationen gefunden, zum Beispiel ihre Studienbescheinigung und Abschlussarbeit. In späteren Jahren wird die Quellenlage dünn. Ich habe auch geschaut, ob es eine Akte zu Lotte in Auschwitz gibt. Die gibt es leider nicht.
Was hat euch an Lottes Biografie am meisten beeindruckt?
Max
Die Sondheimers waren eine bekannte Familie, die Villa Sondheimer kennt jeder in Gelnhausen. Darüber wollte ich mehr erfahren. Der europäische Charakter von Lottes Familie und von ihrem Leben hat mich beeindruckt: Sie hat in Frankreich studiert, war dort mit einem ägyptischen Offizier zusammen. Wir haben in dem Projekt viel über die deutsch-französische Geschichte gelernt, über die NS-Zeit in Frankreich, über das Vichy-Regime. Davon hatte ich vorher so noch nichts im Geschichtsunterricht gehört.
Felix
Mich hat die unerwartete Dimension überrascht: Wir haben mit einem Stolperstein in Gelnhausen angefangen und mir war nicht klar, wie weitreichend unsere Recherche sein würde. Lotte war ja nicht nur in Frankreich, sie war auch in der Schweiz, in Zürich, und in München. Dieser europäische Lebensstil, der macht ihre Biografie für unser Alter interessant. Mit ihrer Geschichte sind Fragen von Internationalität und Europa verbunden. Wie frei konnten sich die Leute in Europa bewegen? Diese Fragen stellen sich uns heute wieder. Lottes Lebensweg zeigt die Möglichkeiten, die sie hatte – aber auch, wie diese Möglichkeiten über Nacht verflogen sein können.
Maike
Mich hat beeindruckt, wie Lotte ihren Traum verfolgt hat, Schauspielerin zu werden. Und ich fand schlimm zu sehen, wie sie daran gehindert wurde, diesen Traum auszuleben. Ihre Lebensgeschichte zeigt, wie die politische Situation das Leben einzelner Person beeinflusst und verändert hat.
Welche Rolle hat es gespielt, dass Lotte Sondheimer in eurer Heimatstadt gelebt hat?
Felix
Es hat mir die Stadt auf jeden Fall nähergebracht. Gelnhausen ist ja keine Weltstadt, aber dass Lotte von hier aus auf Europatournee gegangen ist ‒ und das in den 1930er Jahren ‒ das fand ich interessant.
Max
Mir war nicht bewusst, wie viele Stolpersteine es hier gibt. Sie machen die Menschen, die in dieser Stadt verfolgt wurden, sichtbar und zeigen, wie viele Schicksale sich dahinter verbergen.
Felix
Was auch damit zusammenhängt, dass Gelnhausen stolz darauf war, als erste Stadt „judenfrei“ zu sein. Dahinter steckt ja eine großangelegte Vertreibungsaktion. Deshalb finde ich es wichtig, dass wir uns mit dieser Stadtgeschichte beschäftigen.
Maike
Ich komme zwar nicht aus Gelnhausen, gehe aber hier zur Schule. Wenn ich hier durch die Straßen laufe, geht es mir oft so, dass ich denke: Hier hätte Lotte Sondheimer auch entlanglaufen können. Vielleicht hat genau sie hier an diesem Fleck gestanden?
Welche Aufgabe hat euch am besten gefallen?
Maike
Ich fand die vielen verschiedenen Besuche gut. Wir waren zum Beispiel im Jüdischen Museum in Frankfurt. Da ging nicht nur um die Politik, sondern auch um den ganz normalen Alltag: Wie haben Juden in Deutschland gelebt? Wir waren auch in der Gedenkstätte Buchenwald. Durch die Besuche haben wir ganz verschiedene Schichten der NS-Geschichte beleuchtet.
Felix
Mir hat gefallen, dass wir Geschichte nicht abstrakt behandelt haben. Am Beispiel von Lottes Biografie lassen sich ja viele historische Momente nachvollziehen, von der Machtergreifung über den Westfeldzug bis hin zum Ende des Spanischen Bürgerkriegs. Das war das Spannendste: Dass wir uns die Weltgeschichte anhand von Einzelschicksalen erarbeiten konnten.
Findet ihr die Aufbereitung der Geschichte von Lotte als Graphic Novel angemessen?
Maike
Wenn man es richtig macht, ist eine Graphic Novel gut geeignet. Gerade für junge Leute, die noch keine Verbindung dazu haben und nicht so viel Text lesen wollen. Natürlich muss man vorsichtig sein, dass man keine Charaktere erfindet, es geht ja um reale Personen.
Felix
Ich habe auch kein Problem damit. Es darf nicht zu viel Interpretation dabei sein, die Geschichte muss auf Recherchen basieren. Dann ist eine Graphic Novel ein sehr gutes Mittel, um geschichtliche Themen an eine breite Öffentlichkeit zu bringen.
Max
Wenn wir das Gedenken aufrecht erhalten wollen, wenn der Satz „Wir dürfen nicht vergessen“ keine Floskel bleiben soll, dann müssen wir etwas dafür tun. Das bedeutet, dass wir uns an die Zukunft anpassen müssen. Graphic Novels sind ja eine relativ neue Kunstform und momentan wirklich „in“. Wenn wir auch die jüngeren Generationen abholen wollen, die ohne Zeitzeugen aufwachsen werden, dann ist eine Graphic Novel die richtige Konsequenz.
Wie gefällt euch das Endprodukt?
Felix
Mir gefallen die Zeichnungen sehr gut, teilweise war ich überrascht. Zum Beispiel davon, dass auch Skizzen und Zitate von uns aus dem Prozess eingeflossen sind. Sie zeigen aber gut, wie die Graphic Novel entstanden ist.
Max
Wir sind uns treu geblieben. Wir wussten ja, dass die Quellenlage in Auschwitz sehr dürftig ist und das haben wir im Endprodukt gut reflektiert. Wir haben deutlich gemacht, was nicht bekannt ist. Zum Beispiel durch Zitate von anderen oder durch die Szene vom Sommernachtstraum, den Lotte im Lager gespielt hat. Wir haben ein ehrliches Projekt gemacht.
Hat sich durch die mehrmonatige Beschäftigung mit Lottes Biografie euer Blick auf die NS-Zeit verändert?
Maike
Verändert vielleicht nicht, aber mein Wissen hat sich vertieft. Wir haben gelernt, noch genauer hinzuschauen. Zum Beispiel bei den Stolpersteinen. Ich nehme nicht nur wahr, dass darauf ein Name steht, sondern weiß, dass ein ganzes Leben dahintersteckt.
Max
Dass diese Zeit schrecklich war, wussten wir natürlich schon durch die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus im Unterricht. Aber durch das Projekt ist noch einmal mehr Wissen dazugekommen. Die abstrakten Zahlen aus den Geschichtsbüchern haben ein Gesicht bekommen, das fand ich sehr wertvoll. Durch die Biografien ist noch einmal klarer geworden, was damals alles zerstört wurde.
Felix
Anders über die NS-Zeit denke ich nicht. Aber bei mir hat sich das Gefühl verändert, wenn ich zum Beispiel an historischen Orten wie dem Konzentrationslager Buchenwald bin. Ich habe jetzt ein Bild der einzelnen Menschen vor Augen.
Schaut ihr heute anders auf das, was um euch herum passiert?
Felix
Definitiv. Unser heutiger Staat wurde ja auf den Trümmern des NS-Regimes aufgebaut. Heute leben wir wieder in einer Zeit, in der sich die Zukunft Deutschlands und Europas entscheidet. Da finde ich wichtig zu sehen, wo man früher schon einmal falsch abgebogen ist, und zu verstehen, welche Konsequenzen das für die gesamte Gesellschaft hatte, aber auch für das Individuum.
Maike
Ich finde es traurig, wie wenig manche Menschen aus der Geschichte gelernt haben. Sie ignorieren einfach, was passiert ist, und tun nichts aktiv dagegen, dass es wieder passiert.
Max
Es ist erschreckend, dass es Leute gibt, die den Holocaust leugnen, dass rechtsextreme Gedanken wieder salonfähig sind. Es gab wahrscheinlich immer einzelne Gruppen, die diese Ideologie verfolgt haben. Aber wenn sogar westliche Großmächte undemokratisch handeln, dann finde ich das schlimm. Da kann man sich durchaus machtlos fühlen. Andererseits ist so ein Projekt für mich ein Kraftschub, denn in Deutschland kann ich etwas tun und Einfluss nehmen. Das Wissen, das wir nach so einem Projekt haben, ist dafür eine gute Basis.
Felix
Ja, ich denke, jeder hat heute die Möglichkeit, etwas zu ändern. Der erste Schritt ist die Erkenntnis. Wenn ich nicht will, dass sich die Geschichte wiederholt, dann muss ich mich auch so verhalten. Ich habe die Hoffnung, dass es vielen Leuten so geht wie mir und wir den Fluss der Dinge gemeinsam verändern können.
