„Als Lehrkräfte waren wir Mitlernende“

Lehrerin Christine Bischoff über ihre Erfahrungen im Graphic Novel-Projekt „Wo ist Lotte?“

Christine Bischoff (links) mit den Schüler*innen der Jahrgangsstufen 10 und 11 des Grimmelshausen-Gymnasiums Gelnhausen
Christine Bischoff (links) mit den Schüler*innen der Jahrgangsstufen 10 und 11 des Grimmelshausen-Gymnasiums Gelnhausen

Christine Bischoff hat sich als Lehrerin für Deutsch und Geschichte am Grimmelshausen-Gymnasium Gelnhausen für das Projekt „Wo ist Lotte?“ starkgemacht und es pädagogisch begleitet. Gemeinsam mit den 24 Schüler*innen der Jahrgangsstufen 10 und 11 hat sie Archive durchforstet und Gedenkorte besucht. Im Text schildert sie, wie sie die Spurensuche nach Lotte Sondheimer empfand.

Entdeckend lernen

Wichtige für die Recherche waren das Online-Archiv der Arolsen Archives, aber auch Archive in München und Paris. Im Laufe der Suche stellte sich heraus, dass Lottes Biografie weit über Gelnhausen hinausreicht. Zwar wurde sie hier geboren, verließ die Stadt aber schon 1933. Durch ihre Beziehung mit Hamid El Dawahkly gab es Verbindungen bis nach Ägypten.

Als Lehrkräfte waren wir Mitlernende und eher Lernbegleitende. Mich hat beeindruckt, mit welcher Energie die Jugendlichen zu Lotte Sondheimer, zur NS-Verfolgung und zu jüdischem Leben geforscht haben. Wir haben die Recherche als spannende Detektivarbeit erlebt, bei der sich Stück für Stück Puzzleteile zu einem Mosaik zusammensetzen. Unterstützt wurden wir vom Bildungsteam der Arolsen Archives. Das Arbeiten auf Augenhöhe hat uns begeistert.

Für mich sind Zivilcourage und die Fähigkeit, Fakten zu überprüfen, Grundpfeiler pädagogischen Arbeitens

Christine Bischoff, Lehrerin

Aktualität erkennen, Bezüge herstellen

Ergriffen, engagiert, nachdenklich, reflektiert und diskussionsfähig – so habe ich die Schüler*innen in der Abschlussbesprechung erlebt. Obwohl sie sich intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt haben, hat das Thema für sie Aktualität. Über die Recherche und die künstlerische Umsetzung haben sie Bezüge zu ihrem eigenen Leben aufgebaut und sich selbst als Gestaltende erlebt. Sie haben sich gefragt: Wie hätte ich gehandelt? Hätte ich den Mut gehabt, gegen das Unrecht aufzustehen? Darüber habe ich mich besonders gefreut und hoffe, dass sie dadurch auch stärker sensibilisiert sind, zu handeln, wenn heute Unrecht geschieht.

Es hat einen besonderen Mehrwert, wenn der Unterricht geöffnet wird, wenn Expert*innen hinzukommen, und außerschulische Lernorte besucht werden.

Christine Bischoff, Lehrerin

Für mich sind Zivilcourage und die Fähigkeit, Fakten zu überprüfen, Grundpfeiler pädagogischen Arbeitens – über die Grenzen von Fächern, Jahrgängen und Schulformen hinweg. Sie sind das Fundament, auf dem sich Jugendliche eine Meinung bilden und Haltung entwickeln können. In der Kooperation mit den Arolsen Archives haben wir erlebt, welche großen Lernchancen sich bieten, wenn wir projektbezogen und fächerübergreifend arbeiten.

Gegen autoritäre Tendenzen – für gelebte Demokratie

Besonders wichtig finde ich den zukunftsweisenden Ansatz, dass die Workshops und Recherchen zu Lotte Sondheimer in das EU-geförderte Projekt „Facts not Fiction“ eingebunden sind. Auch in weiteren Ländern recherchieren Jugendliche zu lokalen Geschichten der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und entwickeln Formate, in denen sie diese Geschichten erzählen.

Die Idee, Makro- und Mikrogeschichte miteinander zu verknüpfen und NS-Geschichte im internationalen Dialog mit Schüler*innen aufzuarbeiten, hat mich sofort überzeugt. Und ich bin dankbar, dass unsere Schule, das Grimmelshausen-Gymnasium in Gelnhausen, uns den Freiraum gab, dieses Projekt umzusetzen. Ein Höhepunkt dieser Zusammenarbeit mit „Facts not Fiction“ war der internationale Workshop in Bratislava, an dem Delegierte aus Deutschland, Finnland, Rumänien und Serbien teilnahmen. So steht die Kooperation auch für ein lebendiges Europa und leistet einen Beitrag gegen autoritäre Tendenzen und für gelebte Demokratie.