Europas größter Musikwettbewerb wird 70 Jahre alt: Als am 24. Mai 1956 im schweizerischen Lugano der erste „Grand Prix d’Eurovision de la Chanson“ beginnt, dürfte Europa sinngemäß mit einem vielsprachigen „Buonasera, Bonsoir, Guten Abend und Goedenavond“ begrüßt worden sein. Heute kennt die Welt den Wettbewerb als Eurovision Song Contest (ESC). Sieben Fernsehanstalten in Europa übertragen 1956 ein gemeinsames Programm und schicken je zwei Lieder ins Rennen. Für die ARD und damit stellvertretend für Westdeutschland singen Walter Andreas Schwarz und Freddy Quinn. Beide Interpreten blicken auf schwere Jahre zurück – davon zeugen Dokumente der Arolsen Archives.
Knapp 20 Minuten nach dem Beginn der Übertragung betritt Walter Andreas Schwarz die schlichte Bühne im sonst mondänen Kursaal von Lugano. Die Hände in den Hosentaschen, lässig, das Orchester swingt, dann verstummt es. Ein Klavier übernimmt die Begleitung mit melancholisch getragenen Tönen, schwebende Geigen kommen dazu. Andreas Walter Schwarz setzt spottend einen zynischen Sprechgesang im Brecht’schen Stil dagegen. Er beschreibt ein Schiff, das nie ankommt und Menschen, die dennoch sehnsüchtig auf seine Ankunft warten.

Sein Lied „Im Wartesaal zum Glück“ ist keine Ballade von Sehnsucht oder Liebe. Es ist eine versteckte Anklage der deutschen Nachkriegsgesellschaft, die in einer Schockstarre verharrt und sich hinter Zukunftsträumen vor Auseinandersetzung mit ihrer NS-Vergangenheit versteckt. Der Künstler weiß genau, wovon er singt: Er ist Holocaust-Überlebender und war in Zwangsarbeiterlagern interniert.
Ein starker Kontrast: Freddy Quinn
Kontrastprogramm knapp eine halbe Stunde später, aber nicht weniger provokant: Der junge Freddy Quinn, genau der, der später für seine melancholischen Seefahrerlieder bekannt werden wird, singt fetzigen Rock ‘n‘ Roll. „So geht das jede Nacht“ handelt von unverbindlichem Spaß zwischen Mann und Frau – für die damalige Zeit unerhört. Auch wenn er später ein ganz anderes Image pflegen wird, das Lied passt zu Freddys Vergangenheit als Ausreißer und „US-Army Maskottchen“ in einem DP-Camp.
Doch weder Freddy noch Walter sprechen zeitlebens über ihre Jahre im Lager. Zeugen sind aber Dokumente, die die Arolsen Archives verwahren. Eine Rekonstruktion.

Walter Andreas Schwarz: Schauspieler mit jüdischen Wurzeln
Walter Andreas Schwarz wird am 2. Juni 1913 in Aschersleben geboren. Sein Vater ist jüdisch. Er verlebt eine unaufgeregte Jugend. Ein paar Bühnenauftritte bestärken ihn, nach dem Abitur 1932 nach Wien zu gehen und dort Schauspiel zu studieren. Er bekommt erste Engagements, doch als junger Mann mit einem jüdischen Vater werden aufgrund der politischen Situation seine Auftritte bald auch in Österreich rarer. Er zieht zurück zu seinen Eltern in den Harz.
1937 muss die Familie auf Amtsanordnung ihren Namen ändern: Ab jetzt nennt sich Walter mit Nachnamen „Kapuzek“, das ist der Mädchenname seiner Großmutter. Ihre Ehe mit Großvater Schwarz wird, da jüdisch rituell geschlossen, als ungültig erklärt. Zwei Jahre später, im Frühjahr 1939, wird Walter als sogenannter „Halbjude“ von der Reichstheaterkammer (RTK) offiziell ausgeschlossen und er verliert seine deutsche Staatsbürgerschaft. Von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten sind auch weitere Familienmitglieder betroffen: Sein Vater Karl wird 1938 deportiert und stirbt zwei Jahre später im KZ Sachsenhausen – laut dem Lagerkommandanten an „Erschöpfung“.
Nach der Wannsee-Konferenz 1942 systematisiert das NS-Regime die Deportation und Ermordung von Jüdinnen und Juden, die Lage verschärft sich auch für Menschen mit nur einem jüdischen Elternteil. Walter muss Zwangsarbeit leisten. Die Gestapo verschleppt ihn in den Harz, nach Clettenberg (heute Klettenberg). Dort arbeitet er bei einem Unternehmen namens Rudloff. Im März 1943 stellt er als Staatenloser einen Antrag auf Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis.
Dokumente zu Andreas Schwarz




Verschleppt zur Zwangsarbeit
Im November 1944 wird er ins KZ-Außenlager Holzen-Eschershausen im niedersächsischen Bergland deportiert. Die Nationalsozialisten wollen hier im Gebirgszug Hils ihre Rüstungsindustrie untertage versteckt weiterbetreiben. Zwangsarbeiter*innen und KZ-Häftlinge müssen dafür Stollen in den Berg treiben. Walter wird im Dezember 1944 im dortigen Zwangsarbeiterlager Lenne registriert, aber wenige Wochen später wieder zurück nach Clettenberg gebracht. Vermutlich verdankt er dies einem ehemaligen Schulfreund, zufällig Lagerkommandant im Außenlagerkomplex Holzen, so die Erklärung eines Zeitzeugen.
Nach dem Krieg kehrt Walter nach Aschersleben zurück. Dort wird er zunächst weiter als staatenlos geführt. Bald knüpft er aber wieder an seine Schauspielkarriere an, wird deutscher Rundfunksprecher in London und Paris. Zurück in Deutschland spielt er in Fernsehserien, wird Kabarettist, Liedtexter und Komponist. 1956 tritt er mit der Eigenkomposition „Wartesaal zum großen Glück“ beim ersten „Grand Prix d‘Eurovision de la Chanson“ in der Schweiz an. Nach dem kurzen Ausflug ins Musikbusiness arbeitet er vor allem als Hörspielautor, Sprecher und Schriftsteller. 1992 stirbt er im Alter von 78 Jahren in Heidelberg.
Freddy Quinn: Freigeist mit DP-Geschichte
Freddy Quinn wird am 27. September 1931 als Franz Eugen Helmuth Manfred Nidl vermutlich in Wien geboren. Vermutlich, weil er zeitlebens ein großes Geheimnis um seine tatsächliche Herkunft und Biografie machen wird. Laut der Biografie „Freddy Quinn – Ein unwahrscheinliches Leben“ (2011) von Elmar Kraushaar wächst er als uneheliches Kind bei seiner Großmutter im kleinen, niederösterreichischen Dorf Niederfladnitz auf, ganz in der Nähe der heutigen, tschechischen Grenze. Seine Mutter arbeitet als Journalistin, unter anderem für NSDAP-nahe Publikationen in Deutschland.
Biograf Elmar Kraushaar schreibt weiterhin, dass am 27. Juli 1939 die Mutter des jungen Freddy Quinns Baron Rudolf Anatol Freiherr von Petz heiratete. Petz adoptiert den Jungen. Ab jetzt heißt er Franz Nidl-Petz. 1941 wird seine Mutter laut einer Wiener Strafakten wegen Verleumdung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Junge kommt in dieser Zeit in ein Wiener Kinderheim, auch weil er sich mit seinem Stiefvater nicht versteht. Nach der Haftentlassung seiner Mutter kehrt Franz alias Freddy wieder in die Familienwohnung zurück. Freddy Quinns Biografie ist selten eindeutig: In einer Variante schließt er sich zum Kriegsende einem Wanderzirkus an, in einer anderen wird er nach Ungarn landverschickt.
Flucht in eine neue Identität
In Italien begegnet Franz Eugen Helmuth Manfred Nidl 1945 US-amerikanischen Truppen und ist fasziniert von ihrem Lebensstil und ihrer Musik. Der 14-Jährige macht sich jünger als er ist, gibt sich als verschleppter Tscheche aus. Die Truppen nehmen ihn unter ihre Fittiche. Ab jetzt nennt sich der Junge „Freddy Quinn“, träumt von einem amerikanischen Vater und einem Leben in Übersee. 1947 verlassen die US-Truppen Italien, nehmen aber ihr Glücksbringer Freddy mit nach Deutschland. Dort registrieren ihn die Alliierten als Displaced Person (DP) und beginnen seine Angehörigen zu suchen. Der Kindersuchdienst wird schnell fündig.
Seine Mutter in Wien wird noch im gleichen Jahr über seinen Verbleib in Deutschland informiert. Zu diesem Zeitpunkt ist Freddy längst Richtung Niederlande weggezogen. Er schreibt seiner Mutter einen Brief: Seine DP-Akte wird trotzdem geschlossen, als österreichischer Staatbürger sind die alliierten Suchorganisationen nicht mehr für ihn zuständig.
Dokumente zu Freddy Quinn



Eine Legende wird weitergesponnen
Ob der mittlerweile 16-Jährige überhaupt nach Wien zur Mutter zurückkehrt oder weiter als Zirkuskünstler und Straßenmusiker durch Europa bis nach Algerien reist, ist ungewiss. Anfang der 50er Jahre tritt Freddy als Country-Sänger in der Washington-Bar in Hamburg auf, pflegt sich als US-Amerikaner auszugeben und wird dort von der Plattenfirma Polydor entdeckt. Die schlägt ihn der ARD für den ersten „Grand Prix d’Eurovision de la Chanson“ vor.
1956: Der erste Platz geht an die Schweiz
Weder Freddy Quinn noch Walter Andreas Schwarz gewinnen den ersten Vorläufer des heutigen ESC. Der erste Platz 1956 geht an die Schweizerin Lys Assia mit dem Lied „Refrain“. Freddys Durchbruch im gleichen Jahr erfolgt dennoch mit dem Lied „Heimweh“, ab jetzt wird seine erträumte Identität von Plattenfirmen und Produzenten lebendig ausgeschmückt. Freddy Quinn gilt noch heute als einer der erfolgreichsten Schlagersänger Deutschlands. Der heute 94-Jährige lebt auf einem Bauernhof in der Nähe von Hamburg.
