90 Jahre Spanischer Bürgerkrieg: Aus dem Kampf ins KZ

Drei Lebenswege zwischen Widerstand und NS-Verfolgung

Bewaffnete Zivilisten bei der Verteidigung der baskischen Stadt Irun gegen Franco-Truppen 1936. Quelle: Biblioteca Nacional de Defensa, Creative Commons Lizenz
Bewaffnete Zivilisten bei der Verteidigung der baskischen Stadt Irun gegen Franco-Truppen 1936. Quelle: Biblioteca Nacional de Defensa, Creative Commons Lizenz

Vor 90 Jahren, am 17. Juli 1936, putschen spanische Militärs gegen ihre demokratisch gewählte Regierung. Es ist der Auftakt zu einem blutigen Bürgerkrieg, bei dem innerhalb von drei Jahren Hunderttausende Menschen sterben. Am Ende gewinnen die Putschisten hinter Franco. Die Verteidiger*innen der Spanischen Republik fliehen. Viele von ihnen kommen in deutsche Konzentrationslager. Die Lebenswege von Antonio García Rodríguez, Eugen Seidt und Anna Peczenik zeigen die Verstrickungen des Spanischen Bürgerkriegs mit der NS-Geschichte.

Am 17. Juli 1936 besetzen Elitemilitärs alle Regierungsgebäude im spanischen Protektorat Marokko. Einen Tag danach greifen die Putschisten das spanische Festland an und erobern später unter der Führung des Generals Francisco Franco weite Teile Spaniens. In den großen Städten stellen sich ihnen organisierte Arbeiter*innen und baskische bzw. katalanische Nationalist*innen entgegen. Der Bürgerkrieg ist ein Kampf um die politische Zukunft Spaniens: Demokratie, Republik und soziale Reformen stehen autoritären, nationalistischen und antikommunistischen Kräften gegenüber.

Ende Juli 1936 eilen das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien den Franco-Truppen militärisch und finanziell zur Hilfe. Die Verteidiger*innen der Republik werden von den westlichen Demokratien im Stich gelassen, erhalten aber Geld und Waffenlieferungen von der mexikanischen und der sowjetischen Regierung. Ab Herbst unterstützen auch die Internationalen Brigaden die spanische Regierung – organisiert von der Kommunistischen Internationalen, die gegen die Ausbreitung des Faschismus kämpft. Ein internationales, ideologisches Kräftemessen beginnt.

Holzschnitt des serbischen Künstlers Đorđe Andrejević Kun. Mit seinen Werken verarbeitet er seine Erlebnisse im Spanischen Bürgerkrieg. Quelle: Wikimedia Commons, Creative Commons Lizenz.
Holzschnitt des serbischen Künstlers Đorđe Andrejević Kun. Mit seinen Werken verarbeitet er seine Erlebnisse im Spanischen Bürgerkrieg. Quelle: Wikimedia Commons, Creative Commons Lizenz.

Am 1. April 1939 erklärt Francisco Franco seinen Sieg und errichtet eine autoritäre Diktatur unter seiner Alleinherrschaft. Hunderttausende Republikaner*innen fliehen ins Exil, viele von ihnen nach Frankreich. Unter ihnen sind auch internationale Kämpfer*innen, die die spanische Republik verteidigt haben.

Holzschnitt aus der Serie „Für die Freiheit“ von Đorđe Andrejević Kun. Der serbische Künstler kämpfte in den Internationalen Brigaden gegen Franco-Truppen. Seine Erlebnisse verarbeitete er später in diversen Kunstwerken. Quelle: Wikimedia Commons, Creative Commons Lizenz.
Holzschnitt aus der Serie „Für die Freiheit“ von Đorđe Andrejević Kun. Der serbische Künstler kämpfte in den Internationalen Brigaden gegen Franco-Truppen. Seine Erlebnisse verarbeitete er später in diversen Kunstwerken. Quelle: Wikimedia Commons, Creative Commons Lizenz.

Vom Exil in Frankreich zur NS-Verfolgung

Viele der Geflüchteten werden von der französischen Regierung in Lagern festgehalten oder müssen Zwangsarbeit leisten. Im Juni 1940 besetzt die deutsche Wehrmacht Frankreich. Auch nicht-internierte ehemalige Spanienkämpfer*innen und ihre Familien werden nun als Gegner*innen des Faschismus systematisch verfolgt. Die Gestapo deportiert sie in deutsche Konzentrationslager. Unter ihnen befinden sich Antonio García Rodríguez, Eugen Seidt und Anna Peczenik.

Antonio García Rodríguez: Freiwilliger an der Seite der Republik

Der Spanier Antonio García Rodríguez ist 20 Jahre alt, als nationalistische Militärs im Sommer 1936 gegen die linksliberale Regierung in Madrid putschen. Antonio wird am 13. Juni 1916 in Fuenlabrada de los Montes, einem kleinen Örtchen im Südosten der spanischen Provinz Badajoz Spaniens, geboren. Seine Familie ist arm, als Kind muss er auf den Feldern der Bauern mitarbeiten. „Ich habe mehr Schläge in meinem Leben bekommen als eine Trommel“, erzählt er später seinem Sohn Jean Paul. Und er berichtet, dass seine 16-jährige Freundin zu Beginn des Bürgerkriegs von den Putschisten erschossen wird. Daraufhin meldet er sich als Freiwilliger bei der regierungstreuen spanischen Volksarmee, um die junge Demokratie gegen die Franco-Truppen zu verteidigen.

Eugen Seidt: Deutscher Kämpfer für die linksliberale spanische Regierung

Im Herbst 1936 trifft auch Eugen Seidt, Mechaniker, Gewerkschafter und Kommunist aus Karlsruhe, in Spanien ein. Schon 1935 hat er Deutschland aus Angst vor Verfolgung durch die Gestapo verlassen und seitdem in Frankreich gelebt. Als Teil der Internationalen Brigaden verteidigt der 28-Jährige vermutlich ab November 1936 Madrid. Für ihn ist der Einsatz an der Seite der Republik auch einer gegen die Nationalsozialisten. „Der Kampf gegen die von der NS-Regierung nach Spanien beorderte ‚Legion Condor‘ war zugleich ein Kampf gegen die Festigung der NS-Gewaltherrschaft in Deutschland“, schreibt er später in seinen Antrag auf Wiedergutmachung.

Eugen Seidt, Gewerkschafter, Betriebsrat, Kommunist und Freiwilliger für die spanische Republik 1936, Bild aus der Suchakte, die bei den Arolsen Archives, früher ITS, verwahrt wird. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 125842923.
Eugen Seidt, Gewerkschafter, Betriebsrat, Kommunist und Freiwilliger für die spanische Republik 1936, Bild aus der Suchakte, die bei den Arolsen Archives, früher ITS, verwahrt wird. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 125842923.

Anna Peczenik: Jüdische Sanitäterin der Internationalen Brigaden

Auch Anna Peczenik schließt sich im Januar 1937 von Prag aus den Internationalen Brigaden an. Die 26-Jährige wird als Anna Gadol in eine jüdische Familie in Bulgarien geboren und wächst in Wien auf. Sie ist überzeugte Sozialistin – und muss mit Mann und Tochter vor den Nationalsozialisten nach Tschechien fliehen. Als ausgebildete Erzieherin ist Anna den Kämpfer*innen in Spanien aber zunächst keine Hilfe. Sie absolviert deshalb zunächst einen Krankenschwesterkurs in Paris und beginnt im April 1937 ihren Sanitätsdienst für die Internationalen Brigaden an der spanischen Front.

Flucht und Internierung nach der republikanischen Niederlage

Ende 1938 zeichnet sich der Sieg der Nationalist*innen ab. Die Republikaner*innen und die Freiwilligen der Internationalen Brigaden flüchten ins französische Exil. Auch Antonio, Eugen und Anna gehören zu den fast 500.000 Menschen, die einem Exodus gleich Spanien über die französische Grenze verlassen. Aber auch dort sind sie nicht willkommen: 1938 schaffte die französische Regierung per Dekret die gesetzliche Grundlage, „unerwünschte Ausländer“ zu internieren. Frankreich hält die Geflohenen zunächst in improvisierten Auffanglagern unter anderem an Stränden an der Südküste fest.

Eugen Seidt ist einer der Kämpfer*innen, den die Franzosen am Strand von Saint-Cyprien festsetzen. Die Internierten müssen auf dem Erdboden schlafen, erst nach und nach werden einfache Baracken errichtet. Später verschleppt ihn die französische Regierung in das Internierungslager in Gurs in den nördlichen Pyrenäen und anschließend in ein Straflager in Le Vernet.

Zwangsarbeit und Widerstand im Untergrund

Im April 1939 verpflichtet ein weiteres Dekret der französischen Regierung alle ausländischen Männer im Alter von 18 bis 40 Jahren zu „Gegenleistungen“ für das für sie gewährte Asyl. Faktisch handelt es sich um Zwangsarbeit. Fremdarbeiterkompanien und Arbeitslager werden eingerichtet. Nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Frankreich kooperiert die französische Regierung mit den deutschen Besatzern und Antonio García Rodríguez muss in Bordeaux beim Bau eines deutschen U-Boot-Bunkers Zwangsarbeit leisten.

Antonio García Rodríguez wird als Zwangsarbeiter im Bau des U-Boot-Bunkers in Bordeaux eingesetzt. Hier ein Bild der Bauarbeiten, 1942. Quelle: Bundesarchiv, Bild 101II-MW-6689-09.

Eugen Seidt, immer noch in Le Vernet interniert, wird der Gestapo ausgeliefert, die ihn nach Deutschland verschleppt. Das Oberlandesgericht in Stuttgart verurteilt ihn zu zwei Jahren Haft. Anschließend deportieren ihn die Nationalsozialisten in das Konzentrationslager Dachau. Anna Peczenikhält sich zu diesem Zeitpunkt vermutlich noch in Südfrankreich auf. 1943 geht sie, getarnt als französische Fremdarbeiterin, nach Österreich und erledigt unter dem Einsatz ihres Lebens Kurierdienste für ihre Genossen, um Kontakte zum französischen Widerstand zu halten.

Verhaftung und Verschleppung in deutsche Konzentrationslager

Vermutlich Anfang 1944 gelingt Antonio García Rodríguez die Flucht aus der Zwangsarbeit und schließt sich dem französischen Widerstand an. Im April 1944 wird er verhaftet und der Gestapo übergeben. Vom Durchgangslager Compiègne aus wird er im Mai 1944, wie viele andere Spanier*innen auch, ins KZ Neuengamme deportiert.

Antonio García Rodríguez wird am 21. Mai 1944 im KZ Neuengamme registriert. Bei seiner Internierung werden ihm seine persönlichen Gegenstände abgenommen: Füllfederhalter, Uhr, Ring und ein Gutschein werden bis 2019 in den Arolsen Archives verwahrt. Mittlerweile sind die Effekten zur Familie García zurückgekehrt. Foto: Arolsen Archives.

Wenige Monate später, im Sommer 1944, greift die Gestapo Anna Peczenikin Paris auf und verschleppt sie nach Deutschland. Zunächst wird sie im KZ Ravensbrück interniert, im Oktober weiter ins KZ Buchenwald verlegt und muss schließlich Zwangsarbeit in der Magdeburger Munitionsfabrik Polte leisten.

Häftlings-Personalkarte von Anna Peczenik, hier bezeichnet als Anny. Sie wird in Paris von der Gestapo aufgegriffen, deportiert und am 21.08.1944 im KZ Ravensbrück registriert. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 7677528.

Nach dem Krieg keine Rückkehr in die Heimat

Auch Antonio Garcia Rodriguez muss in der Kriegsproduktion arbeiten. In einem Außenlager des KZ Neuengamme, in Salzgitter-Drütte, schmiedet er Granaten. Es ist eine schwere körperliche Arbeit, Antonio sieht viele Kameraden an Erschöpfung sterben. Willkürliche Erschießungen wegen angeblicher Produktionsfehler gehören zur Tagesordnung. Kurz vor Kriegsende wird das Außenlager geräumt. Die SS pfercht Antonio zusammen mit etwa 3.400 Menschen in Waggons und transportiert sie in Richtung Norden. An Bahnhof im Ort Celle gerät der Transport unter Beschuss von US-Truppen und hunderte Menschen sterben in den Waggons.

Der Spanier überlebt und wird in ein Außenlager des KZ Ravensbrück deportiert. Dort wird er am 2. Mai 1945 von sowjetischen Truppen befreit, am 22. Mai 1945 kehrt er nach Frankreich zurück. Als Kämpfer für die spanische Republik kann er nicht in seine Heimat zurückkehren, da Franco bis zu seinem Tod 1975 an der Macht bleibt. Nach dem Krieg lässt sich Antonio deshalb in Bordeaux nieder, heiratet und gründet eine Familie. Er stirbt 1996 im Alter von 80 Jahren.

Der lange Weg zur Wiedergutmachung

Auch Eugen Seidt wird im KZ Dachau von den Alliierten befreit. Er kehrt in seine Heimat nach Karlsruhe zurück, gründet ebenfalls eine Familie – und versucht zeitlebens Wiedergutmachung für seine Internierung, auch in französischen Lagern, zu erringen. Doch das Bundesentschädigungsgesetz schließt Kommunist*innen aus. Am Ende erkennen die deutschen Behörden dennoch seine Zeiten in deutschen Gefängnissen, Zuchthäusern und Konzentrationslagern an.

Aber: Während Wehrmachtssoldaten, die an der Seite Francos kämpften, eine Kriegsopferversorgung erhalten, werden die Spanienkämpfer*innen, die die Republik verteidigten, lange Zeit weiter kriminalisiert. Erst 1998, mit der Aufhebung aller NS-Unrechtsurteile, werden sie juristisch entkriminalisiert. Eugen Seidt erlebt dies nicht mehr, er stirbt 1977 im Alter von 69 Jahren.

Anna Peczenik kehrt nicht aus dem Krieg zurück. Im Dezember 1944 verliert sich ihre Spur. Dokumente lassen vermuten, dass sie am 10. Dezember wieder ins KZ Buchenwald überstellt wird. Dort stirbt sie unter ungeklärten Umständen.

Der Beginn des spanischen Bürgerkriegs

Einen Überblick über den Spanischen Bürgerkrieg bietet die Bundeszentrale für politische Bildung.