Mit dem Neubau erhalten die Arolsen Archives erstmals ein eigens geplantes Archivgebäude für ihre UNESCO-geschützte Sammlung zu Opfern und Überlebenden des Nationalsozialismus. Damit bekommt eine Organisation, die in ihrem Ursprung nicht als Archiv gedacht war und heute international eine der bedeutendsten Dokumentensammlungen zur NS-Verfolgung verantwortet, ein Gebäude, das eigens für diese einzigartigen Bestand konzipiert wurde.
Wie kommt es, dass das weltweit umfassendste Archiv über Opfer des Nationalsozialismus mit mehr als 30 Millionen Dokumenten und Hinweisen zu rund 17,5 Millionen Menschen bislang nie über ein eigenes Archivgebäude verfügte? Die Antwort liegt in der Geschichte unserer Institution: Die Arolsen Archives wurden ursprünglich nicht als Archiv konzipiert. Als ihre Vorläuferorganisation, der International Tracing Service (ITS), nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, dienten die Dokumente vor allem einem Zweck – Menschen zu finden. Karteikarten, Listen oder Haftunterlagen aus KZs stellten Arbeitsmaterial dar, kein Archivgut. Somit waren insbesondere in der Nachkriegszeit zunächst Arbeitsräume notwendig. Überlegungen zu einem Magazin, das eine langfristige Archivierung sichern kann, standen hintenan.

Von Arbeitsunterlagen zu Archivbeständen
Neben den Unterlagen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs im Auftrag der Alliierten nach Bad Arolsen gelangten, erweiterten die heutigen Arolsen Archives ihren Bestand bereits früh gezielt.
Dies geschah oftmals, um Recherchen zu erleichtern und Schicksale besser nachvollziehen zu können. Auch heute wächst sowohl die physische als auch die digitale Sammlung kontinuierlich weiter: Ausgewählte Nachlässe und Sammlungen wie beispielsweise Unterlagen zu den Lebensborn-Heimen werden nach sorgfältiger Prüfung als Originale übernommen. Zugleich erweitern Zugleich erweitern Kooperationen, etwa mit Archiven in der Ukraine, den digitalen Bestand.

Der gesamte Bestand wird derzeit an lokalen Standorten unter Einhaltung archivfachlicher Standards aufbewahrt, diese Räume wurden jedoch ursprünglich nicht als Archivmagazine geplant.

22 Regalkilometer für den Bestand
Mit dem Neubau entsteht weit mehr als ein dringend benötigter Raum für die Dokumente. Er markiert zugleich den Wandel der Arolsen Archives von einer Suchinstitution der Nachkriegszeit zu einer internationalen Institution für Erinnerung, Forschung und Bildung. Die Klärung von Schicksalen auf Basis historischer Dokumente bleibt dabei eine zentrale Aufgabe der Arolsen Archives. Gleichzeitig sind neue Aufgaben hinzugekommen: zeitgemäße Bildungsarbeit, Digitalisierungsprozesse, Veranstaltungen, Workshops und internationale Austauschformate. Auch dafür schafft der Neubau Raum. Geplant ist unter anderem ein multifunktionaler Konferenz- und Ausstellungsbereich.
Das neue Gebäude bietet Platz für insgesamt 22.000 laufende Archivmeter – inklusive zusätzlicher Reserven für zukünftige Bestände. Aneinandergereiht würden die Regale somit die Strecke eines Halbmarathons abdecken. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) setzt das Vorhaben mit dem Bundesbau in Hessen um.

Der heutige Spatenstich setzt ein neues Zeichen für die Erinnerung an die Opfer des Holocausts und der nationalsozialistischen Verbrechen. Möge der Neubau künftige Generationen dazu ermutigen, eine eigene Beziehung zur Vergangenheit aufzubauen und ihr Engagement für Demokratie sowie für die Erinnerung an alle Opfer der NS-Verfolgung zu vertiefen. Den deutschen Behörden auf Bundes- und Landesebene gilt unser aufrichtiger Dank für ihre verlässliche Zusammenarbeit bei der Verwirklichung dieses Vorhabens
Der Internationale Ausschuss, Leitungsgremium der Arolsen Archives, 7. Mai 2026
Das Gebäude von außen: Die Form folgt der Funktion
Die Fassade des Neubaus aus rot eingefärbten Betonfertigteilen erinnert an Archivboxen – ein bewusster Verweis auf die Funktion des Gebäudes. Gleichzeitig spiegelt die Gestaltung die Besonderheit der Sammlung wider: Millionen einzelner Dokumente, Biografien und Schicksale ergeben gemeinsam ein Bild der Vergangenheit.

Das Gebäude von innen: Moderne Technik sichert die Sammlungen
Klimatisierte Magazinräume sorgen künftig für optimale Bedingungen zur langfristigen Erhaltung der Dokumente. Eine spezielle sauerstoffreduzierende Brandvermeidungsanlage schützt die Unterlagen, sodass eventuelle Schäden durch Löschwasser möglichst vermieden werden. Sicherheitsstandards, Traglasten und technische Anforderungen sind konsequent auf die besonderen Bedürfnisse eines modernen Archivs ausgelegt.

Erstmals wird die Sammlung unter Bedingungen aufbewahrt, die ihrer historischen und weltweiten Bedeutung als UNESCO-Weltdokumentenerbe entspricht. Der Neubau ist ein wichtiges Signal dafür, dass die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus auch in Zukunft bewahrt und zugänglich bleiben wird
Moritz Wein, Direktor der Arolsen Archives. Foto: Julio Francesco.
Hier können Sie die Bauarbeiten verfolgen: Das Bild wird alle 15 Minuten aktualisiert.

Häufig gefragt
Das neue Gebäude entsteht in der Jahnstraße in unmittelbarer Nachbarschaft zum Hauptgebäude der Arolsen Archives in Bad Arolsen.
Bauherrin ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA). Das Projekt wird gemeinsam mit dem Bundesbau in Hessen umgesetzt. Die Bauaufgaben der Bundesrepublik Deutschland in Hessen übernehmen die Bauabteilung der Oberfinanzdirektion Frankfurt am Main (OFD) und der Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen (LBIH). Der LBIH ist als baudurchführende Ebene für die Umsetzung der Bundesbaumaßnahmen zuständig.
Das Archivgebäude wurde vom renommierten Architekturbüro Nieto Sobejano Arquitectos entworfen.
Der Nutzungsbeginn ist derzeit für das Jahr 2028 geplant.
Das Projektkostenziel liegt bei 32 Mio. Euro.
