Freiwilligenprogramm über den ASF: Arbeit mit der Erinnerung

Interview mit Marina und Aleksandr, Freiwillige bei den Arolsen Archives

The ASF volunteers Marina and Aleksandr working at a laptop station in the library of the Arolsen Archives.
Die ASF-Freiwilligen Marina und Aleksandr übernehmen ein breites Spektrum an Aufgaben – von der Digitalisierung bis zur Erschließung historischer Dokumente. Foto: Arolsen Archives

Seit 2017 heißen die Arolsen Archives junge Menschen – oft aus Russland und der Ukraine – willkommen, um über Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) einen Freiwilligendienst im Archiv zu absolvieren. Aleksandr beendete seinen Einsatz im August 2025 und arbeitet inzwischen als studentische Hilfskraft bei uns. Marina begann ihren Dienst im September 2025 und denkt auch schon darüber nach, ihre Zeit hier zu verlängern. Wir haben mit beiden darüber gesprochen, was sie zur Erinnerungsarbeit motiviert – und was es bedeutet, sich intensiv mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, insbesondere vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in ihrem Herkunftsland Russland.

Was habt ihr vor dem ASF-Dienst studiert oder beruflich gemacht?

Marina:

Ich habe in Russland Geschichte studiert und 2024 einen fünfjährigen Bachelor abgeschlossen. Anschließend bin ich für ein einjähriges Intensiv-Masterprogramm nach Wien gegangen und habe dort im vergangenen Jahr meinen Abschluss gemacht. Ursprünglich wollte ich mich für Promotionsprogramme bewerben. Aber nach sechs Jahren durchgehendem Studium war ich erschöpft und wollte eine Pause von der akademischen Laufbahn einlegen. Ich hatte das Bedürfnis, etwas Praktisches und Sinnvolles zu tun – deshalb habe ich mich für den ASF-Freiwilligendienst beworben. Rückblickend war das eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Aleksandr:

Ich habe in Moskau ein Geschichtsstudium begonnen, meinen Bachelor aber nicht abgeschlossen. 2022 habe ich mich entschieden, sowohl meinen Ausbildungsweg zu ändern als auch mein Land zu verlassen. Beim ASF hatte ich mich schon im Dezember 2021 beworben, konnte meinen Dienst aufgrund der politischen Situation jedoch erst im September 2023 antreten. Der Freiwilligendienst gab mir die Möglichkeit, weiterhin zu historischen Themen zu arbeiten und gleichzeitig Auslandserfahrung zu sammeln. Inzwischen studiere ich Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder) – und ich finde es großartig, dass ich parallel weiter hier im Archiv arbeiten kann.

ASF Freiwilligenprogramm

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) ist eine deutsche Organisation, die internationale Freiwillige in Projekte der Friedensarbeit in Europa, Israel und den USA entsendet. Im Zentrum stehen Erinnerung, Versöhnung und Frieden – und der Anspruch, sich mit dem Erbe des Nationalsozialismus aktiv auseinanderzusetzen.

A group of ASF volunteers posing for the photographer in the old city of Jerusalem.
Foto: ASF / Ruthe Zuntz

Wie seid ihr auf den ASF-Dienst und die Arolsen Archives aufmerksam geworden?

Marina:

Ich habe durch eine Freundin von ASF erfahren. Sie hat in der Gedenkstätte Buchenwald einen Freiwilligendienst gemacht. Im Bewerbungsprozess musste ich verschiedene Einsatzstellen priorisieren – für mich standen die Arolsen Archives an erster Stelle. Ich kannte sie bereits aus meinem Bachelorstudium, wusste aber nicht, dass man sich dort auch als Freiwillige engagieren kann. Besonders reizvoll fand ich die direkte Arbeit mit Archivmaterial.

Aleksandr:

Meine Cousine hat vor etwa 13 Jahren ebenfalls einen ASF-Dienst gemacht, auch in Buchenwald. Als ich darüber nachdachte, Russland zu verlassen und eine Pause vom Studium einzulegen, hat sie mir von ihren Erfahrungen erzählt. Es klang sehr sinnvoll und bereichernd. Die Arolsen Archives kannte ich aus meinem Studium und durch die Ausstellung „#StolenMemory“ in Moskau im Jahr 2021. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich bereits erste Archiverfahrungen hatte – und weil ich es spannend fand, mit Dokumenten aus postsowjetischen Ländern zu arbeiten. Das bedeutet nämlich auch, die eigene Geschichte aus einer anderen Perspektive zu betrachten.

Habt ihr einen persönlichen Bezug zum Zweiten Weltkrieg oder zum Holocaust?

Marina:

Für mich steht weniger ein familiärer Bezug im Vordergrund als vielmehr die Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur im 20. Jahrhundert – auch wenn ich mich nicht mein ganzes Leben lang mit diesen Themen beschäftigen könnte, weil sie emotional sehr belastend sind. Während meines Studiums war der Stalinismus eines der schwierigsten Themen für mich. Jetzt interessiert mich besonders der Vergleich zwischen der russischen und der deutschen Erinnerungskultur sowie die Frage, wie Deutschland mit seiner Vergangenheit umgeht. Deutschlands Ansatz erscheint mir deutlich weiter entwickelt. Im heutigen Russland wird Erinnerungsarbeit eher unterdrückt. Dabei ist sie so wichtig, wenn wir verhindern wollen, dass sich Geschichte wiederholt.

Aleksandr:

Wie in vielen russischen Familien gibt es auch in meiner Verwandtschaft Menschen, die vom Zweiten Weltkrieg betroffen waren. Mein Hauptinteresse gilt aber – ähnlich wie bei Marina – der Frage, wie Gesellschaften heute mit Geschichte umgehen. Ich wollte erleben, wie eine europäische Archivinstitution arbeitet. Und wie historische Erinnerung in der Gegenwart geprägt, bewahrt oder auch politisch instrumentalisiert wird. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 ist diese Frage noch relevanter geworden. In Russland fehlt es derzeit an einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit – umso wichtiger erscheint mir diese Arbeit, gerade mit Blick auf eine lebenswerte Zukunft.

Was sind eure Aufgaben bei den Arolsen Archives?

Marina:

Die haben sich im Laufe der Zeit stark verändert. Am Anfang habe ich mit Entschädigungsakten gearbeitet und Dokumente für die Konservierung vorbereitet – zum Beispiel Metallklammern entfernt. Das war zwar monoton, aber dabei habe ich auch viel über die Schicksale von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion gelernt. Das hat der Arbeit sehr persönlich gemacht. Später habe ich eine Kollegin unterstützt, die mit ukrainischen Archiven arbeitet. Ich habe Archivbeschreibungen für Briefe erstellt, die NS-Zwangsarbeiterinnen und -Zwangsarbeiter aus der Ukraine an ihre Familien geschickt hatten. Besonders spannend fand ich die Recherche zu sowjetischen Dokumenten, die jahrzehntelang geheim waren – etwa Sterberegister, die nach dem Ende der Sowjetunion kopiert wurden. Es war faszinierend, Archive kennenzulernen, die in meiner Heimat völlig unbekannt sind.

Compensation file documents of the Arolsen Archives with an old black-and-white portrait photo of a man.
Marina lernte bei der Arbeit mit Entschädigungsakten die Schicksale vieler NS-Verfolgter aus der ehemaligen Sowjetunion kennen. Foto: Arolsen Archives.

Aleksandr:

Ich habe mit ähnlichen Einstiegsaufgaben begonnen und zunächst mit Haftbescheinigungen gearbeitet – eine gute Möglichkeit, sich mit der Archivarbeit und dem Umgang mit Originaldokumenten vertraut zu machen. Später habe ich vor allem mit russischsprachigen Materialien gearbeitet, etwa mit Fragebögen von Repatriierten, die aus Deutschland in die Sowjetunion zurückkehrten. Mein Lieblingsprojekt war der Aufbau eines neuen Workflows für die Kampagne „#everynamecounts“, basierend auf Briefen ukrainischer Zwangsarbeiter. Das war ein langer und teilweise auch frustrierender Prozess, aber zugleich sehr erfüllend. Mir hat gefallen, dass dabei etwas Konkretes und Zugängliches entstanden ist – und dass ich mich intensiv mit den Geschichten hinter den Dokumenten beschäftigen konnte.

Aleksandr und Marina waren beide an der Digitalisierung einer besonderen Sammlung beteiligt: Briefe und Postkarten, die ukrainische Zwangsarbeiter aus Deutschland an ihre Familien geschickt hatten.

Aleksandr and Marina show the digitalization of documents on a computer screen.
Foto: Arolsen Archives
Marina holds an original postcard that was written by a forced laborer from Ukraine.
Foto: Arolsen Archives

Was zeichnet die Arolsen Archives als Arbeitsplatz aus?

Marina:

Das Arbeitsumfeld ist sehr unterstützend. Meine Kolleginnen und Kollegen sind freundlich, ruhig und verständnisvoll – gerade auch im Umgang mit Sprachbarrieren. Alle bemühen sich, dass man sich wohlfühlt, und dafür bin ich sehr dankbar.

Aleksandr:

Das empfinde ich genauso. Auswandern ist stressig, und ein unterstützender Arbeitsplatz macht da einen großen Unterschied. Darüber hinaus ist die Arbeit selbst sinnstiftend: Auch wenn der eigene Beitrag klein erscheint, hilft man dabei, Erinnerung zu bewahren und aus der Vergangenheit zu lernen.

Was ist aus eurer Sicht die wichtigste Aufgabe der Arolsen Archives?

Marina:

Erinnerung zu bewahren und zugänglich zu machen. Besonders wichtig finde ich die Unterstützung von Familien, die mehr über das Schicksal ihrer Angehörigen während der NS-Verfolgung erfahren möchten.

Aleksandr:

Ich stimme zu. Es geht nicht nur darum, Informationen zu archivieren, sondern sie auch aktiv zugänglich zu machen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Je weiter der Zweite Weltkrieg zurückliegt, desto größer ist die Gefahr des Vergessens. Deshalb ist die Arbeit aller Bereiche hier – vom Archiv über das Tracing bis zur Öffentlichkeitsarbeit – gleichermaßen wichtig.

Arbeitsplatz Welterbe

In interdisziplinären Teams arbeiten die Arolsen Archives täglich daran, historische Wahrheit zu bewahren und Erinnerung lebendig zu halten. Für junge Menschen, die sich für zeitgemäße Formen der Erinnerungskultur, historische Bildungsarbeit, Suchdienste oder Archivarbeit interessieren, bietet die Institution vielfältige Einstiegsmöglichkeiten.

War es schwierig, aus Russland nach Deutschland zu kommen und hier weiter zu historischen Themen zu arbeiten?

Marina:

Viele Menschen in meinem Umfeld haben Russland nach dem großflächigen Angriff auf die Ukraine 2022 verlassen. Auch ich habe über Migration nachgedacht, war aber zunächst nicht bereit für diesen Schritt.

Das erste Jahr im Ausland ist meist das schwierigste. Man vermisst die Heimat und stellt seine Entscheidungen infrage. Mit der Zeit merkt man: Der Ort, den ich verlassen habe, hat sich so stark verändert hat, dass ich nicht wirklich zurückkehren kann. In gewisser Weise verliert man das Gefühl von Heimat. Das ist nicht leicht: Ich weiß, dass ich nicht zurückgehen werde, aber auch mein Status hier ist unsicher. Ich muss meine Aufenthaltssituation immer wieder neu klären. Aber ich arbeite gerade an meinem Deutsch auf B2-Niveau und kann mir vorstellen, langfristig hier im Archiv zu arbeiten.

Aleksandr:

Ich fühle mich inzwischen in Deutschland angekommen. Ich studiere hier, arbeite im Archiv und habe mich gut eingelebt. Jeder Besuch bei meinen Eltern in Russland bestätigt mir, dass ich dort momentan nicht sein möchte. Wie Marina sagt: Der Ort, den wir verlassen haben, ist nicht mehr derselbe.