Am 11. April 1945 befreiten Truppen der US-Armee rund 21.000 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald. Bevor die ehemaligen Insassen das Lager jedoch endgültig verlassen durften, bekamen sie von den Angehörigen der US-Armee einen Fragebogen, auf dem sie Angaben zu ihrer Haft machen sollten. Ein Teil dieser besonderen Dokumente befindet sich im Archiv der Arolsen Archives. Sie stehen im Mittelpunkt des Aufrufs von #everynamecounts im April 2026.
Auf dem Ettersberg bei Weimar befand sich eines der größten Konzentrationslager zur Zeit des Nationalsozialismus. Zwischen Juli 1937 und April 1945 verschleppten die Nationalsozialisten 277.800 Menschen aus über 50 Ländern nach Buchenwald oder in eines seiner Außenlager. Dort mussten die Gefangenen schwerste Zwangsarbeit verrichten, ab 1942 vor allem in der Rüstungsindustrie. 56.000 Häftlinge wurden ermordet, starben an Unterernährung, Krankheiten, an den unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Lagern oder verloren bei den Todesmärschen ihr Leben.
„Kameraden, wir sind frei!“
Als die US-Armee das KZ Buchenwald am frühen Nachmittag des 11. April 1945 erreichte, war bereits der Großteil des SS-Personals aus dem Lager geflohen. Mit vereinten Kräften und einer geringen Anzahl an Waffen überwältigten Widerstandsgruppen der Inhaftierten die verbliebenen SS-Wachmannschaften und besetzten das Lagertor. Um 15.15 Uhr verkündete der Lagerälteste Hans Eiden über die Lautsprecheranlage des Lagers:
Kameraden, wir sind frei! Die SS ist geflohen. Haltet Ruhe im Lager, wir geben euch weitere Informationen.
Hans Eiden, Lagerältester im KZ Buchenwald
Wenig später betraten erste amerikanische Soldaten das Lager. Die US-Armee begann umgehend, die zum Teil bis auf die Knochen abgemagerten Häftlinge mit Nahrung und medizinischer Hilfe zu versorgen. Trotz dieser Maßnahmen starben nach der Befreiung noch Hunderte ehemalige Häftlinge im nun als „Displaced Persons Camp Buchenwald“ bezeichneten Lager an den Folgen der Haftbedingungen.

Rückkehr, Emigration oder weitere Haft?
Die Ankunft der alliierten Truppen bedeutete in den meisten Fällen nicht, dass die ehemaligen Gefangenen sofort die Lager verließen. Viele der Befreiten waren schwerkrank und unterernährt und mussten medizinisch versorgt werden. Außerdem mussten Abläufe für die Entlassung geschaffen werden, um ihnen die Rückkehr in ihre Heimat oder die Emigration in ein anderes Land zu ermöglichen. Das Military Government of Germany, die höchste US-Militärinstanz der amerikanischen Besatzungszone Deutschlands, führte detaillierte Fragebögen ein, die alle Häftlinge ausfüllen sollten, die von amerikanischen Truppen aus einem KZ befreit worden waren.
Neben persönlichen Angaben konnten die Befragten darin erstmals Einzelheiten ihrer Haft schildern, zum Beispiel eine besonders grausame Behandlung, sowie Gründe und Namen von Täter*innen nennen. Trotz der Bemühungen wurden von den circa 9.000 SS-Männern und Aufseherinnen nur 79 nach 1945 verurteilt.

In den Bögen wurde gezielt nach Mitgliedschaften in NS-Organisationen wie der NSDAP gefragt. So wollten die US-Verantwortlichen Häftlinge mit NS-Vergangenheit, Kriegsverbrecher*innen und Kollaborateur*innen ausfindig machen. Auf Grundlage der Fragebögen entschied ein militärischer Ausschuss, ob eine Person entlassen, in ein anderes Gefängnis überstellt oder als Kriegsgefangene*r inhaftiert werden sollte. Bisher befindet sich im Online-Archiv kein Fragebogen, aus dem hervorgeht, dass der Ausschuss gegen eine Entlassung stimmte.
Fehler und lückenhafte Angaben
Die befreiten Häftlinge reagierten oft ablehnend auf die Fragebögen. Viele empfanden die Frage nach NS-Mitgliedschaften als Beleidigung. Manche befürchteten Probleme bei ihrer Entlassung und machten bewusst falsche oder lückenhafte Angaben. Wieder andere ließen Punkte aus oder wählten Formulierungen, die aus ihrer Sicht eine schnellere Entlassung wahrscheinlicher machten.


Unmut über die Verzögerungen
Für Unmut unter den Befreiten sorgte auch, dass sich durch die Fragebögen ihre Entlassung verzögerte. Die Häftlinge sollten die Fragen auf Englisch beantworten, was vielen schwerfiel. Sie waren daher auf die Unterstützung von Mithäftlingen angewiesen, die als Dolmetscher*innen tätig waren. Die Bögen sollten offiziell mit der Schreibmaschine ausgefüllt werden – auch das führte zu Verzögerungen. Außerdem kam es immer wieder vor, dass nicht schnell genug Nachschub an Formularen beschafft werden konnte. Die ausgefüllten Bögen wurden zunächst gesammelt und gebündelt bearbeitet. Bis zur Entscheidung des Ausschusses vergingen im Schnitt elf Tage.
Mehr als 15.000 Bögen aus Buchenwald
Einer der frühesten Bögen aus Buchenwald wurde am 16. April 1945 ausgefüllt, fünf Tage nach Ankunft der US-Truppen im Lager. Am 25. Juni 1945 fand die letzte Sitzung des militärischen Ausschusses statt, der bis dato über die Entlassung von 3.781 Personen entschieden hatte. Bis August 1945 verließen alle Überlebenden das Lager.
Wie viele Fragebögen insgesamt ausgefüllt wurden, ist nicht bekannt. Eine Auflistung aus dem Jahr 1954 enthält ca. 15.000 Einträge allein aus dem KZ Buchenwald, in dem sich am Tag der Befreiung noch etwa 21.000 Häftlinge aufhielten.
Die Dokumente in den Arolsen Archives
Etwa 11.000 Fragebögen aus dem KZ Buchenwald befinden sich heute im Archiv der Arolsen Archives. Darunter ist auch der Fragebogen von Hermann Kerkeling, dem Großvater des bekannten Comedians, Autors und Schauspielers Hape Kerkeling. Hermann Kerkeling wurde am 27. April 1945 in Buchenwald befragt und zehn Tage später offiziell aus der Haft entlassen.
Trotz ihrer Entstehungsumstände stellen die Fragebögen eine besondere Quelle dar. Erstmals nach der Haft bekamen die Befreiten die Möglichkeit, das Erlebte in eigene Worte zu fassen. Der Aufruf über #everynamecount im April 2026 rund um den Tag der Befreiung von Buchenwald ist diesen Dokumenten gewidmet.
