Das Projekt H-Files

Erinnerung und historisches Wissen unter Kriegsbedingungen in der Ukraine bewahren

Hanna Lehun, Mitarbeiterin der Arolsen Archives, während des Workshops für ukrainische Museumsmitarbeitende (Lehedsyne, Region Tscherkasy, August 2024). Foto: Arolsen Archives.
Hanna Lehun, Mitarbeiterin der Arolsen Archives, während des Workshops für ukrainische Museumsmitarbeitende (Lehedsyne, Region Tscherkasy, August 2024). Foto: Arolsen Archives.

Briefe, Fotos, Ausweise: Viele Zeugnisse der NS-Verfolgung in der Ukraine befinden sich nicht in staatlichen Archiven, sondern in Privathaushalten, kleinen Museen oder lokalen Einrichtungen. Diese sogenannten Mikroarchive sind akut bedroht – durch Krieg, Witterung und fehlende Ressourcen.

Verstreute Spuren, bedrohte Archive: Warum H-Files entstanden ist

Die Ukraine war während des Zweiten Weltkriegs in besonderem Maße von nationalsozialistischer Besatzung, Deportationen und Massenverbrechen betroffen. Fast fünf Millionen Menschen wurden aus der Sowjetunion zur Arbeit nach Nazi-Deutschland verschleppt, etwa die Hälfte von ihnen stammte aus der Ukraine. Unter den Deportierten waren Männer, Frauen und Jugendliche. Zugleich wurde die Ukraine zu einem zentralen Tatort des Holocausts: Rund 1,5 Millionen der insgesamt sechs Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten Jüdinnen und Juden wurden dort getötet. Insgesamt verlor die Ukraine im Krieg mehr als zehn Millionen Menschen.

Die Spuren vieler Betroffener sind bis heute nur fragmentarisch überliefert und über verschiedene Archive, Dokumente und Erinnerungen verstreut.
Das Projekt H-Files reagiert auf die Bedrohung kleiner, ukrainischer Archive mit konkreter Unterstützung, internationaler Zusammenarbeit und digitaler Sicherung. Gemeinsam mit der ukrainischen NGO After Silence und weiteren Partner*innen bewahren die Arolsen Archives diese einzigartigen Dokumente und machen sie langfristig zugänglich. Der Buchstabe „H“ steht im Projektnamen übrigens für History. Das „H-Files“-Projekt wird von der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und der Gerda Henkel Stiftung unterstützt.

Dokumente des Holocausts identifizieren

Welche Unterlagen sind für die Dokumentation des Holocaust relevant? Dazu hat die International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA, deutsch: Internationale Allianz zum Holocaustgedenken) einen Leitfaden erstellt. Im Rahmen des Projekts H-Files wurde er ins Ukrainische übersetzt und um Hinweise ergänzt, welche die besondere Situation in der Ukraine berücksichtigen.

Die intensive Beschäftigung mit Mikroarchiven begann 2023 im Rahmen der Zusammenarbeit mit der European Holocaust Research Infrastructure (EHRI). Erste Recherchen in der Region Cherson machten schnell deutlich, wie verletzlich viele dieser Sammlungen sind, unabhängig davon, ob sie von kleinen Museen, lokalen Initiativen oder Privatpersonen betreut werden. Häufig fehlen konservatorische Mittel, digitale Sicherungen oder eine institutionelle Anbindung.

Foto: Arolsen Archives
Foto: Arolsen Archives

Russland setzt die Zerstörung kulturellen Erbes gezielt als Waffe ein. H-Files ist eine von den Antworten darauf – konkret, solidarisch und international vernetzt.

Hanna Lehun, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arolsen Archives

In der Region Cherson wurden zum Beispiel während der russischen Besatzung zahlreiche Mikroarchive komplett systematisch zerstört. Vernichtet wurden auch Bestände, die für die russischen Besatzer keine Bedeutung zu haben schienen. Das EHRI-Portal versucht, ukrainische Archive zu erfassen und Verluste zu dokumentieren.

Identifizierung von Materialien während des Workshops für Museumsmitarbeiter*innen in Obodiwka, Region Winnyzja, Juli 2025. Foto: Arolsen Archives.
Identifizierung von Materialien während des Workshops für Museumsmitarbeiter*innen in Obodiwka, Region Winnyzja, Juli 2025. Foto: Arolsen Archives.

Seit Mai 2024 fanden vier Digitalisierungskampagnen in verschiedenen ukrainischen Regionen statt, zum Teil unter extrem schwierigen Bedingungen. Besonders herausfordernd ist das Vorgehen in Orten wie Huliajpole in der Region Saporischschja, oder Makariw. In der Stadt Huljajpole ist im Mai 2026 aufgrund des massiven Beschusses kein einziges Gebäude mehr unversehrt. Die Stadt Makariw hat eine Phase der Gewalt und der Besatzung hinter sich.

Identifizierung von Materialien während des Workshops für Museumsmitarbeiter*innen in Obodiwka, Region Winnyzja, Juli 2025. Foto: Arolsen Archives.
Identifizierung von Materialien während des Workshops für Museumsmitarbeiter*innen in Obodiwka, Region Winnyzja, Juli 2025. Foto: Arolsen Archives.

Mehr als ein Archivprojekt

Die Erkenntnis war eindeutig: Die kleinen Archive – ob privat oder institutionell – sind hochgradig gefährdet und können ohne gezielte Maßnahmen nicht bewahrt werden. Hier setzt das Projekt H-Files an: Es widmet sich der Sicherung, Digitalisierung und Sichtbarmachung von Dokumenten, bevor sie endgültig verloren gehen. Dabei ist H-Files weit mehr als reine Bestandssicherung: Es stärkt die Sichtbarkeit lokaler Gemeinschaften und ihrer Geschichte. Es schafft neue Quellen für die Forschung zu NS-Verbrechen und Zwangsarbeit in Osteuropa und macht persönliche Perspektiven auf Verfolgung und Überleben für die Öffentlichkeit zugänglich.

Mikroarchive

Mikroarchive mit Unterlagen der NS-Verfolgung befinden sich in der gesamten Ukraine – bewahrt in Museen, kleinen Initiativen oder von Familien. Sie sind oft gefährdet, aber von großem Wert für das historische Verständnis. Diese Karte gibt einen Überblick über Standorte, die Teil des Projekts H-Files sind oder im EHRI-Kontext dokumentiert wurden:

„Diese Briefe bringen die Erinnerung zurück“

In der ukrainischen Stadt Makariw erhalten Familien Kopien von Briefen, die ihre Angehörigen aus der NS-Zwangsarbeit schrieben. Lesen Sie ein Interview mit Museums- und Projektleiter Vitalii Heds.

Vorderseite eines Briefs. Quelle: Staatsarchiv der Region Kyjiw.
Vorderseite eines Briefs. Quelle: Staatsarchiv der Region Kyjiw.

Interview mit Hanna Lehun

Die Ukrainerin ist wissenschaftlich Mitarbeiterin der Arolsen Archives und Projektkoordinatorin von „H-Files“ – auf unserer Homepage finden Sie ein Interview mit ihr.

Hanna Schwetschuks Geschichte

Ein zentrales Ziel von H-Files ist, Zusammenhänge zwischen Personen und entsprechenden Dokumenten aufzuzeigen. Ein Beispiel dafür sind die Recherchen zur Biografie von Hanna Schewtschuk.