Briefe, Fotos, Ausweise: Viele Zeugnisse der NS-Verfolgung in der Ukraine befinden sich nicht in staatlichen Archiven, sondern in Privathaushalten, kleinen Museen oder lokalen Einrichtungen. Diese sogenannten Mikroarchive sind akut bedroht – durch Krieg, Witterung und fehlende Ressourcen.
Verstreute Spuren, bedrohte Archive: Warum H-Files entstanden ist
Die Ukraine war während des Zweiten Weltkriegs in besonderem Maße von nationalsozialistischer Besatzung, Deportationen und Massenverbrechen betroffen. Fast fünf Millionen Menschen wurden aus der Sowjetunion zur Arbeit nach Nazi-Deutschland verschleppt, etwa die Hälfte von ihnen stammte aus der Ukraine. Unter den Deportierten waren Männer, Frauen und Jugendliche. Zugleich wurde die Ukraine zu einem zentralen Tatort des Holocausts: Rund 1,5 Millionen der insgesamt sechs Millionen von den Nationalsozialisten ermordeten Jüdinnen und Juden wurden dort getötet. Insgesamt verlor die Ukraine im Krieg mehr als zehn Millionen Menschen.
Die Spuren vieler Betroffener sind bis heute nur fragmentarisch überliefert und über verschiedene Archive, Dokumente und Erinnerungen verstreut.
Das Projekt H-Files reagiert auf die Bedrohung kleiner, ukrainischer Archive mit konkreter Unterstützung, internationaler Zusammenarbeit und digitaler Sicherung. Gemeinsam mit der ukrainischen NGO After Silence und weiteren Partner*innen bewahren die Arolsen Archives diese einzigartigen Dokumente und machen sie langfristig zugänglich. Der Buchstabe „H“ steht im Projektnamen übrigens für History. Das „H-Files“-Projekt wird von der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) und der Gerda Henkel Stiftung unterstützt.
Die intensive Beschäftigung mit Mikroarchiven begann 2023 im Rahmen der Zusammenarbeit mit der European Holocaust Research Infrastructure (EHRI). Erste Recherchen in der Region Cherson machten schnell deutlich, wie verletzlich viele dieser Sammlungen sind, unabhängig davon, ob sie von kleinen Museen, lokalen Initiativen oder Privatpersonen betreut werden. Häufig fehlen konservatorische Mittel, digitale Sicherungen oder eine institutionelle Anbindung.

Russland setzt die Zerstörung kulturellen Erbes gezielt als Waffe ein. H-Files ist eine von den Antworten darauf – konkret, solidarisch und international vernetzt.
Hanna Lehun, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arolsen Archives
In der Region Cherson wurden zum Beispiel während der russischen Besatzung zahlreiche Mikroarchive komplett systematisch zerstört. Vernichtet wurden auch Bestände, die für die russischen Besatzer keine Bedeutung zu haben schienen. Das EHRI-Portal versucht, ukrainische Archive zu erfassen und Verluste zu dokumentieren.


Mehr als ein Archivprojekt
Die Erkenntnis war eindeutig: Die kleinen Archive – ob privat oder institutionell – sind hochgradig gefährdet und können ohne gezielte Maßnahmen nicht bewahrt werden. Hier setzt das Projekt H-Files an: Es widmet sich der Sicherung, Digitalisierung und Sichtbarmachung von Dokumenten, bevor sie endgültig verloren gehen. Dabei ist H-Files weit mehr als reine Bestandssicherung: Es stärkt die Sichtbarkeit lokaler Gemeinschaften und ihrer Geschichte. Es schafft neue Quellen für die Forschung zu NS-Verbrechen und Zwangsarbeit in Osteuropa und macht persönliche Perspektiven auf Verfolgung und Überleben für die Öffentlichkeit zugänglich.




