Anfang der 1930er Jahre zählte die Nürnberger Wäschemanufaktur Karl Joel zu den Großen der Branche. Im Zuge der systematischen Verdrängung von Jüdinnen und Juden aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben im Nationalsozialismus musste Karl Amson Joel, Großvater des bekannten US-Musikers Billy Joel, seinen Betrieb weit unter Wert verkaufen – an den Versandhändler Josef Neckermann. Das Schicksal der Joels zeigt, wie nichtjüdische Firmen von der Verfolgung und Enteignung jüdischer Familien profitierten.
„Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!“ – unter dieser Parole begann am 1. April 1933 ein Boykott jüdischer Geschäfte. Nach der „Machtübergabe“ an die Nationalsozialisten verdrängten sie Jüdinnen und Juden in Deutschland mehr und mehr aus dem Wirtschaftsleben. Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 verloren jüdische Ärzt*innen und Rechtsanwält*innen ihre Zulassungen, Beamte, die die Nationalsozialisten als „nichtarisch“ einstuften, wurden in den Ruhestand versetzt. Es kam zu willkürlichen Verhaftungen und gewaltsamen Übergriffen, die sich häufig gegen prominente jüdische Unternehmer richteten.

Unter diesen Bedingungen sahen sich immer mehr jüdische Kaufleute gezwungen, ihren Betrieb aufzugeben und ihr Eigentum weit unter Wert an nichtjüdische Interessenten zu verkaufen. Während sich 1933 etwa 100.000 Geschäfte und Unternehmen in jüdischem Besitz befanden, reduzierte sich der Anteil bis 1938 um zwei Drittel – bedingt durch Schließungen, Übertragungen oder erzwungene Verkäufe an nichtjüdische Käufer*innen.
Ab Herbst 1938 systematisierte das NS-Regime die Verdrängung und Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung mit mehreren gesetzlichen Maßnahmen. Mit der „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12. November 1938 beispielsweise wurde jüdischen Unternehmen verboten, Einzelhandelsgeschäfte, Versandgeschäfte und Handwerksbetriebe weiterzuführen. Von nun an durften Jüdinnen und Juden kein Geschäft mehr betreiben oder in leitender Position angestellt sein. Das NS-Regime wies jedem noch verbliebenen jüdischen Unternehmen einen nichtjüdischen Treuhänder zu, der den Zwangsverkauf an Nichtjuden überwachen sollte.
Hetze gegen „Wäschejude Joel“
Auch der Nürnberger Textilkaufmann Karl Amson Joel wird Opfer der „Arisierung“. Der Großvater des berühmten US-amerikanischen Sängers und Pianisten Billy Joel hatte 1928 in Nürnberg gemeinsam mit seiner Frau Meta einen Versandhandel und eine Wäschemanufaktur für Textilien und Kleidung eröffnet. In den modernen Räumen seiner Näherei lässt Karl Joel Bettwäsche, Schürzen und Arbeitskleidung fertigen. Mit großem Erfolg. Seine Wäschemanufaktur gehört schon bald zu den bedeutendsten Unternehmen der Branche.
Damit wird der erfolgreiche jüdische Unternehmer zur Zielscheibe des fränkischen Gauleiters Julius Streicher. Streicher ist Herausgeber der antisemitischen Zeitschrift „Der Stürmer“ und Organisator des reichsweiten „Judenboykotts“. In seinem Hetzblatt stellt er Karl Joel als „Prototyp des verbrecherischen Juden“ an den Pranger und diffamiert ihn als „Wäschejuden Joel“.
In der Hoffnung, den antisemitischen Hasstiraden Streichers und der judenfeindlichen Stimmung zu entgehen, verlegt Karl Joel den Sitz seiner Firma 1934 nach Berlin. In Berlin-Wedding mietet er Gebäude für die Verpackung und den Versand seiner Textilien. 160 Eisenbahnwaggons sind nötig, um Ware und Inventar in die Reichshauptstadt umzusiedeln. Die Familie, Sohn Helmut ist inzwischen 9 Jahre alt, bezieht eine Villa in Berlin-Charlottenburg.

Karl Joel ist gezwungen, einen Geschäftsführer einzusetzen, der nach den rassistischen NS-Kriterien als „arisch“ galt. Pakete der Wäschemanufaktur Joel müssen mit einem „J“ für „Jude“ gekennzeichnet werden, und das jüdische Unternehmen darf bald darauf nicht mehr in Zeitungen werben.
Verkauf unter Zwang und unter Wert
1938 verlassen Karl und Meta Joel Deutschland und emigrieren zunächst in die Schweiz, wo ihr Sohn Helmut ein Internat besucht. Das Geschäft in Berlin und die Näherei in Nürnberg müssen die Joels weit unter Wert verkaufen. Für das Unternehmen wird letztlich ein Kaufpreis von 2,3 Millionen Reichsmark angesetzt. Der Käufer: Versandhändler Josef Neckermann.
NSDAP-Parteimitglied Josef Neckermann, der zu dieser Zeit bereits andere „arisierte“ Betriebe aufgekauft hat, reduziert den Kaufpreis eigenmächtig auf 1,14 Millionen Reichsmark, die er auf ein Berliner Treuhandkonto einzahlt. Aus der „Wäschemanufaktur Karl Joel“ wird die „Wäsche- und Kleiderfabrik Josef Neckermann Textilversandhaus“.
Auf die Auszahlung des Geldes wartet die Familie Joel in der Schweiz jedoch vergeblich. Im März 1940, zwei Jahre nach ihrer Emigration, bürgern die Nationalsozialisten die Joels aus dem Deutschen Reich aus. Mit der „Ausbürgerung“ entzogen das NS-Regime politischen Gegner*innen, insbesondere Jüdinnen und Juden, die Staatsbürgerschaft.
Familie Joel in der Ausbürgerungskartei



Mit der Bekanntgabe im „Deutschen Reichsanzeiger“, der amtlichen Zeitung des NS-Regimes, entziehen die Nationalsozialisten der jüdischen Familie Joel am 13. März 1940 die deutsche Staatsangehörigkeit. Ihre Daten sind in der Ausbürgerungskartei vermerkt. Überliefert sind diese Daten auch in der Ausbürgerungskartei, die zur Sammlung des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek gehört.
Vom Profiteur zum Kriegsgewinnler
Während Karl mit Frau und Kind mittellos in einer Einzimmerwohnung in Zürich auf die Ausreise wartet, übernimmt Josef Neckermann die Berliner Villa der Familie Joel samt Möbeln und Fahrer. Die Geschäfte laufen blendend, insbesondere nach Ausbruch des Krieges, denn Neckermann produziert Arbeitskleidung für Zwangsarbeitende und Winteruniformen für die Wehrmacht. Dafür wird er von Adolf Hitler mit dem Kriegsverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet, der höchste Kriegsauszeichnung für Zivilisten, die nicht an Kriegshandlungen beteiligt waren.
Noch lange nach dem Krieg war Josef Neckermann stolz auf seine „Verdienste“. In Archivaufnahmen bezeichnet er das „Sonderprogramm A“ zur Bekleidung ausländischer Zwangsarbeitender als „geradezu grandios“. Über die KZ-Häftlinge, die für die Firma Neckermann unter anderem in Theresienstadt Kleidung nähten, wird er mit den Worten zitiert: „Wir waren überzeugt, für sie Gutes zu tun.“ Im Entnazifizierungsprozess wurde er 1948 als „Mitläufer“ eingestuft.
Flucht nach Kuba
Den Joels gelingt 1938 die Flucht über England nach Kuba. Sie hoffen, dort auf ein Widersehen mit Karls Bruder Leon und seiner Frau Johanna. Doch das Ehepaar befindet sich ausgerechnet an Bord des Passagierschiffs St. Louis, das auf dem Weg nach Kuba nach einer mehrwöchigen Irrfahrt nach Europa zurückkehren muss.


Neuanfang in den USA
Karl, Meta und Helmut Joel bekommen ein Visum für die USA und wandern nach New York aus. Dort muss die Familie bei null anfangen und verkauft handgefertigte Haarschleifen an Kaufhäuser. Helmut wird 1943 in die US-Army eingezogen und kämpft als GI gegen das Deutsche Reich. Nach Kriegsende kehrt er in die USA zurück und heiratet in New York. Aus dieser Ehe gehen die beiden Kinder Judith-Anne und William Martin, der später als Billy Joel berühmt wird, hervor.
Karl und Meta Joel führen nach dem Krieg einen jahrelangen Rechtsstreit gegen den Versandhändler Josef Neckermann. 1959 erstreiten sie eine Entschädigung in Höhe von zwei Millionen D-Mark. 1964 kehren beide nach Nürnberg zurück – Karl mit 75, Meta mit 71 Jahren. Zusammen mit ihrem Sohn Helmut, der 2011 starb, sind sie auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Nürnberg beerdigt.
Literaturhinweis:
Steffen Radlmaier, Billy & The Joels. Der amerikanische Rockstar und seine deutsche Familiengeschichte. 3. Auflage 2024, ars vivendi verlag GmbH & Co. KG
Die Akte Joel, Dokumentarfilm von Beate Thalberg, 2001.
