Die Namen der Opfer sichtbar machen: Das Book of Names für Treblinka

Ein Archiv gegen das Vergessen: Paweł Sawicki und Ewa Teleżyńska-Sawicka geben den Opfern von Treblinka ihre Namen zurück.

Das Treblinka Memorial.
Das Treblinka Memorial 2013. Credits: Adrian Grycuk, CC BY-SA 3.0 PL https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/pl/deed.en, via Wikimedia Commons

Die Memory of Treblinka Foundation widmet sich dem Gedenken an die im Vernichtungslager Treblinka ermordeten Menschen. Ihr Ziel ist es, die Namen und Identitäten der Opfer zu rekonstruieren und dauerhaft sichtbar zu machen. Im Zentrum steht das Book of Names – eine digitale Opferdatenbank, die biografische Informationen, Deportationsrouten und familiäre Verbindungen dokumentiert. Das Projekt wurde von dem Informatiker Paweł Sawicki und seiner Frau Ewa Teleżyńska-Sawicka ins Leben gerufen. In über 15 Jahren haben sie mit Unterstützung aus Wissenschaft, Archiven und mit Engagierten mehr als 130.000 Namen von Holocaust-Opfern aus über 500 Quellen zusammengetragen. Diese umfassende Datenbank bildet die Grundlage für eine geplante Gedenkwand auf dem Gelände des ehemaligen Lagers Treblinka.

Bei einem Besuch in Bad Arolsen im Mai 2025 sprach Paweł Sawicki über seine persönlichen Beweggründe, die methodischen Herausforderungen bei der Rekonstruktion der Opferbiografien – und darüber, dass das alphabetisch-phonetische Vergleichssystem der Arolsen Archives dabei hilft, die Qualität und Präzision des Book of Names weiter zu verbessern.

Wie hat Ihre Recherche begonnen?

Zufällig. Viele Jahre nach dem Tod meines Vaters erfuhr ich, dass er den Holocaust überlebt hatte. Er hatte nie mit uns Kindern darüber gesprochen. Fast seine gesamte Familie wurde in Bełżec ermordet. Aber diese persönliche Geschichte war nicht der Auslöser für unsere Arbeit in Treblinka. 2010 hatten meine Frau und ich das Gefühl, dass in Polen etwas Wesentliches verloren gegangen war – die Erinnerung an die jüdische Bevölkerung. Wir begannen damit, jüdische Namen an den Orten laut vorzulesen, an denen die Menschen gelebt und an denen sie gestorben waren. 2011 fingen wir damit in Treblinka an – jeden letzten Samstag im Monat. Eingeladen wurden wir von Pater Wojciech Lemański, einem katholischen Priester, der regelmäßig Gebete am Gedenkort sprach. Er begrüßte die Idee, Namen zu verlesen. Das ist seither fester Bestandteil der monatlichen Gedenkveranstaltungen.

Uns wurde schnell klar: Wenn wir nicht jeden Monat dieselben Namen lesen wollen, müssen wir sie aufschreiben. So entstand das Book of Names.

Stationsschild des Bahnhofs des nahegelegenen Dorfes Treblinka. David Shankbone, CC BY-SA 3.0 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/, via Wikimedia Commons

Was genau ist das Book of Names?

Das Book of Names ist eine Datenbank – aber noch mehr ein Ort der Erinnerung. Von Anfang an ging es uns nicht nur um einzelne Namen, sondern auch um familiäre Zusammenhänge. Menschen wurden gemeinsam deportiert und ermordet. Wir wollen, dass sie auch im Gedenken zusammenbleiben.

Wir haben bislang mehr als 130.000 Namen aus über 500 verschiedenen Quellen zusammengetragen: Zeug*innenberichte, Transportlisten, Archivmaterial, Gerichtsakten, mündliche Überlieferungen. Und trotzdem ist das nur ein Bruchteil der etwa 900.000 Menschen, die in Treblinka ermordet wurden.

Was sind die größten Herausforderungen Ihrer Arbeit?

Es gibt drei zentrale Schwierigkeiten. Erstens: Dubletten erkennen.
Viele der von uns genutzten Quellen – etwa Pages of Testimony bei Yad Vashem –beinhalten zahlreiche Personendaten. Ein und dieselbe Person kann so aber mehrfach erscheinen, mit unterschiedlichen Schreibweisen oder unvollständigen Angaben. Diese Vielfalt an Quellen und Transkriptionen kann zu Mehrfacheinträgen führen. Wir prüfen solche Fälle einzeln und versuchen, sie mithilfe von Vergleichsalgorithmen und manueller Recherche zusammenzuführen.

Zweitens: Das Schicksal einer Person feststellen. Viele Angehörige wussten nicht genau, wohin ihre Verwandten deportiert wurden – Treblinka, Auschwitz, Theresienstadt: Diese Namen wurden manchmal austauschbar verwendet. Wir versuchen, jeden Eintrag zu überprüfen, aber viele Dokumente sind verloren oder wurden nie erstellt.

Drittens: Die Namen selbst. Sie wurden oft falsch geschrieben, transkribiert oder übersetzt – manchmal bis zur Unkenntlichkeit. Wir vergleichen verschiedene Versionen, rekonstruieren die wahrscheinlichste Namensform und holen bei Bedarf Fachwissen ein. Das ist aufwendig, aber notwendig.

Website Memory of Treblinka Foundation
Website der Memory of Treblinka Foundation

Warum haben Sie die Arolsen Archives aufgesucht?

Das Team der Arolsen Archives hat ein alphabetisch-phonetisches Vergleichssystem entwickelt, das dabei hilft, Personen trotz unterschiedlicher Schreibweisen, Sprachen oder Transkriptionsfehler zu identifizieren – genau das, was wir brauchen.

Wir gleichen unsere Datenbank derzeit mit Hilfe dieses Systems ab. Dabei entstehen sogenannte Übereinstimmungswerte – zum Beispiel 100 Prozent, wenn Name, Geburtsdatum und Herkunftsort exakt übereinstimmen, oder niedrigere Werte bei Abweichungen. So erkennen wir mögliche Dubletten und Fälle, in denen eine Person vielleicht fälschlich als in Treblinka ermordet aufgeführt ist.

Das alphabetisch-phonetische System ist für uns ein enorm wertvolles Werkzeug – besonders mit Blick auf die geplante Gedenkwand mit Namen. Wir wollen so genau wie möglich arbeiten, und die Zusammenarbeit mit Arolsen hilft uns, diesem Ziel näherzukommen.

Das alphabetisch-phonetische System

Wie sprachliche Werkzeuge dabei helfen, die Namen der Verfolgten zu identifizieren? Mehr zum alphabetisch-phonetischen Vergleichssystem der Arolsen Archives finden Sie im verlinkten Schaubild.

Wie gehen Sie mit Fehlern in der Datenbank um?

Wir akzeptieren, dass Fehler passieren – und wir korrigieren sie. Anders kann man solche Recherche nicht betreiben. Es kommt vor, dass uns Familien schreiben: „Sie haben unsere Angehörigen als ermordet aufgeführt – aber sie haben überlebt.“ Das ist immer ein Moment des Innehaltens, und wir passen unsere Daten entsprechend an. Manche sagen: Baut lieber keine Gedenkwand mit Namen – da schleichen sich Fehler ein. Aber genau das wollten die Täter: Menschen vollständig auslöschen, sogar ihre Spuren. Wenn wir die Namen nicht nennen, verlieren wir sie ein zweites Mal. Natürlich wollen wir Fehler vermeiden. Aber das Wichtigste ist, die Namen überhaupt zu nennen. Wenn wir auf Perfektion warten, werden wir nie erinnern. Die Wand wird kein Denkmal der Gewissheit sein – sondern eines der Anwesenheit. Und Erinnerung ist immer unvollkommen. Gerade deshalb ist sie so wertvoll.

Was bedeutet diese Arbeit für Sie persönlich?

Wenn ich Namen in unsere Liste eintrage, sehe ich die Menschen vor mir. Eine Familie mit drei Kindern. Eine 18-jährige Tochter, ein 17-jähriger Junge, ein 14-jähriger. Oder ein zwei Wochen altes Baby. Oder eine 102-jährige Großmutter. Das sind keine Zahlen – das sind Leben, die gewaltsam abgebrochen wurden. Aber wenn man zu emotional wird, kann man diese Arbeit nicht weitermachen. Und wenn man gar nichts fühlt, sollte man sie nicht tun. Man braucht eine gewisse Balance, und zum Glück gelingt es uns offenbar, diese zu halten.

Memory of
Treblinka Foundation

Die Memory of Treblinka Foundation ist eine Organisation, die die Erinnerung an den Vernichtungslagerort Treblinka und die dort von den Nationalsozialisten ermordeten Menschen wachhalten will, indem sie Wissen sammelt, verbreitet und die Namen der Opfer in einer „Book of Names“-Datenbank zusammenstellt.