Die Ohnmacht des IKRK in der NS-Zeit

Wie und warum das Rote Kreuz angesichts der humanitären Verbrechen an der Zivilbevölkerung scheiterte

Ausschnitt aus einer Antwort des DRK ans IKRK.

Während des Zweiten Weltkrieges besucht das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) 12.750 Kriegsgefangenenlager in 41 Ländern durch 179 Delegierte und bewegt mehrere Tonnen Hilfspakete für Kriegsgefangene. Angesichts der NS-Verbrechen an der Zivilbevölkerung aber versagt das IKRK. Warum und mit welchen Folgen – eine chronologische Spurensuche am Beispiel von verschleppten Frauen im KZ Ravensbrück. Zu sieben verwahren die Arolsen Archives Schreiben des Komitees.

Das IKRK überwacht die Einhaltung des humanitären Völkerrechts in kriegerischen Auseinandersetzungen, setzt sich für die gute Behandlung der Gefangenen gegnerischer Staaten ein. Die nationalen Rotkreuz-Gesellschaften sind für die Umsetzung vor Ort zuständig. Und tatsächlich wird das DRK bei Anfragen aus Genf aktiv, schließlich bekennt es sich offiziell weiterhin zur Genfer Konvention – jedenfalls was Anfragen aus dem „Westen“ betrifft. Seit 1933 ist das DRK ein gleichgeschalteter Deutscher Verein, steht unter der Kontrolle der NSDAP.

Das IKRK als „Postbote“

Das DRK ermittelt im Auftrag des IKRK den Aufenthaltsort der Gesuchten, fragt bei der Geheimpolizei und diese in den Konzentrationslagern an. Die erhaltenen Informationen gibt die deutsche Organisation DRK ans IKRK weiter, die wiederum meldet die Nachrichten an die jeweiligen nationalen Rote Kreuz-Gesellschaften weiter: eine lange Kette der Informationsübermittlung. Retten kann das IKRK damit aber niemand. KZ-Häftlinge gelten nicht als Kriegsgefangene, das IKRK pocht auf seine Neutralität. Auch informiert sie die Öffentlichkeit nicht, sendet stattdessen weiterhin Briefe „mit vorzüglicher Hochachtung“ ins Deutsche Reich, während Frauen im KZ Ravensbrück dem Tod geweiht sind. 

Die Briefe des IKRK dokumentieren eindringlich, wie sehr Leocádia Prestes um das Leben ihrer Schwiegertochter Olga kämpfte.
Beispiel eines IKRK-Briefs. Dieser dokumentiert eindringlich, wie sehr Leocádia Prestes um das Leben ihrer Schwiegertochter Olga kämpfte. Quelle: Arolsen Archives, DocIDs: 3770987.

In England bangen die Töchter von Hedwig Feinkuchen um ihre jüdische Mutter im KZ Ravensbrück und fragen übers IKRK nach ihrem Gesundheitszustand. Bei der Widerstandskämpferin Olga Benario Prestes ist es die Schwiegermutter, die sich sorgt. Übers IKRK versucht sie vergeblich, sie aus dem KZ ins Exil nach Mexiko zu holen. Beide Frauen werden in der Tötungsanstalt Bernburg ermordet, genauso wie die Frauenrechtlerin Käthe Leichter, für die das IKRK ebenfalls mehrere Anfragen ans DRK schickt.

Schluss mit Auskünften

Im April 1942 schreibt das DRK dem IKRK, dass „Auskünfte über Nichtarier“, die aus den besetzten Gebieten verschleppt wurden, von den zuständigen Behörden ab jetzt verweigert werden und bittet darum, zukünftig auf solche Anfragen zu verzichten. Persönliche Nachrichten, Pakete der Angehörigen und Postkarten erreichen diese Frauen vermutlich schon vorher nicht mehr. Bei 21 der 23 Komitee-Mitglieder löst dies zunehmend Unbehagen aus, wie der Schweizer Historiker Jean-Claude Favez später recherchiert. Im Herbst 1942 sprechen sie sich für einen öffentlichen Protest wegen der Verletzung des Völkerrechts aus, doch ihr Vorsitzender pfeift sie zurück.

Pakete werden wieder genehmigt

Ab November 1943 erwirkt das IKRK, wieder ausländische Lebensmittelpakete und Kleidung in Konzentrationslager schicken zu dürfen, vor allem aus westlichen Ländern. Die so genannten „Liebesgaben“ sind finanziert von Angehörigen und namentlich an einzelne Gefangene adressiert. Ob sie die Pakete erreichen, ist fraglich. Das IKRK hat keinen Zutritt zu den Konzentrationslagern, es kann ihre Ausgabe nicht kontrollieren. 

In den besetzten Gebieten verhaftet die Gestapo weiterhin willkürlich Menschen. Im Januar 1944 wird Gladys de Maublanc in Paris festgenommen und ins KZ Ravensbrück verschleppt. Seit ihrer Hochzeit mit Henri de Maublanc ist sie Vicomtess, also adelig und zudem Schwester von Elisabeth Arden, die schon damals berühmte Kosmetikunternehmerin. Auch Elisabeth wendet sich in Sorge an das IKRK, weiß nichts von ihrem Verbleib. Das IKRK hofft, durch den Verweis auf ihr „arisch“-sein, mehr Auskünfte vom DRK zu erhalten. Wenig später wird sie ins „Vorzeigelager“ in Vittel gebracht.

Ausschnitt aus der Anfrage des IKRK im Auftrag von Elisabeth Arden
Ausschnitt aus der Anfrage des IKRK im Auftrag von Elisabeth Arden. Quelle: Arolsen Archives, DocID 3783857.

Späte Besuche in Konzentrationslagern

Ab Oktober 1944 bemüht sich das IKRK verstärkt darum, sich selbst ein Bild über die Zustände in den Konzentrationslagern zu machen. Aber erst Anfang April 1945 gelingt es dem Delegierten Hans E. Meyer, eigentlich Mitglied des Deutschen Roten Kreuzes, im Auftrag des IKRK, das KZ Ravensbrück zu besuchen. Es ist vermutlich er, der in einem 1947 veröffentlichten Tätigkeitsbericht auf Seite 108 schreibt:

„Meine Bemühungen haben trotz zahlreicher Schwierigkeiten Erfolg und am 5. April 1945 nehmen die Lastwagen des IKRK aus dem KZ Ravensbrück 299 französische Frauen und eine Polin mit in die Schweiz (…) Ein Anblick des Schreckens und des Elends! Die armen Wesen (…) sind verwahrlost, verängstigt,  misstrauisch (…) Sie halten mich für einen Agenten, der sie in die Gaskammer führen wird. (..) Die meisten haben Hunger-Ödeme, aufgedunsene Knöchel und Bäuche.“

Repartierungsliste der geretteten Französinnen mit Marcelle Bonnefoys Namen.
Repartierungsliste der geretteten Französinnen mit Marcelle Bonnefoys Namen. Quelle: Arolsen Archives, Doc ID 129643777.

Gerettete Französinnen

Unter den Geretteten ist auch die Französin Marcelle Bonnefoy. Ihre Schwester in der Nähe von Paris bangt seit ihrem Verschwinden im Januar 1943 um sie. Völlig unklar ist, warum sie verhaftet wurde. Bei ihr lebt seitdem Marcelles achtjähriger Sohn, der täglich fragt, wann seine Mama endlich wieder nach Hause kommt. Die Tante schreibt einen langen Brief ans Rote Kreuz – und bekommt tatsächlich Antwort: Sie ist im KZ Ravensbrück. Mehr erfährt sie nicht. Nach ihrer Rettung kehrt Marcelle in die Nähe von Paris zurück und stirbt dort im Alter von 93 Jahren.

Quelle: Arolsen Archives, Doc ID 771906.

Weiße Busse aus Skandinavien retten Tausende

Organisatorisch agieren die nationalen Organisationen völlig autark – und im Falle des Schwedischen Roten Kreuzes (SRK) auch mutiger. Als das Kriegsende naht, forciert das SRK Verhandlungen über eine Rückholaktion der Tausenden verschleppten Menschen aus Dänemark und Norwegen. Sie kommen bereits Ende März mit „Weißen Bussen“ nach Hause. 

Die „Weißen Busse“ im dänischen Padborg im April 1945
Die „Weißen Busse“ im dänischen Padborg im April 1945. Quelle: Wikicommons.

Und das SRK tut alles dafür, die Rettungsaktion noch auszuweiten. Es ringt Heinrich Himmler ab, weitere Frauen aus dem KZ Ravensbrück zu retten und nach Schweden zu bringen – unterstützt diesmal vom IKRK, das einen Güterzug bereitstellt. Rund 7.000 Frauen, überwiegend aus Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Luxemburg, Tschechien und Polen, kommen in Sicherheit.

Todesmärsche werden nicht verhindert

Unterdessen treibt das Lagerkommando die verbliebenen vermutlich bis zu 20.000 Frauen im KZ Ravensbrück in Todesmärschen in Richtung Westen. Die meisten davon sind „Östliche“, wie der Kommandant dem am 23. April eingetroffenen IKRK-Delegierten Albert de Cocatrix erklärt. Cocatrix kann die SS nicht überzeugen, das Lager bis zum Eintreffen der russischen Truppen an das IKRK zu übergeben. Er schreibt in seinem Bericht: „Um neun Uhr warteten die ersten Frauenkolonnen in gestreifter Kleidung vor der Kommandantur auf den Aufbruch. (…) Jede weitere Verhandlung war überflüssig.“

Der IKRK-Delegierte Albert de Cocatrix
Der IKRK-Delegierte Albert de Cocatrix. Er versuchte in den letzten Tagen des Krieges den Kommandanten von Ravensbrück zur Übergabe des Lagers an das IKRK zu bewegen. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 132989522, Provenienz: IKRK.

Wie viele Frauen auf dem Marsch an Erschöpfung sterben oder ermordet werden, kann nicht rekonstruiert werden. Viele von ihnen werden am Wegensrand verscharrt, manche später wieder ausgegraben und anonym auf den Friedhöfen der umliegenden Dörfer bestattet. Zirka 2.000 kranke Frauen, zu schwach für den Marsch, bleiben im Lager zurück und werden am 30. April 1945 von der Roten Armee befreit.

Weiteres Leid nach der Befreiung

Vermutlich gehört auch Marthe Marie Mourbel zu den völlig entkräfteten Befreiten. Sie stirbt nur wenige Tage danach, am 15. Mai 1945 im 60 Kilometer entfernten Waren. Im August 1944 hatte das DRK den Angehörigen via IKRK noch mitgeteilt, dass sie gesund sei. Die französische Philosophielehrerin war im Frühjahr 1943 in Angers verhaftet worden, weil sie zusammen mit anderen Lehrerinnen jüdischen Schülerinnen ihrer Mädchenschule geholfen hatte. Möglicherweise hat sie Marcelle Bonnefoy kennengelernt. Sie wurden gleichzeitig deportiert

Collage: Antwort des DRK zu einer Anfrage zu Marthe Mourbel und ein Foto der Deportierten.
Collage: Antwort des DRK zu einer Anfrage zu Marthe Mourbel und ein Foto der Deportierten. Quelle: Arolsen Archives Doc ID: 378406 und Lycée Joachim Du Bellay

Andere haben Glück: „Lebe! Staunend! Intensiv! Aus Hölle zurück“, schreibt Alice Lesser im September 1945 an ihren Bruder Waldemar. Fast sechs Jahre KZ Ravensbrück hat die 64-Jährige überlebt. Ihre nach Brasilien emigrierten Töchter hatten versucht, über das IKRK in Kontakt zu bleiben. Dorthin wandert Alice 1948 schließlich selbst aus und wird wie viele andere Frauen, nie wieder über ihre Vergangenheit sprechen.