Ilana (Greenberg) Kraus und ihr Bruder Alan Greenberg wussten lange Zeit nicht, dass ihr Vater früher schon einmal verheiratet gewesen war und dass aus dieser Ehe ein Kind hervorgegangen war. Erst 2020 fand eine Cousine zufällig die alten Hochzeitsfotos aus den 1930er Jahren – und Bilder von der Tochter des Paares, Mala. Ilana machte sich auf die Suche nach ihrer älteren Halbschwester und wurde schließlich bei den Arolsen Archives fündig: Hier gab es Nachkriegsdokumente über Mala und den gemeinsamen Vater Isak Greenberg. Unser Tracing-Team spürte Mala Malengreau 2025 schließlich in Frankreich auf. Wir sprachen mit Ilana Kraus über ihre Erfahrungen.
Ilana Kraus, wie ist es, plötzlich eine neue Schwester zu haben?
Unbeschreiblich toll. Es ist wie ein Wunder. Wir sind alle sehr, sehr glücklich, dass wir uns endlich gefunden haben. Und gleichzeitig traurig, dass wir fast das ganze Leben nichts von Mala wussten. Sie hat ja jetzt schon Urenkel. Was wir alles verpasst haben! Aber das holen wir jetzt auf. Wir haben uns nun schon zweimal getroffen – einmal auch mit den Kindern und Enkelkindern – und sind ständig in Telefonkontakt. Es ist aber schon eine Herausforderung, weil wir auf drei unterschiedlichen Kontinenten leben: Mala in Frankreich, mein Bruder in den USA und ich in Israel.

Wie kam es zu der Suche nach Mala?
Ende Dezember 2020 schickte mir meine Cousine zwei Fotografien: Auf der einen ist ein Mädchen mit Schleife im Haar zu sehen, auf der anderen ein Mann und eine Frau auf einem Hochzeits- oder Verlobungsfoto. Auf der Rückseite dieses Bildes hatte die Mutter meiner Cousine „Onkel Isak“ notiert, den Namen unseres Vaters. Wir konnten kaum glauben, dass der Mann auf der Aufnahme tatsächlich unser Vater war – obwohl er ihm zum Verwechseln ähnlichsah. Soweit wir wussten, hatte er vor Mai 1948, als er unsere Mutter heiratete, nie zuvor eine Ehe geschlossen. Weil mein Vater aus Polen kam, begann ich, in polnischen Heiratsregistern zu recherchieren. Aber da fand ich nichts. Mein Bruder machte über eine Ahnenforschungs-Plattform einen DNA-Test, aber dabei kam auch nichts heraus.


Sie und Ihr Bruder sind in den USA aufgewachsen. Was hat Ihnen Ihr Vater über die Zeit vor seiner Ausreise in die USA erzählt?
Wenig – so wie fast alle, die den Holocaust überlebt hatten. Ich wusste, dass mein Vater vor dem Zweiten Weltkrieg in Warschau gelebt hatte und sich wegen seiner jüdischen Herkunft entschied, Polen nach dem Einmarsch der Deutschen in Polen verlassen. Er erzählte, dass er gemeinsam mit einer Gruppe anderer Menschen in die Sowjetunion floh, wo er die Kriegsjahre in Internierungslagern verbrachte. Von dort sei er dann nach dem Krieg als Displaced Person nach Deutschland gekommen. In einem DP-Camp hätte er schließlich meine Mutter kennengelernt. Dann sind sie gemeinsam in die USA ausgewandert und haben unsere Familie gegründet. Dass er bereits mit einer Frau und einer Tochter in das DP-Camp gekommen war, davon erzählte er nichts.
Blieben Mala und er in Kontakt?
Offensichtlich hatten sie sporadischen Briefkontakt. Die Briefe könnte Mala sogar noch aufgehoben haben. Aber diesen Kontakt hat er vor uns verheimlicht, und wahrscheinlich auch vor meiner Mutter.

Wie haben Sie dann weitergesucht?
Ich habe bei vielen Archiven und Behörden recherchiert, aber wenig gefunden. Bis ich bei einer Veranstaltung der Organisation „Next Generations of Holocaust Survivors“ von den Arolsen Archives erfuhr. Im Online-Archiv fand ich Dokumente zu Mala und auch die DP-Registrierungen meiner Mutter und meines Vaters. Aber nichts, was meinen Vater und Mala verband. Einige Zeit später suchte ich nochmal. In der Zwischenzeit müssen noch mehr Unterlagen online gegangen sein, denn tatsächlich gab es dann ein Dokument, das unseren Vater als Malas Vater auswies. Dann habe ich eine Anfrage gestellt und darum gebeten, mir bei der Suche nach Mala zu helfen. Wir wollten sie wirklich schnell finden, weil aus den Dokumenten ersichtlich war, dass sie schon weit über 80 Jahre alt sein musste – wenn sie überhaupt noch lebte.

Womit haben Sie gerechnet?
Ich musste ja mit allem rechnen. Aber ich habe mir schon sehr große Hoffnungen gemacht. Als dann nur drei Wochen später die Nachricht von den Arolsen Archives kam, dass sie Mala gefunden haben und dass sie einverstanden ist, mit uns in Kontakt zu treten, war ich aber dennoch total überrascht. Man kann sich gar nicht vorstellen, welches Durcheinander an Emotionen da hochkommt. Ich war gerade auf einer Rundreise durch Japan und musste mich kurz sammeln, aber dann habe ich Mala gleich angerufen. Ich spreche auch Französisch, deshalb war das kein Problem.
Wie war das erste Treffen?
Sehr emotional. Es gab viele Tränen und Umarmungen, dann noch mehr Tränen und Umarmungen. Wir haben uns gleich toll verstanden. Deshalb schmerzt es umso mehr, dass wir uns erst so spät kennenlernen durften! Aber besser spät als nie. Ich bin den Arolsen Archives unendlich dankbar, dass sie die diese Dokumente erhalten und zugänglich machen und dass sie uns geholfen haben, unsere Halbschwester zu finden. So war es Mala und ihrer Familie möglich, einen Kreis zu schließen – und uns, Verwandte in die Arme zu nehmen, von denen wir nie etwas wussten. Diese Erfahrung war überwältigend und wunderbar, und sie hat unser aller Leben grundlegend verändert.

