Mehr als 80 Jahre lang lagen sie in Archiven: Briefe von Zwangsarbeiter*innen aus der Ukraine, die während des Zweiten Weltkriegs nach Deutschland verschleppt wurden. Viele dieser Briefe erreichten ihre Familien nie. Die Initiative „NeprOSTi lysty“ – „Schwierige Briefe“ – macht diese Dokumente wieder sichtbar. Seit 2018 übergibt das Projekt symbolische Kopien an Angehörige, oft nach jahrzehntelanger Ungewissheit.
Im Rahmen des Projekts H-Files arbeiten die Arolsen Archives gemeinsam mit der ukrainischen NGO After Silence daran, gefährdete lokale Sammlungen zu sichern, zu digitalisieren und international zugänglich zu machen. Hanna Lehun, Mitarbeiterin der Arolsen Archives, sprach in Makariw mit Museumsleiter Vitalii Heds über die Briefe, die Reaktionen der Familien und die Bedeutung kleiner lokaler Archive für das historische Gedächtnis.
Ausgangspunkt des Gesprächs ist das Projekt „Schwierige Briefe“ „NeprOSTi lysty“. Es wurde im Mai 2018 vom Historisch-Heimatkundlichen Museum in Makariw zusammen mit dem Staatsarchiv der Region Kyjiw und der ukrainischen Kampagne „Pamjat Natsii“ (Das Gedächtnis der Nation) ins Leben gerufen. Geleitet wird es von Vitalii Heds, Sofia Kameneva und Olexander Alferov. Zwischen 1942 und 1943 verschickten Zwangsarbeiter*innen aus Osteuropa Briefe an ihre Familien, die jedoch nie zugestellt wurden.


Im Rahmen des Projekts wurden über 50.000 solcher Briefe gefunden und im Laufe der Zeit etwa 1.000 Kopien an Menschen aus Makariw und anderen Dörfern der Region Kyjiw übergeben.
Die Briefe von Zwangsarbeiter*innen aus der Ukraine gehören zu den eindrucksvollsten Quellen zur Geschichte der NS-Zwangsarbeit. Wie sind Sie zum ersten Mal auf diese Dokumente gestoßen?
Der Anfang war sehr persönlich. Ich recherchierte zur Geschichte meiner eigenen Familie und erfuhr, dass es im Staatsarchiv der Region Kyjiw eine Sammlung solcher Briefe gibt. Drei Frauen aus meiner Familie waren als Zwangsarbeiterinnen nach Deutschland verschleppt worden. Ich suchte nach Informationen über sie und fand tatsächlich Briefe von Frauen aus meinem Heimatdorf. Einer der ersten Briefe stammte von diesen drei Frauen. Darin beschrieben sie, wo sie arbeiteten und wie es ihnen ging. Es gab auch ein Foto von ihnen. Heute gehen wir davon aus, dass es das letzte Foto ist, auf dem alle drei gemeinsam zu sehen sind. Ich durfte den Brief fotografieren und zeigte ihn meiner Mutter. Ihre Reaktion hat mich sehr bewegt – und sie hat mich ermutigt, weiterzuforschen. So begann alles.


Daraus wurde später die Initiative „NeprOSTi lysty“. Wie entwickelte sich das Projekt?
Zunächst durften wir nicht mit den Briefen arbeiten, weil persönliche Dokumente in der Ukraine 75 Jahre lang geschützt sind. Erst 2018 meldete sich das Archiv wieder bei mir. Die Frist war abgelaufen, wir konnten beginnen.
Wir fertigten Kopien der Briefe an und übergaben sie an Angehörige. Die Originale bleiben natürlich im Archiv. Anfangs war das finanziell schwierig. Doch die Gemeinde Makariw unterstützte uns, später kamen weitere Partner*innen hinzu. Wir organisierten Übergaben in Makariw und in umliegenden Dörfern. Dann wurde das Projekt immer bekannter.
Bis März 2020 hatten wir rund 60 Veranstaltungen durchgeführt und etwa 3.000 Briefe übergeben. Die Corona-Pandemie stoppte diese Arbeit abrupt. Als wir langsam wieder begannen, kam der russische Angriffskrieg. Auch da stellten wir uns die Frage, ob wir weitermachen können. Aber gerade seit 2022 ist die Bedeutung des Projekts für viele Menschen noch einmal gewachsen.
Warum hat der Krieg die Bedeutung verändert?
Weil wir erneut erleben, dass Geschichte angegriffen und umgeschrieben werden soll. Nach den russischen Angriffen auf unsere Region fanden wir in einem Dorf in Hinterlassenschaften von russischen Soldaten die Filtrationsakte einer Ostarbeiterin aus der Region Lwiw. Es war unklar, wie dieses Dokument dorthin gelangt war. Aber für uns war es ein Zeichen: Wir dürfen nicht zulassen, dass andere unsere Geschichte für uns erzählen oder verfälschen. Seitdem ist das Interesse an den Briefen sehr groß. Gemeinden wenden sich an uns, Angehörige kommen zu den Übergaben. In manchen Dörfern sind es 20 oder 30 Briefe, in anderen 200 oder 300. Bei einer Übergabe kamen etwa 200 Menschen in einer Schule zusammen. Das war sehr besonders.


Finden Sie oft Angehörige der Menschen, die die Briefe geschrieben haben?
Ja, sehr häufig. Seit 2018 gab es sogar neun Fälle, in denen wir Briefe noch an die Verfasser*innen selbst übergeben konnten. Leider sind diese Menschen inzwischen alle verstorben. Meist übergeben wir die Briefe heute an Kinder oder Enkelkinder. Manchmal erfahren Familien dadurch zum ersten Mal etwas über das Schicksal ihrer Angehörigen. In zwei Fällen konnten wir mithilfe der Arolsen Archives Grabstätten in Deutschland finden. Die Familien hatten nie Briefe oder Nachrichten erhalten. Erst durch diese Dokumente konnten wir Teile der Geschichte rekonstruieren.
Können Sie ein Beispiel nennen, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Es gibt viele solcher Geschichten. Eine besonders eindrückliche betrifft Maria Harkawenko. Zu ihrem 100. Geburtstag brachten wir ihr drei Briefe, die sie selbst als junge Frau aus Deutschland geschrieben hatte. Ihre Familie bat uns, die Briefe vorzulesen. Ich begann zu lesen, aber sie unterbrach mich und sprach den Brief Wort für Wort mit, ohne ihn anzuschauen. Ihr Sohn war völlig überrascht. Er sagte: „Sie erinnert sich nicht daran, was sie gestern zu Abend gegessen hat, aber diesen Brief kennt sie auswendig.“ Solche Momente zeigen, wie tief diese Erfahrungen in den Menschen geblieben sind.
Wann begann man in der Ukraine, wissenschaftlich und archivisch, mit diesen Briefen zu arbeiten?
In den späten 1980er-Jahren wurden sie im Zusammenhang mit Entschädigungsfragen wieder wichtiger. Viele ehemalige Verfolgte wandten sich an Archive, um Nachweise zu erhalten. Die Briefe wurden jedoch nicht als ausreichender Beleg anerkannt. Danach gerieten sie erneut aus dem Blick. Später begann die Historikerin Tetiana Pastuschenko darüber zu forschen. Und dann begann auch ich, systematischer mit ihnen zu arbeiten.
Sie sind mit Ihrer Sammlung Teil des H-Files-Projekts geworden. Welche Rolle spielt diese Zusammenarbeit für Sie?
Sie ist sehr wichtig. Durch das Projekt konnten wir unsere Sammlung digitalisieren und Kopien an After Silence und die Arolsen Archives übergeben. Außerdem erhielten wir einen Flachbettscanner. So eine technische Ausstattung ist für unsere Arbeit entscheidend.
Bei den Übergaben bringen Familien oft Fotos, Briefe oder andere Dokumente mit. Früher konnte ich sie manchmal nur mit dem Handy fotografieren. Heute können wir solche Materialien direkt vor Ort scannen. Das schützt sie vor Verlust. Gerade im Krieg ist das wichtig, denn Dokumente können sehr schnell verschwinden.
Dank H-Files werden sie nun nicht nur bewahrt, sondern auch zugänglich gemacht: für internationale Forschung und für alle, die sich für die Geschichte vor Ort interessieren.
Was macht kleine lokale Sammlungen wie Ihre aus Ihrer Sicht so bedeutend?
Unsere Sammlung ist klein und vielleicht nicht so bekannt wie die Bestände großer Archive. Aber genau darin liegt ihr Wert. Diese Dokumente wurden in Gemeinden aufbewahrt. Sie erzählen lokale Geschichten und geben Menschen eine Stimme, die sonst oft unsichtbar bleiben. Heute kennen viele Menschen Babyn Jar in Kyjiw. Aber auch in der Region Kyjiw gab es viele weniger bekannte Orte von Verfolgung und Erschießungen. In Makariw fanden die ersten Morde an Jüdinnen und Juden bereits im Juli 1941 statt. Bis heute kennen wir den genauen Ort dieser Erschießungen nicht. Deshalb gibt es dort auch keine angemessene Erinnerungsstelle.
Lokale Sammlungen können helfen, solche Geschichten wieder sichtbar zu machen. Sie zeigen, dass Geschichte nicht abstrakt ist. Sie betrifft konkrete Menschen, Familien und Orte.

Makariw selbst hat 2022 schwere Gewalt erlebt. Wie prägt diese Gegenwart Ihre Arbeit im Museum?
Die Ereignisse von 2022 sind heute ein zentrales Thema unseres Museums. In unserer Gemeinde wurden Zivilist*innen getötet, darunter auch Kinder. Viele Familien haben Angehörige verloren. Diese Geschichten sind sehr schmerzhaft und noch ganz nah. Für uns verbindet sich die Arbeit an der Vergangenheit deshalb mit der Gegenwart. Wir sehen, wie wichtig es ist, Zeugnisse zu sichern, Namen zu bewahren und Verbrechen zu dokumentieren. Das gilt für die nationalsozialistische Verfolgung, und es gilt auch heute.
Was nehmen Sie persönlich aus der Zusammenarbeit im H-Files-Projekt mit?
Die Zusammenarbeit hat mir gezeigt, dass wir mit dieser Arbeit nicht allein sind. Es gibt ein Team, internationale Partner*innen und andere Initiativen. Gemeinsam tun wir etwas sehr Wichtiges: Wir bringen die Erinnerung an diese Menschen zurück. Das gibt mir Kraft und die Gewissheit, dass unser Projekt notwendig ist.


