Zum 85. Jahrestag des Endes der Schlacht um Kyjiw stellen die Arolsen Archives in Kooperation mit dem Max Weber Netzwerk Osteuropa rund 31.000 Dokumente zu sowjetischen Kriegsgefangenen bei #everynamecounts bereit. Auf der Crowdsourcing-Plattform können Freiwillige dabei helfen, die Namen und viele weitere persönliche Angaben aus den historischen Unterlagen zu erfassen – und damit bislang unbekannte Schicksale sichtbar zu machen.
Am 26. September 1941 endete die Schlacht um Kyjiw im Zweiten Weltkrieg mit einem Sieg der Wehrmacht. Hunderttausende sowjetische Soldaten gerieten in der Folge in deutsche Gefangenschaft. Für viele von ihnen begann damit ein Leidensweg bis in den Tod. Während des Zweiten Weltkriegs waren bis zu 5,7 Millionen sowjetische Militärangehörige in deutscher Kriegsgefangenschaft. Mehr als drei Millionen starben an den unmenschlichen Bedingungen in den Gefangenenlagern oder wurden ermordet.
Millionen unbekannte Opfer
Wie die insgesamt bis zu 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen hießen, woher sie kamen und was mit ihnen geschah, ist bis heute bei vielen von ihnen nicht vollständig bekannt. Ein Grund dafür: Die Dokumente, die ihre Gefangenschaft und ihren Tod belegen, sind über zahlreiche Archive in Deutschland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion verteilt. Ihre Erschließung ist deshalb eine internationale Aufgabe.
Kriegsgefangenen-Dokumente bei #everynamecounts
Rund 31.000 Dokumente aus diesem Projekt stehen ab dem 26. September 2026 zunächst auf der Crowdsourcing-Plattform #everynamecounts zur Bearbeitung bereit. Die Unterlagen wurden von der Wehrmacht und deutschen Behörden zur Erfassung von Todesfällen unter sowjetischen Kriegsgefangenen angelegt. Sie stammen aus dem Bundesarchiv, aus den Beständen der ehemaligen Wehrmachtsauskunftsstelle (B 563). Sie enthalten Namen und weitere persönliche Angaben sowie Informationen zu Todesumständen und Begräbnisorten.
Mit wenigen Klicks können Freiwillige diese Informationen aus den historischen Dokumenten übertragen. Die so erfassten Daten werden durch die Digitalisierung besser recherchierbar und können Angehörigen, der Forschung und der historisch-politischen Bildungsarbeit neue Hinweise geben. Wichtig zu wissen: Auf den Dokumenten findet sich häufig die menschenverachtende Sicht der Täter*innen. Sie enthalten teils bewusst verfälschte Angaben – z.B. zu Todesursachen – um das Ausmaß der Verbrechen zu verschleiern.
Sterbenachweise: Die letzten Spuren der Kriegsgefangenen
Bei den neuen #everynamecounts-Dokumenten handelt es sich vor allem um Sterbenachweise, die dieWehrmacht für verstorbene sowjetische Kriegsgefangene führte. Teilweise dokumentierten die Unterlagen auch, wo die Verstorbenen begraben wurden.


Solche Dokumente waren damals Teil der bürokratischen Erfassung der Gefangenen. Heute können sie zu einer der letzten Spuren werden, die von einem Menschen geblieben sind. Gerade für Angehörige sind die Angaben von großer Bedeutung: Ein Name, ein Geburtsort oder ein Begräbnisort kann dabei helfen, eine bislang unbekannte Biografie zu rekonstruieren und einem anonym gebliebenen Schicksal wieder eine persönliche Geschichte zu geben.
„Hinter dem Begriff ‚sowjetische Kriegsgefangene‘ stehen Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Sprachen“, so Moritz Wein, Direktor der Arolsen Archives. „Alle Daten, die Freiwillige bei #everynamecounts erfassen, helfen dabei, individuelle Biografien und Verfolgungswege sichtbar zu machen – für Angehörige, für die Forschung und für eine Erinnerungskultur, die diese Opfergruppe differenziert in den Blick nimmt.“


