Digitalisieren gegen das Vergessen

Neue Dokumente zu sowjetischen Kriegsgefangenen bei #everynamecounts

Sowjetische Kriegsgefangene, Juli 1941. Foto: Gerhard Gronefeld/DHM
Sowjetische Kriegsgefangene, Juli 1941. Foto: Gerhard Gronefeld/DHM

Zum 85. Jahrestag des Endes der Schlacht um Kyjiw stellen die Arolsen Archives in Kooperation mit dem Max Weber Netzwerk Osteuropa rund 31.000 Dokumente zu sowjetischen Kriegsgefangenen bei #everynamecounts bereit. Auf der Crowdsourcing-Plattform können Freiwillige dabei helfen, die Namen und viele weitere persönliche Angaben aus den historischen Unterlagen zu erfassen – und damit bislang unbekannte Schicksale sichtbar zu machen.

Am 26. September 1941 endete die Schlacht um Kyjiw im Zweiten Weltkrieg mit einem Sieg der Wehrmacht. Hunderttausende sowjetische Soldaten gerieten in der Folge in deutsche Gefangenschaft. Für viele von ihnen begann damit ein Leidensweg bis in den Tod. Während des Zweiten Weltkriegs waren bis zu 5,7 Millionen sowjetische Militärangehörige in deutscher Kriegsgefangenschaft. Mehr als drei Millionen starben an den unmenschlichen Bedingungen in den Gefangenenlagern oder wurden ermordet.

Beginn einer radikalen Vernichtungspolitik

Das Ende der Schlacht um Kyjiw markierte einen entscheidenden Moment des deutschen Vormarschs in der Sowjetunion: Innerhalb kürzester Zeit eskalierte die nationalsozialistische Gewalt gegen die Bevölkerung zu systematischen Massenverbrechen. Bereits am 29. und 30. September verübten deutsche SS- und Polizeieinheiten mit ihren Helfern das beispiellose Massaker von Babyn Jar. In der Schlucht nahe Kyjiw ermordeten sie mehr als 33.000 Jüdinnen und Juden. Unter deutscher Besatzung wurden hier auch sowjetische Kriegsgefangene ermordet.

Millionen unbekannte Opfer

Wie die insgesamt bis zu 5,7 Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen hießen, woher sie kamen und was mit ihnen geschah, ist bis heute bei vielen von ihnen nicht vollständig bekannt. Ein Grund dafür: Die Dokumente, die ihre Gefangenschaft und ihren Tod belegen, sind über zahlreiche Archive in Deutschland und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion verteilt. Ihre Erschließung ist deshalb eine internationale Aufgabe.

Rechercheprojekt macht Schicksale sichtbar

Im internationalen Recherche- und Dokumentationsprojekt „Sowjetische Kriegsgefangene“, das die neuen Dokumente für #everynamecounts gesichtet und eingescannt hat, kooperieren seit fast zehn Jahren Archive, Forschungseinrichtungen und Gedenkstätten. Ziel ist es, die Lebenswege sowjetischer Kriegsgefangener nachzuzeichnen, neue Archivquellen zu erschließen und die gewonnenen Informationen für Forschung, humanitäre Schicksalsklärung und Erinnerung zugänglich zu machen.

Sowjetische Kriegsgefangene bei Gschatsk, Sowjetunion, November 1941. Museum Berlin-Karlshorst / Foto: Albert Dieckmann
Sowjetische Kriegsgefangene bei Gschatsk, Sowjetunion, November 1941. Museum Berlin-Karlshorst / Foto: Albert Dieckmann

Kriegsgefangenen-Dokumente bei #everynamecounts

Rund 31.000 Dokumente aus diesem Projekt stehen ab dem 26. September 2026 zunächst auf der Crowdsourcing-Plattform #everynamecounts zur Bearbeitung bereit. Die Unterlagen wurden von der Wehrmacht und deutschen Behörden zur Erfassung von Todesfällen unter sowjetischen Kriegsgefangenen angelegt. Sie stammen aus dem Bundesarchiv, aus den Beständen der ehemaligen Wehrmachtsauskunftsstelle (B 563). Sie enthalten Namen und weitere persönliche Angaben sowie Informationen zu Todesumständen und Begräbnisorten.

Mit wenigen Klicks können Freiwillige diese Informationen aus den historischen Dokumenten übertragen. Die so erfassten Daten werden durch die Digitalisierung besser recherchierbar und können Angehörigen, der Forschung und der historisch-politischen Bildungsarbeit neue Hinweise geben. Wichtig zu wissen: Auf den Dokumenten findet sich häufig die menschenverachtende Sicht der Täter*innen. Sie enthalten teils bewusst verfälschte Angaben – z.B. zu Todesursachen – um das Ausmaß der Verbrechen zu verschleiern.

Jetzt mitmachen

Wer bei #everynamecounts mitmacht, hilft dabei, verlorene Namen wieder sichtbar zu machen. Dafür braucht es weder Vorkenntnisse noch viel Zeit – ein Computer oder Smartphone und ein paar Minuten genügen.

Sterbenachweise: Die letzten Spuren der Kriegsgefangenen

Bei den neuen #everynamecounts-Dokumenten handelt es sich vor allem um Sterbenachweise, die dieWehrmacht für verstorbene sowjetische Kriegsgefangene führte. Teilweise dokumentierten die Unterlagen auch, wo die Verstorbenen begraben wurden.

Sterbenachweis des Ukrainers Ivan Petrenko, Quelle: Bundesarchiv.

Im Sterbefallnachweis des Ukrainers Ivan Petrenko zeigt sich das Grauen der Kriegsgefangenschaft für die sowjetischen Soldaten: „Schädelbruch durch Steinquetschung“ lautet seine Todesursache „infolge Unfalls“. Ivan wurde ab 1941 erst im Stalag 326/VI K in Stukenbrock/Senne festgehalten, einem der größten Lager für sowjetische Kriegsgefangene. Danach kam er ins Stalag VI D in Dortmund und wurde im Arbeitskommando 2250 zur Zwangsarbeit eingesetzt. Gestorben ist er 1944 in Iserlohn.

Im „Stalag 326 (VI K)“ bei Schloß Holte-Stukenbrock mussten die sowjetischen Gefangenen sich Erdhütten als Unterschlupf graben. Foto: Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne.
Im „Stalag 326 (VI K)“ bei Schloß Holte-Stukenbrock mussten die sowjetischen Gefangenen sich Erdhütten als Unterschlupf graben. Foto: Gedenkstätte Stalag 326 (VI K) Senne.

Solche Dokumente waren damals Teil der bürokratischen Erfassung der Gefangenen. Heute können sie zu einer der letzten Spuren werden, die von einem Menschen geblieben sind. Gerade für Angehörige sind die Angaben von großer Bedeutung: Ein Name, ein Geburtsort oder ein Begräbnisort kann dabei helfen, eine bislang unbekannte Biografie zu rekonstruieren und einem anonym gebliebenen Schicksal wieder eine persönliche Geschichte zu geben.

„Hinter dem Begriff ‚sowjetische Kriegsgefangene‘ stehen Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und Sprachen“, so Moritz Wein, Direktor der Arolsen Archives. „Alle Daten, die Freiwillige bei #everynamecounts erfassen, helfen dabei, individuelle Biografien und Verfolgungswege sichtbar zu machen – für Angehörige, für die Forschung und für eine Erinnerungskultur, die diese Opfergruppe differenziert in den Blick nimmt.“

Interview zum Projekt

Esther Meier vom Max Weber Netzwerk Osteuropa leitet die Recherchen im Projekt „Sowjetische Kriegsgefangene“. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, wie das Projektteam die Archivrecherche angeht, welche Quellen es nutzt und warum es gerade jetzt wichtig ist, an die lange übersehene NS-Opfergruppe der sowjetischen Kriegsgefangenen zu erinnern.