Ein gemeinsames europäisches Geschichtsbewusstsein entwickeln“

Interview mit Andreas Holtberget von EuroClio zur europäischen Dimension von „Facts not Fiction“

Andreas Holtberget, EuroClio

„Facts not Fiction“ richtet sich an junge Menschen in ganz Europa, die sich in lokalen Geschichtsprojekten mit Opfern der NS-Verfolgung beschäftigen. Welche Erwartungen und Hoffnungen knüpfen Sie an den europaweiten Ansatz?

Andreas Holtberget

Wir arbeiten ausschließlich in transnationalen Teams und versprechen uns von der europaweiten Kooperation einen großen Mehrwert. In unserer Forschung haben wir festgestellt, dass Lehrende überall in Europa ähnliche Sorgen äußern. Sie fragen sich: Wie können wir Schüler*innen aktiv in Lernprozesse einbinden? Wie wecken wir ihr Interesse und ihre Aufmerksamkeit? Wie sprechen wir umstrittene Themen und Ereignisse der Vergangenheit an? Und wie verbinden wir Vergangenheit und Gegenwart?

Angesichts fehlender Ressourcen und Ausbildungen halten es viele für schwierig, schülerzentrierte und aktivierende Lernmethoden einzuführen, mit denen Schüler*innen den Beruf von Historiker*innen kennenlernen können. Sie befürchten, dass das Lehren und Lernen über die Geschichte lokaler Minderheiten, wie Sinti und Roma oder LGTBQIA+, aufgrund fehlender Mittel auf der Strecke bleibt.

Diese Probleme gehen wir mit unserem Projekt an. Gleichzeitig hoffen wir, dass der europaweite Ansatz die Lernenden motiviert. Einige von ihnen sind Anfang des Jahres zu unserer Jahreskonferenz nach Bratislava gereist. Dort konnten sie sich mit Gleichaltrigen austauschen, die an ähnlichen Projekten in anderen Ländern arbeiten, und voneinander lernen.

Ich hoffe außerdem, dass der lokale Ansatz Vorurteilen wie „nur Juden wurden verfolgt“ entgegenwirkt und verschiedene Verfolgtengruppen ‒ beispielsweise Roma, Menschen mit Behinderung oder andere Minderheiten ‒ stärker in den Fokus rückt. Ich halte es für extrem wichtig, persönlichen Geschichten mehr Aufmerksamkeit zu widmen und deutlich zu machen, dass die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung Individuen wie Du und ich waren ‒ nicht eine unpersönliche Masse wie „die Juden“ oder „die Roma“.

Und schließlich ermöglicht die europaweite Struktur des Projekts jungen Leuten in verschiedenen Ländern, lokale Geschichten zu teilen, miteinander zu vergleichen und einander gegenüberzustellen. So entdecken sie vielleicht Querverbindungen, die über die typischen Narrative, die in den jeweiligen Ländern vermittelt werden, hinausgehen.

Portrait von Andreas Holtberget

Ich hoffe, dass wir so ‒ wenn auch in bescheidenem Maße ‒ dazu beitragen, ein gemeinsames europäisches Geschichtsbewusstsein zu entwickeln.

Andreas Holtberget

Wo genau finden die lokalen Projekte statt und wie unterschiedlich ist die jeweilige Ausgangssituation in den Ländern?

Die lokalen Projekte werden an zwei Standorten in Deutschland sowie an mehreren Standorten in Rumänien, in Serbien und in Finnland durchgeführt. Diese Länder haben den Zweiten Weltkrieg sehr unterschiedlich erlebt. Für das finnische Team war es sicher weniger offensichtlich, wo es ansetzen sollte. Zwar hat die neuere Forschung auch neue Erkenntnisse über die Geschichte dieses Landes im Zusammenhang mit dem Holocaust hervorgebracht. Und natürlich schauen wir auf eine gemeinsame europäische Vergangenheit. Aber angesichts der verschiedenen Erfahrungen und – wichtiger noch –Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg sind die Ausgangssituationen der Teams sehr unterschiedlich, etwa was den Zugang zu Archiven oder die öffentliche Wahrnehmung betrifft. Es ist also eine gute Möglichkeit zu testen, ob unsere Methodik in verschiedenen Kontexten funktioniert! 

Wie werden die Ergebnisse zugänglich gemacht?

Die Schüler*innen leisten wirklich Erstaunliches und präsentieren ihre Forschungsergebnisse in verschiedenen Formaten. Einige präsentieren ihre Ergebnisse in Form kleiner Ausstellungen, andere erstellen Podcasts und historische Touren. Manche arbeiten sogar an Graphic Novels. Was wir bisher gesehen haben, war wirklich beeindruckend!

Im Rahmen des Projekts soll ein europaweiter Jugendrat gebildet werden. Was hat es damit auf sich und was versprechen Sie sich davon?

Wir hoffen, dass alle am Projekt beteiligten Schüler*innen aus den verschiedenen Ländern dem Jugendrat beitreten werden, um sich über ihre Arbeit auszutauschen und um sicherzustellen, dass ihre Stimme vom Projektteam gehört wird. Wir freuen uns, dass wir dabei auf die Erfahrung unseres Projektberaters Aaron Peterer zählen können. Er ist ein exzellenter Jugendpädagoge und wird im Rahmen des Jugendrats online 3D-Rundgänge durch das Anne-Frank-Haus koordinieren. Das Event steht allen Jugendlichen offen und ist nicht auf die Teilnehmer*innen des Projekts beschränkt – also „stay tuned“!

Andreas Holtberget ist Projekt- und Outreach-Manager bei unserem Partner EuroClio