Erinnern an die Kinder von Papenhorst

Wie Säuglinge und Kleinkinder ausländischer Zwangsarbeiterinnen in NS-Kinderheimen systematisch vernachlässigt wurden

Ukrainische Frauen bei einer medizinischen Untersuchung in Artjomowsk (Ukraine), wo sie sich auf Anweisung der deutschen Verwaltung vor dem Abtransport auf ihre Tauglichkeit als Zwangsarbeiter*innen in der deutschen Rüstungsindustrie prüfen lassen mussten. Bundesarchiv, Bild 183-B19880 / Knödler / CC-BY-SA 3.0
Ukrainische Frauen bei einer medizinischen Untersuchung in Artjomowsk (Ukraine), wo sie sich auf Anweisung der deutschen Verwaltung vor dem Abtransport auf ihre Tauglichkeit als Zwangsarbeiter*innen in der deutschen Rüstungsindustrie prüfen lassen mussten. Bundesarchiv, Bild 183-B19880 / Knödler / CC-BY-SA 3.0

Sie hießen Viktor, Luisa, Jurji oder Irene ‒ auf dem Friedhof in Nienhagen bei Celle erinnern 28 Grabplatten an die Kinder polnischer und russischer Zwangsarbeiterinnen, die zur NS-Zeit im „Polenkinderheim“ von Papenhorst gestorben sind. Auf Initiative von Hans-Werner Spieß, der sich für die Pflege des Gedenkorts einsetzt, suchen die Arolsen Archives nun nach den Familien dieser Kinder.

Im Sommer 1944 gab es etwa zwei Millionen ausländische Zwangsarbeiterinnen im Deutschen Reich, die meisten aus Polen und der Sowjetunion. Viele waren in einem Alter, in dem sie Kinder hätten bekommen können, doch die Nationalsozialisten setzten alles daran, Schwangerschaften zu verhindern. Das hatte auch wirtschaftliche Gründe: Schwangerschaften standen der maximalen Ausbeutung der Arbeitskraft der Zwangsarbeiterinnen im Weg. Vor allem aber waren die Kinder der Zwangsarbeiterinnen aus Gründen der NS-Rassenideologie absolut unerwünscht.

Baracke der NS-Entbindungsanstalt für polnische Zwangsarbeiterinnen in Braunschweig. Quelle: Instytut Pamięci Narodowej, Komisja Ścigania Zbrodni przeciwko Narodowi Polskiemu

Schwangerschaften unerwünscht

Maßnahmen wie die getrennte Unterbringung von Männern und Frauen oder die Ausgabe von Verhütungsmitteln sollten Schwangerschaften bei den ausländischen Zwangsarbeiterinnen verhindern – dennoch waren sie keine Seltenheit. Manche Frauen wurden bereits schwanger ins Deutsche Reich deportiert. Andere Schwangerschaften gingen aus Liebesbeziehungen zwischen Zwangsarbeitenden oder aus Vergewaltigungen hervor.

Zwangsarbeiterinnen, die ein Kind erwarteten, wurden anfangs umgehend in ihre Herkunftsländer abgeschoben. Bald schöpften die NS-Ämter jedoch den Verdacht, dass die Frauen gezielt schwanger wurden, um nach Hause entlassen zu werden. Hinzu kam: Je länger der Krieg dauerte, desto schwieriger ließ sich die Arbeitskraft der Frauen in den kriegswichtigen Rüstungsbetrieben oder in der Landwirtschaft ersetzen. Der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, Fritz Sauckel, ließ die „Rückführungen“ daher Ende 1942 per Erlass einstellen. Schwangerschaftsabbrüche, die für deutsche Frauen verboten waren, wurden für Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa, aus der Sowjetunion und Polen erleichtert oder die Frauen wurden sogar zur Abtreibung gezwungen.

Aufnahme aus der NS-Entbindungsanstalt für polnische Zwangsarbeiterinnen in Braunschweig, 1943/1944. Quelle: Instytut Pamięci Narodowej, Komisja Ścigania Zbrodni przeciwko Narodowi Polskiemu

NS-Entbindungsanstalten und „Ausländerkinder-Pflegestätten“

Weigerten sich die werdenden Mütter abzutreiben, mussten sie ihre Kinder nun in eigens dafür eingerichteten Entbindungsanstalten zur Welt bringen. So wollten die Nazis sicherstellen, dass die Frauen möglichst schnell an ihre Arbeitsstelle zurückkehrten. Säuglinge, die einen deutschen Vater hatten, konnten „eingedeutscht“ werden, alle anderen wurden möglichst sofort nach der Geburt von ihren Müttern isoliert und in Sammellagern für Säuglinge untergebracht.

Diese „Ausländerkinder-Pflegestätten“ entstanden ab 1943 überall im Deutschen Reich. In ihnen herrschten zumeist verheerende Zustände. Zwischen 50 und 90 Prozent der Säuglinge starben an mangelnder Ernährung, Hygiene und Pflege. Wie viele es genau waren, lässt sich heute schwer sagen, da nur wenige Tode dokumentiert sind. Historiker*innen schätzen, dass es 30.000 bis 50.000 Todesopfer gab. Der Tod der Kinder wurde zwar nicht explizit angeordnet, war aber durchaus gewollt, so die Einschätzung des Historikers Jens-Christian Wagner.

Tatsächlich waren es keine Pflegestätten, sondern Tötungsanstalten, in denen die Kinder an den geplanten Folgen organisierter Unterversorgung starben.

Jens-Christian Wagner, Historiker

Misshandlungen unter den Augen der Nachbarschaft

Das „Polenkinderheim“ im Nienhäger Ortsteil Papenhorst war eine solche „Ausländerkinder-Pflegestätte“. Sie wurde im August 1944 wahrscheinlich von der Kreisbauernschaft, dem Berufsverband der Landwirte, angemietet. Die Leitung oblag einer Deutschen, der zwei polnische Zwangsarbeiterinnen zugeteilt waren. Die ersten polnischen und russischen Kinder kamen im September 1944 an. Insgesamt sind im Melderegister von Nienhagen 48 „Zugänge“ vermerkt.

In diesem Haus war die „Ausländerkinder-Pflegestätte“ Papenhorst untergebracht. Mindestens 28 Kinder starben hier zwischen Herbst 1944 und Kriegsende. Quelle: Cellesche Zeitung, Peter Müller, Aufnahmedatum unbekannt.
In diesem Haus war die „Ausländerkinder-Pflegestätte“ Papenhorst untergebracht. Mindestens 28 Kinder starben hier zwischen Herbst 1944 und Kriegsende. Quelle: Cellesche Zeitung, Peter Müller, Aufnahmedatum unbekannt.

Das unscheinbare Fachwerkhaus in Papenhorst 9 A hatte zuvor als Kriegsgefangenenlager gedient. Laut Zeitzeug*innenberichten waren die Räume des Hauses feucht, lediglich die Küche ließ sich beheizen. Es mangelte an Decken, Windeln und Kleidung. Die Kinder bekamen weniger als ein Fläschchen Milch pro Tag und die hygienischen Verhältnisse müssen katastrophal gewesen sein.

Siegfried Elsner, der im Nachbarhaus aufwuchs und damals elf Jahre alt war, gab 55 Jahre später gegenüber der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung an, er habe beim Spielen Schreie und Rufe von dem Grundstück gehört: „Die Kinder wurden misshandelt und geschlagen“, glaubt er. Auch andere Dorfbewohner*innen dürften von den Zuständen im in dem Sammellager für Kinder und Säuglinge erfahren haben. Die damals 12-jährige Sanna Gutzeit aus Papenhorst erinnert sich:

Oft haben wir das Wimmern von Kindern gehört, wenn wir dort vorbeikamen. […] In dieser Zeit durfte man nicht viel fragen, es wurde aber gemunkelt, dass da schlimme Sachen passierten. ‚Kümmere dich nicht darum, sonst ist morgen die Polizei da‘, habe ihre Mutter gesagt.

Sanna Gutzeit, Zeitzeugin, zitiert nach: Hannoversche Allgemeine Zeitung, 15.4.2000

Unter diesen katastrophalen Bedingungen ist es kaum verwunderlich, dass viele Säuglinge den Aufenthalt in Papenhorst nicht überlebten. Nur zwölf Kinder verließen die Einrichtung nachweislich 1945 wieder. 28 Sterbefälle sind amtlich dokumentiert. Das jüngste Kind wurde nur 18 Tage alt, das älteste ein Jahr und acht Monate. Woran sie jeweils starben, ist in den Sterbeurkunden selten vermerkt. Es existieren auch keine Aufzeichnungen über die Beerdigungen, die Grabplatten für die Kinder auf dem Friedhof Nienhagen wurden erst später verlegt. Seit April 2000 erinnert eine Gedenktafel an ihr Schicksal.

Hans-Werner Spieß beim Bemalen der Namenssteine. Foto: Hans-Werner Spieß. Foto: privat
Hans-Werner Spieß beim Bemalen der Namenssteine. Foto: Hans-Werner Spieß. Foto: privat

Der 72-jährige Hans-Werner Spieß, der in der Region wohnt, engagiert sich seit Jahren dafür, dass die Kinder von Papenhorst nicht in Vergessenheit geraten: Er besucht die Gräber, legt Blumen nieder und hat für jedes Kind einen Feldstein bunt bemalt. Auf seine Initiative hin haben die Arolsen Archives im August 2025 die Suche nach Angehörigen der verstorbenen Kinder in Polen aufgenommen, um ihnen den Sterbeort ihrer Verwandten mitzuteilen.

Zwei Grabplatten von Kindern, die in Papenhorst gestorben sind, auf dem Friedhof in Nienhagen bei Celle, Foto: Hans-Werner Spieß. Foto: privat
Zwei Grabplatten von Kindern, die in Papenhorst gestorben sind, auf dem Friedhof in Nienhagen bei Celle, Foto: Hans-Werner Spieß. Foto: privat

Die Suche nach Angehörigen beginnt

Über die Mütter der Kinder ist wenig bekannt. Schon die Recherche ihrer Namen im Archiv erwies sich als kompliziert, weil die Dokumente oft unterschiedliche Schreibweisen oder Schreibfehler enthalten. Sicher ist, dass es sich um ausländische Zwangsarbeiterinnen aus der ganzen Region handelte. In den Unterlagen wird als Geburtsort der Kinder überwiegend Celle genannt. Malgorzata Przybyla, Mitarbeiterin der Arolsen Archives, koordiniert die Suche nach Familien in Polen, wo zahlreiche Freiwillige die Recherche unterstützen.

Die Suche nach den Familien wird nicht leicht, da die Mütter überwiegend ledig waren, als sie die Kinder geboren haben. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat haben sie bestimmt geheiratet und somit ihren Namen geändert. Ein weiteres Hindernis ist, dass alle diese Frauen im Durchschnitt 20 Jahre alt waren. Deshalb werden wir ihre Geburtsurkunden nicht in den digitalen Beständen der polnischen Standesämter finden können. Diese werden erst nach 100 Jahren der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.

Malgorzata Przybyla, Teamleiterin Tracing, Arolsen Archives

Erste Erfolge

So ist der Unterstützerin Manuela Golc schon wenige Wochen nach Beginn der Suche gelungen, eine Verwandte von Bronisława Kucz in England ausfindig zu machen. Bronisława war die Mutter der kleinen Regina, die am 28. Dezember 1944 in Celle geboren wurde und nur knapp drei Monate später im Kinderheim Papenhorst starb. Laut Aussage der Verwandten war Bronisława die Schwester ihres Urgroßvaters Mieczysław. Sie wurde in ihrer Heimatstadt in Polen beerdigt.