Erinnerung sichtbar machen: griechische Opfer des NS-Regimes

Ein Interview mit Loukas Lymperopoulos über Forschung, Erinnerung und die Rückgabe von Effekten griechischer NS-Verfolgter

Die Taschenuhr von Vasilios Kontogeorgiou. Foto: Arolsen Archives

Im Juni 2024 fand die eine besondere Übergabezeremonie im Rahmen von #StolenMemory: Es wurde der persönliche Gegenstand eines griechischen NS-Verfolgten an dessen Familie zurückgegeben. Die Taschenuhr von Vasilios Kontogeorgiou, einem Widerstandskämpfer, der das Konzentrationslager Neuengamme überlebte, wurde seiner Enkelin Angeliki in der griechischen Botschaft in Berlin überreicht. Dies war auch das Ergebnis monatelanger Recherche – maßgeblich initiiert und begleitet von Loukas Lymperopoulos. Der in Hamburg lebende pensionierte Lehrer forscht zur Geschichte griechischer KZ-Häftlinge. Im Interview berichtet er über seine Arbeit, die Erinnerungskultur in Griechenland und die Reaktionen der Nachkommen.

Loukas Lymperopoulos. Foto: privat.

Herr Lymperopoulos, seit wann befassen Sie sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus, insbesondere mit dem Schicksal griechischer KZ-Häftlinge?

Loukas Lymperopoulos

Das KZ Neuengamme wurde Anfang Mai 1945 befreit. Seit den 1980er-Jahren werden dort jährlich am Himmelfahrtstag von der griechischen Community Kränze niedergelegt, begleitet von einer orthodoxen Gedenkmesse. Als ich feststellte, dass es keine griechischsprachige Publikation zu der Geschichte des Lagers gibt, wollte ich ursprünglich eine Broschüre für die Community schreiben. Doch die Recherche zeigte schnell, wie komplex und umfangreich das Thema ist. Seit 2019 arbeite ich nun intensiv daran.

Sie schreiben aktuell ein Buch über griechische Häftlinge in Neuengamme. Gab es dazu bereits wissenschaftliche Vorarbeiten?

Loukas Lymperopoulos

Ganz neu ist das Thema nicht, aber vieles ist noch unerforscht. Es gab den Artikel eines Journalisten von 1998 und das Buch eines anderen Journalisten von 2017. Beide listen Namen aus dem Archiv der Gedenkstätte Neuengamme auf, haben aber nicht weiter recherchiert und Ungenauigkeiten des Archivs übernommen. Ein griechischer Historiker hat seine Habilitation über griechische Häftlinge in deutschen KZs geschrieben und auch einige neue Namen zu Neuengamme veröffentlicht. Zudem existieren die Memoiren von neun Überlebenden, vier von ihnen sind unveröffentlicht. Ich versuche jetzt, die vielen fehlenden biografischen Details zusammenzutragen.

Wie kam es zur Rückgabe der Taschenuhr von Vasilios Kontogeorgiou?

Loukas Lymperopoulos

Die Rückgabe war das Ergebnis einer langen, verschlungenen Recherche, die von mir durchgeführt wurde. Alles begann mit Artikeln zu griechischen NS-Opfern, darunter Vasilios Kontogeorgiou, die ich in griechischen Lokalzeitungen platzieren konnte, u.a. in seiner Heimatstadt. Daraufhin meldete sich eine Professorin, die zum Zweiten Weltkrieg und zur Oral History forscht. Sie konnte mir ein vergriffenes Buch von 1985 mit Interviews von KZ-Überlebenden – darunter auch eines mit Kontogeorgiou digital zur Verfügung stellen.

Mit diesem Interview, mit Dokumenten aus dem griechischen Staatsarchiv und aus deutschen Archiven war es mir möglich, seine Biografie zu rekonstruieren. Über Frau Vaso Panagou, deren Großvater in Neuengamme ums Leben kam und zu der ich bereits Kontakt hatte, gelang es schließlich, die Familie von Kontogeorgiou ausfindig zu machen. Seine Enkelin lebte zu der Zeit seit zehn Jahren in Berlin und meldete sich im April 2024 bei mir. Ich stellte den Kontakt zu den Arolsen Archives her – und im Juni 2024 wurde die Taschenuhr schließlich in der Griechischen Botschaft an die Familie übergeben.

Die Geschichte aber ging weiter: Seit 2024/25 läuft #StolenMemory auch über das griechische Bildungsministerium und das Außenministerium. Effekten von sieben Personen waren noch vorhanden. Zwei Schulen fanden Angehörige. Eine Übergabe erfolgte im Juni 2025 in Thessaloniki, eine weitere ist für Herbst geplant.

#StolenMemory – eine Initiative der Arolsen Archives

Schmuck, Erinnerungsfotos, Papiere – die Nazis nahmen ihren Opfern bei der Verhaftung alle persönlichen Sachen ab. Einige Tausend dieser Gegenstände aus den Konzentrationslagern gibt es noch. Wir suchen die Familien der Opfer und geben sie zurück.

Die Taschenuhr von Vasilios Kontogeorgiou. Foto: Arolsen Archives

Welche Erkenntnisse oder Einzelschicksale aus Ihrer Recherche haben Sie besonders bewegt?

Loukas Lymperopoulos

Sehr tragisch sind die Geschichten von Brüdern, die beide im Lager starben, oder von Vätern und Söhnen, die nicht zurückkehrten. Besonders hart ist es, wenn die Angehörigen keinerlei Informationen über das Schicksal ihrer Liebsten hatten, weil sie vermisst waren. In Gesprächen mit Angehörigen passiert es oft, dass sie weinen – weil sie zum ersten Mal erfahren, wie sehr ihre Väter oder Großväter gelitten haben. Für viele ist das ein Schock, aber auch ein Moment der Erleichterung.

Mit wie vielen Zeitzeugen konnten Sie noch sprechen?

Loukas Lymperopoulos

Als die Recherche 2019 begann, waren mir fünf Überlebende bekannt. Mit vieren von ihnen konnte ich noch persönlich sprechen. Alle waren sehr offen und dankbar, dass sich jemand für diesen Lebensabschnitt, der ihnen so wichtig war, interessierte und darüber schreiben wollte. Für sie war vor allem entscheidend, dass sie als Opfer Anerkennung fanden. Der letzte von ihnen starb im Februar 2025 in Piräus im Alter von 99 Jahren. Der vorletzte verstarb im März 2024 in Schweden. Er wurde 104 Jahre alt.

Welche Rolle spielt die KZ-Haft griechischer NS-Verfolgter heute in der Erinnerungskultur Ihres Landes?

Loukas Lymperopoulos

Der bewaffnete Widerstand ist sehr präsent: Es gibt Literatur, Museen, Gedenkorte, Denkmäler usw.  Aber die Deportation und KZ-Haft von politischen Gefangenen ist bis heute wenig erforscht. Viele der Betroffenen wurden nach dem Krieg vom griechischen Staat nicht als Widerstandskämpfer, sondern als Kommunisten und damit als Staatsfeinde behandelt. Die meisten Museen des Widerstands sind personell unterbesetzt und haben kaum Kapazitäten für vertiefte Forschung über diese Materie. Auch ist das ehemalige Lager Chaidari bei Athen heute Militärsperrgebiet. Das Thema braucht dringend mehr öffentliche Aufmerksamkeit.

Wie nehmen Sie das öffentliche Interesse und die Kenntnisse über die deutsche Besatzung Griechenlands sowie die Verfolgung griechischer NS-Opfer in beiden Ländern wahr?

Loukas Lymperopoulos

Bis in die 1990er war die deutsche Besatzung Griechenlands in der deutschen Öffentlichkeit kaum bekannt. Millionen Deutsche machten Urlaub in Griechenland ohne gewusst zu haben, dass in der Nähe des Urlaubsortes eventuell Massaker verübt wurden. Die Griechen wiederum wollten die jungen Deutschen nicht für die Verbrechen der Älteren verantwortlich machen und haben sie nicht darauf angesprochen. Erst die Auseinandersetzungen über die Reparationen bzw. Entschädigungen und die damit zusammenhängenden Gerichtsprozesse rückten das Thema stärker in den Fokus. Die Eurokrise 2010 verschärfte das: In deutschen Medien wurden Griechen diffamiert und aufgefordert ihre Schulden zu bezahlen. In der griechischen Öffentlichkeit erinnerte man sich im Gegenzug an die unbezahlten deutschen Kriegsschulden und die nicht geleisteten Reparationen. Seitdem ist die Besatzungsgeschichte in Griechenland stärker präsent und in Deutschland zumindest etwas bekannter geworden.

Wie reagieren Angehörige, wenn Sie neue Informationen zu ihren Familienmitgliedern geben können?

Loukas Lymperopoulos

Mit Dankbarkeit, Entsetzen und Betroffenheit. Viele wussten kaum etwas über das Leid ihrer Väter oder Großväter, weil diese nie darüber sprachen. Die Traumata waren zu groß. Wenn ich ihnen Details nennen kann über die betreffenden Lager, wie z.B. Tagesablauf, Hinrichtungen, Willkür, Todesmärsche, Brutalität, Hunger usw.  dann ist das für viele oft das erste Mal, dass sie überhaupt etwas darüber erfahren. Manche weinen, andere wiederum wollen gleich mehr wissen. Es geht nicht nur um Fakten, sondern um Zugang zu einem leidvollen Lebensabschnitt ihrer Väter, Großväter und Brüder, der ihnen bis heute verwehrt war. Und darum, eine Lücke zu schließen, die über Generationen hinweg bestand.

Lernwerkstatt Neuengamme

Die KZ-Gedenkstätte Neuengamme bieten Material zu griechischen Gefangenen an. Am 4. Juni 1944 traf ein Transport mit 850 griechischen politischen Häftlingen im KZ Neuengamme ein — zusammen mit Gefangenen aus über 20 Nationen. Bis dahin waren vergleichsweise wenige griechische Inhaftierte im Lager. Einige griechische Frauen wurden später in Außenlager des KZ Neuengamme überstellt. Von den bekannten Gefangenen sind 90 namentlich belegt, jedoch war die tatsächliche Opferzahl deutlich höher.

Zeichnung von Per Ulrich, Ausschnitt „Grieche“. Quelle: Nationalmuseet, Frihedsmuseet, Kopenhagen, CAMP2-Projekt 1998–2000, FHM 322048, samlinger.natmus.dk/fhm/asset/322048.