Heute vor 85 Jahren, am 11. November 1940, bringt die Gestapo Edgar Kupfer ins KZ Dachau. Der Weltenbummler, Schöngeist und Literat wird in den nächsten fünf Jahren den Alltag dort genau beobachten und heimlich unter großer Gefahr dokumentieren. Er versteckt seine Aufzeichnungen im Fußboden eines Materiallagers und kann sie 1945 bergen. Seine Dokumentation umfasst fast zweitausend Seiten und gehört zu den wichtigsten persönlichen Zeugnissen über die NS-Verbrechen im Lageralltag. Er widmet sie den Toten von Dachau. Die Arolsen Archives verwahren Unterlagen, die seine Jahre im KZ und seinen Lebensweg nachzeichnen helfen.
„Die fernen Baracken schimmerten grün herüber durch den Stacheldraht. Man sah selbst von weitem, alles war peinlich sauber gehalten, nicht das kleinste Stückchen Papier lag irgendwo. Aber über allem dräute etwas Unerbittliches, etwas Furchtbares, etwas Eiskaltes, das beängstigte. Ich hatte nie in meinem Leben vorher eine Umgebung so bedingungslos unerbittlich, gefährlich und feindlich empfunden“, schreibt Edgar Kupfer im Herbst 1942 auf ein Stück Papier. Heimlich, im Betriebsbüro einer Schraubenfabrik, versteckt hinter einer Burg aus Ordnern und Kästen.

Eigentlich soll der 36-Jährige eine Kartei für die Fabrik anlegen, hat Zugriff auf Büromaterial. Er nutzt die Chance und wagt es erstmals aufzuschreiben, was er am Tag seiner Ankunft im KZ Dachau erlebte. „Halt die Ohren offen und die Augen, Kamerad, vielleicht gelingt es Dir, vielleicht kommst Du durch und siehst die Freiheit wieder, und wenn Du alles gut in Dich ausgenommen [sic!] hast, vielleicht kannst Du es dann schreiben, das Buch über Dachau“, bittet ihn schon am ersten Tag ein Mithäftling als dieser erfährt, dass Edgar Schriftsteller ist.
Rastlose, aber liebevolle Familie
Edgar Kupfer wird am 24. April 1906 auf dem Gut Koberwitz bei Breslau geboren. Er ist der Sohn des Gutsverwalters. Sein Vater verliert bald seine Arbeit. Als Kaufmann tritt er eine Anstellung in Bonn an, dann im Harz, wo Edgars Schwester Irma zur Welt kommt. Zu seinen Eltern und seiner Schwester hat er ein liebevolles Verhältnis. Noch weitere Umzüge stehen der Familie bevor.

In den Folgejahren besucht er die Schule in Regensburg und Stuttgart. Dort macht Edgar Anfang der 1920er Jahre seinen Realschulabschluss, arbeitet in der Landwirtschaft, in der Verwaltung und in einer Bank. Nebenher schreibt er Gedichte und veröffentlicht unter dem Namen Kupfer-Koberwitz erste Artikel in Zeitungen.
Pazifismus und Weltgewandtheit sind seine „Verbrechen“
Zu dieser Zeit bekennt sich Edgar zu seiner Homosexualität, was das Verhältnis zu seinen Eltern zerrüttet. Er beginnt das Reisen, wohnt in Capri, hält sich längere Zeit in Venedig und in Österreich auf. Verdient mit Gelegenheitsjobs als Kellner oder Hausmeister Geld und lernt neue Lebens- und Denkweisen kennen. Er wird überzeugter Vegetarier und wählt Paris schließlich zu seiner neuen Wahlheimat.
In Deutschland haben die Nationalsozialisten mittlerweile die Macht. Ihre hetzerische, kriegstreiberische Rhetorik ist ihm fremd. Er sieht sich selbst nicht als politischer Mensch, lehnt aber Gewalt entschieden ab, wie er später in einem Fragebogen gegenüber der Flüchtlingsorganisation IRO seine Emigration 1934 nach Paris begründet. Als Helfer in einem Textilunternehmen versucht er dort, über die Runden zu kommen. Aber er erkrankt und hofft, im Süden Europas wieder zu Kräften zu kommen.

Er nimmt 1937 einen Job als Fremdenführer auf der italienischen Insel Ischia im Golf von Neapel an, hilft mit seiner Schreiberfahrung mit Werbetexten den Tourismus vor Ort anzukurbeln. Bei den Einheimischen ist er beliebt. „Dort war zwar der Faschismus herrschend, die Bevölkerung aber völlig dagegen eingestellt“, erklärt er später seinen Umzug. Er fühlt sich dort sehr wohl, spricht sich „frei gegen die Regierung Hitler und gegen den Krieg (der damals vorbereitet wurde)“ aus.
Deportation ins KZ Dachau
Im Juni 1940 schließt sich Italien unter Mussolini dem Krieg Deutschlands gegen Frankreich und Großbritannien an. Die Lage spitzt sich für Edgar zu. Anfang September 1940 wird er wegen antifaschistischer Äußerungen im Rahmen des deutsch-italienischen Auslieferungsabkommens aus Italien ausgewiesen. Am Brenner erwartet ihn bereits die Gestapo. Nach Verhören in Innsbruck und München wird er am 11. November 1940 ins Konzentrationslager nach Dachau verschleppt.
Dokumente von Edgar Kupfer im KZ Dachau





Zunächst arbeitet er in der „Plantage“, einem Arbeitskommando, das Gemüse ernten und putzen muss. Am ersten Tag sind es Pfefferschoten. „Beim Anblick der kleinen, roten Früchte musste ich an mein Ischia denken, wo sie so schön und lachend in der Sonne hingen“, schreibt er später. Schon am dritten Tag wird er für seinen ersten Schreibdienst abkommandiert.
Alltag der systematischen Erniedrigung und Entmenschlichung
Tagtäglich beobachtet er auf dem Weg zur Arbeit die Grausamkeiten der SS-Bewacher – und die der anderen Mithäftlinge. „Je schlechter ihr Gesundheitszustand war, um so gereizter wurden sie (…) je mehr Unrecht ihnen geschah, verhielten sie sich dem Nächsten gegenüber, je bestialischer man sie behandelte, umso brutaler wurden sie selbst. Ich hatte gedacht, gemeinsames Leid schmiede die Menschen zusammen, aber es entzweite sie.“
Schließlich kommt er selbst in Isolierhaft und wird im Januar 1941 ins KZ Neuengamme verlegt. Dort muss er körperlich hart arbeiten. Im April kehrt er mit einem Krankentransport zurück. Völlig entkräftet, abgemagert auf 44 Kilogramm. Ab jetzt trägt er die Häftlingsnummer 24.814. Mithäftlinge stecken ihm Essensrationen zu. Er kommt wieder zu Kräften und tritt im Oktober 1941 seinen Zwangsschreibdienst in der Schraubenfabrik „Präzifix“ an.
Mehr als 1.800 Seiten
„Zwei Jahre lang lebte ich im Konzentrationslager, ohne daß [sic!] es mir möglich gewesen wäre, auch nur eine Seite zu schreiben, die unser Leben betraf. Ich hätte es nicht gewagt“, schreibt er. Doch jetzt ergreift er die Chance und beginnt mutig, die schrecklichen Gräuel im KZ Dachau für die Nachwelt festzuhalten: „Stell dir vor, hier in Dachau, wo die Baracken und die Fußböden der Stuben glänzen müssen, wie das Parkett eines Salons, wo jedes Karo der Betten genau liegen muss, wo du bestraft wirst, wenn dir ein Knopf fehlt, hier, in dieser Ordnung schmeißt man die Leichen hin, als ob es Abfall wäre.“

Aufzeichnungen als Zeugnisse für Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Mit zunehmender Haftzeit fühlt sich Edgar gesundheitlich immer schwächer. Herzprobleme machen ihm zu schaffen und ein Gefühl der inneren Leere breitet sich in ihm aus. Parallel zum „Dachauer-Buch“ schreibt er Gedichte und ein persönliches Tagebuch. Am 22. September 1943 notiert er: „Oft bin ich so müde, innerlich und äußerlich, dass ich mich gerne hinlegen möchte und sterben, einfach so sterben.“ Doch er hält durch und schreibt weiter. Seite für Seite. Dokumentiert Verbrechen nach Verbrechen. Mittlerweile Pakete an Papierballen, zu groß, um sie in der Schreibstube zu verstecken. Mithilfe eines anderen Häftlings vergräbt er seine Aufzeichnungen im Boden eines Materiallagers auf dem KZ-Gelände.

Befreiung und Bergung der Dachau-Bücher
1944 bombardieren die vorrückenden Alliierten das Lager, Edgar wird bei einem Bombenangriff im Oktober am Fuß verletzt und kommt ins Krankenrevier. Amerikanische Truppen befreien ihn dort am 29. April 1945 zusammen mit 67.000 weiteren Menschen. Schon am 5. Mai führt er den US-Zuständigen für das Sammeln von Beweismaterial für die NS-Kriegsverbrechen zum Versteck, gemeinsam graben sie das Manuskript aus. Es hat Wasserschäden, aber Edgar kann es retten. Er trocknet die Papierballen und beginnt den Text abzutippen. Zunächst bleibt er dafür im KZ Dachau, später schickt ihn die US-Militärregierung dafür ins Schloss Thurn und Taxis bei Regensburg.





So schnell wie möglich möchte Edgar Deutschland verlassen. Er fühlt sich fremd hier. Doch er sitzt zunächst in Regensburg, dann in Stuttgart fest. Er hat kein Geld. Schließlich versucht er in der Schweiz eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen und beantragt finanzielle Unterstützung beim Schweizer Fürsorgedienst. Mehrmals füllt er dafür Formulare aus. Die Arolsen Archives verwahren diese. An die International Refugee Organization (IRO) schreibt er 1950 zum Grund seiner KZ-Internierung und seinem Wunsch, nie wieder in Deutschland leben zu müssen: „Man fürchtete die freie Rede eines Menschen, der sich nicht fürchtete.“
Finanziell schwierige Nachkriegsjahre
1953 wandert Edgar als Edgar Kupfer-Koberwitz in die USA aus. Dort vermacht er die Originale seines Manuskripts der Universität von Chicago und hält sich wieder mit Gelegenheitsjobs über Wasser. 1956 werden seine Aufzeichnungen in Auszügen veröffentlicht. Literarisch schreiben wird er aber nie wieder. „Seit 1945 konnte ich nichts mehr schreiben und das ist wohl mein größtes Leiden, das heißt, das ist das Symptom meines großen Leidens, ganz so, als würde ein Vogel nicht mehr singen“, erwähnt Edgar 1960 in einem Brief an einen Freund.
Tod im verhassten Deutschland
Er verlässt die USA und sucht sein Glück wieder in Italien. Diesmal ist es Sardinien. Die Entschädigungen, die er schließlich für seine KZ-Haft aus Deutschland erhält, reichen wie bei anderen aber nicht aus, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Er ist auf die Hilfe von Freunden angewiesen. 1984 kehrt er nach Deutschland zurück. Seine letzten Lebensjahre verbringt er in einem Altenheim in Stuttgart, wo er 1991 stirbt.
Die Veröffentlichung seines kompletten Manuskripts durch die damalige Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau im Jahr 1997 erlebt er nicht mehr. Die „Dachauer Tagebücher“ sind eines der wichtigsten schriftlichen Zeugnisse über die Vorgänge im Konzentrationslager Dachau, die Häftlingsgesellschaft und die Lager-SS. Die originalen Handschriften können weiterhin in der University of Chicago Library eingesehen werden. Die KZ-Gedenkstätte Dachau verwahrt eine Recherche-Kopie.
