Forschendes Lernen beim Gedenkstättenbesuch: Interview zu documentED

Forschendes Lernen beim Gedenkstättenbesuch:</p>
<p>Interview zu documentED </p>
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Christian Höschler und Margit Vogt aus der Abteilung Forschung und Bildung der Arolsen Archives verwirklichen seit Ende 2017 das Projekt documentED, bei dem es um die Vor- und Nachbereitung von Gedenkstättenfahrten geht. Im Interview sprechen sie über die Entstehung von documentED und über die Bedeutung authentischer Archivdokumente für historisches Lernen und zeitgemäßes Gedenken.

documentED fördert die Vor- und Nachbereitung von Gedenkstättenbesuchen. Wie kam es zu der Projektidee? 

 

Christian Höschler
Der Hintergrund des Projekts ist der, dass Schulklassen oft unvorbereitet KZ-Gedenkstätten besuchen. Das wird sowohl seitens der Gedenkstätten als auch in der Geschichtsdidaktik immer wieder kritisiert. Für die Gedenkstätten ist das schwierig, da ihre Bildungsangebote häufig auf Vorwissen aufbauen.

Margit Vogt
Und im Anschluss an den Besuch findet oft keine ausreichende Nachbereitung statt. Das ist ein Problem, denn ein Gedenkstättenbesuch ist nichts, das man en passant erledigt. Die Konfrontation mit einem historischen Ort der Verfolgung bewirkt etwas in den Schüler*innen, hinterlässt Spuren und Eindrücke, die aufgefangen werden müssen, damit ein Lernerfolg gewährleistet ist und es nicht zu emotionalen Abwehrreaktionen kommt.

Christian
Das heißt, solche Gedenkstättenbesuche bewegen sich oft in einem didaktischen Vakuum, welches es aufzubrechen gilt. Ein wesentliches Problem an den Schulen ist der Mangel an Zeit, um das komplexe Thema der NS-Verfolgung angemessen vorzubereiten. Mit documentED möchten wir einen Beitrag dazu leisten, diese Lücke zu schließen, indem wir auf Basis unserer Archivdokumente ein Angebot für die Vor- und Nachbereitung von Gedenkstättenfahrten schaffen. Unser Ziel war es dabei auch, eine didaktisch sinnvolle Vor- und Nachbereitung in 45 Minuten zu ermöglichen sowie den Aufwand für die Lehrkraft möglichst gering zu halten.

Als documentED Projektleiter steuert Christian Höschler die Zusammenarbeit mit Expert*innen aus Gedenkstätten und Schulen.

 

Daraus sind die Toolkits entstanden?

 

Margit
Genau. Bei den Toolkits handelt es sich um Unterrichtsmaterialien, die wir für verschiedene Gedenkstätten erstellen. Wir liefern einerseits didaktische Hinweise für die Lehrkraft und stellen andererseits ausgewählte KZ-Dokumente zu einzelnen NS-Opfern bereit, die aus den Sammlungen der Arolsen Archives stammen. Hinzu kommen Arbeitsaufträge für Schüler*innen sowie Hinweise zu digitalen Tools, die die Arbeit mit den Dokumenten unterstützen. Und schließlich liefern wir auch Anregungen für analoge und digitale Erinnerungsprojekte, die im Anschluss an den Gedenkstättenbesuch realisiert werden können. Sehr wichtig ist uns dabei, dass die Schüler*innen einen kritischen Umgang mit Täterdokumenten erlernen und verstehen, dass diese das weitreichende NS-Terrorsystem widerspiegeln. Die Dokumente, darunter KZ-Registrierungsunterlagen mit personenbezogenen Angaben, ermöglichen aber auch eine Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Schicksal. Trotz ihres bürokratischen Charakters geben sie somit einen Einblick in die menschliche Dimension der NS-Verfolgung. Zur Verfügung stehen Toolkits für verschiedene Besuchsorte, darunter etwa die KZ-Gedenkstätten in Auschwitz, Buchenwald und Dachau.

Christian
Die Arolsen Archives verwahren Millionen Dokumente zu verschiedenen KZs und ehemaligen Inhaftierten. Dies bietet die Chance, bei Bedarf auch individuelle Toolkits zu erstellen, bei denen sich die enthaltenen Dokumente auf Personen aus dem Herkunftsort der Lernenden beziehen. Dadurch wird ein Bezug zur Lebenswelt der Schüler*innen hergestellt. Eine generelle Herausforderung in der Vermittlung von Geschichte ist nämlich, dass diese abstrakt wirken kann, etwa wenn nur nüchterne Fakten im Schulbuch präsentiert werden. Die Information, dass die Nationalsozialisten Millionen Menschen ermordeten, ist zwar schlimm, für Schüler*innen aber oft nicht wirklich vorstellbar. Deshalb ist die Auseinandersetzung mit einem Einzelschicksal so lohnend. Denn dann versteht man: „Hier ging es um ein Menschenleben, um ein Leben, dass zerstört wurde.“ Wenn die Schüler*innen diesen Erkenntnisprozess durchlaufen und verstehen, was das für die einzelnen Opfer und deren Angehörige bedeutete, dann können sie begreifen, welches Ausmaß die NS-Verfolgung insgesamt hatte. Und das ist zugleich die Grundlage für die Bereitschaft zum Erinnern und Gedenken in Gegenwart und Zukunft.

Margit Vogt übernimmt die redaktionelle Arbeit von documentED, insbesondere die Erstellung sogenannter „Toolkits“, die im Mittelpunkt des Projekts stehen.

 

Die Toolkits wurden ja im Rahmen einer Testphase erprobt. Wie kamen diese bei Schüler*innen an?

 

Margit 
Schüler*innen waren der Meinung, dass die Toolkits sie sehr gut auf den Gedenkstättenbesuch vorbereitet haben. Im Rahmen der Arbeit mit den Dokumenten haben sie Fragen formuliert, die sie mit in die Gedenkstätte genommen haben. Sie fanden den Besuch mitunter überwältigend, haben aber gleichzeitig Energie aus dieser Erfahrung gezogen und diese in die Nachbereitung gesteckt, nicht zuletzt um den Besuch emotional und intellektuell zu bewältigen.

Christian
Ein Grund für das überwiegend positive Feedback ist auch, dass wir mit documentED ein forschendes Lernen anhand von Archivdokumenten stark machen wollen. Die Arbeit mit KZ-Dokumenten hat eine ganz besondere Authentizität. Und wir ermutigen die Lernenden, zusätzliche Tools wie z.B. unseren e-Guide zu benutzen, um sich die Dokumente selbst zu erschließen. Wenn Schüler*innen nämlich die Gelegenheit gegeben wird, sich auf entdeckende Weise ihr Wissen anzueignen, ist das meist besser für Motivation und Interesse – zumal Anwendungen wie der e-Guide viel stärker der Lebensrealität von Schüler*innen und ihren digitalen Rezeptionsgewohnheiten entsprechen. Ich glaube, diese Kombination aus quellennah und authentisch einerseits, sowie digital und interaktiv andererseits, das kommt bei Schüler*innen gut an.

 

Nach den umfassenden Vorbereitungen startet documentED nun im Januar. Wie soll sich das Projekt entwickeln?

 

Christian
Die Toolkits werden auf der Website der Arolsen Archives kostenlos zum Download zur Verfügung stehen. Wir werden uns bemühen, möglichst viele Gedenkstättenfahrten zu unterstützen, vor allem wenn sich der Betrieb in den Gedenkstätten wieder normalisiert. Dazu werden wir das Angebot breit bewerben und auch mit Schulen direkt in Kontakt treten. Perspektivisch möchten wir documentED weiter ausbauen: Wir starten jetzt mit über 120 Toolkits für Gedenkstättenfahrten in bzw. nach Deutschland, Frankreich, Österreich und Polen. Die Toolkits gibt es in den Sprachen Deutsch, Englisch und Polnisch. Es sollen allerdings zusätzliche Sprachen sowie Toolkits zu weiteren Gedenkstätten folgen.

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