Wie kann die Erinnerung an die NS-Verfolgten heute aussehen und für junge Menschen relevant bleiben? Freiwillige Jugendliche, davon viele aus der Region Ohrdruf beschäftigten sich intensiv mit dieser Frage und konzipierten dazu eine eigene Gedenkveranstaltung. Sie gestalteten Rundgänge und ein Podiumsgespräch. Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ), die Weimarer Mal- und Zeichenschule, die Gedenkstätte Buchenwald sowie die Arolsen Archives organisierten mehrere Workshops.
Am 4. April 1945 befreiten Truppen der 4. US-amerikanische Truppen das Außenlager Ohrdruf „SIII“ des Konzentrationslagers Buchenwald. Der Lagerkomplex bestand nur von November 1944 bis April 1945. In dieser kurzen Zeit waren dort rund 20.000 Menschen inhaftiert und mussten unter menschenunwürdigen Bedingungen Zwangsarbeit leisten. Mehr als 7.000 von ihnen überlebten nicht.
Anlässlich des 81. Jahrestags der Befreiung gestaltete eine Gruppe Jugendlicher eine eigene Gedenkveranstaltung. Den Anstoß dafür hatten junge Teilnehmer*innen bereits bei der Veranstaltung im Vorjahr gegeben: Sie wollten sich auch über den 80. Jahrestag der Befreiung hinaus hinaus aktiv und dauerhaft an der regionalen Erinnerungskultur beteiligen.
Von Jugendlichen geplant und umgesetzt
Seit November 2025 beschäftigten sich die 14- bis 19-jährigen Freiwilligen im Rahmen des Projekts „Dein HistoryLab für neue Perspektiven“ intensiv mit der Geschichte des Lagers Ohrdruf, mit Erinnerungskultur und mit zeitgemäßen Formen des Gedenkens.

Gemeinsam mit den beteiligten Partnerinstitutionen begleiteten Mitarbeitende des Education-Teams der Arolsen Archives die Projektgruppe bei der Konzeption, Organisation und Durchführung. Welche Themen aufgegriffen und wie sie vermittelt werden sollten, entschieden die Jugendlichen selbst.
Ihr Ziel war es, die Geschichte des Lagers sichtbarer zu machen, neue Perspektiven einzubringen und vor allem junge Menschen für den historischen Ort zu sensibilisieren. Gleichzeitig wollten sie dazu ermutigen, selbst aktiv zu werden und Verantwortung für das Erinnern zu übernehmen.
Gedenken am historischen Ort
Die Veranstaltung begann am Ort des ehemaligen Nordlagers auf dem heutigen Truppenübungsplatz der Bundeswehr. Nach Gedenkreden und der Präsentation des künstlerischen Projekts einer Schulklasse aus Arnstadt führte die Projektgruppe die Teilnehmer*innen über zwei Orte des ehemaligen Lagerkomplexes. Dort blieb auch Zeit für individuelles Gedenken.
Am Nachmittag wurde das Programm im Schloss Ehrenstein fortgesetzt. Unter der Leitfrage „Wie gedenken wir hier, heute und in Zukunft?“ kamen Engagierte aus der Region und darüber hinaus zu einem Podiumsgespräch zusammen, moderiert von einer Projektteilnehmerin. Sie berichteten von ihren Erfahrungen in der Gedenkarbeit und diskutierten darüber, wie Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen und die im Nationalsozialismus Verfolgten auch künftig lebendig und zugänglich bleiben kann.
Unterschiedliche Zugänge zur Geschichte
In vier Workshops konnten sich die Teilnehmenden anschließend vertiefend mit Geschichte und Erinnerungskultur auseinandersetzen.
Im Cyanotopie-Workshop „Bilder von Menschen“ näherten sie sich Häftlingspersonalkarten, Transportlisten und Fotografien mit einer künstlerischen Technik aus der frühen Fotografie. Ein weiteres Angebot widmete sich der Frage, wie junge Menschen selbst in der Erinnerungsarbeit aktiv werden können und welche Möglichkeiten, Erfahrungen und Hürden damit verbunden sind.




Ein Workshop der Gedenkstätte Buchenwald vermittelte historische und gesellschaftliche Hintergründe des Antisemitismus und zeigte, wie sich antisemitische Denkmuster erkennen lassen. Mit dem digitalen Bildungsmodul „Suspekt. Landschaft der Verbrechen“ von Arolsen School konnten die Teilnehmer*innen zudem das heute größtenteils nicht zugängliche Gelände des ehemaligen KZ Ohrdruf interaktiv erkunden. Anhand historischer Fotos, Videos, Zitate und Biografien macht Suspekt verschiedene Aspekte des Ortes erfahrbar.
Junge Perspektiven auf Erinnerungskultur
Für das Education-Team der Arolsen Archives bot das Projekt wichtige Einblicke: Welche Formate sprechen Jugendliche an? Was ist ihnen bei einer Gedenkveranstaltung wichtig? Und wie möchten sie selbst an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung erinnern?
Die Zusammenarbeit zeigte, dass junge Menschen Erinnerungskultur nicht nur kennenlernen, sondern eigenständig mitgestalten möchten. Mit digitalen Bildungsangeboten und Projekten an historischen Orten unterstützen die Arolsen Archives sie dabei, sich mit den NS-Verbrechen auseinanderzusetzen und eigene Zugänge zur Geschichte zu entwickeln.
Die Gedenkveranstaltung zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Ohrdruf wurde von Jugendlichen im Rahmen des Projekts „Dein HistoryLab für neue Perspektiven“ konzipiert, organisiert und durchgeführt. Veranstaltet wurde sie von den Arolsen Archives in Kooperation mit der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (EVZ), der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora sowie der Weimarer Mal- und Zeichenschule.
Das Projekt „Dein HistoryLab“ wird durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert.




