Ihre modernen Frauenbilder wären in der NS-Ideologie sicherlich zu „undeutsch“ und avantgardistisch gewesen. Bedroht war Lotte Laserstein aber nicht wegen ihres Stils, sondern weil sie nach den Rassegesetzen als jüdisch galt – genau wie ihre Mutter Meta, ihre Schwester Käthe und deren Freundin Rose Ollendorf, über deren Verfolgung es bei den Arolsen Archives einige Dokumente gibt. Lotte selbst gelang die Flucht nach Schweden, wo sie sich eine neue Existenz aufbaute.

Lotte Laserstein wird am 28. November 1898 in Preußisch Holland (Ostpreußen) als erste Tochter des wohlhabenden Apothekers Hugo Laserstein und seiner jüdischen Frau Meta geboren. Der Vater stirbt früh und 1912 zieht die Mutter mit Lotte und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Käthe nach Berlin. Lotte macht dort ihr Abitur und beginnt dann ein Studium und ihre praktische Ausbildung als Malerin; zunächst bei einem Privatlehrer. 1921, zwei Jahre nachdem auch Frauen zum Studium an den Kunstakademien zugelassen wurden, schreibt Lotte sich an der Berliner Hochschule für die Bildenden Künste ein. Dort absolviert sie 1927 ihr Meisterstudium.

 

Lotte Laserstein, Vor dem Spiegel, 1930/31 (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2021)
Lotte Laserstein, In meinem Atelier, 1928 (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Modernes Frauenbild

Während ihres Studiums trifft Lotte ihr Modell Traute Rose, eine Tänzerin und Fotografin. Lotte inszeniert Rose in den folgenden Jahren auf vielen Gemälden als das neue weibliche Ideal der Weimarer Republik: eine moderne, selbstbewusste und androgyne Frau. Auf vielen dieser Bilder portraitiert Lotte sich auch selbst als Malerin.

 

Professionelle Karriere

Ab 1927 arbeitet Lotte unermüdlich an einer professionellen Künstlerkarriere. Sie baut sich ihr erstes eigenes Atelier auf, eröffnet eine private Malschule, beteiligt sich an Wettbewerben und publiziert ihre Gemälde in Modemagazinen. Außerdem engagiert sie sich in Künstlerinnenvereinen und sorgt so für ein breites Netzwerk, das ihr Ausstellungs- und Verkaufsmöglichkeiten bietet.

 

»Lotte Laserstein – diesen Namen wird man sich merken müssen. Die Künstlerin gehört zu den allerbesten der jüngeren Malergeneration. Ihr glanzvoller Aufstieg wird zu verfolgen bleiben.«

Berliner Tageblatt im Jahr 1929

Mit ihrer Arbeit „Das Mädchen mit der Puderdose“ nahm Lotte 1928 an dem Wettbewerb „Das schönste deutsche Frauenporträt“ teil und wurde unter 365 Werken für die Endrunde nominiert. (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

 

Karriereende und Exil

Der Nationalsozialismus bereitet Lottes Aufstieg jedoch ein schnelles Ende. Sie wird zur „Dreivierteljüdin“ erklärt und ab 1933 zunehmend aus dem Kunstleben ausgeschlossen: Wer keinen Ariernachweis erbringen kann, wird nicht in die Reichskulturkammer aufgenommen und kann seinen Beruf nicht mehr ausüben. Das heißt, Lotte bekommt keine Arbeitsmaterialien, darf ihre Bilder nicht ausstellen und muss die Malschule schließen. Schließlich bietet ihr 1937 eine Ausstellung ihrer Werke in Stockholm die Gelegenheit, Deutschland mit einem Großteil der Bilder zu verlassen. Über diesen Schritt sagt Lotte später in einem Interview:

»Hätte ich nicht meine eigene Wirklichkeit im Malkasten gehabt, diesem kleinen Köfferchen, (…) so hätte ich die Jahre nicht durchstehen können, in denen mir alles genommen wurde: Familie, Freunde und Heimat.«

Politisch subversiv: Lottes bekanntestes Werk „Abend über Potsdam“ (1930) zeigt eine melancholische Grundstimmung, die Kunstkritiker heute als Vorahnung der kommenden Machtergreifung deuten. (Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

 

Vereint in Schweden

Lottes Mutter und ihre Schwester bleiben in Berlin. Laut eines Dokuments der Arolsen Archives ist Käthe für den 31. Deportationstransport aus Berlin nach Auschwitz am 1.3.1943 vorgesehen gewesen. Offenbar ist es ihr aber gelungen, sich kurz vorher zu verstecken. Ihr Name erscheint nach dem Krieg auf zwei Listen über Flüchtlinge, die im August 1946 nach Schweden kamen. Dort leben die Schwestern für einige Jahre wiedervereint, bis Käthe 1954 nach Berlin zurückkehrt.

 

Eine Liste aus unserem Archiv zeigt, dass Käthe Laserstein im August 1946 in Schweden ankam.

 

Tod in Ravensbrück

Die Mutter Meta wird am 27. Juli 1942 in Berlin von der Gestapo verhaftet. Käthe und Lotte haben nach dem Krieg bei den Arolsen Archives nach Informationen über ihre Mutter gesucht und dabei angegeben, dass sie am 16. Januar 1943 im Konzentrationslager Ravensbrück verstorben sei. Dieses Sterbedatum konnten wir ihnen anhand unserer Dokumenten nicht bestätigen, wohl aber die Ankunft von Meta in Ravensbrück am 23. Dezember 1942.

 

Suche nach Rose

Käthe Lasersteins Lebenspartnerin Rose Ollendorf war bereits am 18. Oktober 1941 ins Ghetto Lodz deportiert worden. Auf unseren Listen der verstorbenen Juden des Ghettos Lodz zu den Berliner Transporten erscheint Rose nicht. Lotte hat bei den Arolsen Archives in der frühen Nachkriegszeit von Schweden aus einen Suchantrag nach Rose gestellt.

 

Bei der Korrespondenz mit den Arolsen Archives gab Lotte sich als Roses Schwester aus, um Informationen erhalten zu können.

 

Lotte war noch mit über 90 Jahren als Portrait- und Landschaftsmalerin künstlerisch tätig und starb am 21. Januar 1993 im südschwedischen Kalmar, wo sie seit der Rückkehr ihrer Schwester Käthe nach Berlin in den 50er Jahren gelebt hatte. Lotte konnte zwar weiterhin als Auftragsmalerin ihren Lebensunterhalt verdienen, aber wie viele andere verfolgten Künstler*innen nicht mehr an ihre frühen Erfolge anknüpfen. Ihr Werk geriet in Vergessenheit und wurde erst ab den 90er Jahren wiederentdeckt und international gewürdigt.

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