Am 24. Februar 2026 jährt sich der völkerrechtswidrige Überfall auf die Ukraine zum vierten Mal. Trotz diplomatischer Bemühungen zerstört Russland weiterhin die zivile Infrastruktur im Land. Bei eisigen Temperaturen von bis zu -20 °C leben derzeit Millionen Menschen ohne Heizung, Strom und fließend Wasser. Eine humanitäre Katastrophe. Besonders betroffen: die Hauptstadt Kyjiw. Und trotzdem hält die NGO TolerSpace dort ihre Erinnerungsarbeit an die NS-Zeit aufrecht – auch in Kooperation mit den Arolsen Archives. Im Interview berichtet die Leiterin Anna Lenchovska unter welch harten Bedingungen.
Anna, bis zum letzten Moment waren wir uns nicht sicher, ob wir dieses Interview per Videocall führen können. Wo sind Sie gerade und wie geht es Ihnen?
Ich bin in meiner Wohnung in Kyjiw. Wir haben tatsächlich einen sehr guten Zeitpunkt für dieses Interview erwischt: Die Heizung funktioniert seit drei Tagen wieder, ich habe momentan keinen Strom, aber um 9 Uhr morgens hatte ich noch welchen. Und mein Internetanbieter hat Batterien in den Router eingebaut, sodass die Verbindung genau sechs Stunden lang hält, was bedeutet, dass sie gerade so bis zum Ende unseres Gesprächs reichen sollte. Sie sehen, das Leben hier ist unvorhersehbar. Man weiß nie, wann wir Strom, Heizung oder Wasser haben. Das kann sich jeden Moment ändern.
Sieht das Leben für alle Menschen in Kyjiw derzeit so aus?
Ja, ich zeige es Ihnen. Ich nehme Sie mal mit auf meinen Balkon. Hier sehen Sie meinen „Kühlschrank“. Letzte Woche hatte es minus 20 °C, jetzt sind es etwa 0 °C. Es ist also immer noch nicht notwendig, Strom für die Kühlung von Lebensmitteln zu verschwenden. Und sehen Sie, in unserem Hof hat der staatliche Katastrophenschutz ein großes beheiztes Zelt mit einem Generator aufgestellt. Dort können die Menschen ein- bis zweimal am Tag heißes Wasser und warme Mahlzeiten bekommen und ihre Geräte aufladen. Nachts ist es laut und ungemütlich, aber es rettet Leben, insbesondere das von älteren Nachbarn. Das Gebäude nebenan ist seit dem 9. Januar komplett ohne Heizung – es ist schrecklich. Die Rohre waren eingefroren und sind geplatzt, es gab Überschwemmungen … Es ist eine humanitäre Katastrophe.

Trotz dieser ständigen Sorgen nehmen Sie sich die Zeit für dieses Gespräch. Warum?
Weil es wichtig ist, das Leben, die Kommunikation und die Routinen fortzusetzen. Trauma-Spezialist*innen sagen, dass es entscheidend ist, immer wenn es möglich ist, ein Gefühl der Normalität wiederherzustellen. Wenn wir aufhören, Kontakte zu pflegen oder zu arbeiten, verlieren wir einen Teil von uns selbst.
Normalität in Bezug auf Ihre Arbeit bei TolerSpace bedeutet Toleranz- und Resilienztrainings sowie Erinnerungsarbeit mit jungen Menschen. Ist es möglich, dieses Bildungsprogramm derzeit aufrechtzuerhalten?
Wir versuchen es. Glücklicherweise befindet sich unser Designer in Argentinien und meine Redakteurin arbeitet von der Tschechischen Republik aus. Derzeit finalisieren sie die Dokumentation unseres letzten Schulprojekts. Es widmete sich dem Thema Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs in Nazideutschland und auch der Zwangsarbeit im sowjetischen Gulag. Und tatsächlich hat unser Team aus Enerhodar ein Projekt über moderne Zwangsarbeit während der jetzigen Besatzung durchgeführt – basierend auf Zeugenaussagen aus dem Kernkraftwerk, indem Mitarbeitende von russischen Besatzern zu Aufgaben gezwungen werden unter Folter und Schikanen – alles sehr schwierige Dinge.
War es möglich, sich für dieses Projekt persönlich zu treffen?
Ja, tatsächlich. Wir hatten vier „Projektschulen“, die jeweils fünf Tage dauerten. Sie konnten in der Ukraine durchgeführt werden, und wir brachten Lehrkräfte und Schüler*innen nach Polen, zu unserer Projektpartnerorganisation. Dort ist es sicher, man kann aufatmen, es gibt jederzeit Strom und Heizung, und es gibt keine Luftangriffe. Ich liebe den Moment am Bahnhof, wenn sich Schüler*innen und ihre Lehrkräfte endlich wieder begegnen und alle einfach nur strahlen. Die meisten von ihnen hatten sich vor Corona das letzte Mal persönlich gesehen. Da waren sie 11 Jahre. Wir hatten Teams aus der ganzen Ukraine, darunter aus Orten wie Kramatorsk oder Kostjantyniwka – Städte, die jetzt besetzt sind oder komplett ausgelöscht wurden. Nur ein Team musste virtuell teilnehmen, was eine gute Nachricht war. Im November waren es noch drei Teams.

Die aktuelle Kriegssituation ist für alle schon schwer genug ist – wie erklären Sie sich das große Interesse an diesen zusätzlichen, sehr schweren und schmerzhaften Themen aus der Vergangenheit?
Weil die Menschen Antworten suchen. Ich war selbst überrascht, aber seit der vollständigen Invasion ist das Interesse an Geschichte – insbesondere an die Nazizeit – tatsächlich explodiert. Das zeigt sich vor allem auf unserer TikTok-Seite, wo junge Menschen geschichtliche Inhalte finden und teilen können. Sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen ist plötzlich cool geworden. Dies ist für sie eine Möglichkeit, ihre Identität zurückzugewinnen. Der Trend wird von einem tiefen Bedürfnis nach Antworten auf Russlands Propaganda angetrieben: Putin rechtfertigt seine Angriffe derzeit mit dem „Nationalsozialismus“.
Der klassische Geschichtsunterricht in der Schule behandelt das Thema nicht und setzt dem nichts entgegen. Deshalb wenden sie sich dem Internet zu. Hier suchen sie die Wahrheit über vergangenes Unrecht, Recht und Unterdrückung. Verborgenes wiederzuentdecken – wie zum Beispiel die von den Sowjets verbotenen Schriftsteller*innen oder die Geschichte der Unterdrückung – ist zu einem starken Trend geworden. Die jungen Leute tragen sogar T-Shirts mit den Gesichtern dieser ehemals zum Schweigen gebrachten Persönlichkeiten. Natürlich spüren sie nicht nur, „gerechte“ oder „gute“ ukrainische Taten auf… Und verschiedene Menschen finden in verschiedenen Dingen Bedeutung…

Wie kommen junge Menschen generell mit der Situation zurecht?
Sie sind einsam in ihren Wohnungen oder Häusern, aber sie haben dieses starke Bedürfnis nach Verbindung. Das ist wahrscheinlich eines ihrer Hauptanliegen – das Bedürfnis nach Kommunikation. Andererseits fällt mir auf, wie schwierig die persönliche Kommunikation für sie geworden ist. Leider sehe ich das vor allem bei Teenagern, deren Familien ihr Zuhause verloren haben oder die geflohen sind. Ich habe Teenager gesehen, die den ganzen Tag nur mit ihren Handys alleine zuhause sitzen. Auch die Schule findet nur online statt.
Ende Dezember hatten wir einen sehr schweren Luftangriff, eine sehr harte Nacht, gefolgt von einem Tag ohne Versorgung. An diesem Abend sollten wir einen Online-Diskussionsclub für Jugendliche veranstalten. Wir dachten, vielleicht würden sich ein oder zwei junge Menschen sich einwählen. Aber dann kamen acht oder neun Teenager. Sie hatten ihre Kameras nicht eingeschaltet, sie waren nur mit ihren Handys dabei, aber sie blieben drei Stunden lang.
Sie haben also derzeit keine Räumlichkeiten, in denen sich junge Menschen treffen können?
Nein, seit Corona arbeiten wir online. Ich hätte gerne einen sicheren Ort, einen Schulungsraum für uns und die Schüler*innen, aber der Unterhalt eines Büros würde derzeit zusätzliche Sorgen und Kosten mit sich bringen, die sich einfach nicht bewältigen lassen – insbesondere in diesem Winter mit den Angriffen auf die Infrastruktur in Kyjiw. Wir hier in Kyjiw sind wir von wenigen Umspannstationen abhängig und die wurden beschädigt. Für mich als Leiterin der Organisation ist diese Situation persönlich sehr schwer.
Ich hoffe, dass unser Programm jungen Menschen ein Netzwerk bietet, damit sie sich treffen können. Wir haben viele spezielle Übungen entwickelt für Kleingruppen oder auch für zwei – und wir versuchen auch, etwas Spaß einzubauen. Ohne Humor, Schönheit oder etwas Positivem geht es nicht. Das haben auch die Holocaust-Überlebenden und Psycholog*innen Viktor Frankl oder Edith Eger gesagt: Selbst in der dunkelsten Stunde kann es einen Lichtblick oder einen Moment der Freude geben. Das ist auch meine Erfahrung. Aber natürlich kann ich meine Situation nicht mit ihrer damals vergleichen.
Was hat Ihnen denn zuletzt Freude bereitet?
Wenn man aufhört, sich um das, was noch kommen könnte, Sorgen zu machen und wenn offen dafür ist, Hilfe anzunehmen, passieren schöne Dinge: Letzte Woche, als ich drei Tage lang keinen Strom und keine Heizung hatte … Wir haben Fische in einem Aquarium! Und Fische brauchen warmes Wasser! Also haben wir versucht, das Aquarium mit einem sehr großen Akku zu beheizen. Der wiegt etwa sieben Kilo. Um ihn aufzuladen, fuhr ich – zum Glück habe ich ein Auto – zum rechten Ufer von Kyjiw. Eine Kollegin einer Kollegin, die ich nicht einmal kannte, arbeitet in einem IT-Büro, wo es Strom gab.
Es war sehr schwierig, in der Nähe zu parken, und ich hätte den schweren Akku etwa einen Kilometer weit über das Eis tragen müssen. Also beschloss ich, die Frau, die ich vorher noch nie gesehen hatte, anzurufen und um Hilfe zu bitten. Das war für mich auf zwischenmenschlicher Ebene sehr interessant, denn normalerweise bin ich die Person, die anderen hilft. Jetzt war ich diejenige, die Hilfe brauchte. Jetzt weiß ich, dass man eine gewisse innere Energie braucht, um irgendwohin zu gehen und um etwas zu bitten, was nicht einfach war.

Apropos Hilfe: TolerSpace unterstützt auch die Arolsen Archives. Ihre Organisation ist offizieller Kooperationspartner von #StolenMemory in der Ukraine. Warum haben Sie sich entschieden, unsere Suche nach den Familien zu unterstützen?
Die Mutter meines Vaters, Silwija Lenchovska, hatte einen jüdischen Vater. Im Oktober 1942 wurde sie nach Deutschland verschleppt und musste in einem Außenlager des Konzentrationslagers Buchenwald, in Sömmerda, Zwangsarbeit leisten. Nach dem Krieg hat sie viel darüber gesprochen. Als ich sie zum ersten Mal davon erzählen hörte, war ich vier Jahre alt. Ich habe also einen persönlichen Bezug zum Thema. Zudem: Jetzt, während des Krieges, in dem Menschen so viele Dinge verlieren, erscheint es mir wie ein Traum etwas zurückgeben zu können.
Allerdings grenzt es schon an ein Wunder, wenn es gelingen sollte, jemanden zu finden, eine Familie zu finden, die diesen Brief oder diese Halskette von einem oder einer Verwandten, die im Konzentrationslager war, schätzt. Es waren ja meist Frauen. Wie findet man also diese 70 Familien? Mit der Ausstellungstour machen wir die Menschen auf das Thema aufmerksam, verbreiten Informationen, Namen und Geschichten. Vielleicht erkennt jemand etwas wieder. Aber genau das ist derzeit unglaublich kompliziert. Man muss hoffen, dass man überlebt, und dann ist man vielleicht in zehn Jahren bei einer Zeremonie dabei, bei der ein Urenkel eine Halskette zurückbekommt.


Wie können Organisationen, wie können wir alle helfen, dass Menschen in der Ukraine am Leben bleiben?
Was wir im Moment brauchen, sind Powerbanks und Thermokleidung, um warm zu bleiben. Aber mein tiefster Wunsch ist, dass die Angriffe aufhören. Ich möchte, dass Russland aufhört, Schulen anzugreifen, damit Schüler*innen und Lehrkräfte eine Schule mit Fenstern und Heizung haben – einen Ort, der wirklich ein sicherer Ort fürs Lernen und den Austausch sein kann. Ich denke, das ist das Wichtigste.
