Olympia 1936: Sieg der Propaganda

Wie der NS-Staat den Boykott der Olympischen Spiele verhinderte – und die Welt sich von Hitler täuschen ließ

Schwarz-Weiß-Aufnahme von Leni Riefenstahl hinter einem Kameramann auf einer fahrbaren Kameraplattform bei den Dreharbeiten zu „Olympia“ 1936; eine weitere Person schiebt die Konstruktion.
Leni Riefenstahl bei den Dreharbeiten zu dem Propagandafilm „Olympia“, 1936. Quelle: BArch Bild 146-1988-106-29.

Um einen drohenden Boykott der Olympischen Spiele 1936 in Berlin abzuwenden, gab sich das NS-Regime friedliebend. Adolf Hitler sicherte der Weltöffentlichkeit faire Spiele zu, selbst jüdische Sportler*innen sollten teilnehmen dürfen. Zum Schein wurde die jüdische Spitzen-Hochspringerin Gretel Bergmann nominiert. Starten ließ man sie jedoch nicht.  

Vor 90 Jahren, im August 1936, fanden die XI. Olympischen Sommerspiele in Berlin statt. Die Entscheidung für den Austragungsort für Olympia hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) bereits 1931 gefällt – zu einer Zeit, als freie Spiele in Deutschland noch vorstellbar waren. Ab dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 regte sich jedoch international Widerstand dagegen, vor allem in den USA, Frankreich und England.

**Alternativtext:** Schwarz-Weiß-Aufnahme des voll besetzten Berliner Olympiastadions während der Olympischen Spiele 1936; im Vordergrund die steinerne Außenfassade, dahinter das Spielfeld und zahlreiche Fahnen.
Das neu errichtete Olympiastadion auf dem „Reichssportfeld“ in Berlin war vom 1. bis zum 16. August 1936 Austragungsort der Olympischen Spiele. Quelle: BArch B 145 Bild-P017184.

Beschwichtigungen und Lippenbekenntnisse

Dabei war Adolf Hitler an Olympia zunächst wenig interessiert, stand doch die völkerverbindende Idee in krassem Widerspruch zur Rassenideologie der Nazis. Er ließ sich jedoch von Theodor Lewald, dem Vorsitzenden des Organisationskomitees der XI. Olympischen Sommerspiele, überzeugen. Der Sportfunktionär, der später selbst wegen seiner jüdischen Wurzeln angefeindet wurde, war Mitglied im IOC und ein glühender Befürworter der Spiele. Hitler und mehr noch Propagandaminister Joseph Goebbels erkannten schnell den propagandistischen Wert der Olympiade. Außerdem sollten die Wettkämpfe die Bevölkerung zum Sport animieren und damit der Kriegsvorbereitung dienen.
Je größer Hitlers Begeisterung für die Spiele, desto skeptischer wurde das IOC. Insbesondere die US-amerikanische Öffentlichkeit forderte, Deutschland müsse sich zur Einhaltung der olympischen Regeln verpflichten und jüdischen Sportler*innen die Teilnahme erlauben. Hitler lieferte dieses Lippenbekenntnis und beugte sich vorgeblich dem Druck. Das NS-Regime wies die Presse an, für die Dauer der Spiele rassistische und antisemitische Töne zu mäßigen. In den Reihen der SA kursierte jedoch schon der Satz: „Wenn die Olympiade vorbei, schlagen wir die Juden zu Brei!“

Internationale Boykottbewegung

Trotz der deutschen Verschleierungstaktik verstummten die Boykottaufrufe nicht. Mit der Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze 1935 erhielt die Bewegung neuen Auftrieb. Die Gegner*innen waren überzeugt, dass Deutschland die grundlegenden olympischen Werte wie Gleichberechtigung, Verständigung und Respekt nicht einhalten würde.

Doch Avery Brundage, Präsident des amerikanischen Olympischen Komitees, wandte sich entschieden gegen einen Boykott. Nach einer Deutschlandreise 1934 behauptete er, bei den Spielen sei keine Diskriminierung von Jüdinnen und Juden zu befürchten. Bei einer Boykott-Abstimmung setzte er die Teilnahme der USA an den Olympischen Spielen durch. Viele andere Staaten folgten dem Beispiel. Mit 49 Nationen und fast 4.000 Athlet*innen sollten die Spiele in Berlin einen Teilnehmerrekord verzeichnen.  

Die jugoslawische Fußballnationalmannschaft fehlt

Nur wenige Mannschaften bleiben den Spielen fern. Neben Spanien, wo Bürgerkrieg herrscht, fehlt auch die jugoslawische Fußballmannschaft. Einer der Wortführer des Boykotts ist Milutin Ivković, Kapitän der jugoslawischen Nationalmannschaft. Er hatte sowohl an den Olympischen Spielen 1928 als auch bei der ersten Fußball-WM 1930 teilgenommen. 1934 spielt er ein letztes Mal in der Nationalelf. Während des Krieges unterstützt er die jugoslawische Volksbefreiungsarmee, den militärischen Arm der Kommunistischen Partei, und wird mehrfach von der Gestapo verhaftet. Anfang Mai 1943 gerät er wieder in Haft und wird am 25. Mai 1943 in einem Konzentrationslager in der Nähe Belgrads hingerichtet.     

Schwarz-Weiß-Porträt eines lächelnden Fußballspielers im Trikot der jugoslawischen Nationalmannschaft.
Milutin Ivković, Mitglied der jugoslawischen Fußballnationalmannschaft. Quelle: Nationaal Archief/Collectie Spaarnestad, Bildnummer SFA008001985, Public Domain.

Im Oktober 1943 richtet Milutin Ivkovićs Schwester eine Suchanfrage an das Deutsche Rote Kreuz, weil sie seit der Verhaftung nichts von ihrem Bruder gehört hat. Im Juni 1944 antwortet das Reichssicherheitshauptamt, ihr Bruder sei „vor längerer Zeit schon verstorben“ und verweigert „aus polizeilichen Gründen“ die Auskunft über weitere Details. Zu diesem Zeitpunkt ist Milutin Ivković bereits seit über einem Jahr tot.

Vergilbtes, maschinenschriftliches Anschreiben des Reichssicherheitshauptamts aus dem Jahr 1944 mit Behördenkopf, Aktenzeichen, Stempel und Unterschrift.
Anschreiben des Reichssicherheitshauptamts. Quelle: Arolsen Archives.

Entgegen der Behauptung von Avery Brundage hatten die Nationalsozialisten in Deutschland die Diskriminierung von Jüdinnen und Juden seit 1933 massiv vorangetrieben, auch im Sport. Jüdische Athlet*innen wurden aus Sportvereinen ausgeschlossen und durften nur noch in rein jüdischen Vereinen trainieren, die oft nicht für den Spitzensport ausgestattet waren. Viele jüdische Sportler*innen konnten sich gar nicht erst für Olympia qualifizieren.

Die „Alibi-Jüdin“ Gretel Bergmann

Auch die Hochspringerin Gretel Bergmann muss ihren Ulmer Heimatsportverein im April 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft verlassen. Enttäuscht emigriert sie nach England, besucht dort eine Sportakademie und gewinnt 1934 die britische Meisterschaft im Hochsprung. Das NS-Regime zwingt sie zur Rückkehr, indem es ihre Familie in Deutschland mit Repressalien droht. Die Spitzensportlerin soll als „Alibi“-Jüdin bei den Spielen antreten, um den drohenden Boykott der USA abzuwenden.

Schwarz-Weiß-Aufnahme einer Hochspringerin, die mit angewinkelten Beinen eine Latte überquert; im Hintergrund stehen zahlreiche Zuschauer:innen.
Vier Wochen vor Beginn der Olympischen Spiele 1936 stellt Gretel Bergmann mit einer Höhe von 1,60 Metern den deutschen Rekord im Hochsprung auf. Dieser wird allerdings erst 2009 offiziell anerkannt. Quelle: akg-images, AKG428590.

Trotz widriger Trainingsbedingungen liefert Gretel Bergmann Rekordleistungen ab. Doch das NS-Regime hatte nie vor, die in ihren Augen als „Volljüdin“ geltende Hochspringerin starten zu lassen. Kurz vor Beginn der Spiele und genau einen Tag, nachdem das Schiff der US-Mannschaft die Staaten verlassen hat, erhält sie einen Brief vom Deutschen Reichsbund für Leibesübungen. Darin teilt man ihr den Ausschluss aus dem Kader mit. Die fadenscheinige Begründung lautet: „Sie werden auf Grund der in letzter Zeit gezeigten Leistungen wohl selbst nicht mit einer Aufstellung gerechnet haben“.

Am 1. August eröffnet Adolf Hitler die Olympischen Spiele vor über 100.000 Zuschauer*innen im neu gebauten Berliner Olympiastadion. Die Rolle als „Alibi-Jüdin“ kommt jetzt Helene Mayer zu. Die Fechterin, die in der rassistischen Ideologie der Nazis als „Halbjüdin“ gilt, ist die einzige jüdische Teilnehmerin im deutschen Team. Sie gewinnt die Silbermedaille im Florettfechten und zeigt bei der Siegerehrung den Hitlergruß.

Gretel Bergmann wandert 1937 in die USA aus. Ihre Leistungen werden umgehend aus den deutschen Weltbestenliste getilgt. In ihren Erinnerungen, die 2003 erscheinen, schreibt sie: „So wurde ich zum Lockvogel, zur Schachfigur in Hitlers politischem Täuschungsmanöver“.

Neuanfang in New York

In New York muss sich Gretel Bergmann mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, bleibt aber sportlich erfolgreich. 1937 und 1938 gewinnt sie den Titel als US-Meisterin im Hochsprung. 1938 heiratet sie ihren Verlobten Bruno Lambert, der ihr in die USA folgen kann. Gretel Bergmann-Lambert und Bruno Lambert werden beide 103 Jahre alt. Er stirbt 2013, sie 2017 in New York. Das Paar ist 75 Jahre verheiratet.

Schwarz-Weiß-Porträt von Gretel Bergmann und Bruno Lambert, die lächelnd eng nebeneinandersitzen.
Im August 1938 feiert Gretel Bergmann mit ihrem Mann Bruno Lambert in New York ihren Titel als US-Meisterin im Hochsprung. Quelle: Museum zur Geschichte von Christen und Juden, Laupheim.

Familie Lambert: verfolgt und ermordet

Während Bruno Lambert mit Gretels Hilfe in die USA fliehen kann, wird seine Familie in Deutschland verfolgt. Sein jüngerer Bruder Alfred wird am 15. November 1938 für zehn Tage im KZ Dachau interniert. Karteikarten der Gestapo in Koblenz legen nahe, dass Alfred und Brunos jüngere Schwester Johanna zunächst ebenfalls in die USA ausreisen wollen, sich dann aber offenbar für Shanghai entscheiden. Wo sie sich während der NS-Zeit genau aufhalten, ist nicht bekannt. Die Eltern der drei Geschwister, Simon und Lina Lambert, werden am 30. April 1942 vom Gestapobereich Koblenz ins polnische Kraśniczyn deportiert und ermordet.

Vergilbte Karteikarte mit dem Namen Alfred Lambert, seiner Häftlingsnummer und dem handschriftlich eingetragenen Entlassungsdatum 25. November 1936.
Auf einer Karteikarte der Gestapo Koblenz ist vermerkt, dass Alfred plante, in die USA auszureisen. 1939 wird festgehalten, dass er nach Shanghai ausgewandert sei. Quelle: Arolsen Archives.
Grünlich getönte Schreibstubenkarte aus dem KZ Dachau für Alfred Lambert mit persönlichen Angaben und Vermerken zu seiner Auswanderung.
Schreibstubenkarte aus dem KZ Dachau von Alfred Lambert. Quelle: Arolsen Archives.

Olympia – ein Glanzstück der NS-Propaganda

Für die Nationalsozialisten erwiesen sich die minutiös inszenierten Olympischen Spiele als gigantischer Propagandaerfolg: Mit 33 Goldmedaillen lag Deutschland an der Spitze des Medaillenspiegels – noch vor den USA.
Das Fernsehen übertrug sogar einige Stunden live ins Studio. Die Sendungen waren in 28 öffentlichen Fernsehstuben in Berlin zu sehen. Dass ausgerechnet Jesse Owens, ein schwarzer US-Amerikaner, erfolgreichster Sportler und Publikumsliebling wurde, unterlief ironischerweise die Behauptung von der Überlegenheit einer „arischen Rasse“.

Der Film Olympia

Schwarz-Weiß-Aufnahme bei den Dreharbeiten zu „Olympia“: Neben einer Filmkamera stehen Leni Riefenstahl und der Zehnkämpfer Glenn Morris, während ein Mitarbeiter Einstellungen für die Aufnahme vornimmt.
Leni Riefenstahl mit dem US-amerikanischen Zehnkämpfer Glenn Morris bei den Dreharbeiten zu „Olympia“. Quelle: BArch Bild 146-1972-061-57.

Mit ihrem zweiteiligen Film „Olympia“ setzt Regisseurin Leni Riefenstahl (1902-2003) den Spielen von 1936 ein Denkmal. Bei den Dreharbeiten experimentiert sie mit zahlreichen technischen Neuerungen wie Aufnahmen aus einem Heißluftballon oder mit einer Unterwasserkamera. Ihr Stab umfasst etwa 300 Personen, darunter allein 34 Kameraleute.

Der Film wird bis heute oft als ästhetisches Meisterwerk bezeichnet. Durch die glorifizierende Darstellung athletischer Körper gilt er aber vor allem als Inbegriff des „faschistischen Körperkults“, der die angebliche Stärke und Überlegenheit einer „arischen Rasse“ belegen sollte. Für die Nationalsozialisten erwies sich der Film als extrem erfolgreiches Propagandainstrument, wenngleich die Regisseurin zeitlebens bestritt, das NS-Regime unterstützt zu haben – ihre Filme sprechen eine andere Sprache. Der erste Teil von „Olympia“ wurde am 20. April 1938, an Hitlers Geburtstag, im Berliner Ufa-Palast uraufgeführt.

Literaturtipp

Gretel Bergmann, „Ich war die große jüdische Hoffnung“: Erinnerungen einer außergewöhnlichen Sportlerin, 2. Auflage 2015 (Erstausgabe 2003)

Die Olympischen Spiele 1936

Die Olympischen Spiele sind Großereignisse mit globaler Strahlkraft. Wir nutzen die Gelegenheit, um an Sportler*innen zu erinnern, die Opfer der NS-Verfolgung wurden. Auch viele Olympionik*innen mussten um ihr Leben fürchten: Sie passten nicht in das rassistische Weltbild der Nazis, wollten nicht kooperieren oder leisteten Widerstand.

Schwarz-Weiß-Aufnahme des voll besetzten Berliner Olympiastadions während der Olympischen Spiele 1936; im Vordergrund die Laufbahn, über den Tribünen Fahnen mit den olympischen Ringen und einem Hakenkreuz.
Berlin, Olympiade 1936. Bundesarchiv, B 145 Bild-P017073 / Frankl, A. / CC-BY-SA 3.0