Um einen drohenden Boykott der Olympischen Spiele 1936 in Berlin abzuwenden, gab sich das NS-Regime friedliebend. Adolf Hitler sicherte der Weltöffentlichkeit faire Spiele zu, selbst jüdische Sportler*innen sollten teilnehmen dürfen. Zum Schein wurde die jüdische Spitzen-Hochspringerin Gretel Bergmann nominiert. Starten ließ man sie jedoch nicht.
Vor 90 Jahren, im August 1936, fanden die XI. Olympischen Sommerspiele in Berlin statt. Die Entscheidung für den Austragungsort für Olympia hatte das Internationale Olympische Komitee (IOC) bereits 1931 gefällt – zu einer Zeit, als freie Spiele in Deutschland noch vorstellbar waren. Ab dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 regte sich jedoch international Widerstand dagegen, vor allem in den USA, Frankreich und England.

Beschwichtigungen und Lippenbekenntnisse
Dabei war Adolf Hitler an Olympia zunächst wenig interessiert, stand doch die völkerverbindende Idee in krassem Widerspruch zur Rassenideologie der Nazis. Er ließ sich jedoch von Theodor Lewald, dem Vorsitzenden des Organisationskomitees der XI. Olympischen Sommerspiele, überzeugen. Der Sportfunktionär, der später selbst wegen seiner jüdischen Wurzeln angefeindet wurde, war Mitglied im IOC und ein glühender Befürworter der Spiele. Hitler und mehr noch Propagandaminister Joseph Goebbels erkannten schnell den propagandistischen Wert der Olympiade. Außerdem sollten die Wettkämpfe die Bevölkerung zum Sport animieren und damit der Kriegsvorbereitung dienen.
Je größer Hitlers Begeisterung für die Spiele, desto skeptischer wurde das IOC. Insbesondere die US-amerikanische Öffentlichkeit forderte, Deutschland müsse sich zur Einhaltung der olympischen Regeln verpflichten und jüdischen Sportler*innen die Teilnahme erlauben. Hitler lieferte dieses Lippenbekenntnis und beugte sich vorgeblich dem Druck. Das NS-Regime wies die Presse an, für die Dauer der Spiele rassistische und antisemitische Töne zu mäßigen. In den Reihen der SA kursierte jedoch schon der Satz: „Wenn die Olympiade vorbei, schlagen wir die Juden zu Brei!“
Internationale Boykottbewegung
Trotz der deutschen Verschleierungstaktik verstummten die Boykottaufrufe nicht. Mit der Verabschiedung der Nürnberger Rassengesetze 1935 erhielt die Bewegung neuen Auftrieb. Die Gegner*innen waren überzeugt, dass Deutschland die grundlegenden olympischen Werte wie Gleichberechtigung, Verständigung und Respekt nicht einhalten würde.
Doch Avery Brundage, Präsident des amerikanischen Olympischen Komitees, wandte sich entschieden gegen einen Boykott. Nach einer Deutschlandreise 1934 behauptete er, bei den Spielen sei keine Diskriminierung von Jüdinnen und Juden zu befürchten. Bei einer Boykott-Abstimmung setzte er die Teilnahme der USA an den Olympischen Spielen durch. Viele andere Staaten folgten dem Beispiel. Mit 49 Nationen und fast 4.000 Athlet*innen sollten die Spiele in Berlin einen Teilnehmerrekord verzeichnen.
Die jugoslawische Fußballnationalmannschaft fehlt
Nur wenige Mannschaften bleiben den Spielen fern. Neben Spanien, wo Bürgerkrieg herrscht, fehlt auch die jugoslawische Fußballmannschaft. Einer der Wortführer des Boykotts ist Milutin Ivković, Kapitän der jugoslawischen Nationalmannschaft. Er hatte sowohl an den Olympischen Spielen 1928 als auch bei der ersten Fußball-WM 1930 teilgenommen. 1934 spielt er ein letztes Mal in der Nationalelf. Während des Krieges unterstützt er die jugoslawische Volksbefreiungsarmee, den militärischen Arm der Kommunistischen Partei, und wird mehrfach von der Gestapo verhaftet. Anfang Mai 1943 gerät er wieder in Haft und wird am 25. Mai 1943 in einem Konzentrationslager in der Nähe Belgrads hingerichtet.


Entgegen der Behauptung von Avery Brundage hatten die Nationalsozialisten in Deutschland die Diskriminierung von Jüdinnen und Juden seit 1933 massiv vorangetrieben, auch im Sport. Jüdische Athlet*innen wurden aus Sportvereinen ausgeschlossen und durften nur noch in rein jüdischen Vereinen trainieren, die oft nicht für den Spitzensport ausgestattet waren. Viele jüdische Sportler*innen konnten sich gar nicht erst für Olympia qualifizieren.
Die „Alibi-Jüdin“ Gretel Bergmann
Auch die Hochspringerin Gretel Bergmann muss ihren Ulmer Heimatsportverein im April 1933 wegen ihrer jüdischen Herkunft verlassen. Enttäuscht emigriert sie nach England, besucht dort eine Sportakademie und gewinnt 1934 die britische Meisterschaft im Hochsprung. Das NS-Regime zwingt sie zur Rückkehr, indem es ihre Familie in Deutschland mit Repressalien droht. Die Spitzensportlerin soll als „Alibi“-Jüdin bei den Spielen antreten, um den drohenden Boykott der USA abzuwenden.

Trotz widriger Trainingsbedingungen liefert Gretel Bergmann Rekordleistungen ab. Doch das NS-Regime hatte nie vor, die in ihren Augen als „Volljüdin“ geltende Hochspringerin starten zu lassen. Kurz vor Beginn der Spiele und genau einen Tag, nachdem das Schiff der US-Mannschaft die Staaten verlassen hat, erhält sie einen Brief vom Deutschen Reichsbund für Leibesübungen. Darin teilt man ihr den Ausschluss aus dem Kader mit. Die fadenscheinige Begründung lautet: „Sie werden auf Grund der in letzter Zeit gezeigten Leistungen wohl selbst nicht mit einer Aufstellung gerechnet haben“.
Am 1. August eröffnet Adolf Hitler die Olympischen Spiele vor über 100.000 Zuschauer*innen im neu gebauten Berliner Olympiastadion. Die Rolle als „Alibi-Jüdin“ kommt jetzt Helene Mayer zu. Die Fechterin, die in der rassistischen Ideologie der Nazis als „Halbjüdin“ gilt, ist die einzige jüdische Teilnehmerin im deutschen Team. Sie gewinnt die Silbermedaille im Florettfechten und zeigt bei der Siegerehrung den Hitlergruß.
Gretel Bergmann wandert 1937 in die USA aus. Ihre Leistungen werden umgehend aus den deutschen Weltbestenliste getilgt. In ihren Erinnerungen, die 2003 erscheinen, schreibt sie: „So wurde ich zum Lockvogel, zur Schachfigur in Hitlers politischem Täuschungsmanöver“.
Neuanfang in New York
In New York muss sich Gretel Bergmann mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten, bleibt aber sportlich erfolgreich. 1937 und 1938 gewinnt sie den Titel als US-Meisterin im Hochsprung. 1938 heiratet sie ihren Verlobten Bruno Lambert, der ihr in die USA folgen kann. Gretel Bergmann-Lambert und Bruno Lambert werden beide 103 Jahre alt. Er stirbt 2013, sie 2017 in New York. Das Paar ist 75 Jahre verheiratet.



Olympia – ein Glanzstück der NS-Propaganda
Für die Nationalsozialisten erwiesen sich die minutiös inszenierten Olympischen Spiele als gigantischer Propagandaerfolg: Mit 33 Goldmedaillen lag Deutschland an der Spitze des Medaillenspiegels – noch vor den USA.
Das Fernsehen übertrug sogar einige Stunden live ins Studio. Die Sendungen waren in 28 öffentlichen Fernsehstuben in Berlin zu sehen. Dass ausgerechnet Jesse Owens, ein schwarzer US-Amerikaner, erfolgreichster Sportler und Publikumsliebling wurde, unterlief ironischerweise die Behauptung von der Überlegenheit einer „arischen Rasse“.
Der Film Olympia

Mit ihrem zweiteiligen Film „Olympia“ setzt Regisseurin Leni Riefenstahl (1902-2003) den Spielen von 1936 ein Denkmal. Bei den Dreharbeiten experimentiert sie mit zahlreichen technischen Neuerungen wie Aufnahmen aus einem Heißluftballon oder mit einer Unterwasserkamera. Ihr Stab umfasst etwa 300 Personen, darunter allein 34 Kameraleute.
Der Film wird bis heute oft als ästhetisches Meisterwerk bezeichnet. Durch die glorifizierende Darstellung athletischer Körper gilt er aber vor allem als Inbegriff des „faschistischen Körperkults“, der die angebliche Stärke und Überlegenheit einer „arischen Rasse“ belegen sollte. Für die Nationalsozialisten erwies sich der Film als extrem erfolgreiches Propagandainstrument, wenngleich die Regisseurin zeitlebens bestritt, das NS-Regime unterstützt zu haben – ihre Filme sprechen eine andere Sprache. Der erste Teil von „Olympia“ wurde am 20. April 1938, an Hitlers Geburtstag, im Berliner Ufa-Palast uraufgeführt.
Literaturtipp
Gretel Bergmann, „Ich war die große jüdische Hoffnung“: Erinnerungen einer außergewöhnlichen Sportlerin, 2. Auflage 2015 (Erstausgabe 2003)

