Recherchen in ukrainischen Kleinarchiven

Das Projekt H-Files führt Zeugnisse der NS-Verfolgung zusammen

Im Archiv in Obodiwka, Ukraine. Foto: Arolsen Archives 2025.
Im Archiv in Obodiwka, Ukraine. Foto: Arolsen Archives 2025.

Materialien aus ukrainischen Mikroarchiven zur NS-Verfolgung sind oft fragmentarisch. Unser Projekt H-Files hilft, Dokumente zusammenzuführen, Biografien nachzuvollziehen und historische Quellen zu bewahren.

Die Ukraine war während des Zweiten Weltkriegs in besonderem Maße von nationalsozialistischer Besatzung, Deportationen und Massenverbrechen betroffen. Viele Lebenswege sind bis heute nur bruchstückhaft dokumentiert und über unterschiedliche Orte, Archive und Sammlungen verstreut. Hinweise finden sich häufig in kleinen lokalen Archiven oder privaten Sammlungen: in Fotografien, Arbeitsbüchern, Ausweisen, Lagerkarten, Briefen oder handschriftlichen Erinnerungen. Das Projekt H-Files unterstützt ukrainische Mikroarchive dabei, solche Quellen fachlich und technisch zu sichern. Gerade während des russischen Angriffskriegs ist diese Arbeit besonders wichtig, um historische Dokumente zu bewahren und Verfolgungswege sichtbar zu machen.

Ein zentrales Ziel von H-Files ist, Zusammenhänge zwischen Personen und entsprechenden Dokumenten aufzuzeigen: „Wenn etwa im Rahmen der Digitalisierung in einem Mikroarchiv ein Name auftaucht, können wir gezielt in unseren Datenbanken nach weiteren Spuren suchen“, so Hanna Lehun, Mitarbeiterin der Arolsen Archives und Verantwortliche für das Projekt H-Files. Ein Beispiel für die Zusammenführung familiären, lokalen Wissens und Recherche in großen Datenbanken ist die Rekonstruktion des Schicksals von Hanna Schewtschuk.

Hanna Schewtschuks Geschichte – Zur Zwangsarbeit verschleppt

In der Sammlung des Auschwitz-Birkenau Museums befinden sich Aufnahmen einer Frau: Ihr Haar ist kurzgeschoren, auf einer Aufnahme auch mit einem Kopftuch bedeckt. Sie trägt Gefangenenkleidung, eine Nummer ist auf den Fotos mitaufgenommen. Ihr Name und ihre Geschichte waren jedoch lange unbekannt. Dieses Bild befindet sich auch im Online-Archiv der Arolsen Archives.

Aufnahme aus Auschwitz. Arolsen Archives DOC ID 129548578. Quelle: Auschwitz‐Birkenau State Museum.
Aufnahme aus Auschwitz. Arolsen Archives DOC ID 129548578. Quelle: Auschwitz‐Birkenau State Museum.

Es handelt sich um Hanna Schewtschuk, geborene Karpenko. Diese Information lag zunächst jedoch weder dem Museum in Auschwitz noch den Arolsen Archives vor. Erst durch das Engagement zahlreicher Beteiligter vor Ort in der Ukraine, durch das Wissen von Hanna Schewtschuks Familie und durch den Abgleich von Informationen aus Datenbanken großer Institutionen konnte ihr Lebensweg recherchiert werden.

Als junge Frau besuchte Hanna Karpenko die pharmazeutische Schule in Uman. Später wurde sie von den Nationalsozialisten zur Zwangsarbeit nach Österreich verschleppt. Nachdem sie in einem Brief an ihre Familie versucht hatte, über ihre Lebensbedingungen zu berichten, wurde sie verhaftet, fünfmal verhört, misshandelt und schließlich nach Auschwitz deportiert. Dort wurde ihr die Nummer 26357 auf den Arm tätowiert. Hanna musste in der Landwirtschaft arbeiten.

Als sowjetische Truppen die Ukraine zwischen 1943 und 1944 befreiten, zwangen die Nationalsozialisten Lagerinsassen auf lange Märsche. Hanna überlebte diese Torturen: Die Nazis trieben sie bis nach Hamburg in Deutschland, wo sie von britischen Truppen befreit wurde.

Nach ihrer Rückkehr in die Ukraine heiratete sie Tanasii Schewtschuk und nahm seinen Nachnamen an. Das Paar hatte keine leiblichen Kinder, adoptierte aber einen Jungen. Hanna Schewtschuk arbeitete ihr Leben lang in einer Dorfapotheke.

Von Hanna Schewtschuk ist lediglich ein Foto aus der Nachkriegszeit erhalten. Foto: Digitalisat im Rahmen des Projekt H-Files, Museum der Trypillia-Kulur, Lehedzyne in der Region Tscherkassy.
Von Hanna Schewtschuk ist lediglich ein Foto aus der Nachkriegszeit erhalten. Foto: Digitalisat im Rahmen des Projekt H-Files, Museum der Trypillia-Kulur, Lehedzyne in der Region Tscherkassy.

Grassroots-Methoden zu Erforschung des Holocausts: Lokales Wissen ist unersetzlich

Im Fall von Hanna Schewtschuk wurden die Informationen von lokalen Geschichtsaktivist*innen und Mitarbeitenden des Museums für Trypillia-Kultur in der Region Tscherkassy zusammengetragen. Ihre Familie konnte viel über Hanna erzählen: wie sie den Todesmarsch überlebte und wie stark die Erfahrung im Konzentrationslager Auschwitz sie körperlich und seelisch prägte. Das einzige erhaltene physische Dokument in Familienbesitz war jedoch das gezeigte Foto aus späteren Jahren.

Die Ergebnisse rund um Hanna Schewtschuks Biografie zeigen, wie wichtig der direkte Kontakt zu Angehörigen vor Ort ist. An solchen Recherchen arbeiten die Beteiligten oft an verschiedenen Orten und übernehmen unterschiedliche Aufgaben: Einige digitalisieren kleine institutionelle Sammlungen, andere besuchen ältere Menschen in Dörfern, bitten um Dokumente oder Fotos zum Einscannen und dokumentieren mündliche Erinnerungen.

Mikroarchive stellen Forschende vor andere Herausforderungen als institutionelle Bestände: Jede Sammlung ist individuell, oft unvollständig und stark von mündlicher Überlieferung geprägt. Unterschiedliche Herangehensweisen helfen dabei, die Bestände zu ergänzen, miteinander zu verbinden und historische Zusammenhänge besser nachvollziehbar zu machen.

Hanna Lehun während des Workshops für Museumsmitarbeitende in Obodiwka, Region Winnyzja, Juli 2025. Foto: Arolsen Archives.
Hanna Lehun während des Workshops für Museumsmitarbeitende in Obodiwka, Region Winnyzja, Juli 2025. Foto: Arolsen Archives.

Die korrekte Zuordnung von Namen, Orten und Verwaltungseinheiten bleibt dabei eine ständige Herausforderung. Ohne das Wissen um regionale Gegebenheiten und ohne das Engagement der ukrainischen Kolleg*innen und Freiwilligen vor Ort wäre es kaum möglich, Fragmente von Familienwissen und Dokumente aus der NS-Zeit richtig zu interpretieren, einzuordnen und miteinander zu verknüpfen.

H-Files

Im Projekt H-Files sichern die Arolsen Archives gemeinsam mit Partner in der Ukraine gefährdete Mikroarchive. Die Sammlungen enthalten Briefe, Fotos, Dokumente und Erinnerungen, die Verfolgung, Deportation und Zwangsarbeit dokumentieren. Viele dieser privaten und lokalen Quellen sind durch den russischen Angriffskrieg und fehlende archivarische Mittel akut gefährdet.

Hanna Lehun, Mitarbeiterin der Arolsen Archives, während des Workshops für ukrainische Museumsmitarbeitende (Lehedsyne, Region Tscherkasy, August 2024). Foto: Arolsen Archives.
Hanna Lehun, Mitarbeiterin der Arolsen Archives, während des Workshops für ukrainische Museumsmitarbeitende (Lehedsyne, Region Tscherkasy, August 2024). Foto: Arolsen Archives.

„Diese Briefe bringen die Erinnerung zurück“

In der ukrainischen Stadt Makariw erhalten Familien Kopien von Briefen, die ihre Angehörigen aus der NS-Zwangsarbeit schrieben. Lesen Sie ein Interview mit Museums- und Projektleiter Vitalii Heds.

Vorderseite eines Briefs. Quelle: Staatsarchiv der Region Kyjiw.
Vorderseite eines Briefs. Quelle: Staatsarchiv der Region Kyjiw.

Interview mit Hanna Lehun

Die Ukrainerin ist wissenschaftlich Mitarbeiterin der Arolsen Archives und Projektkoordinatorin von „H-Files“ – auf unserer Homepage finden Sie ein Interview mit ihr.