Materialien aus ukrainischen Mikroarchiven zur NS-Verfolgung sind oft fragmentarisch. Unser Projekt H-Files hilft, Dokumente zusammenzuführen, Biografien nachzuvollziehen und historische Quellen zu bewahren.
Die Ukraine war während des Zweiten Weltkriegs in besonderem Maße von nationalsozialistischer Besatzung, Deportationen und Massenverbrechen betroffen. Viele Lebenswege sind bis heute nur bruchstückhaft dokumentiert und über unterschiedliche Orte, Archive und Sammlungen verstreut. Hinweise finden sich häufig in kleinen lokalen Archiven oder privaten Sammlungen: in Fotografien, Arbeitsbüchern, Ausweisen, Lagerkarten, Briefen oder handschriftlichen Erinnerungen. Das Projekt H-Files unterstützt ukrainische Mikroarchive dabei, solche Quellen fachlich und technisch zu sichern. Gerade während des russischen Angriffskriegs ist diese Arbeit besonders wichtig, um historische Dokumente zu bewahren und Verfolgungswege sichtbar zu machen.
Ein zentrales Ziel von H-Files ist, Zusammenhänge zwischen Personen und entsprechenden Dokumenten aufzuzeigen: „Wenn etwa im Rahmen der Digitalisierung in einem Mikroarchiv ein Name auftaucht, können wir gezielt in unseren Datenbanken nach weiteren Spuren suchen“, so Hanna Lehun, Mitarbeiterin der Arolsen Archives und Verantwortliche für das Projekt H-Files. Ein Beispiel für die Zusammenführung familiären, lokalen Wissens und Recherche in großen Datenbanken ist die Rekonstruktion des Schicksals von Hanna Schewtschuk.
Hanna Schewtschuks Geschichte – Zur Zwangsarbeit verschleppt
In der Sammlung des Auschwitz-Birkenau Museums befinden sich Aufnahmen einer Frau: Ihr Haar ist kurzgeschoren, auf einer Aufnahme auch mit einem Kopftuch bedeckt. Sie trägt Gefangenenkleidung, eine Nummer ist auf den Fotos mitaufgenommen. Ihr Name und ihre Geschichte waren jedoch lange unbekannt. Dieses Bild befindet sich auch im Online-Archiv der Arolsen Archives.

Es handelt sich um Hanna Schewtschuk, geborene Karpenko. Diese Information lag zunächst jedoch weder dem Museum in Auschwitz noch den Arolsen Archives vor. Erst durch das Engagement zahlreicher Beteiligter vor Ort in der Ukraine, durch das Wissen von Hanna Schewtschuks Familie und durch den Abgleich von Informationen aus Datenbanken großer Institutionen konnte ihr Lebensweg recherchiert werden.
Als junge Frau besuchte Hanna Karpenko die pharmazeutische Schule in Uman. Später wurde sie von den Nationalsozialisten zur Zwangsarbeit nach Österreich verschleppt. Nachdem sie in einem Brief an ihre Familie versucht hatte, über ihre Lebensbedingungen zu berichten, wurde sie verhaftet, fünfmal verhört, misshandelt und schließlich nach Auschwitz deportiert. Dort wurde ihr die Nummer 26357 auf den Arm tätowiert. Hanna musste in der Landwirtschaft arbeiten.
Als sowjetische Truppen die Ukraine zwischen 1943 und 1944 befreiten, zwangen die Nationalsozialisten Lagerinsassen auf lange Märsche. Hanna überlebte diese Torturen: Die Nazis trieben sie bis nach Hamburg in Deutschland, wo sie von britischen Truppen befreit wurde.
Nach ihrer Rückkehr in die Ukraine heiratete sie Tanasii Schewtschuk und nahm seinen Nachnamen an. Das Paar hatte keine leiblichen Kinder, adoptierte aber einen Jungen. Hanna Schewtschuk arbeitete ihr Leben lang in einer Dorfapotheke.

Grassroots-Methoden zu Erforschung des Holocausts: Lokales Wissen ist unersetzlich
Im Fall von Hanna Schewtschuk wurden die Informationen von lokalen Geschichtsaktivist*innen und Mitarbeitenden des Museums für Trypillia-Kultur in der Region Tscherkassy zusammengetragen. Ihre Familie konnte viel über Hanna erzählen: wie sie den Todesmarsch überlebte und wie stark die Erfahrung im Konzentrationslager Auschwitz sie körperlich und seelisch prägte. Das einzige erhaltene physische Dokument in Familienbesitz war jedoch das gezeigte Foto aus späteren Jahren.
Die Ergebnisse rund um Hanna Schewtschuks Biografie zeigen, wie wichtig der direkte Kontakt zu Angehörigen vor Ort ist. An solchen Recherchen arbeiten die Beteiligten oft an verschiedenen Orten und übernehmen unterschiedliche Aufgaben: Einige digitalisieren kleine institutionelle Sammlungen, andere besuchen ältere Menschen in Dörfern, bitten um Dokumente oder Fotos zum Einscannen und dokumentieren mündliche Erinnerungen.
Mikroarchive stellen Forschende vor andere Herausforderungen als institutionelle Bestände: Jede Sammlung ist individuell, oft unvollständig und stark von mündlicher Überlieferung geprägt. Unterschiedliche Herangehensweisen helfen dabei, die Bestände zu ergänzen, miteinander zu verbinden und historische Zusammenhänge besser nachvollziehbar zu machen.

Die korrekte Zuordnung von Namen, Orten und Verwaltungseinheiten bleibt dabei eine ständige Herausforderung. Ohne das Wissen um regionale Gegebenheiten und ohne das Engagement der ukrainischen Kolleg*innen und Freiwilligen vor Ort wäre es kaum möglich, Fragmente von Familienwissen und Dokumente aus der NS-Zeit richtig zu interpretieren, einzuordnen und miteinander zu verknüpfen.



