Schicksale klären, Biografien sichtbar machen

Projektleiterin Esther Meier im Interview über die Lebenswege sowjetischer Kriegsgefangener

Sowjetische Kriegsgefangene bei Gschatsk, Sowjetunion, November 1941. Museum Berlin-Karlshorst / Foto: Albert Dieckmann
Sowjetische Kriegsgefangene bei Gschatsk, Sowjetunion, November 1941. Museum Berlin-Karlshorst / Foto: Albert Dieckmann

Im internationalen Projekt „Sowjetische Kriegsgefangene“ werden Verfolgungswege rekonstruiert und offene Fragen zu einzelnen Schicksalen geklärt. Wir sprechen mit Esther Meier über die Bedeutung der Archivrecherche, verstreute Quellen und eine lange übersehene Opfergruppe des Nationalsozialismus.

Esther Meier, Sie leiten die Archivrecherchen im Projekt „Sowjetische Kriegsgefangene“. Worum geht es in dem Projekt genau?

Das Projekt klärt die Schicksale sowjetischer Kriegsgefangener, einer der größten Opfergruppen des Nationalsozialismus. Auf der Grundlage der Projektergebnisse werden Anfragen von Angehörigen beantwortet. Die erschlossenen Daten und Dokumente können auch von der Forschung und für erinnerungskulturelle Angebote genutzt werden. Zudem leisten wir durch Digitalisierung einen Beitrag zur Rettung ukrainischen Archivguts, das durch die russischen Angriffe von Zerstörung bedroht ist.

Bis zu 5,7 Millionen sowjetische Militärangehörige gerieten während des Zweiten Weltkriegs in deutsche Kriegsgefangenschaft, mehr als drei Millionen starben oder wurden ermordet. Warum sind ihre Namen und Schicksale bis heute trotzdem vielen Menschen kaum bekannt?

Am 26. September 2026 wird mit der #everynamecounts-Kampagne an das Ende der Schlacht um Kyjiw vor 85. Jahren und an die mehreren Hunderttausend sowjetischen Militärangehörigen erinnert, die hier in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen hatte sowohl in Deutschland – in Ost und West – wie auch im Heimatland der sowjetischen Kriegsgefangenen viele Jahrzehnte der politische Wille gefehlt, an das Leid dieser Gruppe zu erinnern. Die Hauptverantwortung für die Verbrechen trug die Wehrmacht, die für die Kriegsgefangenenlager zuständig war. Obwohl wissenschaftlich nicht haltbar, blieb der Mythos der „sauberen Wehrmacht“ in Deutschland lange wirkungsmächtig. In der Sowjetunion wiederum waren die Kriegsgefangenen mit dem kollektiven Vorwurf der Feigheit und des Verrats konfrontiert. Die Überlebenden blieben bis zur Perestrojka eine stigmatisierte Gruppe. Hinzu kommt, dass die sowjetischen Archive, in denen der Großteil auch der projektrelevanten deutschen Dokumente lagerte, erst ab den späten 1980er Jahren schrittweise geöffnet wurden. Insgesamt begann die Aufarbeitung sehr spät. Wie wichtig sie ist, sehen wir etwa daran, dass Angehörige sowjetischer Kriegsgefangener lange Reisen auf sich nehmen, wenn sie den Bestattungsort erfahren, um sich – mit orthodoxen, islamischen, jüdischen und anderen Ritualen – zu verabschieden.

Sie betonen, dass sowjetische Kriegsgefangene keine einheitliche Gruppe waren. Warum ist diese Perspektive wichtig, wenn man ihre Biografien verstehen will?

Die Sowjetunion war ein multiethnisches Imperium, eine Kolonialmacht mit über 100 Nationalitäten, die sich auch in der Roten Armee wiederfanden. Bis heute wird in öffentlichen Diskursen nicht selten von „russischen Kriegsgefangenen“ gesprochen, obwohl viele von ihnen etwa Ukrainer*innen, Kasach*innen oder Georgier*innen waren. Mehr als 800.000 Frauen dienten in der Roten Armee. Die Erfahrungen der Kriegsgefangenen in deutschem Gewahrsam konnten sich in Abhängigkeit von Nationalität, Geschlecht, Religion sowie sozialen und politischen Kategorien stark unterscheiden. 

Jüdische Kriegsgefangene und Militärangehörige mit politischen Funktionen hatten die geringsten Überlebenschancen. Andere, in der nationalsozialistischen Ideologie höherwertig eingestufte Gruppen, hatten mitunter etwas bessere Chancen, wenngleich die Todesrate bei allen hoch war. Zu berücksichtigen sind auch unterschiedliche Loyalitäten und Zugehörigkeiten der Kriegsgefangenen zur Sowjetmacht. Im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes besetzte die Sowjetunion 1939/1940 das Baltikum, Ostpolen und weitere Gebiete. Soldaten aus zuvor unabhängigen Staaten fanden sich wenig später in der Armee der Besatzer wieder. Angesichts dieser Komplexität ist eine differenzierende Herangehensweise unverzichtbar.

Foto rechts: Personalkarte I des ukrainischen Soldaten Marko Belik, der im Stalag XB, Kriegsgefangenlager Sandbostel (heutiges Niedersachsen), registriert wurde. Staatsarchiv des Gebiets Schytomyr, Ukraine: DASHO f. R 5013, op.1, spr. 37355.

Foto links: Der überlebende jüdische Kriegsgefangene Abram Lasarzew wurde vom militärischen Sicherheitsdienst „SMERSCH“, Abkürzung für „Tod den Spionen“ („Smert schpionam“), verhört. Auszug aus der „Filtrationsakte“, Lettisches Nationalarchiv: LNA LVA, 1821. f., 1. apr., 23071. l.

Das Projekt rekonstruiert nicht nur Verfolgungswege während der deutschen Kriegsgefangenschaft, sondern auch Nachkriegsbiografien. Warum ist dieser längere Blick auf die Lebenswege der Betroffenen so wichtig?

Eine Würdigung individueller Erfahrungen schließt unbedingt auch die Nachkriegsbiografien ein. Überlebende setzen historische Zäsuren oft anders als Historiker*innen. Für viele der sowjetischen Kriegsgefangenen war der Krieg 1945 noch nicht zu Ende. Ihre Rückkehr erfolgte mitunter erst nach Monaten oder sogar Jahren. Einige nach Deutschland transportierte Kriegsgefangene wurden nach der Befreiung direkt in der Sowjetischen Besatzungszone stationiert. Hinzu kam, dass die sowjetischen Sicherheitsdienste die Kriegsgefangenen, die die Lager überlebt hatten, auf vermeintliches Fehlverhalten hin überprüften. Die Erfahrung tiefen Misstrauens, das der Staat ihnen bei der Rückkehr entgegenbrachte, war für viele schmerzhaft. Auch die Nachkriegsbiografien der Überlebenden verliefen unterschiedlich. Dies legten Gespräche, die ich vor einigen Monaten mit Angehörigen von Kriegsgefangenen in Georgien führte, sehr eindrücklich offen.

Das Projekt führt individuelle Lebenswege aus verstreuten Archivdokumenten zusammen. Welche Quellen sind dafür besonders wichtig und was können sie über eine einzelne Person erzählen?

Für die Schicksalsklärung sind zum einen deutsche Quellen aus den Kriegsgefangenenlagern zentral. Hierzu zählen Personalkarten, die bei der Registrierung erstellt wurden. Zum anderen erschließen wir auch sowjetische Dokumente, zum Beispiel sogenannte Filtrationsakten, die die sowjetischen Sicherheitsdienste bei der Überprüfung der Heimkehrenden anlegten. Auf diese Weise gewinnen wir Informationen zu wichtigen Personendaten, wie Nationalitäten und Berufen, aber auch zu Lagern, Zwangsarbeit und Bestattungsorten sowie zur Repatriierung der Überlebenden und den stalinistischen Repressionen. Die Dokumente benennen auch Kriegsgefangene, die die Seiten wechselten und in deutschen Diensten standen. Im Rahmen unseres Projekts führen wir deutsche und sowjetische Quellen sowie Dokumente aus einer Vielzahl weiterer Länder für jeden einzelnen Kriegsgefangenen zusammen. Dabei kommt es vor, dass die hier gefundenen Einträge nachweislich falsch sind. Gerade falsche Angaben sind besonders spannend, da sie Einblicke in die Agency der Kriegsgefangenen ermöglichen können. In einigen Fälle lässt sich zeigen, dass Kriegsgefangenen in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Identitäten annahmen und dadurch ihre Überlebenschancen verbesserten.

Ein Schwerpunkt der Recherche liegt aktuell in der Ukraine. Wie kommt es zu diesem Schwerpunkt?

Die Ukraine verfügt über sehr große projektrelevante Bestände, die bislang noch viel zu wenig Beachtung gefunden haben. Zudem ist der Zugang zu den Dokumenten gerade in der Ukraine hervorragend. Während etwa Akten der sowjetischen Sicherheitsdienste in vielen Nachfolgestaaten der Sowjetunion noch unter Verschluss gehalten werden, sind sie in der Ukraine umfassend zugänglich. Diese Bestände enthalten auch deutsche Dokumente, die im und nach dem Krieg in die Sowjetunion verbracht wurden. Wir arbeiten vor allem mit ukrainischen Regionalarchiven zusammen, da der Digitalisierungsgrad hier niedriger ist als in den zentralen Archiven in Kyjiw. Dadurch möchten wir dazu beitragen, den Erhalt dieses einmaligen, massiv bedrohten Kulturguts zu sichern.

„Filtrationsakten“ entstanden im Zuge der sowjetischen Überprüfung ehemaliger Kriegsgefangener. In der stalinistischen Behördensprache wurde diese Überprüfung als „Filtration“ bezeichnet. Eine „Filtrationsakte“ besteht aus Unterlagen, die während dieses Prüfverfahrens erstellt wurden, sowie aus persönlichen Dokumenten der betroffenen Person. Sie enthalten daher Angaben zu Lebenswegen, Aufenthaltsorten, Arbeitseinsätzen, Gefangenschaft oder Rückkehr.

„Filtrationsakten“, Staatsarchiv des Gebiets Riwne, Ukraine. Foto: Info folgt
Filtrationsakten“, Staatsarchiv des Gebiets Riwne, Ukraine. Foto: Witalina Iwanjuk, die als Sichterin im Projekt arbeitet.
„Filtrationsakten“, Staatsarchiv des Gebiets Riwne, Ukraine. Foto: Info folgt
Filtrationsakten“, Staatsarchiv des Gebiets Riwne, Ukraine. Foto: Witalina Iwanjuk, die als Sichterin im Projekt arbeitet.

Wie wirkt sich der russische Angriffskrieg auf die Archivarbeit aus?

Bereits mehrere Archive in der Ukraine wurden von Raketen und Drohnen getroffen, Archivgut wurde zerstört. Die Ukraine unternimmt viel, um Archivgut zu retten. Ein Teil konnte aus den frontnahen Gebieten evakuiert werden. Manche ukrainischen Archive befinden sich in den russisch besetzten Gebieten und sind für uns nicht mehr zugänglich. Insgesamt sind jedoch Arbeiten in unterschiedlichen Regionen der Ukraine äußerst produktiv möglich. Wir haben große Achtung davor, was die ukrainischen Kolleg*innen in den Archiven unter Kriegsbedingungen – mit ständigen Luftangriffen, personell unterbesetzt und immer wieder ohne Strom – leisten. Russland führt seinen Krieg gegen die Ukraine nicht zuletzt mit historischer Desinformation und plündert Archive. Der Blick in die Dokumente, die wir erschließen, entkräftet russische Narrative  – „die Ukrainer sind alles Nazis“ – mit Nachdruck.

Wie stellt man ein Team für so ein komplexes Projekt zusammen und über welche Expertise müssen die Teammitglieder verfügen?

Wir arbeiten mit einem kleinen Team, das über langjährige Erfahrung in der Archivarbeit in osteuropäischen Ländern verfügt, die erforderlichen Sprachen beherrscht und fundierte Kenntnisse des deutschen Kriegsgefangenenwesens und des Stalinismus mitbringt. Um die großen Datenmengen zu erfassen und in Datenbanken zugänglich zu machen, sind auch technische Kenntnisse erforderlich. Wir sind Teil des Max Weber Netzwerks Osteuropa, das zur Max Weber Stiftung gehört, die in 14 Ländern vertreten ist, darunter in zahlreichen projektrelevanten. Diese Vernetzung und insbesondere auch die gute Zusammenarbeit mit Partnern wie den Arolsen Archives gewährleisten professionelle Arbeit.

Was wünschen Sie sich: Was soll die Öffentlichkeit über die Geschichte sowjetischer Kriegsgefangener besser verstehen?

In den vergangenen Jahrzehnten wurde viel erreicht, um die sowjetischen Kriegsgefangenen stärker in die europäischen Erinnerungskulturen zu integrieren. Dennoch bekommt diese Gruppe in Deutschland noch nicht die Würdigung, die ihrem Schicksal angemessen ist. Insgesamt wünsche ich mir eine Erinnerungskultur, in der Osteuropa einen zentralen Platz einnimmt. Tragischerweise trägt gerade der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine dazu bei, dass sich der Blick auf diese Regionen zunehmend weitet.

Esther Meier, Foto: privat.

Über Esther Meier

Dr. Esther Meier ist Historikerin und wissenschaftliche Leiterin im Projekt „Sowjetische Kriegsgefangene“ beim Max Weber Netzwerk Osteuropa. Sie leitet die Archivrecherchen des internationalen Recherche- und Dokumentationsprojekts. Ihre Forschungsschwerpunkte umfassen die Geschichte der Sowjetunion – insbesondere sowjetische Nationalitätenpolitik und Alltagsgeschichte – sowie die Geschichte des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich mit den individuellen Lebenswegen sowjetischer Kriegsgefangener und mit der Frage, wie verstreute Archivdokumente dazu beitragen können, Namen, Schicksale und Nachkriegsbiografien sichtbar zu machen.

Dimensionen eines Verbrechens

Sie möchten mehr über sowjetische Kriegsgefangene im Zweiten Weltkrieg wissen? Hier geht es zu einer Online-Ausstellung des Museum Berlin-Karlshorst.