Ein Ehering, eine Taschenuhr mit Kette: Es sind persönliche Gegenstände, die Max Feddersen bei sich trägt, als ihn die Nationalsozialisten im August 1944 verhaften. Wenige Tage später deportieren sie den Sylter in das Konzentrationslager Neuengamme und nehmen ihm diese Dinge ab. Eine Ausstellung in Westerland erinnert an den Sylter und weitere Opfer der Nazis.
Die Arolsen Archives zeigen 2026 die Ausstellung #StolenMemory in Westerland auf Sylt. Auf einem der Plakate sind der Ring und die Taschenuhr von Max Feddersen zu sehen: Die Ausstellungsplakate stellen persönliche Gegenstände ehemaliger KZ-Häftlinge in den Mittelpunkt – sogenannte Effekten, die den Menschen bei ihrer Inhaftierung abgenommen wurden. Ziel von #StolenMemory ist es, diese Gegenstände an die Familien der früheren Besitzer*innen zurückzugeben.
Bei den Arolsen Archives werden diese Dinge in Umschlägen verwahrt, beschriftet mit den Namen der Besitzer*innen. Rund 2.000 Umschläge warten noch auf die Rückgabe an die Familien der Opfer. Max Feddersens Ehering und seine Taschenuhr konnten bereits 2018 an seine Familie zurückgegeben werden.

Max Feddersen: Verhaftet nach der „Aktion Gewitter“
Max Feddersen wird am 2. August 1900 in Tinnum auf Sylt geboren. Er wächst mit mehreren Geschwistern auf. Seine Mutter Mathilde Annine Lindwig kommt aus Braderup; sein Vater, der Landwirt Gottlob Siegfried Feddersen, stammt aus Nordstrand. In Tinnum besucht Max Feddersen die Volksschule. Während des Ersten Weltkriegs wird er Soldat. Nach Kriegsende geht er für einige Zeit auf Wanderschaft. Nach seiner Rückkehr nach Sylt arbeitet Max Feddersen bei der Sylter Kleinbahn, zunächst in Hörnum, später in Westerland. Dort lernt er seine spätere Frau Dorothea Anna Hingst aus Kiel kennen. Die beiden heiraten im Herbst 1925 und bekommen vier Kinder.
Max Feddersen steigt bei der Inselbahn zum Büromitarbeiter auf. 1930 kann die Familie ein Haus am Seedeich kaufen. Während des Zweiten Weltkriegs wird er nicht eingezogen: Seine Arbeit bei der Inselbahn gilt als kriegswichtig, weil sie auch die auf Sylt stationierten Truppen versorgt. Feddersen arbeitet bei der Sylter Kleinbahn, ist SPD-Mitglied und für kurze Zeit im Gemeinderat in Westerland. Am 22. August 1944 wird er im Rahmen der sogenannten „Aktion Gewitter“ verhaftet. Mit dieser deutschlandweiten Verhaftungswelle reagieren die Nationalsozialisten auf das Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler. Die Aktion richtet sich gegen ehemalige Funktionär*innen der Parteien der Weimarer Republik.
Fünf Tage nach seiner Verhaftung deportieren die Nationalsozialisten Max Feddersen in das Konzentrationslager Neuengamme. Dort erhält er die Häftlingsnummer 43290. Seine persönlichen Gegenstände, darunter der Ehering und die Taschenuhr mit Kette, nehmen sie ihm im Lager ab.


Nach der Räumung des KZ Neuengamme kommt Max Feddersen auf die „Cap Arcona“. Am 3. Mai 1945 greift die britische Luftwaffe das Schiff irrtümlich an, weil sie deutsche Truppen an Bord vermutete. Tausende KZ-Häftlinge sterben in der Lübecker Bucht. Auch Max Feddersen kommt infolge des Angriffs ums Leben. Sein Leichnam lässt sich später anhand seiner Häftlingsnummer identifizieren.
Die britische Armee stellt die Effekten aus dem Konzentrationslager Neuengamme, unter anderem auch die Uhr und den Ring von Max Feddersen, nach der Befreiung 1945 in Norddeutschland sicher. Über verschiedene Zwischenstationen bei anderen Institutionen kommen die Gegenstände 1963 schließlich nach Arolsen. Die Suche der Arolsen Archives nach den rechtmäßigen Besitzer*innen, Überlebenden oder ihren Familien beginnt und dauert im Rahmen des Projekts #StolenMemory bis heute an.


Ausstellung heute auf Sylt
Die Plakatausstellung #StolenMemory ist – unter anderem mit Abbildungen von Max Feddersens Effekten – vom 5. Juni bis zum 4. Oktober 2026 im Rathauspark Westerland zu sehen. Die Arolsen Archives präsentieren sie gemeinsam mit dem Arbeitskreis Erinnerungskultur Nationalsozialismus und mit Unterstützung der Gemeinde Sylt.

Geschichte verschwindet nicht, wenn wir sie ignorieren – sie wiederholt sich, wenn wir nicht aus ihr lernen. #StolenMemory gibt den Opfern des Nationalsozialismus ein Stück ihrer Individualität zurück und erinnert uns an unsere Verantwortung heute.
Tina Haltermann, Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt
Zur Erinnerungsarbeit auf Sylt gehört auch ein Projekt mit dem Sylter Gymnasium: Im Mai 2026 rekonstruierten Schüler*innen gemeinsam mit den Arolsen Archives die Lebenswege von Inselbewohnenden, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden. Auch die Biografie von Max Feddersen war Teil dieser Arbeit. Die Schüler*innen präsentierten ihre Recherchen bei der Eröffnungsveranstaltung der Ausstellung am 5. Juni und übergaben das Plakat zu Max Feddersen an seine Angehörigen.








