Tanz, Widerstand und Verfolgung im NS-Staat

Die Lebenswege der Tänzerinnen Julia Marcus und Tatjana Barbakoff

Ausgrenzung, Flucht und Gewalt in der NS-Zeit sind Teil der Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts. Tatjana Barbakoff und Julia Marcus waren zwei bekannte Künstlerinnen der Tanzmoderne, zu denen sich Dokumente bei den Arolsen Archives befinden. Ihre Geschichten erzählen wir anlässlich des Welttags des Tanzes, der am 29. April begangen wird.

Die deutsche Tanzszene vor 1933 ist international, experimentierfreudig und vielfältig. Der moderne Tanz löst sich vom klassischen Ballett und setzt auf individuelle Ausdruckskraft: Maskentanz, Grotesktanz und Nackttanz standen nun auf den Programmen, insbesondere die Tänzerinnen waren Stars, von denen zahlreiche Fotos, Zeichnungen, Gemälde und teils auch in Filme kursierten.

Valeska Gert. Tanzpose als Clown, 1928. Fotografie von Suse Byk. Wikimedia, gemeinfrei.

Tanzfotografie erlebte ein Hoch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten: Hier sind Anita Berber (1899-1928) mit Tanzpartner und Valeska Gert (1892-1978) abgebildet. Sie standen für unterschiedliche, avantgardistische Ausdrucksformen: Berber provozierte mit exzessiven, erotisch aufgeladenen Auftritten, Gert mit grotesken, gesellschaftskritischen Performances. Anita Berber starb vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Nach 1933 hatte die Jüdin Valeska Gert keine Auftrittsmöglichkeiten mehr – sie ging ins Exil und überlebte.  

BU: Atelier d’Ora, Madame d’Ora, Arthur Benda, Die Tänzer Anita Berber und Sebastian Droste, aus „Die Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“. 1922, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, © Nachlass Madame d’Ora, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.

Internationale jüdische Künstler*innen prägen die Entwicklungen des modernen Tanzes in Deutschland maßgeblich. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird diese Offenheit systematisch zerstört: Tänzer*innen werden aus dem öffentlichen Leben gedrängt, verlieren ihre berufliche Existenz, werden zur Emigration gezwungen – oder sie werden in Konzentrationslagern ermordet.

Zwei bekannte Tänzerinnen sind Tatjana Barbakoff (1899-1944) und Julia Marcus (1905-2002). Tatjana Barbakoff entwickelt als Solotänzerin eine eigene, stilisierte Bühnensprache. Julia Marcus verbindet modernen Tanz mit satirischen, gesellschaftskritischen und politischen Elementen. Im Exil in Paris kreuzen sich 1934 ihre Wege – sie trainieren gemeinsam. Doch während Marcus überlebt, wird Barbakoff von dem NS-Regime umgebracht.

Tatjana Barbakoff – Ausdruckstänzerin in ostasiatischen Kostümen

Tatjana Barbakoff wird am 15. August 1899 als Tsipora Edelberg, Tochter eines Metzgers namens Aizick Edelberg und seiner Frau Genya, in Aizpute, damals Teil des Russischen Kaiserreiches und heute Lettland, geboren. Im Alter von etwa zehn Jahren erhält sie Ballettunterricht. Zwischen 1918 und 1920 geht sie mit dem deutschen Offizier Georg Waldmann, den sie heiratet, nach Deutschland.

Porträt von Tatjana Barbakoff, der russisch-jüdischen Tänzerin, die in Auschwitz ermordet wurde. Foto von Gerty Simon (1887–1970), einer deutsch-jüdischen Fotografin, die in Großbritannien Zuflucht suchte. Die Wiener Holocaust Library besitzt über 300 ihrer Originalporträts. Quelle: Sammlungen der Wiener Holocaust Library, 1954/2/7/13.

Tatjana Barbakoffs Stil verbindet modernen Ausdruckstanz mit aufwendig gestalteten Kostümen und klar stilisierten Bewegungen. Sie gilt als wichtige künstlerische Persönlichkeit der Tanzszene, wird fotografiert und gezeichnet, unter anderem von Yva und Otto Dix. Kurz nach ihrem Umzug nach Deutschland tritt sie gemeinsam mit ihrem Ehemann in Kabaretts wie dem Corso Cabaret in Düsseldorf und dem Schall und Rauch in Berlin auf. Zahlreiche Abbildungen zeigen Tatjana Barbakoff in ostasiatisch anmutenden Kostümen. Sie schien teils auch selbst den Mythos zu nähren, dass ihre bereits im Kindsbett verstorbene Mutter Chinesin gewesen wäre – Belege dafür sind jedoch nicht zu finden.

Tatjana Barbakoff

1921 präsentiert T. Barbakoff ihr erstes eigenes Tanzprogramm unter dem Titel „Tatjana – Eine Aschermittwochsversion in 7 Verwandlungen“ im Düsseldorfer Schauspielhaus. In den folgenden Jahren gastiert sie unter anderem in Basel, Zürich, Frankfurt am Main und Köln. Ihr Durchbruch gelingt 1925 mit einer abendfüllenden Soloperformance in Berlin.

Tatjana Barbakoff. Foto: picture alliance / ullstein bild / Atelier Binder.
Tatjana Barbakoff, gemalt von Waldemar Flaig (1892–1932), 1927, Franziskanermuseum Villingen. Quelle: Wikimedia Commons.
Tatjana Barbakoff. Foto: picture alliance / ullstein bild / Atelier Binder.

Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 ändert sich das Leben der Tänzerin grundlegend. Als Jüdin ist sie in Deutschland nicht mehr sicher und emigriert nach Frankreich. Doch auch im Exil bleibt sie bedroht. Im Mai 1940 wird sie für einen Monat im südfranzösischen Internierungslager Gurs festgehalten. Anfang 1944 verhaftet die Gestapo sie in Nizza. Über das Sammel- und Durchgangslager Drancy wird sie am 3. Februar 1944 nach Auschwitz deportiert und am 6. Februar dort ermordet.

Das Sammel- und Durchgangslager Drancy im August 1941, Bundesarchiv, Bild 183-B10919.

Die Dokumente der Arolsen Archives machen Barbakoffs Verfolgungsweg nachvollziehbar. Auf der Transportliste des Befehlshabers der Sicherheitspolizei (B. d. S.) in Frankreich vom 3. Februar 1944 erscheint sie unter ihrem bürgerlichen Namen „Waldmann Celly“, geboren am 15. August 1899, mit der Berufsangabe „Tanzerin [sic!]“.

Eine Karteikarte der Arolsen Archives verzeichnet Tatjana Barbakoffs Stationen von Gurs über Drancy bis nach Auschwitz und hält als letzten Eintrag fest: „6.2.44 dort umgekommen“.

Aufzeichnung aus der Zentralen Namenkartei zu Tatjana Barbakoff (Cilly Edelberg). Quelle: Arolsen Archives.

Julia Marcus – Tänzerin gegen den Faschismus

Julia Marcus wird 1905 in St. Gallen in der Schweiz geboren. Ihr Vater ist jüdischer Herkunft und als Musiker, Kritiker und Schriftsteller tätig, ihre Mutter ist Protestantin. Früh kommt sie mit Musik, Theater und künstlerischen Reformbewegungen in Berührung. Ihre Ausbildung führt sie unter anderem nach Zürich, Dresden und Berlin.

In den 1920er Jahren arbeitet sie als Ausdruckstänzerin, Choreografin, Tanzpädagogin. Von 1927 bis 1933 ist Julia Marcus Mitglied des klassischen Ballettensembles der Städtischen Oper in Berlin, die 1934 von Goebbels in „Deutsches Opernhaus“ umgetauft wurde und heute als Deutsche Oper Berlin bekannt ist. Um 1927 setzt sie ein deutliches Zeichen, als sie Adolf Hitler in einem Hakenkreuzkostüm parodierte. Ihr Tanz ist damit eine bewusste politische Stellungnahme gegen den aufkommenden Nationalsozialismus.

Mit dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 verlieren zahlreiche Künstlerinnen und Künstler ihre Anstellungen. In diesem Jahr wird Julia Marcus als Kommunistin und Gegnerin des Nationalsozialismus denunziert und von der Polizei verhört – auch wird ihr ihre jüdische Abstammung zum Verhängnis. Die Städtische Oper entlässt die Künstlerin. Im Herbst 1933 bietet ihr die Teilnahme an einem Choreografiewettbewerb in Warschau die Möglichkeit zur legalen Ausreise. Dort erhält sie eine Auszeichnung für ihren Grotesktanz „Gandhi und der britische Löwe“. Von Polen aus flieht sie nach Wien und Zürich und von dort aus führt es sie schließlich weiter nach Paris.

In Paris hält sie sich mit Unterricht und kleineren Auftritten über Wasser. Auch während der deutschen Besatzung bleibt sie politisch wach und engagiert. Dort fällt ihr auch der französische Ingenieur Daniel Tardy auf, den sie kurze Zeit später heiratet. Die Ehe bietet ihr einen gewissen Schutz, Julia Marcus übersteht die NS-Zeit.

Nach 1945 arbeitet Julia Marcus unter anderem als Tanzkritikerin und Übersetzerin französischer Tanzliteratur ins Deutsche. 1986 stiftet sie einen Tanzpreis im Namen ihrer ermordeten Kollegin und ehemaligen Trainingspartnerin Tatjana Barbakoff. Julia Marcus lebte bis zu ihrem Tod im Jahr 2002 im Pariser Vorort Massy.