Überlebende Waisenkinder auf dem Weg in ein fremdes Land

Die NS-Verfolgung hinterließ zehntausende unbegleitete Kinder. Ein Teil von ihnen sollte im heutigen Israel ein neues Zuhause finden – jetzt sind ihre damaligen Akten aufgetaucht.

Jüdische Flüchtlinge an Bord des Schiffs „Jewish State“ im Hafen von Haifa, Oktober 1947.
Jüdische Flüchtlinge an Bord des Schiffs „Jewish State“ im Hafen von Haifa, Oktober 1947.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs irrten hunderttausende minderjährige Holocaustüberlebende durch das zerstörte Deutschland und Europa. Die Vereinten Nationen richteten einen Kindersuchdienst ein, um diejenigen von ihnen, die vermisst wurden oder unbegleitet waren, wieder mit ihren Familienmitgliedern zu vereinen. Dadurch entstanden mehr als 64.000 Kinderakten, die die Arolsen Archives verwahren. Doch das sind längst nicht alle. Zahlreiche Akten gingen mit den Kindern mit, die nach Kriegsende in verschiedene Länder ausreisten. Durch eine Kooperation mit dem Central Zionist Archives (CZA) in Israel ist es nun gelungen, einen Teil des Bestands zusammenzuführen. Nach mehr als 80 Jahren kehren die Akten von nach Palästina evakuierten Kindern in digitaler Form als Zeitzeugnisse zurück. Und damit Geschichten, wie die von Isak Gross, einem rumänischen Jungen, der als 14-Jähriger mit seiner Familie nach Auschwitz verschleppt wurde.

Der 14-Jährige wird zur Zwangsarbeit weiter nach Dachau verschleppt

Isak Gross wird 1929 im Norden von Rumänien geboren, wo er mit seinen drei Geschwistern aufwächst. Die Familie hält Nutztiere und sechs Pferde. Bis er 11 oder 12 Jahre alt ist, besucht er die Schule, danach arbeitet er in der Landwirtschaft seiner Eltern – bis sie im April 1944 von deutschen Truppen überfallen werden. Sie deportieren Isak, seine Eltern und Geschwister nach Auschwitz.

Die Nazis trennen sie, Isak wird weiter nach Deutschland verschleppt. Er muss im Konzentrationslager Dachau Zwangsarbeit leisten. Mit anderen Häftlingen belädt er unter Aufsicht der SS Eisenbahnwaggons mit schwerem Baumaterial. Seiner Einschätzung nach war dies die schwerste Arbeit dort, so steht es in seiner Kinderakte.

Seit November 1944 registrierten die Alliierten „Displaced Persons“,. DP2- Registerkarte von Isak Gross vom 21.8.1946, Arolsen Archives.
Seit November 1944 registrierten die Alliierten „Displaced Persons“,. DP2- Registerkarte von Isak Gross vom 21.8.1946, Arolsen Archives.

Ein Jahr später wird er auf einem Todesmarsch Richtung Tirol befreit

Es vergeht fast ein Jahr, bis SS-Führer Heinrich Himmler Mitte April 1945 anordnete, das Lager zu räumen – denn die US-Truppen rückten weiter vor. Mindestens 25 000 Häftlinge wurden vom Stammlager Dachau und einigen Außenlagern von SS-Angehörigen zu Fuß und in Zügen nach Süden getrieben.

Von der Zwangsarbeit ausgezehrt sterben Hunderte Häftlinge unterwegs an Erschöpfung und Krankheiten. Auf einem dieser Todesmärsche befindet sich auch Isak Gross. Die SS treibt sie nach Tirol. Doch kurz bevor die SS-Truppen ihr Ziel erreichen, werden die Überlebenden am 2. Mai 1945 von amerikanischen Truppen befreit. Isak ist frei, mehr als tausend Kilometer von seiner Heimat entfernt.

Es gelingt ihm seinen schwerkranken Vater zu finden

In den Wochen nach Kriegsende erfährt der mittlerweile 15-Jährige, dass die SS seine Mutter Helene, seine ältere Schwester Dina und seine beiden jüngeren Brüder Shamiel  und Moritz  in Auschwitz ermordet hat. Aber was ist mit Jakob Gross, seinem Vater, hat er überlebt?

Isak findet heraus, dass sein Vater zuletzt in Ebensee war. Von Tirol aus schlägt er sich innerhalb Österreichs 250 Kilometer Richtung Osten durch. Dort findet er seinen Vater, der in einem Krankenhaus, wegen “swollen feet” behandelt wird. Sechs Wochen später stirbt Jakob Gross – vermutlich an den Folgen seiner Verletzung durch die Zwangsarbeit.

Isak Gross will raus aus Deutschland

Isak ist jetzt 16 Jahre alt und ohne Angehörige in Österreich. Er landet in einer ehemaligen Kaserne im Münchner Umland. Im August 1945 vermutlich genutzt als eines der vielen Camps für sogenannte Displaced Persons (DPs) der United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA).

Von dort zieht er weiter nach Ramerberg. Es ist nicht weit von München, in seiner Akte steht, er kommt dort bei Freunden unter, vermutlich hat er sie im Lager kennengelernt. Sie arbeiten für einen Bauern, der ihnen eine Wohnung stellt. 

Aber eigentlich will Isak weg aus Deutschland. Er hofft, dass man ihn dabei in einem DP-Camp unterstützen kann. Deswegen registriert er sich im September 1946 in einem Camp in Heidenheim bei Stuttgart.

Die ehemaligen SS-Polizeischule in Heidenheim in der nach der Befreiung vorwiegend jüdische Überlebende untergebracht waren. Quelle: Stadt Heidenheim a.d.Brenz, Stadtarchiv, Photo Schuster
Die ehemaligen SS-Polizeischule in Heidenheim in der nach der Befreiung vorwiegend jüdische Überlebende untergebracht waren. Quelle: Stadt Heidenheim a.d.Brenz, Stadtarchiv, Photo Schuster

Der Kindersuchdienst stand vor einer gigantischen Aufgabe

Nach der Befreiung durch die Alliierten gab es in Europa circa 11 Millionen Displaced Persons – unter ihnen alleine in Deutschland schätzungsweise 2,5 Millionen Halbwaisen und zehntausende Vollwaisen. Die Hilfsorganisation UNRRA ist nach Kriegsende die größte und wichtigste Hilfsorganisation für Überlebende der NS-Verfolgung. Sie steht vor einer gewaltigen Aufgabe. Sie will so viele unbegleitete Kinder und Jugendliche wie möglich mit überlebenden Familienmitgliedern vereinen. Dazu gründet sie 1945 den Kindersuchdienst. Drei Jahre später richtet der International Tracing Service (ITS), heute Arolsen Archives, eine spezielle Kindersuchabteilung ein, die zunächst in Esslingen und ab 1950 in Arolsen sitzt.

Teams der Hilfsorganisationen besuchten DP-Camps und registrierten alle Displaced Persons – auch die überlebenden Kinder. Sie füllten vierseitige Überprüfungsbögen aus, befragten die Kinder zu ihren Heimatorten, ihrer Schulbildung, danach, wie ihre Familienmitglieder heißen und an welche Orte sie verschleppt wurden. Auf der letzten Seite des Bogens ist Platz für eine händische Unterschrift.

In Detektivarbeit wurde nach vermissten Kindern gesucht

Mit diesen Angaben durchsuchen die Mitarbeiter*innen Bewohnerlisten anderer Camps. Der Kindersuchdienst lässt Namen vermisster Kinder im Radio verlesen oder Namenslisten in Zeitungen veröffentlichen. Verbunden mit der Bitte, dass Angehörige sich melden, oder Menschen, die etwas über ihren Verbleib wissen.

Um Hinweisen nachzugehen, beschäftigte die Organisation sogenannte “Field Officer”. Sie suchten in Kinderheimen nach vermissten Kindern von Zwangsarbeiter*innen, die die Nationalsozialisten ihren Familien entrissen und in deutsche Familien zur „Germanisierung“ gaben.

Kindersuchakten als bedeutendes Zeitzeugnis

Die Kindersuchakten sind heute ein besonderes Zeitzeugnis der unmittelbaren Nachkriegszeit. Sie zeigen Biografien und Schicksale der kleinsten Überlebenden – ihrer Familien und Heimat beraubt.

Ihre Akten geben ein Gefühl dafür, wie wichtig dem Kindersuchdienst und dem ITS ihr Vorhaben war. Und sie zeigen, wie Kinder, die aus Lagern und Zwangsarbeit kommen, hier wieder als Individuen angesehen und dass ihre Geschichten und Wünsche ernst genommen werden. 

Kurzbiografien zwischen Schrecken und Überlebensmut

Die Mitarbeiter*innen führen zusätzlich Einzelgespräche mit allen Kindern, die alt genug sind. Deren Inhalt halten sie in maschinengeschriebenen Protokollen fest und fügen eigene Beobachtungen hinzu. Die Interviewerin oder der Interviewer von Isak Gross schreibt, er sei “a big strapping, red-cheeked boy” – also ein großer, kräftiger Junge mit roten Wangen. Der 17-Jährige ist inzwischen seit fünf Monaten in Heidenheim und beginnt, dort als „policeman“ zu arbeiten.

Das Protokoll: Isak Gross im Einzelgespräch. Quelle: Kindersuchakten/CZA, Doc-ID: 139453322
Das Protokoll: Isak Gross im Einzelgespräch. Quelle: Kindersuchakten/CZA, Doc-ID: 139453322

Die Person, die ihn interviewt, notiert, wie Isak nach Dachau kam und wie es nach der Befreiung für ihn weiterging. Im letzten Absatz schreibt sie, er sei körperlich gut in Form. Ein Junge, bei dem man sich vorstellen kann, dass er geschickt und willig ist, “any manual or artisan work” – also jeglicher handwerklicher Arbeit, nachzugehen. Und sie schreibt, dass er ausreisen will: “He wants very much to go to USA.”

Schon im Überprüfungsbogen wurde er in der Rubrik “Future Plans” gefragt, ob er in sein Heimatland zurückkehren wollte. “No”, steht da. Darunter Zeilen für eine Begründung: “Because he lost all the relatives there”. Weiter wird er gefragt, ob er in „some other country“ auswandern möchte. Auch hier steht, er will in die “U.S.A”. Es sind auch Name und Adresse eines Cousins hinterlegt: Mr. D. Eidelson in Philadelphia, USA.

Die Bereitschaft, NS-Verfolgte aufzunehmen, ist gering 

In den Jahren nach 1945 wollen viele Holocaustüberlebende in die USA. Manche haben dort Verwandte, es gibt eine gewachsene jüdische Community. Aber die Bereitschaft, sie aufzunehmen, war in den USA und auch in Europa in den unmittelbaren Jahren nach dem Krieg gering. Deshalb saßen viele Überlebende jahrelang in provisorischen DP-Camps in Deutschland, Österreich und Italien fest.

Als Isak Gross Deutschland nach drei Jahren den Rücken kehrt, führt sein Weg nicht in die USA. Stattdessen emigriert er am 22. Oktober 1948 nach Israel. Fünf Monate nachdem der erste jüdische Staat auf dem ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina gegründet wurde. Wahrscheinlich hatte er einen Platz auf einem der Schiffe jüdischer Hilfsorganisationen bekommen.

Im Juli 1947 brachte die "Exodus" tausende Holocaust-Überlebende nach Palästina. Aber das britische Militär schickte sie über Frankreich zurück nach Deutschland.
Im Juli 1947 brachte die „Exodus“ tausende Holocaust-Überlebende nach Palästina. Aber das britische Militär schickte sie über Frankreich zurück nach Deutschland.

Seine Akte begleitet ihn bei der Ausreise

Hier wird die Akte von Isak Gross dünn: “The boy left for Palestine”. Das wars. Aber wir wissen, dass seine Akte mitgereist ist, sagt Giora Zwilling, der Archivleiter der Arolsen Archives, zuständig für Digitalisierung. “Aber das ist eine Ausnahme bei Kindern, die nach Palästina oder später Israel ausgereist sind.” 

In der Regel habe der Kindersuchdienst die Akten behalten. Aber zu der Zeit sei es der zionistischen Bewegung in Palästina ein Anliegen gewesen, Dokumente und zentrale Schriftstücke zusammenzutragen, um ein eigenes Archiv jüdischer Geschichte aufzubauen. Zwilling vermutet, dass der Kindersuchdienst dieses Vorhaben unterstützen wollte und deshalb die Akten mitgegeben hat

Jetzt teilt das jüdische Archiv die Akten mit den Arolsen Archives

Nun kehren sie nach über 80 Jahren zurück nach Deutschland: Giora Zwilling wurde bei einem Besuch des Central Zionist Archives (CZA) in Jerusalem auf die Kinderakten aufmerksam gemacht. Die dortige Archivleiterin Simone Schliachter zeigte ihm knapp 1300 Akten überlebender jüdischer Kinder, die ihre Mitarbeiter*innen, beim Umbau des Archivs gefunden hatten. Zwilling erkannte die Briefköpfe des ITS auf den vergilbten Seiten.

Es sind Akten, für die es in den Arolsen Archives lange nur noch Fehlblätter gab. Namen, die noch auf Listen ausgereister Kinder auftauchen, aber ohne die Möglichkeit, ihre Geschichten und Schicksale nachzulesen.

Der Leiterin des jüdischen Archives und ihren Mitarbeiter*innen sei schnell klar gewesen, dass die Akten in Deutschland angelegt und nach Palästina geschickt wurden. “Wir wollten es ermöglichen, dass die Akten der verwaisten Kinder wieder mit dem gesamten Bestand an Kindersuchakten in den Arolsen Archives verknüpft werden”, sagt Simone Schliachter.

Seit August werden digitale Kopien in den hiesigen Bestand eingepflegt. Dort füllen sie eine wichtige Lücke, sagt Giora Zwilling. “Wie fehlende Puzzleteile vervollständigen sie das Bild, das wir bisher vom Schicksal der überlebenden Kinder haben.”

Er hofft, dass auch Hinterbliebene von den neuen Akten erfahren. Sie können jetzt einen neuen Anlauf starten, um nach Informationen zu ihren Angehörigen zu suchen, sagt der Archivleiter. “Unser Auftrag ist, die Geschichten und Zeitzeugnisse möglichst aller Verfolgten des Nationalsozialismus abzubilden.”