„Den Objekten ihre Menschlichkeit zurückgeben“

Tim Simon Goldmann über das Ringen um den richtigen Umgang mit anatomischen Präparaten aus der NS-Zeit

Porträt von Tim Simon Goldmann
Medizinstudent Tim Simon Goldmann in der Anatomischen Sammlung Erlangen. Foto: Annette Link

Die NS-Justiz hielt nicht nur viele Abschiedsbriefe Hingerichteter zurück, sie verwehrte auch den Angehörigen die Beerdigung. Stattdessen wurden ihre sterblichen Überreste an die anatomischen Institute in München, Innsbruck, Würzburg oder Erlangen übergeben – ihre Körper dienten der Lehre. Eine gängige Praxis früher, erklärt Tim Simon Goldmann im Interview. Er hat bei Recherchen für seine medizinhistorische Doktorarbeit die sterblichen Überreste von mehreren Hingerichtetenin der Anatomischen Sammlung Erlangen entdeckt. Nun sucht er gemeinsam mit den Arolsen Archives nach den Hinterbliebenen.

Herr Goldmann, wie und warum sind Sie auf die sterblichen Überreste aus der NS-Zeit gestoßen?

Seit 2018 hat das Institut für Anatomie in Erlangen begonnen, seine Sammlung systematisch zu inventarisieren. Als wissenschaftliche Hilfskraft habe ich in meinem Medizinstudium dabei unterstützt. Dadurch wurde mein Interesse an der Provenienzforschung geweckt und ich habe mich dazu entschieden, über die so genannte Fetensammlung hier zu promovieren.

Wenn man Provenienzforschung macht, muss man sich die komplette Geschichte der Erlanger Anatomie angeguckt haben, weil der Kontext ja wichtige Hinweise gibt. So bin ich auf Präparate gestoßen, die aus einem Kolonial- oder NS-Kontext stammen. Dann habe ich mich Anfang dieses Jahres hingesetzt und habe alles, was wir zur NS-Zeit gesammelt haben, zusammengefasst, nochmal ausgewertet und dabei sind mir auch die mikroskopischen Präparate, die aus München Stadelheim stammen, aufgefallen.

Um was für Präparate handelt es sich?

Es handelt sich um mikroskopische Präparate, das heißt sogenannte histologische Schnitte auf einem Objektträger, keine makroskopischen Präparate. Für makroskopische Präparate, also etwa ganze Körperteile, können wir keine Personen aus der NS-Zeit nachweisen. Auf den mikroskopischen Präparaten allerdings stehen teilweise Namen, teilweise die Hinrichtungsdaten, das Alter der Personen und das Geschlecht. Mehrere Personen konnte ich mithilfe der Hinrichtungsakten von Stadelheim und mithilfe von anderen Dokumenten rekonstruieren. Eine davon ist Charlotte Schulz. Sie wurde wegen mehrfachen Diebstahls als 19-Jährige in Nürnberg verhaftet, dann verurteilt und im Alter von 20 Jahren hingerichtet.

Von Charlotte Schulz gibt es auch einen nie abgeschickten Abschiedsbrief…

Charlotte Schulz hat mehrere Briefe geschrieben, vor allem an ihre Mutter. Diese Briefe liegen im Staatsarchiv München und im Bundesarchiv in Berlin. In München liegt sogar ein Original. Was für uns völlig neu war, ist, dass sie möglicherweise schwanger war. Denn in ihren Briefen äußert sie, dass sie Unterleibschmerzen hat, dass ihre Periode ausgeblieben ist. Das macht das Ganze nochmal viel, viel schlimmer. In den Akten steht zwar drin, dass es eher auszuschließen ist, dass sie schwanger war. Ob das tatsächlich untersucht wurde, ist nicht nachzuweisen, denn sie selbst sagt ja im Brief, dass ihr ein Arztbesuch verwehrt wird. Wie hätte dann bewiesen werden sollen, dass sie nicht schwanger ist? Damals gab es keine Schwangerschaftstests.

Ein handgeschriebener Brief. Im Kopf findet sich der Hinweis auf das Strafvollzugsgefängnis München.

Hinrichtungsopfer Charlotte Schulz

Links ist der Brief von Charlotte Schulz an ihre Mutter datiert auf den 11. Mai 1940. Aus Pietätsgründen haben wir uns dagegen entschieden, den sterblichen Überrest von ihr zu zeigen. Das Bild mit Tim Goldmann unten zeigt beispielhaft ein anderes historisches Präparat: ein mikroskopischer tierischer Schnitt.

Wir wissen heute also nicht, ob sie tatsächlich schwanger bei ihrer Hinrichtung war – die Anatomen damals hier in Erlangen vermutlich aber schon. Wir haben aber keine Aufzeichnungen darüber. Wurde vielleicht an ihrem ungeborenen Embryo geforscht? Ist dieser hier noch irgendwo eingelagert? Wir haben nur diesen einen Schnitt ihrer Drüsen. Was mit dem restlichen Körper ist, wissen wir nicht. Charlotte Schulz wurde zumindest nicht offiziell beerdigt. Gibt es noch weitere Präparate von ihr, die einfach nur nicht beschriftet sind? Dementsprechend muss man alle Präparate aus dieser Zeit unter einen Generalverdacht stellen und genauso sensibel behandeln. Es kann durchaus noch sein, dass wir weitere Präparate aus Stadelheim entdecken.

Haben Sie die Funde überrascht, hatten Sie vermutet, dass Präparate von NS-Hinrichtungsopfern in der Anatomischen Sammlung in Erlangen lagern?

Bereits direkt nach dem 2. Weltkrieg gab es Bemühungen der Alliierten, ausländische Leichen in den Anatomien zu identifizieren. Aus Erlangen ließ der damalige Direktor aber ausrichten, dass das Leichenbuch der Jahren 1933 bis 1945 einem Wasserschaden zum Opfer gefallen sei. Merkwürdig ist, dass dies für die Bücher 1896 bis 1933 nicht der Fall war, die gibt es noch. Könnte also eine Ausrede dafür gewesen sein, dass man es vernichtet hat.

Das Leichenbuch auf einen Bildschirm
Die Leichenbücher von vor 1933 sind erhalten geblieben – für Tim Goldmann ein wichtiges Dokument, um die Herkunft der Präparate nachzuvollziehen. Foto: Annette Link

In den 1980er-Jahren hatte es dann eine größer Aufarbeitungsaktion in ganz Deutschland gegeben. Da gab es eine offizielle Anfrage der Regierung an alle Anatomien, nach Präparaten aus Unrechtskontexten zu suchen. In Erlangen wurde dann laut eines Briefes Präparate aus der NS-Zeit gesucht und sofort vernichtet, ohne weitere Dokumentationen, ohne Angaben, was genau und ob überhaupt was gefunden wurde, was für uns heute extrem schwierig ist. Es war einfach nicht das Bewusstsein dafür da. Es ging vor allem darum, dass man möglichst schnell diese Präparate aus Unrechtskontexten aus der Forschung und Lehre herausnimmt.

Wozu wurden diese Sammlungen überhaupt angelegt?

Präparate gibt es, seit es die Anatomie gibt. In Europa spätestens seit dem Aufkommen der ersten Universitäten. Sie halfen, den Körper besser zu verstehen und dieses Verständnis im Lehrkontext weitergeben zu können. Und dazu wurden und werden Präparate auch heute noch verwendet. Im Medizinstudium in Deutschland ist es so, dass fast jeder und jede Studentin, jeder Student einen Präparierkurs absolvieren muss. Heute stammen diese Präparate von Körperspender*innen. Sie haben zu Lebzeiten eingewilligt, dass sie ihre Körper nach ihrem Tod für Lehre und Forschung zur Verfügung stellen.

Beispiele für makroskopische Feuchtpräparate
Beispiele für makroskopische Feuchtpräparate. Aus der NS-Zeit finden sich vermutlich keine in der Sammlung. Foto: Annette Link

Und das war aber im Fall der Hinrichtungsopfer nicht so?

Nein. Körperspenden in größerem Umfang gibt es erst seit den späten 1960er Jahren. Vorher waren es häufig so genannte Sozialleichen. Also Menschen, die entweder kein Geld für die Beerdigung hatten, die in Armenhäusern, in Heil- und Pflegeanstalten, in Gefängnissen starben oder hingerichtet wurden. Diese Personen wurden vorher nicht gefragt, ob sie das wollen oder nicht. Das war schon vor der NS-Zeit so. Da gibt es eine Kontinuität. Was sich diesbezüglich, vor allem ab 1938/39, aber geändert hat, ist, der massive Anstieg der Hinrichtungszahlen. Es gibt einen Aktenvermerk, dass es dann 1943 sogar zu einem Aufnahmestopp weiterer Leichen aus Regensburg in Erlangen kam, weil es vermutlich einfach zu viele Überführungen aus München Stadelheim gab.

Wie viele der sterblichen Überreste dieser Menschen sind noch in der Anatomie? Was wissen Sie über deren Verbleib?

Bei den Hingerichteten aus Stadelheim, die wir klar zuordnen können, haben wir für fünf Personen Nachweise, dass sie beerdigt wurden. Deren Namen stehen in den Kirchenbüchern und Beerdigungsbücher der Stadt Erlangen. Das heißt, da wissen wir, dass Überreste auf dem Zentralfriedhof Erlangen bestattet worden sind.

Die Aufarbeitung ist, wenn ich das richtig verstanden habe, gar nicht Bestandteil Ihrer Doktorarbeit. Warum bleiben Sie dran? Was treibt Sie persönlich an?

Ich persönlich finde, dass man solche Unrechtsschicksale unbedingt aufarbeiten muss. Man muss den Objekten ihre Menschlichkeit zurückgeben. Und das muss von denen kommen, die mit den Präparaten gearbeitet haben. Dass wir Anatomen uns darum kümmern, das Unrecht als solches darzustellen und auch dazu zu stehen, was passiert ist. Auch wenn die Anatomie die Menschen nicht ermordet hat, haben wir ja vom Tod dieser Menschen profitiert. Die Sensibilität ist mittlerweile dafür da. Die Aufarbeitung passiert. Pietätvoll und mit dem Wissen, dass es Menschen waren und immer noch sind. Auch wenn sie nicht reagieren können, auch wenn sie als Lehrmaterial unterm Mikroskop liegen, sind es ja trotzdem Personen. Dieser Aspekt wird heute in Präparationskursen eindringlich vermittelt.

Was erhoffen Sie sich davon? Was ist Ihr Ziel?

Wir wollen die Angehörigen finden, weil wir von ihnen wissen wollen, was sie sich für die Überreste wünschen. Denn nach meinem Verständnis wäre es ein weiteres Unrecht, sie hier weiterhin einfach liegen zu lassen oder im schlimmsten Fall sogar, weiterhin sie im Rahmen von Lehre oder Forschung einzusetzen. Mein Ziel wäre es, sie zu beerdigen, aber das müssen die Angehörigen entschieden. Deswegen ist es ja so wichtig, dass wir die Angehörigen ausfindig machen. Es gibt auch die Möglichkeit einer Bestattung im anatomischen Ehrengrab, wenn keine Angehörigen gefunden werden, oder die Angehörigen das möchten.

Ein weiteres historisches Präparat.
Ein weiteres historisches Präparat. Foto: Annette Link

Hilft Ihnen das #lostwords-Projekt bei der Suche nach Angehörigen?

Absolut. Ich hatte zwar schon angefangen, eine Angehörigen-Suche zu starten, mittels Kirchenbüchern und weiteren Archiven. Die Arolsen Archives sind aber absolute Experten auf dem Gebiet der Angehörigensuche. Sie haben ein Riesenarchiv, eine so wertvolle Informationsmenge zu den Schicksalen von NS-Opfer und das hilft immens. Ich gehe davon aus, dass die Zusammenarbeit auch dazu führt, noch weitere Personen zu rekonstruieren, die in die Anatomie kamen. Zum Beispiel auch Zwangsarbeiter oder Patienten, die im Zuge der systematischen Ermordung in Pflegeanstalten in die Anatomie kamen.

Gibt es schon neue Erkenntnisse bezüglich der Angehörigen von Charlotte Schulz?

Ja, es gab einen Bruder, der wohnte in Berlin und kam dort aber auch in der NS-Zeit unter ungeklärten Umständen ums Leben, aber er hinterließ eine Frau und eine Tochter. Die suchen wir jetzt.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Briefe

In ihren Abschiedsbriefen wenden sich die zum Tode Verurteilten an ihre Eltern, Ehepartner, Verwandten und Freund*innen. Sie regeln, was mit ihren Habseligkeiten geschehen soll, und nehmen Abschied ‒ einige nüchtern und sachlich, viele verzweifelt, manche auch voller Wut über die große Ungerechtigkeit, die ihnen widerfährt. Schauspieler*innen der Münchner Kammerspiele lesen in sechs Videos ausgewählte Passagen aus den Abschiedsbriefen.