„Was wichtig ist, gibt einem die Kraft, durchzuhalten“

Interview mit Natalia Svitla, Direktorin der Architektur- und Baubibliothek W. H. Sabolotnyj in Kyjiw

Die Direktorin der Architektur- und Baubibliothek W. H. Sabolotnyj Natalia Svitla © Nataliya Svitla

Die für den 2. Februar 2026 geplante Eröffnung der zweiten Station von #StolenMemory in der Ukraine muss verschoben werden. Massive Schäden an der Energieinfrastruktur in Kyjiw machen eine Ausstellung in der staatlichen Sabolotnyj-Bibliothek derzeit unmöglich. Die Ausstellung erzählt erstmals die Geschichte von sechs ukrainischen NS-Verfolgten, von denen die Arolsen Archives persönliche Gegenstände verwahren. Im Interview erklärt die Direktorin, Natalia Svitla, warum sie dennoch alles daransetzt, die Ausstellung bald zu eröffnen.

Natalia Svitla, Sie mussten die Eröffnung der #StolenMemory-Ausstellung in Ihrer Bibliothek am 2. Februar absagen. Können Sie erklären, warum?

Seit dem schweren Angriff auf unsere Infrastruktur am 9. Januar, bei dem vor allem das Energiesystem beschädigt wurde, gibt es kaum Strom. Jeden Tag hoffen wir, dass wir etwas Strom haben, um unsere Arbeit in der Bibliothek fortzusetzen. Wir sind auf Strom angewiesen. Unsere Bibliothek wird mit Elektroboilern geheizt. Wenn es keinen Strom gibt, gibt es auch keine Heizung, und die Temperatur im Gebäude sinkt sehr schnell. Ohne Strom funktionieren unsere Festnetztelefone, Computer und Server nicht, und unsere Besucher*innen haben keinen Zugang zu wichtigen Informationsressourcen. Wir haben zwar eine tragbare Ladestation, aber diese kann nicht unseren gesamten Bedarf decken.

Der nächtliche Beschuss hat auch das Gebäude selbst beschädigt. Eine Druckwelle hat die Fenster und Teile der Decken in einigen Räumen zerstört. Das Wichtigste ist jedoch, dass keiner unserer Mitarbeitenden verletzt wurde und unsere Bestände unversehrt sind. Leider ist es unter solchen Bedingungen nicht möglich, eine Ausstellung zu präsentieren. Unser Wunsch ist, und wir tun alles dafür, dass wir #StolenMemory bald eröffnen können. Ich gehe davon aus, dass die Eröffnung der Ausstellung in naher Zukunft stattfinden wird.

Das heißt, Ihre Bibliothek ist trotz allem geöffnet?

In fast vier Jahren Krieg war dies immer die größte Herausforderung für uns. Wir sind jeden Morgen um 9 Uhr zur Arbeit gefahren und bis 15 Uhr geblieben, in der Kälte, oft ohne Strom für viele Stunden – manchmal bis zu acht Stunden am Tag. Oft gab es dann abends auch zuhause keinen Strom. Dennoch hat niemand die Hoffnung verloren. Wenn der Strom zurückkam, selbst wenn es nur für wenige Stunden war, waren wir glücklich wie kleine Kinder und haben gearbeitet wie fleißige Bienchen.

Was bedeutet das für Ihre Arbeit, für Ihren persönlichen Alltag?

Das ist unsere Lebensrealität in der Ukraine: Einige Menschen halten die Front, während andere im Hinterland arbeiten. Wir arbeiten jeden Tag, von Montag bis Freitag. Es ist schmerzhaft, dass der Krieg unsere Pläne und unsere Arbeit ständig durchkreuzt, dass Meetings und Präsentationen immer wieder verschoben werden müssen. Seit Beginn der großen Invasion hat die Bibliothek ihre Arbeit nicht eingestellt. Wir haben verstanden, wie wichtig unsere Bibliothek und ihre Informationsressourcen sind, insbesondere in einer Zeit, in der das kulturelle und architektonische Erbe der Ukraine zerstört wird.

Also arbeiten wir weiter, und unsere Besucher*innen kommen weiterhin. Sie nutzen unsere traditionellen Kartenkataloge und bestellen Bücher. Der Lesesaal hat große Fenster, sodass die Menschen bei ausreichendem Tageslicht mit den Büchern arbeiten können. So leben wir – mit der Hoffnung und dem Glauben, dass all dies bald vorbei sein wird. Auf jeden Fall ist die Sicherheit der Menschen im Moment das Wichtigste.

Wie steht es um Ihre persönliche Sicherheit, wenn ich fragen darf?

Ich weiß nicht wirklich, wie ich mich schützen soll. Mein Mann ist im Krieg, und mein Sohn wird bald 25 und wird ebenfalls unser Land verteidigen. Ich mache mir viel mehr Sorgen um sie als um mich selbst. Deshalb versuche ich, mich mehr auf meine Arbeit zu konzentrieren.

Als Architektur- und Baubibliothek bewahren Sie wertvolles kulturelles Erbe. Wie schützen Sie Ihre sensiblen Archivbestände vor der Zerstörung?

Die Bibliothek bewahrt einzigartige Materialien zu Architektur, Bauwesen und Kunst, daher versuchen wir, unsere Bestände zu digitalisieren. Die Bibliothek ist in einem modernen Gebäude untergebracht; die Lagerräume befinden sich innerhalb des Gebäudes und sind mit Klima- und Lüftungsanlagen ausgestattet. Sobald Strom verfügbar ist, laufen diese Anlagen mit voller Kapazität.

Warum halten Sie dennoch an den Plänen für die Ausstellung fest? Warum finden Sie es wichtig, gerade jetzt diese ukrainischen #StolenMemory-Geschichten aus der Vergangenheit zu erzählen?

Als ich zum ersten Mal von diesem #StolenMemory-Projekt gehört habe, war ich tief berührt. Wenn man selbst in einer Zeit des Krieges lebt, einer Zeit, die jeden Tag Tod, Schmerz und menschliches Leid mit sich bringt, versteht man vielleicht erst richtig, worum es in der Ausstellung geht. Es geht um die Schrecken des Krieges, den Wert des menschlichen Lebens, die Erinnerung an das Kostbarste und Wege zur Heilung. Dies ist ein äußerst humanes Projekt, das kein Verfallsdatum hat; sein Ziel ist es, das Verlorene wiederherzustellen und das Getrennte wieder zu vereinen.

Die Ausstellung #StolenMemory erzählt nicht nur von der Vergangenheit. Sie spricht auch von dem Wunsch, Fehler zu korrigieren, dabei zu helfen, das Kostbarste zu suchen und zurückzugeben. Für mich geht es auch um die Gegenwart. Um die Schrecken des Krieges und seine schrecklichen Folgen. Um Schmerz und Verlust, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, zerstörte Schicksale und gestohlene Leben. Ich weiß nicht, wie viele Jahre es dauern wird, bis dieser Schmerz verblasst. Ich hoffe, dass er niemals verblasst.

Architektur- und Baubibliothek W. H. Sabolotnyj

Die staatliche, wissenschaftliche Architektur- und Baubibliothek benannt nach Volodymyr H. Sabolotnyj ist die nationale Bibliothek für Architektur und Bauwesen der Ukraine mit Sitz in Kyjiw.

Sie organisieren die Ausstellung gemeinsam mit den Arolsen Archives und TolerSpace. Wie funktioniert die Zusammenarbeit, wenn Stromausfälle die Kommunikation und Logistik behindern?

Als es noch stündliche Stromausfallzeiten gab, war es einfacher – wir konnten den Arbeitstag klarer planen. Jetzt müssen wir uns ständig anpassen. Wenn es keinen Strom gibt, erledigen wir Aufgaben, für die wir weder Strom noch Internetzugang benötigen. Glücklicherweise haben unsere Partner Verständnis für die Bedingungen, unter denen wir leben und arbeiten, und dafür, dass ich manchmal nicht rechtzeitig auf E-Mails oder Anrufe reagieren kann. Wir sind allen für ihr Verständnis sehr dankbar.

Es ist für uns nicht das erste Kooperationsprojekt, das wir in diesem Krieg stemmen. Ich habe ein engagiertes Team von Fachleuten, die wissen, was sie tun. Alles wurde sorgfältig geplant: Die Exponate und Materialien sind bereits in der Bibliothek angekommen. Jetzt müssen wir nur noch den harten Winter überstehen und einen guten Zeitpunkt für die Eröffnung der Ausstellung abpassen.

Was sind Ihre nächsten Schritte, um die Ausstellung für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und was gibt Ihnen die Kraft, in diesen schwierigen Zeiten durchzuhalten?

Ich träume davon, einen Generator zu haben, um einen unterbrechungsfreien Betrieb des Servers zu gewährleisten, damit Bibliotheksnutzer*innen und Ausstellungsbesucher*innen jederzeit Zugang zu den Informationsressourcen haben. Die Ausstellung wird zweifellos bald für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Wenn das, was man tut, wirklich wichtig ist, hilft einem genau das, durchzuhalten, standhaft zu bleiben und voranzukommen. Wir müssen den Krieg durchstehen, denn diejenigen, die uns an vorderster Front verteidigen, müssen noch viel mehr ertragen.

#StolenMemory ist auch eine Einladung, nach Spuren zu suchen. Was erhoffen Sie sich von den Menschen in Kyjiw, wenn die Ausstellung eröffnet werden kann?

Ich hoffe, dass die Ausstellung in der Bibliothek keine*n Besucher*in gleichgültig lässt, und dass sie dazu inspiriert, selbst nach Verlorenem zu suchen, damit es zurückgeben werden kann. Es ist schwer, sich die Gefühle der Menschen vorzustellen, die nach so vielen Jahren ihre persönlichen Gegenstände zurückerhalten. Für diesen wichtigen und bewegenden Moment lohnt sich wirklich jede Anstrengung.

Über die Architektur- und Baubibliothek W. H. Sabolotnyj

Die staatliche, wissenschaftliche Architektur- und Baubibliothek benannt nach Volodymyr H. Sabolotnyj ist die nationale Bibliothek für Architektur und Bauwesen der Ukraine mit Sitz in Kyjiw. Die Einrichtung sammelt und bewahrt Bücher, Zeitschriften, Bildmaterialien, seltene Ausgaben und spezielle Forschungsdokumenten aus dem Fachbereich. Unter der Leitung von Natalia Svitla setzt die Bibliothek ihre Mission auch während des Krieges fort. Sie gewährt Fachleuten, Studierenden und Forschenden Zugang und veranstaltet Ausstellungen wie #StolenMemory.

#StolenMemory – eine Kampagne der Arolsen Archives

#StolenMemory ist eine 2016 gestartete Kampagne der Arolsen Archives. Ziel ist es, persönliche Gegenstände ehemaliger KZ-Häftlinge an ihre rechtmäßigen Besitzer*innen zurückzugeben. Zu dem Projekt gehört auch eine Wanderausstellung, die in Europa tourt. Seit 2019 kooperieren die Arolsen Archives zudem eng mit dem Deutsch-Polnisches Jugendwerk (DPJW). Im Rahmen des Programms „Wege zur Erinnerung“ engagieren sich zahlreiche deutsch-polnische und trilaterale Jugendgruppen in der Kampagne. Finanziert durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland, wird #StolenMemory als Plakatausstellung 2026 zum ersten Mal in der Ukraine gezeigt. Organisiert wird die Tour in Kooperation mit der NGO Kyiv Educational Center TolerSpace, die traumasensible Bildungsangebote entwickelt und psychosoziale Unterstützung anbietet.