Wenn Geschichte auf Technologie trifft: Erinnern im digitalen Zeitalter

Interview mit Michael Lieber, der unser Online-Archiv mit aufgebaut hat

Michael Lieber

17,5 Millionen Namen, rund 40 Millionen Dokumente und fast 700.000 Suchanfragen pro Jahr: Das Online-Archiv der Arolsen Archives bietet eine moderne und niedrigschwellige Möglichkeit zur Recherche und Bildungsarbeit rund um die NS-Verfolgung. Michael Lieber, 1997 bis 2024 CIO (Chief Information Officer) von Yad Vashem, war als Partner der Arolsen Archives eng in die Entwicklung der Plattform eingebunden. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, wie digitale Erinnerungsarbeit gelingen kann.

In Zeiten von Fake News und Geschichtsverfälschung: Kann unser Online-Archiv helfen, historische Wahrheiten zu verteidigen?

Michael Lieber

Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass der Zugang zu den Dokumenten diejenigen überzeugt, die den Holocaust oder andere historische Fakten kategorisch leugnen. Ihre Meinungen lassen sich nicht ändern – sie werden die Dokumente einfach ebenfalls für Fälschungen halten oder denken, das ganze Archiv sei inszeniert. Aber für Menschen, die ihre Familiengeschichte recherchieren oder generell mehr über die NS-Verfolgung erfahren möchten, ist das Online-Archiv von unschätzbarem Wert. Es hilft denjenigen, die nicht überzeugt werden müssen, sondern konkrete Informationen suchen.

Wie können wir diese Menschen bei der Suche unterstützen?

Die User Experience muss wirklich gut sein. Man muss die relevanten Dokumente schnell und einfach finden können. Eine gute Plattform erkennt, wonach jemand sucht und führt gezielt und intuitiv durch den Prozess. Gerade bei jüngeren Generationen ist ein interaktiver Dialog besonders wichtig, um sie anzuregen, selbst in die Recherche einzusteigen. Wenn sie auf interessante und persönliche Dokumente stoßen, kann das ein Anstoß sein, weiter und tiefer zu recherchieren.

Was für Dokumente finden Sie im Online-Archiv?

In unserem Archiv verwahren wir rund 30 Millionen Originaldokumente. Im Online Archiv finden Sie – dank Kopien aus anderen Archiven – mittlerweile sogar rund 40 Millionen Dokumente. Eine Übersicht über die verschiedenen Bestände finden Sie im Blick in die Sammlung.

Das Online-Archiv der Arolsen Archivs. Quelle: Arolsen Archives 2025

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Michael Lieber

Nehmen wir zum Beispiel eine junge US-Bürgerin, die weiß, dass ihre Vorfahren aus einem kleinen Ort in den Niederlanden stammen. Sie hat aber noch nie etwas über eine familiäre Verbindung zum Holocaust gehört und kennt nur den Herkunftsort der Vorfahren. Die Person beginnt also mit einer Suche nach dem Ortsnamen und stößt dabei auf Dokumente zur deutschen Besatzung, zur Verfolgung oder vielleicht sogar zu einem Konzentrationslager in der Nähe. Und plötzlich entsteht ein persönlicher Bezug zur europäischen Geschichte. Das weckt das Bedürfnis, mehr zu erfahren. Ein gutes digitales Archiv inspiriert – und gibt gleichzeitig Orientierung.

Welche Herausforderungen gab es beim Aufbau der Plattform?

Es war ein langwieriger und komplexer Prozess, vor allem am Anfang. Denn das Archiv war jahrzehntelang für die Öffentlichkeit geschlossen. 2007, kurz nach der Öffnung des ITS (so hießen die Arolsen Archives früher), wurde ich als Berater für die Digitalisierung und spätere Online-Veröffentlichung der Dokumente hinzugezogen. Außerdem war ich als Vertreter Israels Teil des Internationalen Ausschusses (IA), der die Arbeit der Arolsen Archives überwacht.

Sie haben also schon damals am Online-Archiv mitgearbeitet?

Ja, aber es gab noch viele grundlegende Herausforderungen. Zunächst musste die Arbeitsweise im Archiv – und auch im IA – neu organisiert werden. Dann kam die große Frage des Datenschutzes: Welche Dokumente dürfen wir überhaupt online stellen? Insgesamt musste sich die ganze Organisation neu definieren: mit neuen Abläufen, neuen Strukturen und neuem Personal. Die beiden Direktorinnen dieser Zeit – Rebecca Boehling (2013–2016) und Floriane Azoulay (seit 2016) – haben diesen Wandel mit großer Entschlossenheit vorangetrieben.

So recherchieren Sie im Online-Archiv

Welche Rolle hat Yad Vashem bei der Entstehung des Online-Archivs gespielt?

Michael Lieber

Wir haben den Arolsen Archives die Nutzung unserer eigenen Plattform angeboten. Wir hatten diese bereits entwickelt, um sehr große Mengen an Dokumenten online zu stellen. Das war Teil unserer Mission, die Erinnerung an den Holocaust zu bewahren und besonders die jungen Generationen darüber aufzuklären. Die Dokumente öffentlich zugänglich zu machen, ist ein zentraler Teil dieses Auftrags.

Wie lief die Zusammenarbeit, um das System leistungsfähig zu machen?

Die Benutzeroberfläche wurde komplett neu entwickelt – von den Arolsen Archives und IT-Expert*innen in Deutschland. Wir haben ihnen beratend zur Seite gestanden. Ziel war es, eine Plattform zu entwickeln, die nicht nur optisch ansprechend ist, sondern auch leicht zugänglich und intuitiv nutzbar. Außerdem musste sie in der Lage sein, riesige Datenmengen zu verarbeiten. Denn das Archiv – eigentlich ein Archiv von Archiven – ist riesig. Es gab kein fertiges System, das all diesen Anforderungen gerecht geworden wäre. Aber ich denke, gemeinsam haben wir sehr gute Arbeit geleistet: Seit dem Launch des Online-Archivs im Jahr 2019 sind die Zugriffszahlen beeindruckend!

Neugierig geworden?

In unserem Online-Archiv können Sie ganz einfach von zu Hause aus selbst recherchieren. Alles, was Sie brauchen, ist ein Laptop oder auch ein Smartphone und eine Internetverbindung.