Zum Gedenktag für die ermordeten Sinti und Roma

Wie eine Familie noch heute um Anerkennung kämpft

Ramona Sendlinger beim Besuch einer Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum München.
Ramona Sendlinger beim Besuch einer Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum München. Foto: Gaby dos Santos

Als „voller Schmerz“, beschreibt Ramona Sendlinger ihr Leben im Film „Djelem, djelem“. Dokumente aus den Arolsen Archives zeigen, warum. Heute vor genau 81 Jahren treiben SS-Männer Tausende Sinti und Roma in die Gaskammern von Auschwitz. Auch Anna, Ella, Horst und Josef Lauenburger sterben in dieser Nacht. Es sind die Großmutter, die Tante und die beiden Onkel von Ramona Sendlinger. Über 50 ihrer Verwandten werden in den Konzentrationslagern 1943/44 ermordet. „Ich fühle, als ob ich selber in Auschwitz war“, sagt die heute 74-Jährige im Film „Djelem, djelem“. In der Dokumentation sprechen zehn Nachfahren von Überlebenden des Völkermords über ihre Traumata, anhaltende Diskriminierung und ihren Widerstand dagegen. Anlässlich des Europäischen Gedenktags für den Völkermord an den Sinti und Roma am 2. August rekonstruieren wir Ramonas Familiengeschichte.

Ramona Sendlinger ist drei Jahre alt, als sie ihren Großvater Karl Lauenburger zum ersten Mal sieht. Das ist 1954. Von diesem Moment an ist ihr Leben geprägt von Schmerz, erzählt sie im Film „Djelem, djelem“. Und dennoch beschreibt sie diesen Moment als Lichtblick. Nie wurde in ihrer Familie über die Ermordung ihrer Tanten, Onkel, ihrer Großmütter durch die Nationalsozialisten geschwiegen. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist die halbe Familie ausgelöscht. „Wie mein Opa zu uns zu Besuch kam, hat er meinen Vater gefragt, wo seine Frau und seine Kinder sind. Mein Papa hat gesagt, die sind alle tot. Da hat er mir alles erzählt, schon mit drei Jahren.“

Ramona Sendlinger im Interview 2021. Quelle: Filmausschnitt „Djelem, djelem“

Film „Djelem, djelem“

Der Film „Djelem, djelem“ porträtiert zehn Menschen der zweiten und dritten Generation nach dem Völkermord an Sinti und Roma.

Bereits 1938 wird Karl Lauenburger verhaftet und ins Konzentrationslager Buchenwald deportiert. Im Zuge der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ (ASR) erfahren hunderte Sinti und Roma das gleiche Schicksal. Sie werden zunehmend systematisch verfolgt, als „arbeitsscheu“ und „asozial“ stigmatisiert und als sogenannte ASR-Häftlinge inhaftiert. Auch Karl – das zeigen die Effektenkarten aus den Arolsen Archives – wird als sogenannter ASR-Häftling inhaftiert. Seine Frau Anna, Ramonas Großmutter, ist als Angehörige vermerkt. Karl wird nach Mauthausen, Dachau und Flossenbürg verschleppt.

Währenddessen verstecken sich Karls Frau Anna, geborene Arwei, und ihre zehn Kinder vor der Gestapo. Doch die Familie wird entdeckt, die Kinder kommen in ein Waisenhaus, darunter der damals 13-jährige Max, Ramonas Vater. Ein Jahr später im Februar 1943 ergreift ihn die Gestapo in Dresden. Auch seine Geschwister und seine Mutter werden verhaftet und in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. Sie werden mit anderen Sinti und Roma in einen gesonderten Lagerbereich gesperrt.

Menschenversuche in Auschwitz

Max muss dort unter dem Lagerarzt Josef Mengele medizinische Experimente erleiden – Max‘ Name ist im Hauptbuch des SS-Hygiene-Instituts Auschwitz zu bakteriologischen und serologischen Untersuchungsergebnisse aufgeführt. Er überlebt die menschenverachtenden Verbrechen an ihm und wird im April 1944 als „arbeitsfähig“ ins KZ Buchenwald und von dort ins Außenlager von Mittelbau-Dora nach Sangerhausen überführt. Hier muss er Zwangsarbeit leisten. Seine Brüder, Schwestern und seine Mutter – Ramonas Tanten, Onkel und Großmutter – bleiben in Auschwitz: Vier Geschwister und die Mutter werden zusammen mit 4.300 weiteren Sinti und Roma in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 in die Gaskammern getrieben und ermordet.

Ramonas Vater Max Lauenburger und sein bester Freund Merzeli Rose, der die Menschenversuche in Ausschwitz, anders als Max, nicht überlebt hat.
Ramonas Vater Max Lauenburger (rechts) und sein bester Freund Merzeli Rose, der die Menschenversuche in Ausschwitz, anders als Max, nicht überlebt hat. Quelle: privat, Ramona Sendlinger

Max erfährt von der Ermordung seiner Familie erst später. Er bleibt bis April 1945 in Sangerhausen, bis die Alliierten vorrücken und die SS-Führung das KZ Mittelbau-Dora und seine Außenlager räumen lässt. Max und Tausende weitere Zwangsarbeiter*innen sollen nach Bergen-Belsen überführt werden. Diejenigen, die in den Zügen keinen Platz mehr finden, müssen zu Fuß auf Todesmärschen gen Nordwesten laufen. Max überlebt, kommt in Bergen-Belsen an und wird dort von britischen Truppen im Mai 1945 befreit.

Zeitzeugeninterview

Interview mit Max Lauenburger aus dem Jahr 2009. Quelle: Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma

Ramonas Mutter Margarete ist auch Überlebende

Im DP-Lager in Bergen-Belsen lernt er Margarete (Geni) Lutz, Ramonas zukünftige Mutter, kennen. Auch sie hat das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau überlebt, ihre Mutter und fünf Geschwister dort verloren. Sie selbst entkommt der Ermordung in Auschwitz durch eine Verlegung ins KZ Ravensbrück. Max und Margarete verlieben sich und gründen eine Familie.

Ramona mit ihrer Mutter Margarete (Geni) und ihrer älteren Schwester, 1953
Ramona (Mitte, vorne) mit ihrer Mutter Margarethe (Geni) und ihrer älteren Schwester, 1953. Quelle: Screenshot „Djelem, djelem“, Provenienz: privat

Die ersten Jahre in München

Die ersten Jahre leben sie in München, dann in Augsburg – in provisorischen Verschlägen oder alten Wohn- und Schaustellerwagen. „Das betraf nahezu alle Sinti. Kein Strom, kein fließendes Wasser, keine Toiletten! Erst 1959 konnten wir in eine erste richtige Wohnung beziehen. War das eine riesige Freude für mich mit meinen acht Jahren!“, erinnert sich Ramona, die 1951 geboren wird, heute.

Max Lauenburger im Jahr 1949, zu diesem Zeitpunkt ist er 25 Jahre alt
Max Lauenburger im Jahr 1949, zu diesem Zeitpunkt ist er 25 Jahre alt. Quelle: CM-1-Akte Arolsen Archives, Doc ID: 78886941

Keine Entschädigung – stattdessen Diskriminierung

Schon Ende der 1940er Jahre stellt Ramonas Familie Anträge auf Unterstützung und Entschädigung. Doch statt Anerkennung des Unrechts erleben sie weiterhin Diskriminierung und falsche Verdächtigungen. 1951 wird Ramonas Eltern Margarete und Max unterstellt, falsche Angaben über ihren Aufenthalt in Bergen-Belsen gemacht zu haben. Mehrfach werden Nachweise über die KZ-Aufenthalte des Paares beim International Tracing Service (ITS), heute Arolsen Archives, angefragt – und verschickt.

T/D Akte von Max Laubenburger

Der lange Weg zur Anerkennung

Die Familie Lauenburger kämpfte lange um Entschädigung. Immer wieder forderte sie beim ITS Nachweise an und reichte diese bei verschiedenen Behörden ein. Unten: Der erste Antrag, den Ramonas Vater Max im Jahr 1949 gestellt hat. Quellen: Arolsen Archives, DocID: 90304796 und 8886940

Application for Assistance von Max Arwey (Lauenburger)

1954 lernt die erst dreijährige Ramona schließlich ihren Opa väterlicherseits kennen und erfährt von der Ermordung der halben Verwandtschaft. Auch Albert Lutz, Ramonas Großvater mütterlicherseits, für den die Arolsen Archives ebenfalls viele Dokumente verwahren, kehrt als Überlebender aus den Konzentrationslagern Auschwitz, Buchenwald und Mittelbau-Dora zurück. Genauso wie die Lauenburgers kämpft er zeitlebens um die Anerkennung seines Leids und eine Entschädigungszahlung.

Albert Lutz‘ Geschichte

Biografie von Albert Lutz, im Projekt überLEBENSWEGE des RAA – Demokratie und Bildung Mecklenburg-Vorpommern.

Die schwierige Anerkennung als NS-Opfer

35 Jahre lang bemühen sich die Familien vergebens. Bis in die 1980er Jahre hinein gelten verfolgte Sinti und Roma nicht offiziell als NS-Opfer. Nur ganz wenige erhalten nach ermüdenden Prozessen Entschädigungszahlungen. Stattdessen unterstellt man eine Inhaftierung aufgrund einer angeblich „asozialen“ Lebensweise. Erst der Hungerstreik elf mutiger Sinti und einer Sozialarbeiterin im April 1980 vor der KZ-Gedenkstätte Dachau führt zu einem ersten Umdenken. Flankiert von weiteren Protestaktionen formiert sich eine Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma. Sie erwirkt, dass Bundeskanzler Helmut Schmidt die NS-Verfolgung der Sinti und Roma 1982 erstmals als Völkermord bezeichnet.

Diskriminierende Haltungen und Rassismus enden damit jedoch nicht: Sinti und Roma erfahren weiterhin behördliche Benachteiligung und Ausgrenzung im Alltag. Auch davon berichten Ramona Sendlinger und die neun anderen Sinti und Roma, die im Film „Djelem, djelem“ zu Wort kommen. Erst im Jahr 2015 erklärt das Europäische Parlament den 2. August zum Europäischen Gedenktag für die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma. „Bis ich sterbe kämpfe ich gegen Rassismus, egal für welche Menschen. Ich kämpfe für jeden Menschen. Das bin ich den Toten und meinen Kindern schuldig, dass ich dafür kämpfe (…), dass das endlich einmal aufhört. Dieser Hass und der Rassismus“, sagt Ramona.

Film „Djelem, djelem“

Der Film „Djelem, djelem“ porträtiert zehn Menschen der zweiten und dritten Generation nach dem Völkermord an Sinti und Roma. In Interviews erzählen sie ihre persönlichen Geschichten und erheben ihre Stimmen, um Veränderungen in der heutigen Gesellschaft zu bewirken. Bis heute erleben Sinti und Roma Ausgrenzung und Diskriminierung. Das Lied „Djelem, djelem“ ist die internationale Hymne der Roma.

Der Film wurde vom Verein Rom e.V in enger Zusammenarbeit mit Romane Romnja e.V. initiiert und realisiert. Gefördert wurde das Projekt vom Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Gleichstellung, Flucht und Integration des Landes Nordrhein-Westfalen. Seit über 30 Jahren kämpft der Verein Rom e.V. für eine gleichberechtigte Teilhabe von Roma und Sinti. Romane Romnja ist eine Initiative von und für Frauen aus den Communities, mit dem Ziel, Romnja in allen Lebensbereichen zu stärken. Anfragen zum Film können an rombuk@romev.de gestellt werden.

Djelem djelem Film-Teaser

Europäischer Gedenktag für den Völkermord an den Sinti und Roma

Am 2. August wird der letzten 4.300 Sinti und Roma des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau gedacht, die an diesem Datum 1944 von der SS ermordet wurden. In Erinnerung an die insgesamt 500.000 Sinti und Roma, die im nationalsozialistisch besetzten Europa ermordet wurden, erklärte das Europäische Parlament im Jahr 2015 diesen Tag zum Europäischen Gedenktag für den Völkermord an Sinti und Roma.

Gedenkveranstaltung 2024 anlässlich des Europäischen Gedenktags für den Völkermord an den Sinti und Roma
Gedenkveranstaltung 2024 anlässlich des Europäischen Gedenktags für den Völkermord an den Sinti und Roma. Quelle: Zentralrat Deutscher Sinti und Roma

Weitere Artikel zum Thema