Zum Weltfrauentag

Die Geschichte von Agent Rose

„Der Mann ist Organisator des Lebens, die Frau seine Hilfe und sein Ausführungsorgan“, schreibt Joseph Goebbels im März 1932 in sein Tagebuch. Ein Jahr später verbietet die NSDAP den Internationalen Frauentag als „kommunistische“ Veranstaltung und ruft den Muttertag am dritten Sonntag im Mai als Alternative aus. Frauen, die ihre Stimme in der Öffentlichkeit erheben und politische Mitsprache einfordern, passen nicht ins nationalsozialistische Weltbild. Doch nicht alle lassen sich ins Private zurückdrängen. Tausende gehen in den Widerstand, auch im besetzten Frankreich. Eine von ihnen ist Andrée Virot.

Politischer Kampftag für Frauenrechte

Es ist der 27. August 1910. In Kopenhagen beschließen Arbeiterinnen aus 17 Ländern der Welt, an einen Tag im Jahr gemeinsam grenzüberschreitend für Frauenrechte auf die Straße zu gehen. Ein festes Datum gibt es in den ersten Jahren nicht. Erst 1921 einigt sich der kommunistische Teil der Frauenbewegung um Clara Zetkin auf den 8. März als Internationalen Kampftag – in Erinnerung an die streikenden Textilarbeiterinnen in St. Petersburg, die die Revolution gegen die russische Zarenherrschaft lostraten.

Frauen stehen in Berlin zur Wahl der Nationalversammlung der Weimarer Republik an. Für sie ist es die erste Wahl. Quelle: Bundesarchiv, BildY 1-33523327.
Frauen stehen in Berlin zur Wahl der Nationalversammlung der Weimarer Republik an. Für sie ist es die erste Wahl. Quelle: Bundesarchiv, BildY 1-33523327.

Mit dem Ende der Monarchie, in der jungen demokratischen Weimarer Republik erwirkt die Frauenbewegung die politische Gleichstellung von Mann und Frau – wenigstens auf dem Papier. Alle, die älter als 21 Jahre alt sind, dürfen ab jetzt wählen und gewählt werden. Von den insgesamt rund 300 Kandidatinnen für die Nationalversammlung schaffen schließlich 37 den Einzug ins neue Parlament. Der neugegründeten NSDAP ist die Entwicklung ein Dorn im Auge. 1921 beschließt die Partei, keine Frauen in führenden Positionen innerhalb der NSDAP zuzulassen.

Polemisches Plakat gegen Frauen in der Politik aus dem Jahr 1920, illustriert von Ernst Keiser. Quelle: Museum für Gestaltung, Plakatsammlung.
Dem gegenübergestellt der Aufruf zum Internationalen Frauentag im Jahr 1932. Quelle: SPD Vorwärts Verlag.

Polemisches Plakat gegen Frauen in der Politik aus dem Jahr 1920, illustriert von Ernst Keiser. Quelle: Museum für Gestaltung, Plakatsammlung (links).

Dem gegenübergestellt der Aufruf zum Internationalen Frauentag im Jahr 1932. Quelle: SPD Vorwärts Verlag (rechts).

Kein Platz für Frauen in der NSDAP-Parteiführung

Emanzipatorische Bestrebungen sind im Weltbild der Nationalsozialisten eine „Erfindung jüdischen oder marxistischen Geistes“. Statt sich politisch zu engagieren, soll eine Frau ihrem Mann, ihrer Familie und vor allem dem deutschen Volk den Rücken stärken und dem Führer viele Kinder schenken. Die Wahlerfolge der NSDAP in den Folgejahren alarmiert große Teile der Frauenbewegung. Sie sieht ihre frisch errungenen Rechte in Gefahr – und dies zurecht, wie sich 1933 zeigen wird.

Reichsgesetzblatt vom 28. Februar 1933. Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei.
Reichsgesetzblatt vom 28. Februar 1933. Quelle: Wikimedia Commons, gemeinfrei.

Die NSDAP erwirkt Ende Februar 1933 eine Aussetzung aller wesentlichen Grundrechte. Sie nutzt einen Brand im Reichstag, um „zum Schutz von Volk und Staat vor kommunistischer Gewaltakte“ die Freiheit der Person, Unverletzlichkeit der Wohnung, Briefgeheimnis, Meinungsfreiheit sowie die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit bis auf weiteres außer Kraft gesetzt.

Frauen verlieren erkämpfte Rechte

Eine Frauendemonstration am 8. März aus sozialistisch-kommunistischer Tradition ist damit für die nächsten 13 Jahre in Deutschland unmöglich geworden. Die Organisationen der links geprägten Frauenbewegung werden mit dem folgenden Ermächtigungsgesetz wie andere oppositionelle Vereinigungen verboten. Viele bürgerliche Frauenvereine lösen sich selbst auf, um der Gleichschaltung zu entgehen.

Andere schließen sich bewusst der NS-Frauenschaft an, einer Organisation, die Frauen auf Treue, Pflichterfüllung, Opferbereitschaft, Leidensfähigkeit und Selbstlosigkeit einschwört – und vor allem darauf, zum Wohle des deutschen Volkes gesunde „arische“ Kinder zu gebären und großzuziehen. Ihnen „schenkt“ das NS-Regime 1934 einen neuen offiziellen „Frauentag“, den Muttertag, der noch heute an jedem dritten Sonntag im Mai gefeiert wird.

Ein symbolisches Datum, das weiterhin Mut macht

Im Untergrund begehen engagierte Frauen den Internationale Frauentag aber weiter: Im Privaten als heimliche Zusammenkunft hinter verschlossenen Türen oder mit stillen Solidaritätsbekundungen wie dem Auslüften roter Bettwäsche am 8. März. Auch in Frauengefängnissen und Konzentrationslagern gibt der Tag den politisch verfolgten Frauen Kraft. Sie klappern mit Blechgeschirr als Zeichen der Zusammengehörigkeit oder heften sich als Erkennungszeichen einen roten Faden an die Kleidung. 1944 ist auch Andrée Virot im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert.

Andrée Virot, mutige Frau im Widerstand

Andrée Virot ist 35 Jahre alt, als die deutschen Truppen ihre französischen Heimatstadt Brest einnehmen. Sie betreibt 1940 einen Friseursalon und beobachtet in Panik vorbeieilende französische Soldaten. In einer spontanen Eingebung entscheidet sie sich, sie in ihren Salon zu rufen, ihnen zivile Kleidung zu geben und sie so vor der Kriegsgefangenschaft zu bewahren. „War das meine Aufgabe, war das meine Berufung, sollte ich dafür geschaffen sein, mit meinem starken Glauben, für unsere zivilisatorischen Errungenschaften, für unsere christlichen Werte, für die Menschlichkeit zu kämpfen?“, erinnert sie sich später an diesen Schlüsselmoment, der sie schließlich dazu bringt, sich dem Widerstand, der Résistance, anzuschließen.

Vom Friseursalon in den Untergrund

Zunächst verteilt sie nebenher für eine studentische Untergrundgruppe aus Paris Flugblätter in ihrer Heimatstadt. In ihrer Biografie schreibt Andrée, wie sich alles in ihr sträubt, die Schikanen der deutschen Besatzer hinzunehmen. Sie ist Patriotin und trägt in sich einen tiefen Glauben an eine göttliche Bestimmung. Die Schriften machen auch ihr Mut, die Zusammenarbeit mit den deutschen Besatzern zu verweigern und NS-Verfolgten zu helfen.

Die Zeitschrift „Combat“ vom 1. August 1943, Organ der Résistance. Quelle: Musée de la Résistance Azuréenne, gemeinfrei.
Die Zeitschrift „Combat“ vom 1. August 1943, Organ der Résistance. Quelle: Musée de la Résistance Azuréenne, gemeinfrei.

1943 übergibt Andrée Virot ihren Salon an eine Angestellte und beschließt, für den britischen Geheimdienst als Spionin zu arbeiten. „Man erkennt erst, wie wichtig Freiheit ist, wenn sie einem geraubt wurde. Diese Erkenntnis macht dich bereit, dein Leben zu opfern, damit andere wieder frei sein können“, begründet sie später diesen Schritt.

Die Rue de Siam in Brest rund um das Jahr 1940: Hier betreibt Andrée bis 1943 ihren Friseursalon. Quelle: Municipales de Brest, Postkartenarchiv, Creative Commons Licence).
Die Rue de Siam in Brest rund um das Jahr 1940: Hier betreibt Andrée bis 1943 ihren Friseursalon. Quelle: Municipales de Brest, Postkartenarchiv, Creative Commons Licence).

Agent Rose: Agentin für den Secret Intelligence Service

Für den Secret Intelligence Service (SIS) beobachtet sie nun gezielt die Vorgänge im Hafen vom Brest. Sie nutzt von nun an den Decknamen Agent Rose. Hier hat die deutsche Wehrmacht ihren zentralen U-Boot-Stützpunkt, von hier aus starten große Schlachtschiffe in Richtung Westen. Schnell wird sie die Leiterin eines Spionagenetzwerks in und um Brest, das nicht nur Informationen für die Alliierten sammelt, sondern auch Fluchtrouten für abgeschossene Piloten der Royal Air Force organisiert.

Der Hafen von Brest ist kriegsstrategisch von großer Bedeutung, deshalb setzten die Alliierten auf Agent*innen wie Andrée Virot vor Ort. Quelle: Kriegsberichter Adrian, Deutsches Bundesarchiv, Bild-ID: 146-1975-014-33.
Der Hafen von Brest ist kriegsstrategisch von großer Bedeutung, deshalb setzten die Alliierten auf Agent*innen wie Andrée Virot vor Ort. Quelle: Kriegsberichter Adrian, Deutsches Bundesarchiv, Bild-ID: 146-1975-014-33.

Über 100 Soldaten verhilft Andrée als Agent Rose so in den nächsten Monaten zur Heimkehr nach Großbritannien. Zweimal fliegt sie auf und kann sich zunächst retten. 1944 flieht sie nach Paris. Doch die Gestapo spürt sie auf. Im Gefängnis von Fresnes hört sie von der erfolgreichen Landung der Alliierten in der Normandie. Doch der „D-Day“ bedeutet keine Freiheit für sie. Stattdessen wird sie gefoltert und völlig geschwächt in das Frauen-KZ Ravensbrück deportiert.

Häftlingspersonalkarte von Andrée Virot. Als Deportationsdatum nach Ravensbrück ist der 23. Juni 1944 angegeben. Sie wird als „politische Französin“ festgehalten, wie auch der rote Winkel zeigt. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 7748591.
Häftlingspersonalkarte von Andrée Virot. Als Deportationsdatum nach Ravensbrück ist der 23. Juni 1944 angegeben. Sie wird als „politische Französin“ festgehalten, wie auch der rote Winkel zeigt. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 7748591.

Zwangsarbeit und Erniedrigung im KZ

„Die Wachen sprachen nicht mit uns, sie bellten“, erinnert sich Andrée später. Im KZ wird sie dem Reinigungskommando zugeteilt. Sie erkrankt schwer an einer Meningitis – und erholt sich wieder. Zwei Monate später wird sie ins KZ Buchenwald überstellt und von dort weiter ins Außenlager HASAG Leipzig. In 12-Stunden-Schichten muss sie nun für das Rüstungsunternehmen Hugo Schneider AG Granaten und Munition herstellen. Gewalt, stundenlanges Appellstehen, Hunger, Krankheiten und Erschöpfung bestimmen ihren Alltag.

Seite 2 der Häftlingspersonalkarte von Andrée Virot. Als Arbeitseinsatzort ist „Hasag-Leipzig“ vermerkt, ausgestellt vom KZ Buchenwald. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 7748594.
Seite 2 der Häftlingspersonalkarte von Andrée Virot. Als Arbeitseinsatzort ist „Hasag-Leipzig“ vermerkt, ausgestellt vom KZ Buchenwald. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 7748594.

Befreiung in letzter Minute

Als die Alliierten im April 1945 vorrücken, wollen die Nationalsozialisten keine Beweise für ihre Verbrechen zurücklassen. Tausende KZ-Häftlinge werden auf Todesmärschen aus den Konzentrationslagern getrieben. Im KZ-Außenlager HASAG Leipzig bleiben nur die Schwachen zurück. Andrée ist unter ihnen und schildert später eindrücklich die dramatischen Minuten vor ihrer Befreiung: Ein Erschießungskommando hat sie und die anderen verbliebenen Frauen an die Wand gestellt. „Wir hatten von den gezielten Exekutionen gehört, uns war allen klar, was jetzt kommen wird.“ Doch dann klingelt ein Telefon und die SS-Männer lassen ihr Waffen fallen und fliehen. Die amerikanischen Truppen stehen an den Werkstoren.

Ehrungen nach dem Krieg

Nach ihrer Befreiung kehrt Andrée nach Paris zurück und arbeitet in einem Restaurant. Viele Gäste kommen wegen ihres Engagements in der Résistance ins Lokal. So lernt sie auch John Peel kennen, einen jungen englischen Studenten. Sie verlieben sich, heiraten und ziehen zusammen in die Nähe von Bristol. Sie sind glücklich und bleiben kinderlos.

1999 veröffentlicht sie ihre Memoiren unter dem Titel „Miracles do happen“. 2010 stirbt sie im hohen Alter von 105 Jahren. Andrée Peel, geborene Virot, erhielt für ihren Mut zeitlebens zahlreiche Auszeichnungen der französischen und britischen Regierung, der Vereinigten Staaten sowie persönliche Dankesschreiben von Winston Churchill und Königin Elizabeth zum 100. Geburtstag.

Grabstein von Andrée Peel, All Saints Church, Long Ashton. Quelle: Find A Grave, Peter Fox.
Grabstein von Andrée Peel, All Saints Church, Long Ashton. Quelle: Find A Grave, Peter Fox.