„Funktionshäftlinge“ waren der verlängerte Arm der Lager-SS in Konzentrationslagern. Eingesetzt wurden sie in unterschiedlichen Aufgabenbereichen: Sie sollten z. B. als Lagerälteste für die Ordnung im Lager sorgen oder als sogenannte Kapos (oder Capos) Arbeitsplätze überwachen. Im Gegenzug genossen sie Privilegien. Einige standen ihren SS-Bewachern in Grausamkeit nicht nach, andere nutzten aber auch ihre Handlungsspielräume, um Leben zu retten – wie Otto Küsel oder Walter Neff.
Häftlinge mit unterschiedlichen Inhaftierungsgründen wurden von der Lager-SS als Funktionshäftlinge eingesetzt: In Mauthausen wurden beispielsweise anfangs vor allem als Kriminelle inhaftierte Deutsche und Österreicher ausgewählt. Später besetzten auch politische Häftlinge und nichtdeutsche Inhaftierte zunehmend diese Positionen. Funktionshäftlinge hatten abhängig von ihren Rollen begrenzte Handlungsspielraume, waren aber gleichzeitig fest in das von der SS kontrollierte Lagersystem eingebunden.
Solange die Funktionshäftlinge ihre Aufgaben zur Zufriedenheit der SS erfüllten, blieb ihnen beispielsweise schwerste körperliche Arbeit erspart oder sie bekamen in den Baracken gesonderte Schlafräume. Zugleich konnten sie – je nach ihrem Verhalten – den Hass ihrer Mitgefangenen auf sich ziehen. Dies beabsichtigte die Lager-SS durchaus, um die Häftlingsgruppen zu spalten. Weiterhin trugen sie die Verantwortung für die ihnen zugeteilten Aufgaben: Schaffte z. B. ein Arbeitskommando unter ihrer Aufsicht das auferlegte Pensum nicht oder wurden sie persönlich angeschwärzt, konnten sie im schlimmsten Fall ihren Posten verlieren. Dann drohte ihnen die Selbstjustiz der anderen Häftlinge.
Otto Küsel ─ der Mann, der Leben rettete
Der Berliner Otto Küsel, geboren am 16. Mai 1909, gehört zu den ersten 30 Häftlingen, die am 20. Mai 1940 aus dem KZ Sachsenhausen nach Auschwitz verlegt werden. Die Nationalsozialisten hatten den gelernten Kaufmann aufgrund mehrerer Vermögensdelikte in die Kategorie „Berufsverbrecher“ einsortiert.

Otto wird zu einem Funktionshäftling gemacht und hat die Aufgabe, Gefangene verschiedenen Arbeitskommandos zuzuweisen. Von ihm ist nicht bekannt, dass er die ihm unterstellten Häftlinge schlug, bestahl oder quälte. Im Gegenteil, er achtete zum Beispiel darauf, entkräfteten und kranken Gefangenen möglichst leichte Arbeiten zuzuweisen. Dadurch rettet er Leben, wie zum Beispiel das von Roman Dabrowski.
Wiedersehen nach Auschwitz
Viele Auschwitz-Überlebende, die Otto Küsel kannten, haben später mit Hochachtung von ihm gesprochen. Roman Dabrowski, der von 1948 bis 1950 bei den Arolsen Archives, damals International Tracing Service (ITS), als Fahrer arbeitete, schrieb 1975 in einem Brief an den Suchdienst über ihn: „Dieser Mann hat mir das Leben gerettet, und ich möchte ihm dafür danken, aber ich habe keine Möglichkeit, ihn persönlich zu finden.“
Der ITS stellte den Kontakt zwischen den Männern her. Otto Küsel war 1942 zusammen mit drei polnischen Häftlingen aus dem Lager geflohen und vorübergehend in einer Warschauer Widerstandsgruppe aktiv. Knapp ein Jahr später wurde er wieder aufgegriffen und zurück nach Auschwitz deportiert. Von dort verschleppte man ihn im Februar 1944 in das KZ Flossenbürg, wo er ein Jahr später befreit wurde.

Walter Neff ─ willfähriger Helfer oder Saboteur?
Während Otto Küsel seine Handlungsspielräumen offenbar weitgehend zu Gunsten seiner Mithäftlinge ausschöpfte, verhielten sich andere weitaus ambivalenter – wie der Augsburger Funktionshäftling Walter Neff. Ab 1938 wurde Walter im KZ Dachau als Pfleger im Krankenrevier eingesetzt, wo er Tuberkulosepatienten betreuen musste.

Einerseits wählt er dort auf Anordnung des Arztes schwerstkranke Patienten für den Transport in die NS-Tötungsanstalt Hartheim aus. Andererseits entlässt er aber auch weniger kranke Häftlinge aus der TBC-Station, um sie vor der Selektion zu schützen. Später assistiert Walter dem NS-Arzt Dr. Sigmund Rascher bei medizinischen Experimenten im Tuberkuloseblock des KZs Dachau.
Um zudem die Auswirkungen von Fallschirmsprüngen in großer Höhe zu testen, wurden die Häftlinge extremen Druckverhältnissen und Unterkühlung ausgesetzt. Viele von ihnen überlebten die Tortur nicht. Auch hier soll Walter Neff Versuche sabotiert und Opfern das Leben gerettet haben. Zugleich ist aber auch belegt, dass er persönlich an den Experimenten beteiligt war. 1942 setzt sich Dr. Sigmund Rascher mit diesen Worten beim Reichsführer SS für seine Entlassung ein.
„Der Schutzhäftling Neff wartet fieberhaft auf seine Entscheidung. … Er hat sich bei der Mitarbeit, z.B. Sektion in der Druckkammer in 13,8 km Höhe sehr verdient gemacht.“
(Dr. Sigmund Rascher in einem Schreiben Heinrich Himmler vom 15.6.1942)
Drei Monate später, im September 1942, wird Walter Neff tatsächlich aus dem KZ Dachau entlassen. Danach arbeitet er als Zivilangestellter der Waffen-SS in Dachau weiter. Wenige Tage vor Kriegsende initiiert er zusammen mit einem anderen ehemaligen Häftling den Dachauer Aufstand. Sie wollen verhindern, dass das KZ vor der Ankunft der Alliierten eliminiert wird. Die SS schlägt den Aufstand blutig nieder, Walter Neff kann fliehen. Er stirbt 1960 in München.


Hierarchie, Kontrolle und Handlungsspielräume
Funktionshäftlinge waren Teil der Hierarchie, die von der Lager-SS bestimmt wurde und nicht frei in ihrem Handeln. Sie waren den Regeln und dem Terror der SS unterworfen und handelten innerhalb eines Systems, das gezielt auf Konkurrenz, Angst und Entsolidarisierung setzte. Die SS nutzte sie, um die Kontrolle über die große Zahl an Häftlingen aufrechtzuerhalten, ohne selbst überall präsent sein zu müssen. Die ihnen zugewiesenen Funktionen (Blockälteste, Vorarbeiter, Lagerälteste etc.) unterschieden sich stark – ebenso wie das Verhalten einzelner Personen. Die Biografien von Otto Küsel und Walter Neff verdeutlichen dies: Sie konnten Spielräume ausnutzen, um Mitinhaftierte zu unterstützen – aber konnten ebenso, wie Walter Neff, an Verbrechen beteiligt sein.

