Zwischen Unterschätzung und Widerstand

Wie Bürgermeister Karl Scharnagl die Nazis unterschätzt – und Ernst Wille für die Demokratie kämpft

Karl Scharnagl und weitere Männer stehen vor dem Reichspräsidentenpalais in Berlin; links bewacht ein Soldat mit Gewehr den Eingang.
Karl Scharnagl nach einem Besuch bei Reichspräsident Paul von Hindenburg in Berlin, Januar 1930. Quelle: Bundesarchiv, Bild 102-09043.

Das Ende der Weimarer Republik wurde auch deswegen möglich, weil etablierte Politiker an eine Entzauberung der Nationalsozialisten im Amt glaubten. Einer war der Münchner Karl Scharnagl, der auch 1933 das drohende Unheil nicht sehen wollte. Ganz anders war es bei Ernst Wille, der für die Demokratie kämpfte. Die Schicksale beider Männer erzählen von den Konsequenzen, wenn die Feinde der Demokratie unterschätzt werden.

Adolf Hitler ist seit einigen Wochen Reichskanzler, die Grundrechte der Weimarer Verfassung sind faktisch außer Kraft gesetzt. In München aber wiegt sich Karl Scharnagl noch in Sicherheit. Der bürgerlich-konservative Oberbürgermeister schreibt am 9. März 1933 in einem Brief an Thomas Mann: „[…] im Verlauf von 1 – 2 Jahren [ist] die ganze Revolutionswelle des Nationalsozialismus wieder abgefangen.“ Am gleichen Tag besetzen die Nationalsozialisten das Münchner Rathaus.

Karl Scharnagl ist gelernter Bäckermeister und Konditor. Mit 24 Jahren übernimmt er 1905 die elterliche Bäckerei in München. Über sein Engagement in katholischen Gesellenvereinen findet er den Weg in die Politik. Zunächst vertritt er die Zentrumspartei im Bayerischen Landtag, nach dem Ende der Monarchie tritt er der neu gegründeten Bayerischen Volkspartei (BVP) bei. Er ist Landtagsabgeordneter, engagiert sich aber vor allem auf kommunaler Ebene. Der Weimarer Republik steht Karl kritisch gegenüber, viel lieber wäre ihm ein eigenständiges Bayern, getrennt vom aus seiner Sicht „bolschewistisch geführten Norddeutschland“.

Mit dieser Haltung ist er im politischen München der 1920er Jahre nicht alleine. Bei den Stadtratswahlen 1924 werden die Konservativen und auch die Nationalsozialisten stärker. Karl Scharnagl setzt sich bei der Wahl zum Ersten Bürgermeister durch. Dabei nutzt er die sechs nationalsozialistischen Stadträte als Bündnispartner, denn nur mit ihren Stimmen kann er sich die Mehrheit sichern.

Er unterschätzt, wie radikal die NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei) ist, auch seine eigene Partei stimmt im Reichstag 1933 einstimmig für Hitlers Ermächtigungsgesetz. In seinem Brief an Thomas Mann im März 1933 glaubt er daran, dass die Nationalsozialisten gemäßigt werden können. „Voraussetzung hierfür müßte [sic!] sein, daß die vielen gut gesinnten Kreise im Nationalsozialismus […] die Oberhand gewinnen und behalten.“

Vor der Bedrohung der Demokratie von den extremistischen Rändern warnen in der Weimarer Zeit andere Kräfte. Das größte Bündnis ist das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold, gegründet 1924 als überparteiliche Organisation in Magdeburg. Vertreter von SPD (Sozialdemokratische Partei Deutschlands), DDP (Deutsche Demokratische Partei) und Zentrumspartei arbeiten gemeinsam für den Schutz der Republik und ihrer Verfassung.

Illustriertes Werbeplakat des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold: Ein muskulöser Mann schwenkt eine schwarz-rot-goldene Fahne; unter seinen Füßen liegt ein zerbrochenes Hakenkreuz.
Aufruf zum Eintritt ins Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Quelle: Deutsches Historisches Museum, Berlin, Inv.-Nr.: P 55/620.
Dichte Menschenmenge bei einem Aufmarsch des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold im Berliner Lustgarten, mit zahlreichen Fahnen; im Hintergrund steht das Alte Museum.
Aufmarsch des Reichsbanners im Berliner Lustgarten zum Abschluss der letzten Bundesversammlung im Februar 1933. Zu dieser Zeit wurden Reichsbannermitglieder bereits politisch verfolgt. Einen Monat später wurde der Verband verboten. Quelle: Deutsches Historisches Museum, Berlin, Inv.-Nr.: BA 95/979.

Das „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ wird als überparteilicher Veteranen- und Wehrverband gegründet. Es verbindet militärische Tradition mit dem Ziel, den demokratischen und republikanischen Staat zu schützen. Mit dem Erstarken des rechtsnationalen Stahlhelms und der Sturmabteilung (SA) wächst die Bedeutung der paramilitärischen Seite des Reichsbanner. Neben Fahnenweihen und Aufmärschen konzentriert sich der Verband vor allem auf zivile Veranstaltungen wie Diskussionsabende oder Volks- und Sportfeste, um ein demokratisches Gemeinschaftsgefühl zu schaffen. Wegen der unterschiedlichen Strömungen fokussiert sich der Verband auf gemeinsame Positionen: ein überparteiliches Bekenntnis zu einer demokratischen Verfassung.

Gründungsmitglied und Vorsitzender des Reichsbanners im Gau Magdeburg-Anhalt ist Ernst Wille. Der SPD-Politiker und seine Mitstreiter organisieren den Schutz demokratischer Veranstaltungen. Mit Wahlplakaten, auf Demonstrationen oder Diskussionsabenden machen sie auf die Gefahren für die Republik aufmerksam. Mit der Radikalisierung der Rechten bildet die paramilitärische Struktur des Reichsbanners ein Gegengewicht zur SA. Aber mit der Zeit ziehen sich konservative Politiker immer mehr aus dem Zusammenschluss der demokratischen Parteien zurück. Der Erfolg des Reichsbanners auf der Straße kann nicht in die große Politik vordringen.

Nach der „Machtübertragung“ zeigt das NS-Regime schnell, wie brutal es gegen politische Gegner*innen vorgeht. Die Mitglieder des Reichsbanners stehen besonders im Fokus, so auch Ernst Wille. 1939 nimmt die Gestapo ihn in „Schutzhaft“ und inhaftiert ihn erst im Untersuchungsgefängnis Magdeburg, im Anschluss verschleppt sie ihn ins KZ Buchenwald. Seine Angehörigen bemühen sich um eine Freilassung, die im April 1943 gelingt.

Doch schon im Dezember desselben Jahres nimmt ihn die Gestapo erneut fest: Eine Nachbarin denunziert ihn und ein elf Jahre altes Gerücht holt ihn ein. Gemeinsam mit anderen Reichsbanner-Mitgliedern soll Ernst 1932 ein Attentat auf Adolf Hitler bei dessen Besuch in Magdeburg geplant haben. Zu einer Durchführung kam es nie. Die Gestapo misshandelt Ernst schwer und verschleppt ihn im Frühjahr 1944 ins KZ Neuengamme. Dort stirbt er Ende Mai 1944 – angeblich an einer Lungenentzündung.

Sterbeurkunde für Ernst Wille vom 27. Mai 1944 mit maschinenschriftlichen Einträgen und Unterschriften. Als Todesursache ist „Versagen von Herz und Kreislauf bei Lungenentzündung“ eingetragen.
Für Ernst Wille am 27. Mai 1944 in Hamburg ausgestellte Sterbeurkunde. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 3488338.

In offiziellen Dokumenten, wie der Sterbeurkunde von Ernst Wille, verschleiern die Nationalsozialisten oft die wahre Todesursache ihrer Opfer. Damit die Angehörigen und die Öffentlichkeit nichts von dem systematischen Mord erfahren, verstecken sie diese hinter vermeintlich natürlichen Todesursachen wie Lungenentzündungen oder Herzversagen. Dies taten sie insbesondere bei den Opfern der NS-„Euthanasie“, aber auch bei Häftlingen der Konzentrationslager.

Auch der Name Karl Scharnagl findet sich heute in den Dokumenten der Arolsen Archives. Dabei scheint seine Geschichte zunächst glimpflich zu verlaufen. Elf Tage nach der Besetzung des Münchner Rathaus im März 1933 zwingen die Nazis Karl zum Rücktritt als Oberbürgermeister und misshandeln sozialdemokratische und kommunistische Stadträte.

Der ehemalige Bürgermeister zieht sich ins Private zurück und arbeitet wieder als Bäcker. In den 1940er Jahren steht er im Kontakt zum bürgerlichen Widerstand, auch zur Gruppe um das geplante Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944. Obwohl Karl Scharnagl nicht aktiv an den Planungen beteiligt ist, inhaftiert die Gestapo ihn im August 1944 im KZ Dachau. Im Oktober kommt er frei.

Grüne Schreibstubenkarte des KZ Dachau für Karl Scharnagl mit der Häftlingsnummer 94555 sowie den Daten seiner Einlieferung am 29. August 1944 und seiner Entlassung am 8. Oktober 1944.
Schreibstubenkarte von Karl Scharnagl aus dem KZ Dachau. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 10744997.

Das Kriegsende erlebt Karl Scharnagl in einem Versteck in einem Kloster. Dort findet ihn das US-Militär und bittet ihn um die Rückkehr ins Münchner Rathaus. Bereits am 4. Mai 1945, noch vor dem offiziellen Kriegsende am 8. Mai, setzt die US-Militärregierung Karl als kommissarischen Oberbürgermeister ein. Er ist an der Gründung der heutigen CSU und dem Wiederaufbau in Bayern beteiligt und wird im Mai 1946 im Amt als Oberbürgermeister bestätigt.

Wie tief antisemitische und rassistische Einstellungen auch noch in der Nachkriegsgesellschaft verankert sind, wird bei Karl Scharnagl deutlich. In einem Interview sagt er 1949, der Antisemitismus werde sich erst beruhigen, „wenn diese Menschengruppe [gemeint sind Jüdinnen und Juden, Anm. d. R.] durch Auswanderung gänzlich verschwindet“. Die letzten Jahre seiner politischen Karriere werden von weiteren Skandalen überschattet. Die Kritik an ihm wächst, bis er sich 1949 – offiziell aus gesundheitlichen Gründen – aus der Politik zurückzieht. 1963 stirbt er im Alter von 82 Jahren in München.