Floriane Azoulay beendet zum Jahresende ihre Amtszeit als Direktorin der Arolsen Archives. Unter ihrer Leitung entwickelte sich das weltweit größte Archiv über Opfer und Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung in den vergangenen zehn Jahren zu einer digital ausgerichteten und innovativen Institution, die heute weit in die Gesellschaft hineinwirkt.
Der Internationale Ausschuss, das Leitungsgremium der Arolsen Archives, würdigt die
Leistungen der französischen Menschenrechtsexpertin: „Wir möchten diese Gelegenheit
nutzen, um Floriane Azoulay unsere tiefe Anerkennung für ihre außergewöhnliche Führungsarbeit in den letzten zehn Jahren auszusprechen. Unter ihrer Leitung haben sich
die Arolsen Archives zu einer digitalen, nutzerorientierten und global vernetzten Institution
entwickelt, die ihre Relevanz für künftige Generationen sicherstellt. Frau Azoulay
hat den Auftrag der historischen Bewahrung mit einer konsequenten digitalen Öffnung,
Modernisierung und Ausrichtung auf jüngere Menschen verbunden. Ihr Leitmotiv war dabei,
Wissen aus dem Archiv in die Gesellschaft zu tragen – als zugängliche, überprüfbare
Beweise für die Verbrechen der Nazis in einer Zeit, in der Augenzeugen nicht mehr
selbst berichten können.“
Sie selbst beschreibt diese Aufgabe mit einem Satz, der ihre Arbeit geprägt hat: „Es ging
mir darum, die Dokumente zum Sprechen zu bringen – als Stimmen der Opfer, als historische
Beweise und als Orientierung in einer Zeit von Desinformation und Geschichtsverzerrung.“
Digitale Öffnung und Bildungsarbeit
Mit diesen Zielen trieb Floriane Azoulay die Entwicklung einer modernen, multimedialen
Bildungsarbeit voran, die historische Dokumente in neue gesellschaftliche Kontexte stellt
und insbesondere jüngere Zielgruppen erreicht. Im Zentrum steht dabei das Online-Archiv
der Arolsen Archives, das mittlerweile rund 40 Millionen Dokumente umfasst. Durch
die Online-Stellung des UNESCO-Weltdokumentenerbes nehmen die Arolsen Archives
weltweit eine Vorreiterrolle für den nahezu unbegrenzten Zugang zu historischen Archiven
ein. Das Online-Archiv wird inzwischen jährlich von rund 800.000 Menschen weltweit
genutzt. Für viele von ihnen ist dieser Zugang emotional bedeutsam: Sie entdecken unbekannte Teile ihrer Familiengeschichte, finden Antworten oder neue Fragestellungen.
Lehrkräfte sowie Mitarbeitende von Gedenkstätten nutzen die Dokumente zunehmend
für ihre Bildungsarbeit.
Internationale Crowdsourcing-Initiativen
Mit Projekten wie #everynamecounts und #StolenMemory haben die Arolsen Archives unter Floriane Azoulays Leitung die weltweite Beteiligung an der Aufarbeitung der NS-Verfolgung gestärkt. Bei #everynamecounts haben bisher nahezu 400.000 Menschen dabei mitgeholfen, Millionen Dokumente digital zu erschließen. Gleichzeitig konnten durch die Initiative #StolenMemory mit Unterstützung zahlreicher Freiwilliger über 1.000 Familien gefunden werden, denen persönliche Gegenstände ehemaliger KZ-Häftlinge zurückgegeben wurden. Beide Projekte machen Erinnerung sichtbar, schaffen Zugang und bauen auch in Zukunft ein stetig wachsendes digitales Denkmal.
Integrität im Umgang mit Herausforderungen
Floriane Azoulay hat 2023 in einer Zeit, in der unbegründete Vorwürfe gegen sie erhoben wurden, Resilienz und Professionalität bewiesen. Nach einer gründlichen und unabhängigen rechtlichen Untersuchung wurden sie und ihr Stellvertreter vollständig entlastet. Der Internationale Ausschuss bedauert die Auswirkungen, die diese anonymen Behauptungen auf sie persönlich hatten, und zieht seine Lehren daraus.
Internationale Anerkennung
Unter der Führung von Floriane Azoulay erhielten die Arolsen Archives zahlreiche Auszeichnungen für ihre innovative digitale Arbeit und ihre Bildungsprojekte. Dazu gehören
unter anderem der European Heritage Award, der Grimme Online Award und der ADC
Award – Würdigungen, die die Relevanz und Qualität der digitalen Öffnung und Vermittlungsarbeit unterstreichen.
Ausblick
Der Internationale Ausschuss betont die guten Anknüpfungspunkte für die Zukunft: „Wir
freuen uns darauf, auf dem soliden Fundament aufzubauen, das Frau Azoulay in den
letzten zehn Jahren geschaffen hat. Sie hat die Arolsen Archives von einem traditionellen
Suchdienst zu einer globalen digitalen Drehscheibe für die Erinnerung an den Holocaust
gemacht, indem sie modernste Technologie, partizipative Projekte und humanitäre
Missionen miteinander verband, um die Erinnerung für künftige Generationen lebendig
und relevant zu halten.“

