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Ein Denkmal aus Papier

Die Geschichte der Arolsen Archives

Mit der Story-Erkundung beginnen

Das weltweit größte Archiv

Bei der Sucharbeit nach den NS-Opfern entstand nach und nach ein riesiges und immer weiterwachsendes Archiv über die NS-Verfolgung – und eine internationale Organisation, die für Aufklärung, Vertrauen und Versöhnung nach dem Krieg sorgte. Mitarbeiter*innen aus ganz Europa erschufen hier gemeinsam ein „Schaufenster der Demokratie“ und leisteten damit ihren Beitrag zu einer neuen europäischen Friedensordnung.

Auf der Suche nach Opfern und Beweisen

Foto: NARA
Foto: NARA

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung der Konzentrationslager im Frühjahr 1945 waren die Alliierten mit einer beispiellosen humanitären Krise konfrontiert. Die Nationalsozialisten hatten Millionen von Menschen aus ganz Europa verschleppt, inhaftiert oder ermordet. Die Suche nach den Opfern und die Hilfe für Überlebende – die sogenannten „Displaced Persons“ – entwickelten sich zu einer Herkulesaufgabe.

Die „Displaced Persons“

In Deutschland hielten sich nach dem Krieg etwa zehn Millionen Menschen auf, die keine deutschen Staatsbürger waren: Frühere KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter*innen, Kriegsgefangene, aber auch Juden, die vor den andauernden Pogromen in Osteuropa flohen. Die meisten von ihnen wollten nicht in Deutschland bleiben. Aber etliche konnten auch nicht in ihre Heimat zurückkehren, weil ihnen dort weitere Verfolgung drohte. Die Alliierten betreuten die Menschen in Displaced-Persons-Camps und organisierten ihre Ausreise in Aufnahmestaaten wie die USA, Australien oder Israel.

Hilfe zur Selbsthilfe

Es gab neben den Alliierten viele weiter Akteure, die sich der Suche und Dokumentation auf unterschiedlichste Weise annahmen. Auch die Überlebenden selbst gehörten dazu. Viele von ihnen gründeten eigene Initiativen. Sie organisierten Hilfe zur Selbsthilfe, starteten Suchaktionen nach Vermissten und sicherten wichtige Beweise – wie hier die ehemaligen Häftlinge im KZ Mauthausen bei der Dokumentation der Toten im Lager.

Sicherung von Beweisen

Vor allem die Original-Unterlagen aus der Zeit der NS-Verfolgung lieferten wichtige Informationen über die Schicksale der Opfer. Organisationen wie die SS oder die Gestapo hatten teils akribisch Buch geführt über Inhaftierungen, KZ-Transporte, Hinrichtungen und andere Verbrechen. Und obwohl die Täter in den letzten Kriegstagen massenhaft Beweismaterial zerstörten, waren noch Millionen an Dokumenten erhalten.

Diese Beweismittel mussten die Alliierten und ihre Helfer nun finden und in Sicherheit bringen – wie hier im September 1946 im polnischen Warschau.

Nothilfe der Vereinten Nationen

Bereits während des Krieges hatten 44 Länder gemeinsam eine Nothilfeorganisation gegründet: Die UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) ging davon aus, dass sie nach Kriegsende für über 30 Millionen Menschen Hilfe leisten müsste. Bei dieser Nothilfe sollte es nicht nur um die tagtägliche Versorgung gehen, sondern auch um die Suche nach Angehörigen oder nach einem neuen Platz zum Leben.

Dafür baute die Organisation in Frankfurt das Central Tracing Bureau (CTB) auf. In Zusammenarbeit mit nationalen Suchbüros (das Foto zeigt den CTB-Leiter John R. Bowring vor einer Übersicht der Kommunikationswege) sammelte das CTB nicht nur Dokumente über die NS-Verfolgung, sondern nahm auch konkrete Anfragen entgegen. 1946 zog die Institution nach Bad Arolsen um: Die nordhessische Kleinstadt lag günstig in der Mitte der vier Besatzungszonen und ihre Infrastruktur war vom Krieg weitgehend unversehrt.

Immer mehr Aufgaben

Schnell erkannte die Staatengemeinschaft, dass die Klärung von Schicksalen noch Jahre dauern würde. Die United Nations organisierten dafür ab 1945 eine intensive internationale Zusammenarbeit. Viele weitere Aufgaben nahmen immer mehr Raum ein: die Archivierung der Millionen NS-Unterlagen, die Dokumentation der Verbrechen, die Suche nach Vermissten und die Beantwortung von Anfragen aus aller Welt – vor allem von Familienangehörigen. (Im Bild: Mitarbeiterinnen des CTB auf der Suche nach Hinweisen)

1948: Gründung des International Tracing Service

Um die vielfältigen Such- und Dokumentationsaufgaben zu zentralisieren, entstanden 1948 aus dem CTB und weiteren Suchbüros der „International Tracing Service“ (ITS), heute Arolsen Archives. Unter Leitung der International Refugee Organization (IRO) blieb die Organisation in Bad Arolsen. Der ITS war nicht nur international geführt und ausgerichtet, sondern beschäftigte als Mitarbeiter*innen auch Hunderte Displaced Persons aus ganz Europa. (Foto: Das Team vor dem ITS-Hauptquartier, 1952)

1.760

Mitarbeiter*innen (1949)

26

Herkunftsländer der Belegschaft (1949)

17 Mio.

Namen von Opfern im Archiv (1949)

42.000

Anfragen (1949)

Foto: Privat / Familie Elbot
Foto: Privat / Familie Elbot

Gelebte Internationalität beim ITS

Józef Żyłka (im Bild links) gehörte zu den mehr als 500 Displaced Persons, die den International Tracing Service mit aufgebaut haben. Er war 1940 aus Polen zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt worden. Nach der Befreiung kam er mit seiner Familie nach Arolsen. Hier arbeitete Józef zunächst in der DP-Training-School, einer Ausbildungseinrichtung für Displaced Persons. Danach wechselte er zum ITS, wo er zuletzt im Transportbereich arbeitete. Im April 1952 wanderte die Familie in die USA aus.

Unter den ITS-Kolleg*innen aus ganz Europa entwickelte sich ein ausgeprägtes soziales und kulturelles Leben. (Foto: Weihnachtsfeier beim ITS, ca. 1952). Die Mitarbeiterin Yseult Sabatier aus Frankreich schilderte ihre Eindrücke kurz nach ihrer Ankunft in Arolsen in einem Brief an die Familie so:

Eine Arche Noah, auf der alle Typen und Persönlichkeiten in einer freundlichen Familie beisammen sind. Keiner, aus welchem Land auch immer, ist von diesem Team ausgeschlossen. Dies sorgt für eine wunderbare, freundliche Atmosphäre, die die Arbeit sehr erleichtert.

Das Archiv: Ein Denkmal aus Papier

Beim ITS entstand schon in den ersten Nachkriegsjahren eine der weltweit größten Sammlungen mit Dokumenten über die NS-Verbrechen. In dem riesigen Archiv recherchierten die Mitarbeiter*innen tagtäglich, um Schicksale zu klären. Dabei erweiterten sie selbst den Sammlungsbestand ständig – zum Beispiel mit der Korrespondenz über die einzelnen Suchfälle oder mit Beweismaterial, das sie selbst recherchiert und gesammelt hatten.

Millionen Dokumente zu Einzelschicksalen

Die Täterdokumente aus den KZ-Verwaltungen waren und sind bis heute eine wichtige Informationsquelle: Sogenannte „Häftlings-Personal-Karten“ beispielsweise wurden in allen Hauptlagern für neu eingelieferte KZ-Häftlinge angelegt, manchmal mit Fotos. Die Häftlingsschreiber*innen – das waren Inhaftierte, die für die SS arbeiten mussten – füllten sie von Hand oder mit der Schreibmaschine aus.

Dokumente, die erst in den Nachkriegsjahren entstanden sind, betrafen vor allem die Displaced Persons, ihre Lebenswege nach dem Krieg und ihre Ausreise in neue Heimatländer. Dazu gehören beispielsweise Listen mit Informationen über das Datum und das Ziel der Emigration.

Mit solchen Informationen können die Arolsen Archives bis heute Familienschicksale aufklären und Verwandte weltweit zusammenbringen.

Der Kindersuchdienst des ITS

Foto: Auschwitz Memorial Museum
Foto: Auschwitz Memorial Museum

Am Ende des Zweiten Weltkriegs hatten die Alliierten auch Zehntausende Minderjährige aus den Konzentrationslagern und der Zwangsarbeit befreit. Viele von ihnen wussten nicht, wo ihre Eltern waren. Außerdem suchten nach der Befreiung auch etliche Erwachsene nach vielen Jahren der Verfolgung und Verschleppung in ganz Europa nach ihren Kindern.

Man hat mir mein einziges Kind, ein sechsjähriges Mädchen, im Jahre 1944 durch die Deutschen weggeschleppt und ich weiß nur so viel, dass das Kind sich im Lager Birkenau befunden haben soll.

Sarah Talvi, Athen 1948

In den besetzten Gebieten hatten die Nationalsozialisten durch ihre „Germanisierungspolitik“ etliche Familien auseinandergerissen: Sie raubten Tausende Kinder, gaben sie zur Adoption in deutsche Familien und verwischten die Spuren dieser Verbrechen. So wie bei Ivan Pirecnik aus Jugoslawien, den seine Mutter erst neun Jahre nach seiner Entführung mithilfe des ITS wiederfand (Foto). Mit ihr ging er zurück in seine Heimat.