
Lesen, um zu überleben
Die Häftlingsbibliotheken in den NS-Konzentrationslagern
Trotz der unmenschlichen Bedingungen in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern gab es in einigen sogenannte Häftlingsbibliotheken. Die Lagerkommandanten wollten mit diesen Einrichtungen nach außen hin den Anschein erwecken, man sorge sich „um das Wohl“ der Inhaftierten. Tatsächlich boten diese kleinen Büchersammlungen den Menschen seltene Momente geistiger Freiheit, Hoffnung und Würde. Für viele Häftlinge wurde das Lesen zu einem stillen Akt des Widerstands und der Selbstbehauptung. Manchen von ihnen half es, inmitten des unermesslichen Leids ihre Menschlichkeit und ihr Wissen zu bewahren.

Lesen gegen die Grausamkeit?
Die meisten Dokumente und Nachweise gibt es zu den Bibliotheken in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald. Lagerbibliotheken waren zu Beginn der NS-Zeit ab 1933 weit verbreitet, vor allem für Zwecke der Propaganda. In den später errichteten KZ- und Vernichtungslagern wie Auschwitz existieren sie nicht mehr. Aber auch in Buchenwald und Dachau hatten nicht alle Menschen das Privileg zu lesen. Jüdischen Häftlingen war es ab 1942 generell verboten. Über die grausamen Zustände vor Ort konnten auch die Bücher nicht hinwegtäuschen: In beiden Lagern kamen insgesamt fast 100.000 Menschen ums Leben.




Das „Glanzstück des Lagers“
… war die Häftlingsbibliothek im KZ Buchenwald laut dem damaligen Lagerkommandanten Karl Koch. Er ließ die Bücherei im Herbst 1937 mit einem Bestand von 3.000 Bänden eröffnen. Der Erwerb der Bücher erfolgte vor allem durch Gelder, die die SS von den Häftlingen abpresste. Damit ließ Koch zum Beispiel auch 60 Exemplare von Adolf Hitlers „Mein Kampf“ anschaffen.
Hier [in der Bibliothek] konnte man doch dem Besucher so recht zeigen, wie human man mit den Häftlingen umging, wie man sich um das Wohl der eingesperrten Faulenzer trotz allem sorgte, wie man sie sozusagen geistig verwöhnte.
Karl Otto Koch, Lagerkommandant KZ Buchenwald von 1937 bis 1941
Subversive Literatur
Es gab auch Häftlinge, die den Bestandsaufbau der Lagerbücherei durch freiwillige Geldspenden unterstützten. Zahlreiche Insassen ließen sich Bücher ihrer Wahl von zu Hause schicken und spendeten sie dann der Häftlingsbücherei. So gelang es einigen von ihnen sogar, subversive Literatur ins Lager zu schmuggeln. Dazu gehörten Titel von Erich Kästner oder Robert Musil und einigen weiteren Autor*innen, die im Dritten Reich auf dem Index standen. Insgesamt wuchsen die Bestände bis zur Befreiung auf fast 16.000 Bände an.
Unter dem Titel „Ich war Bibliothekar im K.L. Buchenwald“ verfasste der Luxemburger Häftling Alfred Beffort nach seiner Befreiung einen umfassenden Bericht über die Entwicklung der Bücherei. Er war während seiner Haftzeit mit einer Gruppe von Häftlingen aus ganz Europa für den Ausbau der Bestände zuständig und bemühte sich vor allem um die Anschaffung fremdsprachiger Literatur – obwohl diese eigentlich verboten war. In seinen Erinnerungen war die Bibliothek ein einmaliger Ort der Besinnung inmitten des Terrors:

Der langgestreckte Bücherraum war hell und sauber; […] ein paar ansprechende Bilder an den Wänden und auf den Regalen, das Grün und Rot der Geranien in den Fenstern und die dichten Kakteen, die entlang der Bücherregale wuchsen, waren eine angenehme Überraschung.
Alfred Beffort, Häftling und Bibliothekar im KZ Buchenwald


Dokumente zu Ausleihen und Buchspenden
Auf den sogenannten Effektenkarten im Bestand der Arolsen Achives dokumentierte die SS vor allem persönlichen Sachen, die die Menschen bei der Verhaftung an sich trugen. Auf den Rückseiten einiger Karten finden sich aber auch Vermerke über Bücher, die die Häftlinge an die Bibliothek spendeten – so wie hier auf der Karte von Paul Jagenburg, der ab April 1941 als „politischer“ Häftling im KZ Buchenwald interniert war.
Eifriger Leser
Paul Jagenburg gehörte offensichtlich zu den Häftlingen, die viel Gebrauch von der Bücherei machen konnten: Seine „Lesekarte“ in der Sammlung der Gedenkstätte Buchenwald zeigt zahlreiche Einträge. Auf diesen Dokumenten vermerkten die Bibliothekare die Signaturen der ausgeliehenen Bücher.

Treffpunkt für den Widerstand
Auch der Bestand der Häftlingsbibliothek im KZ Dachau war gegen Ende des Krieges auf mindestens 15.000 Exemplare angewachsen. Sie war bereits 1933 eingerichtet worden. Wie in Buchenwald gelang es auch hier den Inhaftierten, ein recht ausgeklügeltes System zum Einschleusen verbotener Literatur zu etablieren. Unter der Leitung von Kurt Schumacher, der nach seiner Befreiung zu einem führenden sozialdemokratischen Politiker der Nachkriegszeit wurde, war die Bibliothek auch eine Anlaufstelle des sozialdemokratischen Widerstands im KZ Dachau.
Bedeutung des Lesens für die Häftlinge
Ich darf nicht zulassen, dass der Tod, der uns hier täglich und stündlich, ja jeden Augenblick auf den Fersen ist, meine Gedanken beherrscht. Sonst falle auch ich ihm zum Opfer. Ich will und muss mir noch größere Mühe geben, mich zum Lesen zu zwingen…
Zitat eines Häftlings im KZ Dachau, aus: Rost, Nico (2001): Goethe in Dachau.

„Hinweise“ zur Ausleihe
Ein besonders interessantes Dokument zur Häftlingsbibliothek aus der Sammlung der Gedenkstätte Buchenwald ist der Hinweiszettel, der in jedes Buch eingeklebt war. Darauf finden sich allerlei Regeln zum Umgang mit ausgeliehenen Büchern – wie dass man sie nicht beim Essen lesen soll. Der letzte „Hinweis“ machte ganz deutlich, in welcher Umgebung man dieses Buch auslieh: „Du wirst bestraft, wenn du diese Anordnung nicht befolgst!“

Die Auflösung der KZ-Bibliotheken
Zum Ende der Bibliotheken nach der Befreiung der Lager im April 1945 gibt es verschiedene Berichte – von den Häftlingen selbst, den Alliierten, der SS und den Bürgern vor Ort: Entlassene Häftlinge sollen ihre Bücher nicht mehr zurückgegeben oder die Bücherei „gestürmt“ haben, um Bücher mitzunehmen. In Weimar sollen Restbestände der Buchenwalder Bibliothek zur Mitnahme angeboten worden sein.
Jedenfalls gelang es nicht, die Häftlingsbibliotheken insgesamt als Zeitdokument zu erhalten. Dennoch ist die Sammlung der Gedenkstätte Buchenwald heute im Besitz von 120 Exemplaren der früheren Bücherei. In der Gedenkstätte Dachau und im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands gibt es heute noch fast 70 Bücher aus der Dachauer Häftlingsbibliothek. Die Gedenkstätten bieten heute ihren jungen Besuchern historische Exkurse zu diesem Teil der Lagergeschichte an – zum Beispiel, um zu veranschaulichen, welche psychologische Bedeutung das Lesen hat.
Quellen
Beffort, Albert (1947): Ich war Bibliothekar im KL Buchenwald. In: Rappel 1/1947
Hofmann, Rosemarie (2014): „… es waren Bücher, die man brauchen konnte.“ 50 Jahre Bibliothek der Gedenkstätte Buchenwald. AKMB-news 1/2014, Jahrgang 20
Kabelka, Werner (2008): Die Häftlingsbibliothek des Konzentrationslagers Dachau (1933 – 1945). Saarbrücken: Verlag Dr. Müller
Rost, Nico (2001): Goethe in Dachau. Ein Tagebuch. Berlin: List Taschenbuch Verlag.
Schmit, Sandra (2023): Buchenwald Concentration Camp in Post-War Literature from Luxembourg. In S. Pabst (Ed.), Buchenwald: Zur europäischen Textgeschichte eines Konzentrationslagers (S. 83-112). Berlin/Boston: De Gruyter
Seela, Torsten (1992): Bücher und Bibliotheken in nationalsozialistischen Konzentrationslagern. München/London/New York/Paris: Verlag Saur