Wo lebten in Berlin jüdische Kinder während der NS-Zeit? Wo gingen sie zur Schule? Wie sah angesichts zunehmender antisemitischer Maßnahmen ihr Alltag aus? Und was bedeutete die Verfolgung für diese jungen Menschen? Mit „Murmeln der Erinnerung“ auf dem Handy können Interessierte in Berlin auf Spurensuche gehen.

„Murmeln der Erinnerung“ vermittelt Geschichte interaktiv über einen sogenannten Chatbot, der kostenfrei über den Messenger-Dienst Telegram läuft. Auf fünf multimedialen Stadtrundgängen lernen die Nutzer*innen die Lebensgeschichten junger Menschen kennen – etwa die von Zvi Aviram. Zvi lebte mit seiner Familie im Prenzlauer Berg, bis seine Eltern 1943 deportiert wurden. Es gelang ihm, unterzutauchen, sich einer Widerstandsgruppe anzuschließen und mehrere Verhaftungen zu überleben.

 

Die Schülerkarte von Zvi Aviram (Heinz Abrahamson)

 

Bei einer Tour durch den Prenzlauer Berg lernen Nutzer*innen Zvis Lebensgeschichte kennen. Vier weitere Rundgänge führen durch Stadtteile wie Mitte, Wilmersdorf und Schöneberg, und erzählen von weiteren jüdischen Kindern und Jugendlichen, die in Berlin während der NS-Zeit untertauchten, aus Deutschland weggebracht oder im Holocaust ermordet wurden.

 

Das Smartphone wird zum Bildungswerkzeug.

Interaktive Wissensrallyes

Drei der fünf Rundgänge sind als Wissensrallyes angelegt: Nach der Beantwortung von Fragen durch die Nutzer*innen geht es weiter zur jeweils nächsten Station. Diese Form von sogenannter „Gamification“ verbindet die Bewegung im öffentlichen Raum mit der digitalen Vermittlung historischen Wissens.

Der Hintergrund

Die Arolsen Archives verwahren Millionen Dokumente zur NS-Verfolgung. Diese werden digitalisiert und mit Metadaten versehen. Darüber hinaus geben die Arolsen Archives ihre digitalen Sammlungen für innovative Bildungsprojekte frei.

„Murmeln der Erinnerung“ wird gefördert durch die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ und ist in Zusammenarbeit mit Fabular.ai entstanden. 2017 nahmen die Arolsen Archives an einem Kultur-Hackathon in Berlin teil. Mehr und mehr Museen, Archive und Bibliotheken profitieren von solchen Wettbewerben, bei denen Teams aus Informatiker*innen, Designer*innen und anderen Spezialist*innen ihre Datensätze für neuartige Anwendungen verwerten.

Eines der Projekte mit Daten der Arolsen Archives gewann dort den Jury-Preis für kulturell besonders wertvolle Leistungen: „Murmeln der Erinnerung“. Basis ist die Kartei der Reichsvereinigung der Juden, mit der die Gestapo alle deutschen Juden und Jüdinnen registrieren ließ. Die Kartei enthält einen besonderen Bestand an sogenannten Schülerkarten. Diese Schülerkarten nutzte das Team von Fabular.ai auf dem Programmier-Wettbewerb und gestaltete einen Stadtrundgang durch Berlin aus dem Blickwinkel jüdischer Kinder während der NS-Zeit.

 

Christian Höschler

»Digitalisierung und innovative Formate ermöglichen es, die Geschichten von NS-Verfolgten auf der Basis unseres Archivs immer wieder neu zu erzählen. Wir bieten mit ›Murmeln der Erinnerung‹ nun multimediale Touren. Die Geschichten werden nicht nur anhand von Textnachrichten erzählt, sondern auch mit Dokumenten, Fotos, Infografiken und Voice Messages.«

Christian Höschler, Arolsen Archives

 

Die Stadtgeschichte sichtbar machen

Mit Daten zu über 8.500 Berliner Kindern sowie mehr als 340 Orten lassen sich – über die Rundgänge hinaus – in der ganzen Stadt jederzeit zusätzliche Informationen abrufen. So werden die Orte und Schicksale der jüngsten NS-Opfer im heutigen Alltag in Erinnerung gerufen.

Nutzer*innen können dem Chatbot außerdem Fragen zur Geschichte des Holocaust zu stellen oder sich zu den Archivbeständen, die dem Chatbot zugrunde liegen, informieren. Diese interaktiven Funktionen stärken, wie auch andere Features von „Murmeln der Erinnerung“, eine selbstbestimmte Auseinandersetzung sowohl mit dem Holocaust als auch mit der Berliner Stadtgeschichte und der Zerstörung des dortigen jüdischen Lebens.

 

Nina Hentschel

»Wir sind mit dem Internet und Smartphones aufgewachsen – und beziehen so den Großteil unserer Informationen. Direkte Kommunikation durch Social Media ist Teil des alltäglichen Lebens und Lernens. Deshalb ist der Chatbot als neues Medium für interaktives Storytelling besonders geeignet. So erlebt man Geschichte auf einer direkteren, emotionaleren Ebene.«

Nina Hentschel, Co-Founder & CMO, Fabular.ai
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