Über viele Jahrzehnte haben die Mitarbeiter*innen der Arolsen Archives die Originaldokumente aus der NS-Zeit tagtäglich für ihre Dokumentations- und Sucharbeit genutzt. Heute sind diese riesigen Bestände ein historisch wertvolles Archiv, das die Erinnerung an die Opfer der Verfolgung wach hält. Das Team hat nun die Aufgabe, die Dokumente zu schützen und für künftige Generationen zu bewahren: Sie werden digitalisiert, konserviert, mit Schlagwörtern versehen und wissenschaftlich erschlossen, damit sie sowohl für Forschung, Bildung und Anfragen als auch für die Suche im Online-Archiv besser nutzbar sind.

Bereits in den ersten Tagen nach der Befreiung des KZ Buchenwald begannen Fotografen des US Army Signal Corps, die dortigen Zustände zu dokumentieren. 28 der Fotografien, die zwischen dem 21. und dem 24. April 1945 aufgenommenen worden waren, dienten kurz darauf im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess als Beweismaterial. 

Unter nationalsozialistischer Herrschaft wurden von 1933 bis 1945 Millionen von Menschen verschleppt und ermordet. Für die Suche nach Vermissten und die Klärung von Schicksalen entstand in Arolsen das umfangreichste Archiv zu NS-Verfolgten: Über 30 Millionen Akten, Karteikarten und Listen zu Opfern des Holocaust und Häftlingen der Konzentrationslager, zu ausländischen Zwangsarbeiter*innen und den Überlebenden. Mehr als 50 Millionen Karten umfasst allein die Zentrale Namenkartei. In über drei Millionen Fallakten liegt die Korrespondenz zu Schicksalen einzelner Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung. Die Originalbestände gehören seit 2013 zum UNESCO-„Memory of the World“, dem Weltdokumentenerbe.

Thomas Buergenthal

»Die Dokumente in Bad Arolsen stellen ein ehrwürdiges Mahnmal dar, das vertrauensvoll zu Ehren der Millionen Opfer des Holocausts und anderer Naziverbrechen verwahrt wird.«

Thomas Buergenthal, Überlebender

Die Sammlung der Arolsen Archives hat drei Themenschwerpunkte: Informationen über Inhaftierung befinden sich im Dokumentenbestand zu Konzentrations- und Vernichtungslagern, Ghettos und Gestapogefängnissen. Über das Schicksal der Zwangsarbeiter geben unter anderem akribisch geführte Arbeitsbücher und Meldekarten Auskunft. Umfangreich ist auch der Bestand von Dokumenten über die befreiten Überlebenden, die von den Alliierten als Displaced Persons bezeichnet wurden.

Machen Sie sich selbst ein Bild von der großen Sammlung auf einem virtuellen Rundgang durch unsere Archivräume:

Wie kamen die Dokumente ins Archiv?

Als die Institution 1948 unter dem Namen International Tracing Service (ITS) gegründet wurde, standen den Mitarbeiter*innen für ihre Arbeit zunächst nur wenig Originaldokumente zur Verfügung. Doch das sollte sich schnell ändern.

Um die Todesmärsche zu dokumentieren, auf die viele KZ-Häftlinge in den letzten Kriegswochen gezwungen worden waren, schickte der ITS Fragebögen an Tausende Gemeinden und ehemalige Häftlinge. Diese Sammlung von Ermittlungsunterlagen und eine ähnliche Sammlung mit Tausenden Fragebögen, in denen ehemalige Häftlinge Auskünfte über kaum bekannte Inhaftierungsorte gaben, zählten zu den ersten Unterlagen in Arolsen.

Nach der Auflösung der Zonensuchbüros Anfang der 1950er Jahre kamen dann besonders wertvolle Sammlungen nach Arolsen, darunter die Unterlagen, die durch Alliierte und Überlebende in Buchenwald, Dachau, Mauthausen und anderen Konzentrationslagern gerettet worden waren. Auch Hunderttausende Listen über ausländische Zwangsarbeiter*innen sowie Zwangsarbeiter-Registrierungsunterlagen. Schließlich gelangten Ende 1952 über 30 Tonnen alliierter DP-Dokumente nach Arolsen.

Aber das Archiv integrierte nicht nur Originale, sondern auch Millionen von Kopien. Teilweise sind nur diese Kopien erhalten, die Originale jedoch nicht mehr. Um auch zu ehemaligen Zwangsarbeiter*innen und Opfern des Holocaust aus Mittel- und Osteuropa besser Auskunft geben zu können, reisten Mitarbeiter*innen nach 1990 durch Europa und fertigten Millionen von Dokumentenkopien an.

Ein weiterer wichtiger Bestand sind die sogenannten Korrespondenz-Akten der Arolsen Archives, sie enthalten den Schriftverkehr zwischen Anfragenden und unserer Institution. Oft waren es auch juristische Vertreter oder Behörden, von denen die Anfragen kamen. Die zum Teil sehr persönlichen Berichte von NS-Verfolgten und ihren Familien zeugen von den Folgen der NS-Geschichte bis heute. Sie sind über die Jahrzehnte selbst zu wertvollen historischen Unterlagen geworden, weil sie zum Beispiel Informationen zu NS-Verfolgten enthalten, zu denen sonst keine Überlieferung existiert.

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Anlieferung von DP-Dokumenten am neuen ITS-Hauptgebäude, Arolsen, 1952

Haben Sie archivfachliche Fragen? Oder suchen Sie einen Ansprechpartner für eventuelle Kooperationen oder Veranstaltungen? Bei allen weiteren Fragen wie Veröffentlichungsgenehmigungen nutzen Sie bitte unser Kontaktformular.

Dr. Christian Groh
Dr. Christian Groh
Archivleiter Arolsen Archives
Giora Zwilling
Giora Zwilling
Stellvertretener Archivleiter

Digitalisierung: Dokumente für die Zukunft bewahren

1998 begannen die Mitarbeiter*innen in Bad Arolsen, die Dokumente zu digitalisieren. Heute sind schon zwischen 85 bis 90 Prozent der Bestände gescannt – eine Quote, die so hoch ist wie in kaum einem an-deren Archiv. Digitale Dokumente und Prozesse helfen nicht nur, die Auskünfte zu beschleunigen, sondern erlauben auch einen ganz anderen Zugang zu den Dokumenten in den Leseräumen in Bad Arolsen, bei ausgewählten Partnern und in unserem Online-Archiv.

»Die fortschreitende Digitalisierung von Dokumenten und Zeitzeugnissen hilft Menschen, einen schnelleren Zugang zu Archivbeständen zu bekommen. Und damit auch, die Details der eigenen Geschichte und die Ereignisse der Nazi-Zeit und des Holocaust besser erforschen zu können.«

Joël J. Cahen, Historiker, Kurator und ehemaliger Direktor des Jüdischen Historischen Museums in Amsterdam sowie Gründer des niederländischen Nationalen Holocaust-Museums

Zugleich hilft die Digitalisierung, die Sammlung zu erhalten: Die fragilen Originaldokumente werden nur noch in Ausnahmefällen genutzt und im Scanprozess von schädlichem Metall befreit und neu verpackt. Lose Blätter, Fragebögen, Karteikarten und gebundene Bücher in unterschiedlichsten Formaten müssen bei der Digitalisierung möglichst papierschonend gescannt werden. Dafür gibt es bei den Arolsen Archives spezielle Scanstationen.

Erschließung

Wie passen wir die Erschließungsinformationen an die Bedürfnisse der modernen Forschung an? Welche Dokumente brauchen Wissenschaftler, die über die Todesmärsche forschen wollen? Und welche Informationen benötigen die Nutzer des Online-Archivs, die oft weder Historiker oder Archivare sind? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Team für „archivische Erschließung“ bei den Arolsen Archives: Die Historiker und Archivare arbeiten daran, alle Dokumente in ihrem Entstehungszusammenhang zu erklären .

Die Erschließung eines seltenen Bestands

Rund 2000 Bilder von Überlebenden enthält die Foto-Kartei des internationalen Häftlingskomitees Dachau – und damit Gesichter zu den Schicksalen ehemaliger Häftlinge wie dem jungen Zwangsarbeiter und KZ-Insassen Stanislaw Galka (links) oder dem mehrfach inhaftierten Elias Karl Fridman (unten). Die Kartei entstand 1945, als die NS-Opfer Haftzertifikate brauchten, damit Hilfsorganisationen sie unterstützten. Die Arolsen Archives haben diese Fotos digitalisiert und indiziert, sodass man in der Datenbank nach Namen und Geburtsdatum suchen kann.

Ein gigantisches Projekt: Alle Namen und Informationen digital erfassen

Namen sind aufgrund der andauernden Such- und Dokumentationsarbeit den Arolsen Archives auch heute noch ein wichtiger Schlüssel zum Archivbestand. Jedes einzelne Dokument wurde und wird entsprechend ausgewertet und diese Indizierung bietet Forschern interessante Ansätze für ihre Arbeit. Doch Journalisten, Wissenschaftler und Pädagogen fragen zum Beispiel auch nach übergreifenden Themen, Orten, Nationalitäten oder bestimmten Opfergruppen. Deshalb werden heute auf den Dokumenten alle Inhalte erfasst, die für Suche, Dokumentation, Forschung und Bildung interessant sein könnten.

Doch diese Informationen nachträglich zu erfassen ist sehr zeitaufwendig und bei den Millionen von Dokumenten eine gigantische Aufgabe. Die Tätigkeit der eigenen Mitarbeiter*innen im Haus unterstützen wir durch Kooperationen mit Partnern, die ausgewählte Bestände durcharbeiten, wenn möglich kommen OCR-Verfahren zur automatischen Texterkennung zum Einsatz. Auch Projekte von Unternehmen wie dem Ahnenforschungsportal Ancestry sorgen dafür, dass möglichst viele Dokumente schnell und einfach durchsuchbar gemacht werden: 2019 hat Ancestry Passagierlisten von DPs sowie einen sehr umfangreichen Bestand von Listen der Alliierten über ehemals Verfolgte bearbeitet, so dass die einfache Suche im Online-Archiv möglich ist. Außerdem bieten wir ab 2020 Crowdsourcing-Projekte an, bei denen uns Freiwillige bei der Erfassung der Daten helfen können. Das hilft uns und bietet Schulen und anderen Institutionen die Möglichkeit, sich durch ein aktives Gedenken, das eine Bedeutung für die Gesellschaft hat, mit Schicksalen von NS-Verfolgten zu beschäftigen.

Das Welterbe konservieren

Die Dokumente in den Arolsen Archives waren oft genutzte Arbeitsmittel, bevor sie digitalisiert wurden. Recherchieren, kopieren, ein- und auspacken – das alles hinterließ Spuren. Zu den zentralen Aufgaben gehört deshalb, die teils stark beanspruchten Dokumente zu restaurieren, um das UNESCO-Weltdokumentenerbe zu sichern.

Einige wichtige Schritte sind schon gemacht: Mehr als sechs Millionen Dokumente sind bereits entsäuert. Auch die archivgerechte Verpackung ist weit fortgeschritten. Ein Meilenstein ist zudem das sogenannte Schadenskataster. Es regelt, wie dringend welche Dokumente vor weiterem Verfall zu schützen sind, und ist die Basis, um Gelder für den Bestandserhalt einzuwerben. Angesichts knapper Haushalte sind die Arolsen Archives darauf angewiesen, sehr hilfreich ist das Sonderprogramm zur Erhaltung des schriftlichen Kulturguts. In den letzten Jahren konnten durch dieses von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und der Kulturstiftung der Länder bereitgestellte Programm notwendige Restaurierungen und Entsäuerungen durchgeführt werden.

Schneller sein als der Verfall: Entsäuerung

Die Entsäuerung von Papier ist ein gängiges Verfahren für Archive und Bibliotheken zur Bestandserhaltung. Dabei gibt es unterschiedliche Varianten. Große Mengen von Dokumenten können Restauratoren zum Beispiel im Massenverfahren in ein Bad aus wasserfreien Lösungsmitteln geben. Diese neutralisieren die schädlichen Säuren, die Papier früher durch die industrielle Produktion enthielt. Nach der chemischen Behandlung bleibt es länger reißfest und bildet weniger zersetzende Substanzen.

Drei Monate für 301.000 Dokumente

Wie eine Restaurierung von Dokumenten abläuft, zeigt das Beispiel der Versorgungsakten aus österreichischen Camps für Displaced Persons (DPs). Sie stammen aus der Zeit von 1947 bis 1952 und enthalten viele Fotos der DPs. Die Arolsen Archives haben keine eigene Restaurierungswerkstatt, sondern arbeiten mit externen Fachleuten zusammen.

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