„Es ist befreiend, alles zu erzählen!“

„Es ist befreiend, alles zu erzählen!“

Max Glauben war 17 Jahre alt, als er während eines Todesmarsches befreit wurde. Vorher kämpfte er im Konzentrationslager Flossenbürg ums Überleben. Nach Jahrzehnten, in denen er seine Geschichte erzählte, das Holocaust Museum in Dallas miteröffnete und sein Hologramm aufgezeichnet hat, veröffentlicht er am 30. März sein Buch „The Upstander“. Gemeinsam mit der Journalistin Jori Epstein arbeitete er fünf Jahre lang daran.

Max, seit den 1980ern haben Sie in Schulklassen, beim Marsch der Lebenden oder bei der Aufzeichnung Ihres Hologramms oft über Ihre Geschichte gesprochen – warum wollten Sie jetzt auch ein Buch veröffentlichen?

Max Glauben: Wenn ich etwas aufschreibe oder als ich mein Hologramm aufgezeichnet habe – ich habe dafür über 4000 Fragen beantwortet – hatte ich mich zuvor bewusst dazu entschieden, mich zu öffnen. Wenn man aber versucht, in einer Stunde die Geschichte zu erzählen, kann vieles nicht angesprochen werden, weil man nicht genug Zeit hat.

Ich wollte kein dickes Buch, für das man Wochen braucht, um es zu lesen. Es sollte unter 200 Seiten sein, exakt auf den Punkt, und es sollte nichts darin enthalten sein, das Hass verbreitet. Ich wollte ein Buch schreiben, das Menschen wirklich lesen möchten.

Wie haben Sie beide sich getroffen und entschieden, dieses Buch gemeinsam zu schreiben?

Jori Epstein: Ich bin 2012, als ich noch zur Highschool ging, beim Marsch der Lebenden mitgelaufen. Max war damals als Überlebender in der Gruppe dabei. Wir haben die Gedenkstätten Auschwitz-Birkenau, Treblinka und Majdanek besucht und Max teilte seine Erlebnisse mit uns, auch als wir sein altes Viertel in Warschau besuchten. Seit dieser Zeit begann ich, mehr über den Holocaust und seine Geschichte nachzudenken.

2016 zog ich nach meinem Uni-Abschluss zurück nach Dallas und sah Max in der Synagoge. Er hatte gerade neue Dokumente eines Archivs erhalten und sagte, dass er diese Geschichte aufschreiben wolle. Er hatte zwar schon oft darüber gesprochen, Vorträge in Texas, den USA, in Deutschland, Polen und Israel gehalten, aber niemand hatte bisher ein Buch geschrieben.

Max Glauben: Viele Personen wollten das Buch schreiben, aber sie hielten oft nur einige Monate durch. Als Jori ins Spiel kam, war sie mit mir auf dem Marsch der Lebenden und sie zeigte einen sehr großen Willen, diese Geschichte aufzuschreiben.

 

Max und Jori beim Marsch der Lebenden 2012. Copyright: Jori Epstein

 

Sie haben fast fünf Jahre an diesem Buch gearbeitet, wie würden Sie diesen Prozess beschreiben?

Jori Epstein: Ich habe ihn immer wieder interviewt und auch seine Frau, seine Kinder, seine Enkel*innen und Schüler*innen, denen er seine Geschichte erzählt hatte. 2017 haben wir gemeinsam noch einmal am Marsch der Lebenden teilgenommen. Dabei habe ich ihm Fragen gestellt, während wir in den ehemaligen Lagern waren, was seine Erinnerungen noch einmal ganz anders hervorgerufen hat.

Max Glauben: Wann immer ich sprach, und ich spreche seit den 80er Jahren, musste ich mich von dem Leid, das ich erlebt habe, lösen und ein Redner werden. Ich denke, dass Jori meine Gefühle besser ausgedrückt hat, als wenn ich versucht hätte, sie selbst auszudrücken. Sie hat es auf eine Weise aus mir herausgebracht. Wenn Sie das Buch lesen, zitiert sie mich, also schreibt sie, aber ich spreche.

Max Glauben

„Wenn Menschen während des Holocausts „Upstanders“ anstatt Mitläufer*innen gewesen wären, hätte es den Holocaust gegeben? Nein!“

Max Glauben

Was hat sich für Sie, Max, verändert, seit Sie das Buch geschrieben haben?

Max Glauben: Ich habe mich dazu entschlossen, alles zu erzählen und es tut der Seele gut, denn manchmal, wenn man missbraucht wurde oder etwas in der Art passiert ist, dann ist es zu beschämend zu sagen, dass mir das zugestoßen ist. Vielleicht bekam ich Schläge, von denen nie jemand erfahren sollte, um keinen Hass zu schüren. Doch es ist sehr befreiend, wenn man es rauslässt.

“The Upstander” – warum haben Sie diesen Titel ausgewählt und warum ist der Begriff für Sie so bedeutungsvoll?

Jori Epstein: Max liebt das Wort „Upstander“. In seinen Reden sagt er immer: „Du musst ein „Upstander“ sein, kein Bystander“. Wenn jeder ein Bystander ist, sind wir nicht in der Lage zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert. Deswegen ist es für Max wichtig, ein „Upstander“ zu sein.

Max hat selbst gezeigt, wie es ist, ein „Upstander“ zu sein, wenn er Vorträge hält und Menschen zeigt, was es bedeutet, resilient zu sein und die Liebe und das Leben über den Tod und Hass zu stellen. Ich denke, er verkörpert den „Upstander“ und wir hoffen, dass Leser*innen zu „Upstanders“ werden können, nachdem sie seine Memoiren gelesen haben.

Max Glauben: Wenn du das Leben lebst, musst du Standards haben und dir klarmachen, was dein Ziel ist. Alles ist in deinem Kopf, das Gute und das Schlechte, und du musst das Gute wählen. Wenn Menschen während des Holocausts „Upstanders“ anstatt Mitläufer*innen gewesen wären, hätte es den Holocaust gegeben? Nein! Es waren die Menschen, die ihren Mund gehalten haben, und deswegen denke ich, dass Bildung Fanatismus, Hass und Diskriminierung verhindern kann. Ich hatte mich dazu entschieden, ein „Upstander“ zu sein.

Was sollen Leser*innen Ihres Buches daraus mitnehmen?

Max Glauben: Viele Themen des Buches können für andere Menschen hilfreich sein und zeigen, dass du ein Individuum bist. Ob du Bildung genießt, einen Abschluss hast, der Geschäftsführer eines großen Unternehmens bist – all das ist für jeden möglich. Wenn man geboren wird, hat man nichts. Das Buch ist eine Lebensblase eines Einzelnen, dessen Leben durch den Holocaust zerrissen wurde.

Er war ein Gläubiger, der an seine Religion glaubte und ungeachtet dessen, ob er zur Schule ging, weil ihm nicht erlaubt war, zur Schule zu gehen – er ergriff die Initiative, um zu lernen, wie er einen Job bekommen konnte, zu lesen, zu schreiben, Auto zu fahren, ein guter Mensch zu sein, zu helfen und auch ohne Bildung, hat er es geschafft, es sich selbst beizubringen. Er baute ein Museum mit auf, erhielt die Ehrendoktorwürde der Southern Methodist University, war Texaner des Jahres 2019. Das ist es, um was es in dem Buch geht: Eine Blase dessen, was jeder tun kann, wenn er oder sie den richtigen Weg einschlägt und die richtige Einstellung hat, um ein „Upstander“ zu werden.

Jori Epstein: Wir hoffen, dass die Leute verstehen, dass der Holocaust und diese Gräueltaten Menschen wie uns zugestoßen sind. Wir müssen sicherstellen, dass so etwas nie wieder passiert.

 


Max Glaubens DP-2-Karte.

 

Was können wir alle heute tun, um zu verhindern, dass sich etwas wie die Verbrechen der Nationalsozialisten wiederholt?

Max Glauben: Die Demokratie gründet sich auf der Verfassung, die so beginnt: „Wir das Volk“. Jeder und jede von uns hat Anteil an der Gestaltung der Demokratie. Es gibt Menschen, die die Wahrheit nicht kennen und wie Trickbetrüger*innen Lügen erfinden. Wenn diese Lügen hunderte Male präsentiert werden, werden sie zur Wahrheit in gehirngewaschenen Köpfen.

Wenn jemand in deiner Familie beginnt, diese Lügen zu glauben, musst du ihn überzeugen, dass es eine Lüge ist, auch wenn das sehr schwierig ist. Man muss sich selbst beibringen, Selbstbewusstsein zu haben und ein „Upstander“ zu sein.

Gib niemals, niemals, niemals auf und wenn du einmal erfolglos bist, versuche es noch einmal und noch einmal.

Vielen Dank für das Interview. Das Buch “The Upstander. How Surviving the Holocaust Sparked Max Glauben’s Mission to Dismantle Hate“, erschienen bei Post Hill Press, ist ab jetzt online in der englischen Originalversion erhältlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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