#everynamecounts weltweit: 17-Jährige engagiert sich an ihrer Schule in San Francisco

#everynamecounts geht um die Welt: Unsere neue Schülerbotschafterin Nicole Hoelzle aus San Francisco fand ihre persönliche Verbindung zur NS-Geschichte bei #everynamecounts. Während ihrer Amtszeit als Präsidentin ihrer Model UN, einer Simulation der United Nations an Schulen weltweit, möchte Nicole ihre Mitschüler*innen zu sozialem Engagement motivieren. In einem Workshop mit den Arolsen Archives präsentiert ihnen die 17-Jährige die Initiative.

Wie hast du von #everynamecounts erfahren und warum unterstützt du die Initiative?

Das erste Mal stieß ich auf #everynamecounts im Sommer 2020 während der Pandemie. Ich wollte etwas Sinnvolles mit meiner Freizeit machen und fand das Projekt #everynamecounts auf Zooniverse. Ein paar Wochen lang habe ich jeden Tag ein paar Stunden damit verbracht, Namen und persönliche Daten in das System einzugeben. Was mir an #everynamecounts gefällt, ist die Interaktion mit den anderen. Wenn ich eine Frage in die Community stelle, reagieren die Leute total schnell und helfen direkt. Es ist schön zu sehen, dass Leute zur gleichen Zeit wie ich aktiv daran arbeiten – auf Englisch, auf Deutsch – Menschen aus der ganzen Welt.

Aufgrund meiner deutschen Wurzeln und meinem großen Interesse an Geschichte hatte ich sofort eine persönliche Verbindung zum Projekt. Ich teile die Überzeugung der Arolsen Archives, dass die Opfer niemals vergessen werden dürfen und möchte mit ihnen zusammenarbeiten und die Initiative bekannt machen. Junge Erwachsene wie ich müssen sich engagieren, um zukünftige Generationen über den Holocaust und Diskriminierung aufzuklären.

 

Welches Dokument hat dich besonders bewegt?

Es gibt zwei Dokumente, die mir besonders in Erinnerung geblieben sind. Ich erinnere mich, dass ich die Daten eines jungen Mädchens eingegeben habe, als ich gerade mit #everynamecounts begonnen hatte. Ich gab ihren Namen, ihren Nachnamen und ihr Geburtsdatum ein – und dann wurde mir plötzlich klar, dass sie sechzehn Jahre alt war, genau wie ich damals. Ich musste einen Moment innehalten. Ich war im selben Alter und machte mir Gedanken über die Quarantäne und darüber, dass ich keinen Sweet-Sixteen Geburtstag feiern konnte. Mir wurde klar, dass jemand in meinem Alter vor 75 Jahren etwas viel Schlimmeres erlebt hatte als ich.

Ein Jahr später arbeitete ich an den Geo-Workflows mit Häftlingskarten und habe Adressen eingeben. Es gab ein Dokument von einem Mann aus Frankreich. Als ich seine Adresse notiert hatte, suchte ich seine Straße auf Google Maps. Als ich seine Straße dort sah, war ich wirklich erschrocken. Auch heute, im Jahr 2021, existiert die Straße immer noch. Es ist eine normale Straße, aber ich kenne jetzt die düstere Geschichte dahinter. Sowohl das Mädchen als auch der Franzose gaben mir das Gefühl, die Folgen des Nationalsozialismus und des Holocausts mit eigenen Augen zu sehen. Die Arbeit mit den Dokumenten auf #everynamecounts gab mir das Gefühl, dass dieses Geschichtskapitel weniger abstrakt ist.

 

In einem Workshop am 30. September hast du #everynamecounts an deiner Schule und in deiner Model UN bekannt gemacht. Was war deine Motivation? Warum ist es dir wichtig, dass sich deine Mitschüler*innen für die Initiative engagieren?

Auch wenn ich weiß, dass mein Beitrag zu #everynamecounts bereits sinnvoll war, ist das in meinen Augen nicht genug. Ich weiß, dass Deutschland mit der NS-Zeit eine schwere Vergangenheit hat und sich verpflichtet fühlt, über die Wahrheit aufzuklären. Schülerinnen und Schüler in den USA haben vielleicht nicht ganz den gleichen Bezug zu dieser Geschichte, aber es ist trotzdem wichtig, so etwas wie dieses Projekt hier zu machen. Denn auch in den USA gibt es antisemitische Vorfälle, sogar an meiner eigenen Schule. Als Präsidentin meiner Model-UN-Gruppe ist es meine Aufgabe, meine Clubmitglieder zu ermutigen, sich aktiv für Frieden, Gerechtigkeit und den Schutz der Menschenrechte einzusetzen.

 

#everynamecounts Schülerbotschafterin Nicole Hoelzle (rechts) und Christa Seidenstücker von den Arolsen Archives (im Hintergrund) während des Workshops mit Schüler*innen der 9. und 10. Klasse der Red Wood High School in San Francisco. 

 

Was ist dein Eindruck von der Vermittlung des Holocausts in den Vereinigten Staaten?

Ich habe die Holocaustvermittlung anders erlebt als viele meiner Altersgenossen, weil ich eine doppelte Staatsbürgerschaft habe. Mein Vater stammt aus Deutschland, und ich bin eine Zeit lang auf eine deutsche Schule in Amerika gegangen. Wenn ich im Geschichtsunterricht etwas über den Holocaust gelernt habe, dann war es definitiv nicht so, wie ich es in Deutschland vermute. Ich fühle mich dem Thema besonders verbunden, weil ich mich einerseits als Deutsche fühle, andererseits aber auch Amerikanerin bin. Diese Länder befanden sich während des Krieges auf zwei völlig verschiedenen Positionen. Ich bin stolz auf meine einzigartige deutsch-amerikanische Identität, aber ich fühle mich auch verantwortlich für die Vergangenheit meiner Länder. Ich möchte sicherstellen, dass ich zu einer positiven Veränderung beitrage und dass meine Generation so etwas nicht noch einmal geschehen lässt. Obwohl Leute in meinem Alter weiter vom Holocaust entfernt sind als meine Großeltern denke ich, dass jeder Mensch eine Verantwortung hat, sich an den Holocaust zu erinnern. Unabhängig davon, woher man kommt, sollte man sich über diese Geschichte informieren.

 

Warum ist dir soziales Engagement so wichtig?

Als ich anfing bei der Model UN mitzumachen, musste ich mich über die Probleme auf der Welt informieren. Ich musste mir meine eigenen Lösungen für schwierige Situationen ausdenken und verschiedene Länder mit unterschiedlichen Standpunkten vertreten. In dem Alter, in dem ich jetzt bin, sehe ich diese Art der Selbstbildung als Teil meines Engagements. Wenn ich erwachsen bin und wenn meine Freunde erwachsen sind, müssen wir in der Lage sein, Lösungen für schwierige Probleme und Fragen zu finden.

Außerdem erinnere ich mich daran, dass wir in der deutschen Schule über „Die weiße Rose“, über Hans und Sophie Scholl, und über Zivilcourage gelernt haben. Die Geschichte von Hans und Sophie hat mich inspiriert, dass wir, egal wie alt wir sind, aktiv werden müssen, um uns in sozialen Fragen zu engagieren. Denn schon bald werden wir erwachsen sein und die Verantwortung haben, Antisemitismus und Diskriminierung zu bekämpfen.

 

»Schon bald werden wir erwachsen sein und die Verantwortung haben, Antisemitismus und Diskriminierung zu bekämpfen.«

Nicole Hoelzle, Schülerbotschafterin für #everynamecounts

 

Glaubst du, dass #everynamecounts jungen Menschen helfen kann, den Nationalsozialismus zu verstehen und sie dazu bringen kann, sich mit aktuellen gesellschaftlichen Themen und dem Gedenken zu beschäftigen?

Das denke ich auf jeden Fall. Wie ich schon bei den Dokumenten gesagt habe, als ich zum ersten Mal an dem Projekt teilnahm, fühlte ich diese persönliche Verbindung zur Geschichte und den Ereignissen. Andere Menschen in meinem Alter könnten sich anfangs vielleicht nicht mit dem Thema auseinandersetzen, weil es schon so lange her ist. Aber durch #everynamecounts habe ich mich der Geschichte näher gefühlt. Die Geschichten dieser Menschen, die diese schreckliche Zeit durchlebt haben, haben mir eine zusätzliche persönliche Ebene der Verbundenheit gegeben.

Es gibt so viele Namen, die ich gelesen habe, man kann sie nie alle ergründen. Aber wenn jede Person einen Namen sieht und ihn eintippt – den Namen nicht nur liest, sondern aktiv eintippt – dann ist das ein aktives Gedenken daran, dass diese Person existiert hat, und hoffentlich kann ihre Familie sie finden oder jemand wird in Zukunft die Möglichkeit haben, ihre Geschichte zu erfahren. #everynamecounts gibt jedem Menschen die Möglichkeit, eine persönliche Verbindung herzustellen und zu etwas beizutragen, das größer ist als man selbst.

Die Geschichte kann uns lehren, uns der Macht von Hass bewusst zu sein und damit müssen wir künftige Generationen aufklären, die von dieser Geschichte noch weiter entfernt sein werden. Der Satz „Nie wieder“ wird oft gesagt, aber wir müssen dafür sorgen, dass es wirklich nie wieder passiert.


Vielen Dank für das Gespräch, Nicole!

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