Wir möchten dazu beitragen, die Erinnerung an die Opfer der NS-Verfolgung wachzuhalten und setzen uns für Toleranz, Vielfalt und Demokratie ein. Leider begegnen uns als Reaktion auf unsere Veröffentlichungen in den sozialen Medien immer wieder Menschen, die es ablehnen, sich damit zu beschäftigen. Oft verharmlosen sie die NS-Verbrechen, leugnen den Holocaust oder wollen uns vorschreiben, wie wir über Geschichte sprechen. Oliver Saal von der Amadeu Antonio Stiftung erklärt im Interview, was hinter diesen Methoden der Hassrede im Netz steckt und was wir dagegen tun können. 

Was sind aktuelle Entwicklungen bei Hate Speech im Netz?

Um die Frage zu beantworten, was aktuelle Entwicklungen sind und was sich in der Pandemie geändert hat, ist es sinnvoll, wenn ich nochmal etwas dazu sage, was seit längerem der Status quo ist. Es gibt Themen, die haben schon immer viel Hass provoziert: Zum Beispiel, wenn sich jemand in einem Sozialen Netzwerk zum Thema Flucht und Geflüchtete äußert. Oder sich gegen rechtextreme Parteien positioniert. Dann muss sie oder er eigentlich auch damit rechnen, Anfeindungen zu erfahren: In Form von Kommentaren und Hassmails bis hin zu Morddrohungen. Und es gibt Menschen, die müssen sich gar nicht erst äußern, sondern die werden einfach nur für das angefeindet, was sie sind: Zum Beispiel Schwarze Menschen, Persons of Colour, Jüdinnen und Juden, LSBTIQA+. Und immer wieder: einfach nur Frauen.

 

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie?

Mit der COVID19-Pandemie konnten wir insgesamt eine erhebliche Zunahme von Hass in den Sozialen Netzwerken beobachten. Zuerst waren davon in Deutschland besonders Asiat*innen und asiatisch gelesene Menschen betroffen. Die wurden als vermeintliche Virus-Träger*innen stigmatisiert.

Dann haben wir auch eine Zunahme von Antisemitismus beobachtet. Einerseits in Form von offenem Antisemitismus: Jüdische Gemeinden und Menschen, die sich mit ihnen solidarisieren, waren verstärkt von sogenannten Zoom-Bombings betroffen. Und andererseits in Form von strukturellem Antisemitismus: Verschwörungserzählungen haben in der Pandemie Hochkonjunktur. Es geht wie immer um vermeintlich finstere Machenschaften einer geheimen Elite, aber die antisemitischen Erzählungen wurden eben an die neue Realität angepasst. Der Sturm auf das Kapitol in den USA und ein halbes Jahr davor der Sturm auf den Reichstag in Deutschland haben gezeigt, dass Hetze, Desinformation und Verschwörungsglauben aus den Sozialen Netzen sehr reale Folgen haben können.

Auch anders in der Pandemie: Neben Facebook, YouTube und Co. ist besonders Telegram ein Hotspot für die Verbreitung von Verschwörungsmythen und die Markierung von politischen Feind*innen geworden. Was dieses hybride Medium besonders macht: Es gibt so gut wie kein Handeln der Betreiber*innen – keine Moderation, kaum Sperrungen, keine Löschungen. In Kanälen mit zum Teil mehr als 100.000 Abonnent*innen, verbreiten Akteur*innen der extremen Rechten und Verschwörungsideolog*innen die Adressen von politischen Gegner*innen oder ihre Anschriften. Besonders der Kanal von Atilla Hildmann fällt hier immer wieder durch offenen Antisemitismus und Gewaltdrohungen auf.

Oliver Saal (Foto: Viktor Schanz)

»Für Nutzer*innen von Sozialen Netzwerken sollte ganz allgemein das Prinzip gelten: See something – do something. Wenn wir Inhalte sehen, von denen wir glauben, sie könnten strafbar sein – melden und anzeigen.«

Oliver Saal (Foto: Viktor Schanz), Referent Digitales Civic.net – Aktiv gegen Hass im Netz, Amadeu Antonio Stiftung

Warum ist Whataboutism so ausgeprägt?

Das ist die Praxis, von einem Thema abzulenken, indem man eine Gegenfrage stellt, die nichts mit dem Ursprungsthema zu tun hat. Die meisten, die schon mal eine Diskussion zu politischen Themen in Sozialen Netzwerken geführt oder auch nur gelesen haben, werden das sicher kennen. Wenn man beispielsweise über rechtsextreme Gewalt und ihre Opfer spricht, dauert es häufig keine 5 Minuten bis der oder die erste Kommentator*in kommt und fragt: „Aber was ist denn mit linker Gewalt, die verurteilt ihr nicht oder was?“

Der Begriff „Whataboutism“ stammt von der englischen Frage „What about…?“, was auf Deutsch bedeutet: „Und was ist mit…?“ Das ist eine Gesprächsstrategie, die natürlich nicht exklusiv rechtsextrem ist. Aber Rechtsextreme nutzen sie besonders gern. Denn so ein Vorwurf, der ablenkt und den Gegenüber der Doppelmoral bezichtigt, stört ein Gespräch, kann es sogar zerstören, weil es extrem schwer ist, darauf zu antworten. Die Sache ist, wer solche Totschlagargumente benutzt, will gar nicht diskutieren. Er lenkt bewusst vom Thema ab und gibt sich dabei als Skeptiker*in aus.

Wie kann man damit umgehen? Ich würde sagen, man darf dem Ablenkungsversuch nicht auf den Leim gehen. Man muss genau diesen Versuch, das Gespräch zu stören und abzulenken, als gezielte Gesprächstaktik benennen, ablehnen und dann wieder zum Ursprungsthema zurückkehren. Sonst ist einfach keine vernünftige Diskussion möglich.

 

Was sind toxische Narrative und wer will was damit erreichen?

Mit dem Begriff „toxische Narrative“ meinen wir bei der Amadeu Antonio Stiftung Argumente, Inhalte und Bilder, die rechtsextreme Akteur*innen in Sozialen Netzwerken verbreiten. Es geht hier um rechtsextreme und verschwörungsideologische Erzählungen, weil sie das gesellschaftliche Klima vergiften, indem bestimmte Gruppen der Gesellschaft zu Feindbildern erklärt werden. Die Gesellschaft wird in Freund oder Feind eingeteilt, und die Feinde gelte es zu bekämpfen.

Ein solches Narrativ ist zum Beispiel die bei Rechtsextremen verbreitete Annahme, das Land und „die Deutschen“ seien vom Untergang bedroht. Um diese Erzählung zu verbreiten und zu verfestigen, nutzen rechtsextreme Akteur*innen Social-Media-Accounts und ihre eigenen Medien. Ereignisse werden überzogen dargestellt, Zusammenhänge werden als ursächlich konstruiert, auch wenn kein Zusammenhang besteht.

 

Wie können Institutionen und andere User dem Hass etwas entgegensetzen?

Aus unserer Sicht ist am wichtigsten, dass alle, die auf irgendeine Weise am öffentlichen Diskurs beteiligt sind, digitale Gewalt als eine echte Form von Gewalt anerkennen und eben nicht sagen „ist doch nur das Internet“. Und dass dann alle Akteur*innen Verantwortung übernehmen für den Schutz von Betroffenen und die Demokratie als Ganzes und dann tun, was in ihrer Macht steht:

Der Staat sollte die Gefahr von rechtsextremen Terrorist*innen, die sich online radikalisieren, ernst nehmen. Und zum Beispiel entsprechende Kanäle auf Telegram endlich proaktiv in den Blick nehmen. Der Staat muss die Strafverfolgung erleichtern, und er sollte Beratungsstellen für Betroffene von digitalem Hass besser finanzieren und absichern.

Soziale Netzwerke sollten ihre Community-Standards konsequenter umsetzen und zum Beispiel Hassgruppen, aber auch Desinformation verbannen – zum Beispiel zum Thema Impfen. Wenn wir auf rechtsextreme Gruppen in den Sozialen Netzwerken schauen – da beteuern die Netzwerke schon immer, dass es nicht in ihrem Interesse sei, dass diese Gruppen bei ihnen eine Plattform erhalten. Dennoch braucht es häufig jahrelangen Druck aus der Zivilgesellschaft, bis etwas passiert und die Gruppen ihre Accounts verlieren.

 

Was kann man ganz konkret tun?

Wir brauchen mehr Ressourcen für professionelle Social-Media-Arbeit, zum Beispiel Moderation auf den Seiten von großen Medien. Kampagnen für Demokratie und Menschenrechte. Und ein zivilgesellschaftliches und wissenschaftliches Monitoring von rechtsextremen Gruppen. Als Mitarbeiter*innen von Organisationen sollten wir Kommentare, die klar gegen das Gesetz verstoßen, zur Anzeige bringen. Um dafür Unterstützung zu erhalten, gibt es Meldestellen, wie zum Beispiel „Hate Aid“ oder auch die Plattform „Hass melden“, die bei einem möglichen Verfahren helfen.

Für Nutzer*innen von Sozialen Netzwerken sollte ganz allgemein das Prinzip gelten: See something – do something. Wenn wir Inhalte sehen, von denen wir glauben, sie könnten strafbar sein – melden und anzeigen. Desinformation immer sofort dem Netzwerk melden. Wenn wir sehen: Menschen werden angegriffen, werden beschimpft und beleidigt, dann gilt das Gleiche, das auch gilt, wenn ich sowas im Bus erlebe: dazwischen gehen. Mich einmischen. Mich schützend vor die angegriffene Person stellen. Verbündete suchen. Und generell: Nicht immer nur schimpfen darüber, wie schlimm die Gesprächskultur in Sozialen Netzwerken ist. Sondern auch selbst dafür sorgen, dass es besser wird, indem wir gute Inhalte teilen und uns an positiven Aktionen oder Hashtags beteiligen.

Vielen Dank, Oliver, für das Interview.

Jetzt Spenden
Mehr erfahren