Keine Sicherheit: Der Historiker Uriel Kashi berichtet aus Israel

Was bedeutet der Krieg in Israel für die Erinnerungsarbeit im Land? Wie blicken israelische Historiker auf die Entwicklungen seit dem Angriff der Hamas? Und was machen jetzt unsere Kolleg*innen, die sich vor Ort für die historische Bildung und Erinnerung einsetzen? Wir haben mit Uriel Kashi aus Jerusalem über die aktuelle Situation in seiner Heimat gesprochen. Er ist Experte für jüdische Geschichte und Kultur und organisiert seit 2010 Bildungsreisen durch Israel.

Wie hast du den 7. Oktober erlebt, den Tag des Angriffs der Hamas auf Israel?

Ich wurde morgens um 8 Uhr vom Raketenalarm geweckt. Wir sind sofort in unser Treppenhaus gerannt, weil das der sicherste Ort ist. Der Luftschutzbunker in unserem Keller war zu diesem Zeitpunkt noch abgeschlossen. Wir haben dann die Nachrichten überflogen und ziemlich schnell verstanden, dass es sehr ernst und gefährlich wird. An diesem Tag war ich eigentlich mit einer Schüler-Gruppe aus Niedersachsen verabredet. Die waren an diesem Morgen schon am Flughafen und wollten gerade nach Israel fliegen. Ich habe sie angerufen und ihnen gesagt, dass sie nicht ins Flugzeug steigen sollen.


Wie ging es weiter?

Wir standen alle komplett unter Schock. Schon früher wurde Israel mit Raketen angegriffen. Das war schrecklich, aber wir haben ein gutes Raketenabwehrsystem und großes Vertrauen in die Streitkräfte. Es hat das Sicherheitsgefühl hier extrem geschädigt, dass mehrere tausend Terroristen die Grenze stürmen konnten, um ein Massaker an der Zivilbevölkerung anzurichten. Sie haben Männer, Frauen, Kinder und kleine Babys skrupellos ermordet, entführt, vergewaltigt und verbrannt.

 

Im Kibbuz Nir Oz an der Grenze zum Gazastreifen ermordeten die Hamas-Terroristen mindestens 20 Einwohner und verschleppten etliche Menschen als Geiseln. Foto: Shmuel Kahn

 

Fast täglich fliegen Raketen auf Israel


Was bedeutet „Sicherheit“ für die Israelis?

Eine der Ideen vom Staat Israel war es, eine sichere Heimstätte für Jüdinnen und Juden zu schaffen. Gerade nach dem Holocaust war das in gewisser Weise ein Garant: “Sowas wird uns nie wieder passieren.” Damit möchte ich in keiner Weise den 7. Oktober mit der Shoah gleichsetzen. Aber bei vielen Menschen riefen die Massaker und dieses Gefühl, schutzlos ausgeliefert zu sein, bestimmte Assoziationen wach. Im Süden des Landes haben sich die Menschen bis zu 48 Stunden in den Luftschutzbunkern versteckt. Sie versuchten, keinen Mucks von sich zu geben, um nicht von den Terroristen entdeckt zu werden. Manche konnten das Morden beobachten. Das weckt Erinnerungen an die jüdische Geschichte vor dem Staat Israel – eine Zeit, in der die Menschen immer wieder Pogrome erlebten.


Wie ist das Sicherheitsempfinden mittlerweile?

Ein Gefühl der Sicherheit ist noch nicht komplett zurückgekehrt, weil man sich immer noch bedroht fühlt. Die Armee tut alles dafür, die terroristische Infrastruktur der Hamas im Gazastreifen zu zerstören. Dafür gibt es einen sehr großen Rückhalt in der israelischen Bevölkerung, denn aus dem Gazastreifen fliegen weiterhin fast täglich Raketen auf Israel. Auch im Norden gibt es ständig Angriffe von der Terrororganisation “Hisbollah” im Libanon. Außerdem machen wir uns große Sorgen um die Geiseln. Es gibt immer wieder Meldungen über ermordete Geiseln. Israel ist ein sehr kleines Land. Jeder kennt jeden über ein, zwei Ecken. Also kennt auch jeder irgendjemanden, der entweder ermordet oder entführt wurde.

Bei vielen Menschen riefen die Massaker und dieses Gefühl, schutzlos ausgeliefert zu sein, bestimmte Assoziationen wach. Manche konnten das Morden beobachten. Das weckt Erinnerungen an die jüdische Geschichte vor dem Staat Israel – eine Zeit, in der die Menschen immer wieder Pogrome erlebten.

Uriel Kashi, Historiker und Reiseleiter in Israel

 

Unterschiedliche Stimmungen bei den Israelis


Wie gehen die Menschen mit dieser Lage um?

Die Stimmung ist sehr durchmischt. Es gibt viele Israelis, die sehr aktiv sind und sich als Freiwillige engagieren. Vor ein paar Tagen sind wir mit 25 Tour-Guides an die Grenze zum Gazastreifen gefahren und haben dort einem Landwirt bei der Ernte geholfen. Viele seiner Mitarbeiter wurden ermordet oder entführt. Seine thailändischen Gastarbeiter haben das Land verlassen. Er hat durch den Anschlag einen Millionenschaden.

Andere wiederum helfen Israelis, die ursprünglich neben dem Gazastreifen oder der Grenze zum Libanon gewohnt haben und fliehen mussten. Das sind zirka 150.000 Leute. Dann gibt es auch Menschen, die depressiv oder sehr melancholisch geworden sind und sich kaum aus dem Haus trauen. Auch um die muss man sich kümmern.


Welchen Einfluss hat der Krieg auf die Institutionen, die sich mit Bildung und Erinnerung an die Shoah beschäftigen?

Das Holocaust-Museum “Yad Mordechai” liegt direkt an der Grenze zum Gaza-Streifen und wurde von einer Rakete getroffen. Es ist benannt nach Mordechaj Anielewicz, einem der Anführer des Warschauer Ghetto-Aufstands. Gott sei Dank wurde niemand verletzt, aber ein Teil des Museums ist zerstört.

 

Bild der Zerstörung: Auch das Holocaust-Museum Yad Mordechai wurde von einer Rakete getroffen. Foto: Privat

Es gibt dieses Phänomen, den 7. Oktober mit dem Holocaust zu vergleichen. Die Erinnerungs-Organisationen müssen da ihre Expertise einbringen und einordnen: “Wir verstehen diese Assoziationen, aber es gibt ganz klare Unterschiede. Wir dürfen die Dinge nicht miteinander verwechseln.” Der UN-Botschafter Israels hat Ende Oktober bei einer Rede im UN-Sicherheitsrat den gelben Stern getragen, um seinen Forderungen Nachdruck zu verleihen. Dafür wurde er vom Vorstandsvorsitzenden von Yad Vashem sehr scharf kritisiert: Es sei vollkommen unangemessen, in dieser Situation den gelben Stern zu tragen. Man sei nicht in der Shoah und habe heute einen Staat Israel mit einer eigenen Armee zur Verteidigung.

 

Jüdischer Widerstand statt ewiger Opferstatus


Kann man das Sprechen über die aktuelle Lage überhaupt mit der Erinnerung an die Shoah verbinden?

Hier in Israel diskutierte man in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder über die Frage, wie wir die Geschichte der Shoah erzählen. Es gab Zeiten, da warf man hier den europäischen Juden vor, sie hätten sich während des Holocausts nicht genug zur Wehr gesetzt. Sie hätten sich “wie Lämmer zur Schlachtbank” führen lassen. Eine Gegenstimme zu diesem Narrativ war das Holocaust-Museum “Haus der Ghettokämpfer” im Kibbuz Akko. Es erzählt vom jüdischen Widerstand gegen die Nazis. Ganz bewusst wollte man hier das jüdische Leben nicht auf den Opferstatus reduzieren, denn das macht uns depressiv und schwach.

Stattdessen brauchen die Menschen hier Kraft, um in die Zukunft zu schauen und das Land aufzubauen, damals wie heute. Diese Perspektive hat das „Haus der Ghettokämpfer“ nun auch mit Blick auf den aktuellen Krieg aufgegriffen: Vor kurzem fand dort ein Zeitzeugengespräch von Reservisten mit der 99-jährigen Miriam Harel statt. Im Fokus standen jüdische Heldengeschichten. Miriam Harel hat zu den Reservisten gesagt: “Ja, wir haben damals nicht aufgegeben. Wir haben weitergekämpft. Und wir müssen auch heute mutig sein und uns verteidigen, damit wir überleben können.”


Wie geht es für dich weiter in Israel?

Wir hatten immer wieder Krisenzeiten. Aber wir konnten unsere Gäste immer mit dem Argument überzeugen, dass die Angriffe nie Touristen treffen. Alle, die dann hierherkamen, waren überrascht: Der Alltag ist friedlich, die Sonne scheint, die Kneipen sind voll. Auch, wenn es zwei oder drei Wochen vorher einen Anschlag in Tel Aviv gab. Doch jetzt gibt es dieses Gefühl der Unsicherheit. Alle, die mit ausländischen Gruppen arbeiten, kriegen Stornierungen für Gruppen, die erst in einem Jahr kommen wollten. Es wird lange dauern, bis die Touristen und Delegationen wieder nach Israel kommen. Ich bin jedoch hundertprozentig davon überzeugt, dass die Sicherheit wiederhergestellt wird. Sonst wäre ich nicht mehr hier.


Welche Rolle wird dieser Angriff auf Israel künftig in der Erinnerungsarbeit spielen?

Es gibt eine Initiative für einen Erinnerungsort über den 7. Oktober. Dort will man die Geschichten von den Opfern erzählen, die ermordet wurden. Diese Initiative findet breiten Anklang in der Bevölkerung und auch bei allen politischen Parteien. Eine kleine temporäre Ausstellung über das Massaker auf dem Nova-Musikfestival wurde vor ein paar Tagen in Tel Aviv eröffnet. Ich kann mir gut vorstellen, dass eine solche Ausstellung ein Ort sein wird, den wir zukünftig mit Touristengruppen besuchen werden. Der 7. Oktober wird ein Teil der Erinnerungskultur in Israel werden.

 

Uriel Kashi

…ist in Israel geboren und in Stuttgart aufgewachsen. Er studierte Judaistik und Erziehungswissenschaften in Jerusalem und Berlin. Danach arbeitete er als Bildungsreferent im Jüdischen Museum Berlin. 2007 zog er mit seiner Familie zurück nach Israel, wo er unter anderem in der Lehrerfortbildung der Gedenkstätte Yad Vashem (Jerusalem) tätig war. Seit 2010 organisiert Uriel Bildungsreisen durch das gesamte Land.

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